Überraschung! Das Heiligtum bist: DU. Bete dort an!

So schaue ich im Heiligtum nach dir, um deine Macht und deine Herrlichkeit zu sehen. (Psalm 63,3; ELB)

Pilgerorte. Als ich junger Erwachsener war, war Taizé der Ort der geistlichen Sehnsucht und für viele ist diese überkonfessionelle Kommunität heute noch ein Sehnsuchtsort. Dort ist Gott für sie spürbar. Andere wiederum „pilgern“ zu bestimmten Konferenzen, auf denen eine bestimmte Atmosphäre herrscht, bekannte Redner ihr Bestes geben – Gott spürbar und erlebbar ist. Dieses Phänomen ist überhaupt nicht nur Ergebnis einer „event-Kultur“ und einer angeblich unbiblischen Erfahrungstheologie – die Sehnsucht nach und das Pilgern zu einem heiligen Ort ist so alt wie die Geschichte Gottes mit den Menschen.

church-199778_640Und so falsch ist das ja nicht! Es gibt heilige Orte, die da entstehen, wo ein Raum, eine Kirche mit Gebet und Gottesbegegnung gefüllt wird. Das spürt man. Hier herrscht ein anderer Frieden. Ich erinnere mich an unseren ersten Gebetsraum, den wir im Rahmen von 24/7-Gebet, einer weltweiten Gebetsbewegung, in unserer Gemeinde gestaltet hatten. Da betraten Männer nachts diesen Raum und konnten nicht anders, als die Tränen fließen zu lassen – so spürbar war die Gegenwart Gottes! Ja – Orte verändern sich, wenn sie mit geistlicher Praxis und Erfahrung gefüllt werden.

Aber das alles verliert seinen Sinn, wenn DER Pilgerort vergessen wird: das Heiligtum. Im Alten Testament konnte man sich dem Heiligtum nähern (es aber als Normalo nicht betreten). Seit dem Neuen Testament ist dieses Heiligtum: DU! Wahre Anbeter beten im Geist an – diesem inneren Raum, den wir von Gott geschenkt bekommen. So betont es Jesus (Joh 4,23). Wir finden IHN in uns. Wir sind der neue Tempel. Es ist alles vorbereitet!

Hör auf UM den Ertrag des Glaubens zu kämpfen – kämpfe VOM Ertrag her.

Denn Gott hat zu ihm gesagt: »Ich habe dich zum Vater vieler Völker gemacht.« Abraham hatte Gott vor Augen und glaubte ihm, der die Toten lebendig macht und das Nichtseiende ins Dasein ruft. (Römer 4,17; GN)

Ich stehe auf und beginne zu arbeiten, um etwas zu erreichen. Ein Ziel, das Ende eines Projektes, die nächste Lohnzahlung oder schlicht, dass die Kinder aus dem Haus sind und ich überlebt habe. Kurz: Wir investieren A wie Arbeit, um E wie Ertrag zu erreichen. Das bedeutet oft genug K wie Kampf. Denn nicht immer ist die Arbeit zielführend, manchmal frustrierend und andere äußere Faktoren stehen mir im Wege herum und ich erreiche das Ziel nicht oder verspätet. Ganz normal – so ist das Leben.

temptation-513494_640So ist auch der Glaube? Ich investiere A und K, um E zu erreichen? Kämpfe ich um den Ertrag meines Glaubens – oder kämpfe ich vom Ertrag her? Das ist ein entscheidender Unterschied, der mit den Zusagen Gottes zusammen hängt. ER liebt es, Fakten zu schaffen in seiner Gnade und uns hinein leben zu lassen. Ob wir das tun, bleibt weiterhin unser freier Wille. So sagt Gott zum lebenden Abraham: Ich HABE dich zum Vater vieler Völker gemacht. Da war dieser göttliche Fakt alles andere als sichtbar für Abraham! Gott liebt es, aus NICHTS alles zu machen und zu vollenden. Wie Eltern die Geschenke im ganzen Haus verstecken und die Kinder müssen sie lange und hochgespannt suchen – aber sie sind da und sie werden sie finden, wenn sie dran bleiben! So handelt Gott.

Der Sieg ist in Christus da. Er legt vor! Er hat bereits alles Wichtige vollbracht. Wir kämpfen nicht um den Ertrag – wir kämpfen vom Ertrag her, den Christus für uns erkämpft hat! Und keine Situation ist zu ausweglos und verfahren – denn genau da liebt Gott es, uns zu überraschen!

Verschnupfter Glaube! Einmal schnäuzen bitte!

Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben. (Johannes 10,10b)

allergy-18656_640Was für eine Nacht! Immer wieder bin ich aufgewacht und habe herum geröchelt – die Nase verstopft, keine Luft. Das hat etwas total Bedrängendes für mich, wenn ich nicht wie gewohnt durch die Nase atmen kann! Als Folge beginne ich mich oft auch im Kopf irgendwie „matschig“ zu fühlen. Kleine Ursache – große Wirkung. Endgültig durchgedreht wäre ich aber wohl – nur mal so angenommen – wenn ich als Folge des Nicht-mehr-richtig Atmen-Könnens behaupten würde, dass da draußen keine Luft mehr sei! Oder zumindest ein eklatanter Mangel an Luft. Ein ungewöhnlicher Gedanke, aber spielen wir ihn einmal durch! Wie geht das weiter?

Da ist also ein weltweiter Mangel an Luft! Das hat Konsequenzen. Weil das so ist, ist es wichtig, die Menschen zu warnen: Luft wird überschätzt! Sich wirklich lebendig fühlen, klar, frisch und frei – das ist nicht der Normalzustand in dieser Welt. Stufenweise wird also die Realität an die subjektive Wahrnehmung angepasst. Klingt das total versponnen? Genau das geschieht im Glauben allzu leicht.

Ich spüre Gott nicht? Der Heilige Geist ist für mich keine erfahrbare Realität? Also passe ich die Theologie an. Schraube die Verheißungen Jesu herunter. Damit wird meine subjektive Erfahrung des Glaubens zur Normalität und ist somit leichter auszuhalten. Die Spannung zwischen Soll und Haben wird aufgelöst. Dabei hat sich am Heiligen Geist, an den Zusagen nichts verändert – aber meine geistliche Nase ist verstopft und genau darauf weist Gott mich hin!

Wenn Gott distanziert scheint – vielleicht seit Jahren. Wenn du nicht weiter hinein wächst in die Zusagen Gottes – dann schraube nicht an der Theologie. Frage Gott nach Blockaden!

Glücklich die geistlich Armen – der paradoxe Weg zur Fülle!

Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel. (Matthäus 5,3; ELB)

Ich saß bei meinem Seelsorger und jammerte herum: “Ach, wenn mir diese Einsicht doch ins Herz rutschen würde! Sie ist eine reine Kopfsache!” Darauf meinte er: “Ja, wenn es denn ins Herz rutschen könnte – aber das ist voll!”

keys-452889_640Ertappt. Es gibt den Segen der geistlichen Armut, der paradoxerweise zum Erleben der geistlichen Fülle führt. Aber sowie man diese Fülle wieder selbst für sich in Anspruch nimmt, daraus ein Programm macht, eine eigene Leistung, verschwindet dieses ungewöhnliche Prinzip. Wenn ich geistlich arm bin, öffne ich aber meine Hände, bin zutiefst bedürftig. Erwarte nichts von mir, sondern alles von Jesus. Diese innere Haltung ändert nichts an meiner wunderbaren neuen Identität als Königskind und Erbe. Es geht bei Matthäus 5,3 nicht um das Heil und ums Sein – sondern um das Leben und mitherrschen im Königreich Gottes! Zu viele Christen beginnen in der Gnade – und laufen dann aus eigener Kraft weiter.

Aber auch der Weg in den Fußstapfen Jesu ist reine Gnade. Woher kommt die Kraft? Von Gott. Wie entsteht mein Gehorsam? Nur wenn ich aus dem Gehorsam Christi heraus lebe, der alles vollbracht hat. Wo kommt echte, tiefe Freude im Leid her? Aus Christus, der durch den Heiligen Geist in meinem Geist wohnt. Es bleibt: Gnade. Meine Aufgabe ist: Loslassen und mich immer neu in diese Ruhe bei Gott (Hebräer 4,1-11) hinein begeben und Kraft, Gnade, Freude und vieles mehr zu empfangen. Meine Aufgabe ist: Die eigene Bedürftigkeit anerkennen, alles von Jesus erwarten und dann aus dieser empfangenen Vollmacht kraftvoll leben. Paradox? Gewiss. Aber wo kämen wir dahin, wenn Gottes Weg in unser Hirn passte? Nirgendwo. Auf diesem neuen Weg aber wartet Glückseligkeit.

What would jesus do? Falsche Frage – besser: What Jesus has done?

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jedem geistlichen Segen in den himmlischen Regionen in Christus (Epheser 1,3; S2000)

billboard-63978_640Vor etwa 15 Jahren tauchten sie zuerst auf – und es gibt sie bis heute: WWJD-Armbänder. What would Jesus do – eine einflussreiche Aktion war das. Was würde Jesus tun – das sollte man sich fragen in allen möglichen und unmöglichen Situationen des Lebens! Stress mit einem Kollegen – was würde Jesus tun? Depression – was würde Jesus tun? Keine schlechte Frage, aber… sie hat es in sich. Zuerst: Kann man das so genau herausfinden, was Jesus tun würde? Die Bibel bietet auf viele Fragen unserer Zeit eben keine direkte Antwort, ist kein Rezeptbuch. Deswegen betont ja bereits Jesus, dass der Heilige Geist uns (mithilfe der Bibel) in die Wahrheit hinein führt.

Abgesehen davon: Was geschieht, wenn ich die Frage falsch beantworte und dann das Falsche tu? Schlimm? Egal? Da schleicht sich schnell Leistungsdenken durch die Hintertür hinein. Und dann glaube ich: Die Frage WWJD wird erst dann gelassen stellbar, wenn man sich vorher WJHD beantwortet hat. What Jesus has done? Was hat Jesus getan? Nämlich eine ganze Menge! Wir leben aus dem Vollen, aus Verheißungen, Zusagen. Zum Beispiel, dass wir bereits allen geistlichen Segen empfangen haben. Das öffnet ganz neue Horizonte! Nicht mehr: Was muss ich machen, sondern: Was muss ich lassen, damit Blockaden für diese Zusage ihre Macht verlieren?

Ich glaube: Wer im Glauben ergriffen hat, was Jesus in Kreuz und Auferstehung bereits für uns geschaffen hat – wer im Bewusstsein des Heiligen Geistes lebt – der wird immer mehr und fast wie selbstverständlich in die richtige Tat hinein geführt werden. Ohne jeden Krampf.

Sich dauernd verändern – sich nie verändern – wat denn nu?

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. (…) eine Rebe aber, die Frucht trägt, schneidet er zurück; so reinigt er sie, damit sie noch mehr Frucht hervorbringt. (Johannes 15,1.2; NGÜ)

Ich liebe Fernsehserien. Nicht viele, aber einige wenige begleiten mich seit vielen Jahren. CSI Vegas. Big Bang Theory. Die muss man nicht kennen, aber eins kennt jeder Serienzuschauer, egal ob Bergdoktor oder „24“. Es ist ein schmerzhaftes Gefühl, wenn eine lieb gewonnene Figur geht. Weil der Schauspieler aussteigt oder stirbt. Es fühlt sich traurig an – Fernsehserien sind ein Stück Wegbegleiter, die zum geborgenen Grundrauschen des Lebens gehören…

grape-464837_640Nicht anders ist es in der christlichen Gemeinde bzw. Kirche. Ja – sie muss sich reformieren! Immer wieder neu. Der Auftrag zur Verkündigung in aller Welt hat als logische Folge, dass sich die Kernbotschaft nicht, aber die Form kulturrelevant ändern muss. Aber auch: Änderungen sind behutsam von Gottes Herzen her zu gestalten. Denn Gottesdienst und geistliches Leben sind auch wie ein Kissen der Geborgenheit, das keine Hektik verlangt, sondern Gelassenheit – Perspektive Ewigkeit eben.

Und dann das eigene geistliche Leben. Ja, der Vater ist der Gärtner und verändert uns. Schneidet, reinigt, heilt. Wenn sich geistliches Leben nie groß ändert und stehen bleibt ist das ein äußerstes Warnzeichen. Auf der anderen Seite: Es ist eben der Vater, der das tut. Nicht wir. Er macht eine Sache nach der nächsten und reißt nicht hundert Baustellen gleichzeitig auf, dass es auf der Lebensstraße nur so rumpelt! Er findet die heilsame Balance aus Veränderung und Stetigkeit in Gelassenheit. Unsere Aufgabe dabei: Sich ihm hinhalten. Mehr nicht. Aber an diesem vermeintlich harmlosen Punkt beginnt das Abenteuer.

Fromme Lügen, die wir glauben: Gott ist genug!

Genauso sind wir alle – wie viele und wie unterschiedlich wir auch sein mögen – durch unsere Verbindung mit Christus ein Leib, und wie die Glieder unseres Körpers sind wir einer auf den anderen angewiesen. (Römer 12,5; NGÜ)

wooden-bowl-240571_640Ich kenne diesen Satz aus der Krisen meines Lebens nur allzu gut. Enttäuscht von einem Menschen, enttäuscht von mir selbst traf ich auf wohlmeinende Geschwister und dann kam und kommt er: „Es geht darum, dass du immer weniger von Menschen, aber alles von Gott erwartest! Gott reicht!“

Wie habe ich auf diesen Satz lange Zeit reagiert? Mit Verständnis. Denn er klingt fromm und richtig. Gott ist die Fülle, er ist das Leben, er ist die Freude. Wenn ich also alle meine Karten auf ihn setze – dann geht es mir besser als zuvor. Gott enttäuscht mich nicht – Menschen enttäuschen. Also doch eigentlich ein guter Tausch! Doch ich spürte auch immer einen zweiten Impuls: eine tiefe Traurigkeit. Kann das sein, dass Gott mich von Menschen wegziehen will? In die traute Zweisamkeit?

Mittlerweile weiß ich: Dieser Satz ist eine fromme Lüge. Gott reicht nicht. Sagt Gott. Christen sind keine Inseln, eines der häufigsten Worte des Neuen Testaments ist „einander“. Wir sind als Leib existentiell verbunden mit Christus. Schon auf der ersten Seiten der Bibel wird deutlich: Nein, die Beziehung Gott-Adam – obwohl ungetrübt(!) – ist eben nicht genug. Selbst im heilen Urzustand nicht. Gott gab ihr das Etikett: nicht gut und allein. Deswegen: Eva. Gegenüber. Wir brauchen einander, Christus im Anderen. Wir brauchen Schutzraum und Gemeinschaft. Reibung und Heilung. Wir brauchen radikale Abhängigkeit von Gott allein und gleichzeitig Mut zur Verletzlichkeit – immer wieder neu – sich auf Menschen einzulassen und Beziehung zu leben.

Der Heilige Geist als ‘comforter’ und unsere Komfortzone

Der Vater wird euch in meinem Namen den Helfer senden, der an meine Stelle tritt, den Heiligen Geist. Der wird euch alles Weitere lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst schon gesagt habe. (Johannes 14,26; GN)

person-110303_640Deutsche Sprache! Da wird der Heilige Geist zum Helfer degradiert. Andere Übersetzungen lauten: Anwalt, Beistand. Alles sehr nüchtern und eben auch nie ganz dem Griechischen entsprechend! Und solche Übersetzungen prägen ja unser Bild von etwas – und leider manchmal schief. Entdecken und staunen wir doch einmal neu über den Schatz des Heiligen Geistes!

Der Heilige Geist ist das Geheimnis der Gegenwart Christi in jedem Glaubenden. Pure Dynamik. Dynamis steht im Griechischen an anderer Stelle – unser Dynamit kommt daher. Er ist aber auch auch Tröster. Das hat bereits etwas sehr Liebevolles. Und wie sollte es auch anders sein? Jesus Christus begegnet den Seinen doch genau so. Nicht den Perfekten, Makellosen – sondern denen, die zerbrochen und bedürftig sind und sich vertrauensvoll an ihn hängen. Ich neige dazu, in meinem Denken ein altes englisches Wort zu übernehmen, das an dieser Stelle in vielen Bibeln steht: comforter. Einer der tröstet, Wärme gibt, auf Jesus hinweist, heilt, hält. Klingt das zu weich? Ganz im Gegenteil…

Denn wenn wir einen ‚comforter‘ brauchen, dann doch deshalb, weil es vorher nicht nur komfortabel war! Weil Gott möchte, dass wir die Komfortzone verlassen und uns den Wachstumsimpulsen Gottes im Leben aussetzen. Ohne den ‚comforter‘ würden wir daran manchmal bitter werden. Mit dem ‚comforter‘ werden diese zu Wachstumsbeschleunigern. Und andersherum: Kann es sein, dass wir so wenig ‚comforter‘ erleben, weil wir so gerne in der Komfortzone bleiben?

“Ich bin’s so satt, es hängt mir zum Halse heraus!”

Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade, so werden wir jubeln und uns freuen in allen unseren Tagen. (Psalm 90,14; ELB)

figure-309910_640„Boah, ich bin es dermaßen satt alles!“.

„Ah, wie gut!“.

„Ähem, hallo! Das ist nicht angenehm! Ich bin es total satt! Ich kann nicht mehr und will nicht mehr!“

„Hm, wenn du satt bist, ist das doch eigentlich angenehm! Wenn es nicht angenehm ist, hast du dir vielleicht mit dem Falschen den Magen verdorben? Hast dich am Falschen satt gemacht?“

Na, das kann man wohl sagen! Der Beruf hängt mir total zum Hals heraus!!“

„Oh, so satt bist du also! Du hast das Falsche gegessen und davon so viel, dass es schon aus dem Hals hängt? Unangenehm! Sieht auch seltsam aus!“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird der Klagende seinem philosophierenden Freund entweder eine reinhauen oder ihn stehen lassen und gehen. Dabei hat er recht! Denn was ist an satt schlimm? Schlimm ist nur dieses „unangenehm satt“, wenn man vom Falschen zu viel gegessen hat. In unserem Beispiel: vom Beruf. Der macht nicht satt, egal wie viel man davon frisst. Beruf ist gut und wichtig, Mensch soll arbeiten. Aber er dient nicht dazu, unsere Seele zu sättigen, uns Wert zu geben oder zufrieden zu machen. Wenn er das ab und an macht – prima! Wenn nicht, ist das auch so und normal. Ein Teil des Gehalts in einer gefallenen Welt ist wohl immer Schmerzensgeld. 

Unsere Seele hat Hunger. Sie verlangt nach echter Seelennahrung: nach Gott selbst. Nicht unbedingt nach einer ausgedehnten Stillen Zeit, also neuer Leistung – sondern nach Gottes Gnade. Wie ich mich dieser aussetze und diese genieße, das ist meine sehr persönliche Sache. Gnade macht satt. Sättige ich mich nicht an Gott – sättige ich mich an falschen Dingen. Und das hängt einem leicht zum Hals raus!

Beschämung – die Abrissbirne in unserer Biographie – und der Weg heraus…

(Dieser Text ist ein Artikelentwurf für eine AUFATMEN (www.aufatmen.de) zu demselben Schwerpunktthema)

Es war in der achten Klasse. Deutsch. Eigentlich mein Lieblingsfach. Aber bei der neuen Deutschlehrerin kam ich einfach auf keinen grünen oder auch nur begrünten Zweig. Nun also das Thema Personenbeschreibung. Menschen wahrnehmen und möglichst exakt beschreiben. Was war ich zu diesem Zeitpunkt? Etwas übergewichtig, schüchtern, der Jüngste der Klasse. Wer wurde nach vorne gerufen von Frau L.? Ich. Und nun ging es los. Sie fragt in die Klasse: „Was beobachtet ihr?“ Die Worte prasselten ungeschützt auf mich ein. Übergewicht. Unbeliebt. Wurstfinger. Frau L. sammelte scheinbar neutral und sachlich, wo sie eigentlich hätte schützen und abbrechen müssen. Nach knapp zehn Minuten war die Demütigung beendet – nicht die erste und die letzte in meiner Schulzeit. Ich trottete beschämt zu meinem Platz. Hochrot im Gesicht. Das Zittern des Körpers mühsam unterdrückend. Heute weiß ich: Das war keine Angst, sondern sogenanntes neurogenes Zittern, die gesunde Reaktion des Körpers auf einen traumatischen Trigger.

disgrace-230907_640Was bedeutet das? Traumatischer Trigger? Trauma kann man verkürzt definieren als Maß an Ausgeliefertsein, als Mischung aus Hilflosigkeit und Machtlosigkeit. Nicht kämpfen und nicht flüchten können. Genau so eine Reaktion hatte ich da gerade erlebt – fast jeder Mensch, der nicht glatt durchgekommen ist durch die ersten 18 Jahre, wird solche Situationen der Beschämung erlebt haben. Es ist leicht, schulterzuckend damit umzugehen – so sei das Leben halt, kein Picknick, kein Ponyhof. Das mag sogar stimmen, aber es macht den Fakt nicht besser und leichter: Scham ist tief verletzend, ja traumatisierend. Beschämung ist eine Waffe des Teufels. Umso fataler, wenn sie auch in frommen Kreisen als verletzend erlebt wird, ja vielleicht sogar gut geheißen wird als „Erziehungsmaßnahme“…

Anders Jesus: Gegenüber der Frau, die gesteinigt werden sollte, die zutiefst beschämt vor den tobenden Mob geschleift wurde, sagte er: Ich verdamme, ich beschäme dich nicht, deswegen bist du frei, in Zukunft nicht zu sündigen. Religiöse und moralische Systeme – auch christliche – produzieren die gegenteilige Aussage: Sündige nicht, genüge den Maßstäben, und wir werden dich weder verdammen noch beschämen. Aber auch die Idealbilder und Maßstäbe der Welt beschämen, verdammen, erniedrigen. Ich bin wie jeder Mensch oft beschämt worden und bin dadurch sensibel geworden gegenüber allem Beschämenden. Jesus ist dagegen nie Grenzverletzer, Verdammer, Beschämer! Der Gott, den er uns zeigt, ist ein Gentleman. Doch was genau ist Scham? Was ist sie nicht?

Eine erste Klärung: Es geht hier nicht um Schuldgefühle, die sind oft etwas sehr Gesundes. Sie melden uns: Du hast gegen eine gute Regel verstoßen. Hoffentlich war sie gut, denn es gibt auch kranke Regeln – je nach gesellschaftlichem Kontext. Ein falsches Verhalten, ein Auftreten nicht nach dem mainstream, gegen den Strich gebürstete Meinungen – all das kann ganz schnell dazu führen, dass “der Rest”, der sich durch das abweichende Verhalten oder Auftreten bedroht fühlt, gegen einen wendet. Es gibt also auch falsche Schuldgefühle. Scham dagegen ist das GEFÜHL von Schuld – genauer: das GEFÜHL, nicht Schuld begangen zu haben – sondern SCHULD zu SEIN. Ein richtiges Schuldgefühl sagt: Du hast einen Fehler gemacht – Scham sagt: Du bist ein Fehler! Dieser Satz ist so existentiell und tief verletzend, dass er ganz schnell zugedeckt und eingemauert wird. Der Schmerz darüber ist einfach zu groß. Gerade für ein Kind – und diese Kinder tragen wir ja oft versteckt als lebendige Geschichte in uns. Deswegen treffen wir auch meist im Gespräch miteinander gar nicht direkt auf das Thema Scham! Im Gegenteil: Oft wird unter Christen Scham nicht verstanden oder sogar verteidigt! Ein Skandal wie ich finde und dem Evangelium entgegen gesetzt.

Eine zweite Klärung. Was ist denn mit normalen Schamgrenzen? Diese Schamgrenzen, die sich im Laufe des Erwachsenwerdens herausbilden, sind etwas Gutes! Sie schützen unser Herz, unseren Körper. Wir gestatten es bei gesunden Schamgrenzen nicht, dass jemand sie übertritt. Das ist wichtig und lebensaufbauend – durch krankhafte Beschämung werden diese gesunden Grenzen oft durchbrochen, beschämte Menschen sind paradoxerweise manchmal schamlose Menschen! Was auch erklärt, dass wir in einer Schamgesellschaft voller verletzter Menschen so viel Schamlosigkeit und ungesunde Grenzenlosigkeit erleben. Scham im tief verletzenden Sinne entsteht also da, wo diese Grenze gewaltsam durchbrochen wird. Reaktion? Zuerst Ohnmacht – dann Wut bzw. Angst. Zweitens Kontrolle. Wut über die Verletzung, Angst, wieder verletzt zu werden und Kontrolle, die das verhindern soll. „Das soll mir nicht wieder passieren“. Also wird man entweder lieb und nett, um nicht wieder verletzt zu werden (angepasste Reaktion), rebelliert und grenzt sich – teilweise gewaltsam – ab (rebellische Reaktion), baut sich aber in jedem Fall einen dicken Schutzpanzer, der das Herz umgibt, der es schützen soll. Leider ist dieser Schutzpanzer keine gesunde Grenze, sondern eine Mauer, die das Herz versteinert. So ist man vielleicht sicherer vor Beschämung, verliert aber auch Feinfühligkeit nach außen und nimmt die Signale der Menschen, aber auch Gottes(!) nicht mehr sensibel wahr.

Es ist also Zeit, Scham in den Blick zu nehmen. Psychologen halten falsche Scham für eine wesentliche Wurzel aller negativer Dinge, die uns das Leben schwer machen. Dazu kommt erschwerend: Scham gebiert Scham und wir geben sie an die Kinder weiter. Sie trennt uns nicht vom Heil, aber von der Heilung unseres Herzens und von einer heilsamen und das Leben verändernden Spiritualität. Ich arbeite selbst auch gerade wieder mit meiner Seelsorgerin an einem giftigen Strang aus Beschämung in meinem Leben – und erlebe, wie befreiend sich das auf meinen Glauben auswirkt. Scham ist nahe an der Wurzel vieler negativer Früchte unseres Lebens. Gerade aber diese Nähe macht das direkte Gespräch darüber so schwer. Es gibt aber negative Früchte in unserem Leben, die darauf hinweisen können(!), dass da eine Schamwurzel existiert. So ist es möglich, eine Checkliste Scham aufzustellen (danke an Team.F für das hilfreiche Material an dieser Stelle) – von der Frucht im Leben her:

Kennst du:

  • Wut – verborgen, aber explosiv, vor allem wenn Umstände außer Kontrolle geraten. Ich kenne das sehr gut. Da ist nicht selten Demütigung nach Demütigung geschluckt worden. Berechtigte Wut ist aber gesellschaftlich nicht akzeptiert – und wird nach innen gewendet. Es gab Momente in meinem Leben, wo ich die Wut auch ganz körperlich gegen mich gewendet habe.
  • Angst vor starken Gefühlen, die einen überwältigen. Kommen starke Gefühle wie Wellen, nahezu unkontrollierbar, dann deutet das auf eine tiefe Beschämung hin.
  • Selbstverachtung. Wenn die Beschämer doch recht haben (und bis zu einem bestimmten Alter haben ja Eltern immer recht)? Dann habe ich es ja „verdient“, so behandelt zu werden. Ein katastrophales Selbstbild entsteht.
  • Perfektionismus. Mein biographisches Lieblingsthema – wer perfekt ist, macht keine Fehler und wird deswegen auch weniger bloß gestellt und beschämt. Ein Teufelskreis des Leistungsdenkens entsteht.
  • Übergeistlichkeit. Sich den Wunden nicht stellen aus Angst vor dem Schmerz. Geistliches als Pflaster verwenden, um eiternde Wunden zuzudecken.
  • Sich ständig entschuldigen oder unsichtbar machen wollen. Siehe Selbstverachtung.
    Angst zu versagen oder neues zu wagen. Fehler tun weh. Deswegen lieber gar nicht erst anfangen. Oft zusammen mit Perfektionismus.
  • Isolation und Zurückschrecken vor engen Freundschaften. Denn je enger eine Beziehung ist, desto größer ist das Potential, verletzt zu werden.
  • Das Gefühl von Peinlichkeit. Wenn man ein Fehler IST, dann ist ja schon das reine Auftreten peinlich. Man kann sich anderen nicht zumuten.
  • Abhängigkeiten und Süchte. Beides Schmerz-Betäuber. Hinter jeder Sucht steckt eine berechtigte Sehnsucht. Und viel Schmerz.
  • Depression. Depression ist (auch) nach innen gekehrte Wut. Da ist Druck, der lähmt und betäubt. Furchtbar und mir zumindest aus depressiven Verstimmungen gut bekannt.

Beginnt man sich der Scham zu stellen, stößt man auf Angst und Schmerz. Ich möchte an dieser Stelle Mut machen, sich einen seelsorgerischen Begleiter zu nehmen, denn nicht selten ist eine Ent-Schämung nicht einfach so durch ein Gebet möglich. Da ploppen auf dem Weg der Heilung Lebensmottos auf, die existentiell sein können und deswegen richtig an die Substanz gehen:

  • „Du taugst doch eh nichts!“
  • „So wie du aussiehst, kriegst du nie jemanden ab!“
  • „Ach wärst du nie geboren worden!“
  • „Aus dir wird nie ein guter Christ, so wie du dich benimmst!“
  • „Wir hätten uns so sehr einen Jungen gewünscht!“
  • „Hör auf, dich da anzufassen, das ist schmutzig und Gott will das nicht!“
  • „Du bist ein Verlierer und bleibst einer!“
  • „Du solltest dich für deine Familie schämen!“
  • „Du bist doch der Sohn von diesem Alkoholiker!“
  • „Du verdienst(!) eine Tracht Prügel!“

Wer bei diesen Sätzen spürt, wie er innerlich zusammen zuckt, der kennt vermutlich solche oder ähnliche Aussagen nur allzu gut. Ich habe selbst erlebt, wie solche Sätze am Kreuz ihre Macht verlieren. Diese brutalen und beschämenden Aussagen sind in ihrer geistlichen Wirkung schlicht Flüche. Am „Fluchholz“, dem Kreuz, finden sie ihr Ende. Heilung kann geschehen und es wird möglich, in neue, gute Lebens-Sätze hinein zu leben. Ich habe es mehrfach selbst so erlebt, dass meine Seelsorger mir an einem ganz existentiellen Punkt zugesagt haben, dass es gut ist, dass ich lebe, wir haben unter viel Tränen einen solchen Satz zu Jesus gebracht und ihm so die Macht genommen. Der Prozess dahinter ist behutsam und kein Schnellschuss. Die Wunden der Seele sind ja keine Fata Morgana! Ist der Fluch beseitigt, können sie aber endlich heilen, anstatt vom Leben immer wieder neu aufgerissen und vertieft zu werden. Diese Fluch-Sätze des Schams wirken ja wie selbst erfüllende Prophezeiungen. Wenn ich zum Beispiel mit dem unbewussten Satz durch die Gegend laufe: „Ich hätte nicht geboren werden dürfen“, dann werde ich nicht mutig und stark Raum in meinem Leben einnehmen können! Ist der Scham-Satz lokalisiert und zu Jesus gebracht worden, kann ein wunderschöner und zarter Prozess der Heilung beginnen. Ich genieße diesen Weg – auch wenn er durch viele dunkle Täler führt – weil ich weiß, dass das Gras am Ende des Tals saftig sein wird als vorher. Der gute Hirte gehrt diesen Weg mit. Denn er – Gott selbst – ist der größte Gegner der Beschämung und der falschen Scham. Das Evangelium der Gnade Gottes vernichtet die Scham, wenn wir sie in den Blick nehmen, und führt so auf den Weg der Freiheit und Entfaltung.