“Ich bin’s so satt, es hängt mir zum Halse heraus!”

Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade, so werden wir jubeln und uns freuen in allen unseren Tagen. (Psalm 90,14; ELB)

figure-309910_640„Boah, ich bin es dermaßen satt alles!“.

„Ah, wie gut!“.

„Ähem, hallo! Das ist nicht angenehm! Ich bin es total satt! Ich kann nicht mehr und will nicht mehr!“

„Hm, wenn du satt bist, ist das doch eigentlich angenehm! Wenn es nicht angenehm ist, hast du dir vielleicht mit dem Falschen den Magen verdorben? Hast dich am Falschen satt gemacht?“

Na, das kann man wohl sagen! Der Beruf hängt mir total zum Hals heraus!!“

„Oh, so satt bist du also! Du hast das Falsche gegessen und davon so viel, dass es schon aus dem Hals hängt? Unangenehm! Sieht auch seltsam aus!“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird der Klagende seinem philosophierenden Freund entweder eine reinhauen oder ihn stehen lassen und gehen. Dabei hat er recht! Denn was ist an satt schlimm? Schlimm ist nur dieses „unangenehm satt“, wenn man vom Falschen zu viel gegessen hat. In unserem Beispiel: vom Beruf. Der macht nicht satt, egal wie viel man davon frisst. Beruf ist gut und wichtig, Mensch soll arbeiten. Aber er dient nicht dazu, unsere Seele zu sättigen, uns Wert zu geben oder zufrieden zu machen. Wenn er das ab und an macht – prima! Wenn nicht, ist das auch so und normal. Ein Teil des Gehalts in einer gefallenen Welt ist wohl immer Schmerzensgeld. 

Unsere Seele hat Hunger. Sie verlangt nach echter Seelennahrung: nach Gott selbst. Nicht unbedingt nach einer ausgedehnten Stillen Zeit, also neuer Leistung – sondern nach Gottes Gnade. Wie ich mich dieser aussetze und diese genieße, das ist meine sehr persönliche Sache. Gnade macht satt. Sättige ich mich nicht an Gott – sättige ich mich an falschen Dingen. Und das hängt einem leicht zum Hals raus!

Beschämung – die Abrissbirne in unserer Biographie – und der Weg heraus…

(Dieser Text ist ein Artikelentwurf für eine AUFATMEN (www.aufatmen.de) zu demselben Schwerpunktthema)

Es war in der achten Klasse. Deutsch. Eigentlich mein Lieblingsfach. Aber bei der neuen Deutschlehrerin kam ich einfach auf keinen grünen oder auch nur begrünten Zweig. Nun also das Thema Personenbeschreibung. Menschen wahrnehmen und möglichst exakt beschreiben. Was war ich zu diesem Zeitpunkt? Etwas übergewichtig, schüchtern, der Jüngste der Klasse. Wer wurde nach vorne gerufen von Frau L.? Ich. Und nun ging es los. Sie fragt in die Klasse: „Was beobachtet ihr?“ Die Worte prasselten ungeschützt auf mich ein. Übergewicht. Unbeliebt. Wurstfinger. Frau L. sammelte scheinbar neutral und sachlich, wo sie eigentlich hätte schützen und abbrechen müssen. Nach knapp zehn Minuten war die Demütigung beendet – nicht die erste und die letzte in meiner Schulzeit. Ich trottete beschämt zu meinem Platz. Hochrot im Gesicht. Das Zittern des Körpers mühsam unterdrückend. Heute weiß ich: Das war keine Angst, sondern sogenanntes neurogenes Zittern, die gesunde Reaktion des Körpers auf einen traumatischen Trigger.

disgrace-230907_640Was bedeutet das? Traumatischer Trigger? Trauma kann man verkürzt definieren als Maß an Ausgeliefertsein, als Mischung aus Hilflosigkeit und Machtlosigkeit. Nicht kämpfen und nicht flüchten können. Genau so eine Reaktion hatte ich da gerade erlebt – fast jeder Mensch, der nicht glatt durchgekommen ist durch die ersten 18 Jahre, wird solche Situationen der Beschämung erlebt haben. Es ist leicht, schulterzuckend damit umzugehen – so sei das Leben halt, kein Picknick, kein Ponyhof. Das mag sogar stimmen, aber es macht den Fakt nicht besser und leichter: Scham ist tief verletzend, ja traumatisierend. Beschämung ist eine Waffe des Teufels. Umso fataler, wenn sie auch in frommen Kreisen als verletzend erlebt wird, ja vielleicht sogar gut geheißen wird als „Erziehungsmaßnahme“…

Anders Jesus: Gegenüber der Frau, die gesteinigt werden sollte, die zutiefst beschämt vor den tobenden Mob geschleift wurde, sagte er: Ich verdamme, ich beschäme dich nicht, deswegen bist du frei, in Zukunft nicht zu sündigen. Religiöse und moralische Systeme – auch christliche – produzieren die gegenteilige Aussage: Sündige nicht, genüge den Maßstäben, und wir werden dich weder verdammen noch beschämen. Aber auch die Idealbilder und Maßstäbe der Welt beschämen, verdammen, erniedrigen. Ich bin wie jeder Mensch oft beschämt worden und bin dadurch sensibel geworden gegenüber allem Beschämenden. Jesus ist dagegen nie Grenzverletzer, Verdammer, Beschämer! Der Gott, den er uns zeigt, ist ein Gentleman. Doch was genau ist Scham? Was ist sie nicht?

Eine erste Klärung: Es geht hier nicht um Schuldgefühle, die sind oft etwas sehr Gesundes. Sie melden uns: Du hast gegen eine gute Regel verstoßen. Hoffentlich war sie gut, denn es gibt auch kranke Regeln – je nach gesellschaftlichem Kontext. Ein falsches Verhalten, ein Auftreten nicht nach dem mainstream, gegen den Strich gebürstete Meinungen – all das kann ganz schnell dazu führen, dass “der Rest”, der sich durch das abweichende Verhalten oder Auftreten bedroht fühlt, gegen einen wendet. Es gibt also auch falsche Schuldgefühle. Scham dagegen ist das GEFÜHL von Schuld – genauer: das GEFÜHL, nicht Schuld begangen zu haben – sondern SCHULD zu SEIN. Ein richtiges Schuldgefühl sagt: Du hast einen Fehler gemacht – Scham sagt: Du bist ein Fehler! Dieser Satz ist so existentiell und tief verletzend, dass er ganz schnell zugedeckt und eingemauert wird. Der Schmerz darüber ist einfach zu groß. Gerade für ein Kind – und diese Kinder tragen wir ja oft versteckt als lebendige Geschichte in uns. Deswegen treffen wir auch meist im Gespräch miteinander gar nicht direkt auf das Thema Scham! Im Gegenteil: Oft wird unter Christen Scham nicht verstanden oder sogar verteidigt! Ein Skandal wie ich finde und dem Evangelium entgegen gesetzt.

Eine zweite Klärung. Was ist denn mit normalen Schamgrenzen? Diese Schamgrenzen, die sich im Laufe des Erwachsenwerdens herausbilden, sind etwas Gutes! Sie schützen unser Herz, unseren Körper. Wir gestatten es bei gesunden Schamgrenzen nicht, dass jemand sie übertritt. Das ist wichtig und lebensaufbauend – durch krankhafte Beschämung werden diese gesunden Grenzen oft durchbrochen, beschämte Menschen sind paradoxerweise manchmal schamlose Menschen! Was auch erklärt, dass wir in einer Schamgesellschaft voller verletzter Menschen so viel Schamlosigkeit und ungesunde Grenzenlosigkeit erleben. Scham im tief verletzenden Sinne entsteht also da, wo diese Grenze gewaltsam durchbrochen wird. Reaktion? Zuerst Ohnmacht – dann Wut bzw. Angst. Zweitens Kontrolle. Wut über die Verletzung, Angst, wieder verletzt zu werden und Kontrolle, die das verhindern soll. „Das soll mir nicht wieder passieren“. Also wird man entweder lieb und nett, um nicht wieder verletzt zu werden (angepasste Reaktion), rebelliert und grenzt sich – teilweise gewaltsam – ab (rebellische Reaktion), baut sich aber in jedem Fall einen dicken Schutzpanzer, der das Herz umgibt, der es schützen soll. Leider ist dieser Schutzpanzer keine gesunde Grenze, sondern eine Mauer, die das Herz versteinert. So ist man vielleicht sicherer vor Beschämung, verliert aber auch Feinfühligkeit nach außen und nimmt die Signale der Menschen, aber auch Gottes(!) nicht mehr sensibel wahr.

Es ist also Zeit, Scham in den Blick zu nehmen. Psychologen halten falsche Scham für eine wesentliche Wurzel aller negativer Dinge, die uns das Leben schwer machen. Dazu kommt erschwerend: Scham gebiert Scham und wir geben sie an die Kinder weiter. Sie trennt uns nicht vom Heil, aber von der Heilung unseres Herzens und von einer heilsamen und das Leben verändernden Spiritualität. Ich arbeite selbst auch gerade wieder mit meiner Seelsorgerin an einem giftigen Strang aus Beschämung in meinem Leben – und erlebe, wie befreiend sich das auf meinen Glauben auswirkt. Scham ist nahe an der Wurzel vieler negativer Früchte unseres Lebens. Gerade aber diese Nähe macht das direkte Gespräch darüber so schwer. Es gibt aber negative Früchte in unserem Leben, die darauf hinweisen können(!), dass da eine Schamwurzel existiert. So ist es möglich, eine Checkliste Scham aufzustellen (danke an Team.F für das hilfreiche Material an dieser Stelle) – von der Frucht im Leben her:

Kennst du:

  • Wut – verborgen, aber explosiv, vor allem wenn Umstände außer Kontrolle geraten. Ich kenne das sehr gut. Da ist nicht selten Demütigung nach Demütigung geschluckt worden. Berechtigte Wut ist aber gesellschaftlich nicht akzeptiert – und wird nach innen gewendet. Es gab Momente in meinem Leben, wo ich die Wut auch ganz körperlich gegen mich gewendet habe.
  • Angst vor starken Gefühlen, die einen überwältigen. Kommen starke Gefühle wie Wellen, nahezu unkontrollierbar, dann deutet das auf eine tiefe Beschämung hin.
  • Selbstverachtung. Wenn die Beschämer doch recht haben (und bis zu einem bestimmten Alter haben ja Eltern immer recht)? Dann habe ich es ja „verdient“, so behandelt zu werden. Ein katastrophales Selbstbild entsteht.
  • Perfektionismus. Mein biographisches Lieblingsthema – wer perfekt ist, macht keine Fehler und wird deswegen auch weniger bloß gestellt und beschämt. Ein Teufelskreis des Leistungsdenkens entsteht.
  • Übergeistlichkeit. Sich den Wunden nicht stellen aus Angst vor dem Schmerz. Geistliches als Pflaster verwenden, um eiternde Wunden zuzudecken.
  • Sich ständig entschuldigen oder unsichtbar machen wollen. Siehe Selbstverachtung.
    Angst zu versagen oder neues zu wagen. Fehler tun weh. Deswegen lieber gar nicht erst anfangen. Oft zusammen mit Perfektionismus.
  • Isolation und Zurückschrecken vor engen Freundschaften. Denn je enger eine Beziehung ist, desto größer ist das Potential, verletzt zu werden.
  • Das Gefühl von Peinlichkeit. Wenn man ein Fehler IST, dann ist ja schon das reine Auftreten peinlich. Man kann sich anderen nicht zumuten.
  • Abhängigkeiten und Süchte. Beides Schmerz-Betäuber. Hinter jeder Sucht steckt eine berechtigte Sehnsucht. Und viel Schmerz.
  • Depression. Depression ist (auch) nach innen gekehrte Wut. Da ist Druck, der lähmt und betäubt. Furchtbar und mir zumindest aus depressiven Verstimmungen gut bekannt.

Beginnt man sich der Scham zu stellen, stößt man auf Angst und Schmerz. Ich möchte an dieser Stelle Mut machen, sich einen seelsorgerischen Begleiter zu nehmen, denn nicht selten ist eine Ent-Schämung nicht einfach so durch ein Gebet möglich. Da ploppen auf dem Weg der Heilung Lebensmottos auf, die existentiell sein können und deswegen richtig an die Substanz gehen:

  • „Du taugst doch eh nichts!“
  • „So wie du aussiehst, kriegst du nie jemanden ab!“
  • „Ach wärst du nie geboren worden!“
  • „Aus dir wird nie ein guter Christ, so wie du dich benimmst!“
  • „Wir hätten uns so sehr einen Jungen gewünscht!“
  • „Hör auf, dich da anzufassen, das ist schmutzig und Gott will das nicht!“
  • „Du bist ein Verlierer und bleibst einer!“
  • „Du solltest dich für deine Familie schämen!“
  • „Du bist doch der Sohn von diesem Alkoholiker!“
  • „Du verdienst(!) eine Tracht Prügel!“

Wer bei diesen Sätzen spürt, wie er innerlich zusammen zuckt, der kennt vermutlich solche oder ähnliche Aussagen nur allzu gut. Ich habe selbst erlebt, wie solche Sätze am Kreuz ihre Macht verlieren. Diese brutalen und beschämenden Aussagen sind in ihrer geistlichen Wirkung schlicht Flüche. Am „Fluchholz“, dem Kreuz, finden sie ihr Ende. Heilung kann geschehen und es wird möglich, in neue, gute Lebens-Sätze hinein zu leben. Ich habe es mehrfach selbst so erlebt, dass meine Seelsorger mir an einem ganz existentiellen Punkt zugesagt haben, dass es gut ist, dass ich lebe, wir haben unter viel Tränen einen solchen Satz zu Jesus gebracht und ihm so die Macht genommen. Der Prozess dahinter ist behutsam und kein Schnellschuss. Die Wunden der Seele sind ja keine Fata Morgana! Ist der Fluch beseitigt, können sie aber endlich heilen, anstatt vom Leben immer wieder neu aufgerissen und vertieft zu werden. Diese Fluch-Sätze des Schams wirken ja wie selbst erfüllende Prophezeiungen. Wenn ich zum Beispiel mit dem unbewussten Satz durch die Gegend laufe: „Ich hätte nicht geboren werden dürfen“, dann werde ich nicht mutig und stark Raum in meinem Leben einnehmen können! Ist der Scham-Satz lokalisiert und zu Jesus gebracht worden, kann ein wunderschöner und zarter Prozess der Heilung beginnen. Ich genieße diesen Weg – auch wenn er durch viele dunkle Täler führt – weil ich weiß, dass das Gras am Ende des Tals saftig sein wird als vorher. Der gute Hirte gehrt diesen Weg mit. Denn er – Gott selbst – ist der größte Gegner der Beschämung und der falschen Scham. Das Evangelium der Gnade Gottes vernichtet die Scham, wenn wir sie in den Blick nehmen, und führt so auf den Weg der Freiheit und Entfaltung.

Um Vergebung der Sünden bitten? Jein…

Ich sprach: Ich will dem HERRN meine Übertretungen bekennen. Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünde. (Psalm 32,5; NGÜ)

Selbstanzeigen sind gerade sehr beliebt. Da hat einer Steuern hinterzogen, droht aufzufliegen, kann sich aber selbst beim Finanzamt anzeigen und entgeht nach der fälligen Nachzahlung der sonst drohenden gerechten Strafe. Praktisch! Ganz ähnlich betrachten viele Menschen auch das Thema Sündenvergebung bei Gott. Hast du was Falsches gemacht, bete: „Herr vergib mir xyz!“ – und in diesem Moment ist dir vergeben. Moment! Mal ganz langsam an dieser Stelle…

freeSünde ist nicht zuerst moralisches Versagen, sondern Beziehungsstörung. Zwischen Gott und Mensch. Was ist also mit den Sünden, die ich gar nicht wahrnehme? Was ist mit den guten Taten, die ich unterlasse? Dann wird ja täglich neu die Beziehung zu Gott gestört?! Und ich merke es nicht einmal! Im Judentum gab es dafür die Opfertiere, die die Schuld des Volkes auf sich luden und dann beseitigten. Aber ab diesen Zeitpunkt wurde neue Sünde angehäuft. Eine belastende Situation. Kann es sein, dass selbst mancher Christ noch in diesem Modus lebt, den auch der Psalmvers ausdrückt?

Ja, durch ihn, unseren Herrn, wurden wir freigekauft, und durch ihn sind uns die Sünden vergeben (Kolosser 1,18; NeÜ). Das ist der Kontrapunkt. Jesus hat Fakten geschaffen und alle Sünde beseitigt. Egal, ob wir neue aufhäufen, es ändert nichts an unserem Stand, unserer Identität, unserer Würde vor Gott als Königskinder. Wir bekommen also Sünde gar nicht neu und Tag für Tag vergeben – wir stellen uns nur neu unter bereits vorhandene Vergebung. Braucht Gott diese Bitte um Vergebung? Nein – aber wir können sie nötig haben. Um neu zu begreifen: So umfassend hat Jesus Christus mich am Kreuz erlöst. Ich bin und bleibe frei.

Nicht an rosa Elefanten denken oder: Wie kann ich mich ändern?

Richtet eure Gedanken ganz auf die Dinge, die wahr und achtenswert, gerecht, rein und unanstößig sind und allgemeine Zustimmung verdienen; beschäftigt euch mit dem, was vorbildlich ist und zu Recht gelobt wird. (Philipper 4,8; NGÜ)

Denk nicht an den rosa Elefanten! Na super – und prompt bildet sich vor meinem inneren Auge das Bild eines grinsenden molligen rosa Elefanten mit Glubschaugen à la Mordillo. Mann! Ich kriege meine Gedanken einfach nicht kontrolliert!

elephant-parade-trier-179368_640Und das ist auch kein Wunder: Wir können nicht etwas nicht denken. Unser Gehirn kann diese Aufforderung nicht umsetzen! Genau das ist aber die Vorgehensweise, die wir am häufigsten erleben und uns auch selbst zumuten, wenn es darum geht, etwas bleiben zu lassen. Mach dir nicht so viele Sorgen! Denk nicht an Morgen! Hör auf, immer nur an das eine zu denken! Was auch immer „das eine“ ist…

Prompt denkt man an das eine und schämt sich, dass man so schwach ist und so wenig diszipliniert. Dabei ist das alles keine Frage der Disziplin, sondern schlicht biologische Realität, der wir uns stellen müssen. Vielleicht aber auch eine Frage des Mutes! Nämlich die alte Prägung loszulassen, dass wir nur etwas erkannt und verstanden haben müssen – dann setzen wir es auch um. Nein – tun wir nicht. Wir Menschen sind mehr als disziplinierte Willensmonster. Aber was hilft?

Paulus sagt: Denk an das Stattdessen. Was möchte dir Gott schenken. Was tut gut! Nicht: Hör auf, sorgenvolle Gedanken zu pflegen. Stattdessen: Fülle dich mit den Zusagen Gottes, dass du versorgt wirst und du ihm vertrauen kannst. Nicht: Kämpfe gegen den „falschen“ Gedanken, sondern: Denke stattdessen den besseren Gedanken. Da gehört unser Wille hin. Damit neue Wege entstehen können, wo bisher ausgetretene Pfade verliefen.

Hier ist Gott nicht! Doch – ist er!

Wohin könnte ich schon gehen, um deinem Geist zu entkommen, wohin fliehen, um deinem Blick zu entgehen? (Psalm 139,7; NGÜ)

Kinder haben so eine (für uns Erwachsene) lustige Phase, in der sie sich die Augen zuhalten und dann glauben, so werden sie nicht gesehen! Bis sie Subjekt und Objekt klar unterscheiden können und wissen: Meine Augen sind nicht deine Augen. Man stelle sich das einmal in einer Polizeikontrolle bei einem Erwachsenen vor – urkomisch! Augen zuhalten und rufen: Hier ist niemand!

father-241423_640So unwirklich dieses Beispiel anmutet: Bei Gott machen wir Menschen das oft genug. Sich verstecken und glauben: Hier findet mich Gott nicht. Oder in einer milden Variante: Das persönliche Gebet so gestalten, dass die wirklich wichtigen Themen nicht vorkommen, stattdessen fromme Floskeln und Wahrheiten ohne Ende. Glauben wir, Gott kennt unsere wirklichen Themen nicht? Oder: Gott findet uns nicht?

Der Psalmist geht sogar bis ins Totenreich und bis an den Horizont ans Meer – dabei ist das Meer ein für Juden unheimlicher Ort, in dem sich das Böse aufhält. Beides also nicht gerade heimelige Orte. Und trotzdem: Gott ist da und hält bei der rechten Tat-Hand. So besingt es der Psalmist. Selbst, da, wo Gott nicht vermutet wird.

Zu oft gilt auch bei uns: Na, mit diesem Thema wird sich Gott nicht abgeben. An diesem Ort bin ich nun endgültig allein. Da macht sich Gott nicht die Finger schmutzig. Doch – macht er. Wenn du ein krummes Gottesbild hast, wird diese Tatsache für dich eher bedrohlich sein. Wenn Gott aber der liebende Vater für dich ist – ist das eine befreiende Tatsache. Kein Ort, kein Gedanke, keine Schuld, kein Schmutz, keine kaputte Lebensgeschichte kann Gott davon abhalten, seinen Menschen an die Hand zu nehmen.

Hingezogene Hoffnung macht das Herz krank…

Hingezogene Hoffnung macht das Herz krank, aber ein eingetroffener Wunsch ist ein Baum des Lebens. (Sprüche 13,12; ELB)

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da ist mein Herz langsam bitter und krank geworden. Eine Zeit, in der ich mit Gott gerungen und gekämpft habe, aber er einfach nicht das tat, was ich erbat und erwünschte: sich mir zu zeigen und mein Herz so zur Ruhe zu bringen. Jahre hat das gedauert und ich habe in dieser Zeit mehr und mehr gelernt und bin noch mitten drin, dass ich mein Herz zur Ruhe bringen kann – und dann zeigt sich Gott. Ich habe Methoden, Masterpläne, Patentrezepte abgestreift und habe wieder auf den geschaut, um den es geht.

tree-338211_640Gott hat in dieser Zeit meine Grenzen und inneren Mauern respektiert – obwohl mein Gebet darum gerungen hat, dass er sie sprengt und übergeht. Aber Gott ist niemals Grenzverletzer. Ebenso gilt: Er spielt nicht mit uns aus Gehässigkeit oder um uns für irgend etwas zu strafen. Dieses kaputte Gottesbild bewirkt auch, dass Hoffnungen sich hinziehen. Alle Schuld, alle Sünde hat am Kreuz ihr Ende gefunden, also wird nichts, in Worten: NICHTS mehr gegen uns verwendet von Gottes Seite.

Trotzdem braucht man mit Gott einen langen Atem – denn er hat Zeit, behutsam zu warten. Er kennt den optimalen Weg für mein und dein Herz. Aber – und hier müssen wir nun den Sprung vom AT zum NT vollziehen – ein Gedanke hilft aus hingezogenen Hoffnungen und ich denke manchmal, dass genau dieser Gedanke, bzw. das Bewusstsein dafür, der Baum des Lebens ist. Dieser Gedanke lautet: Gott ist da. In dir, um dich herum. Das sagt Jesus selbst am Ende seines irdischen Lebens zu. Das wahrzunehmen und von sich weg auf diese Gegenwart Jesu zu schauen – das kann das Herz heilen.

Zynismus – die Giftpflanze für die Seele

Achtet darauf, dass niemand sich selbst von Gottes Gnade ausschließt! Lasst nicht zu, dass aus einer bitteren Wurzel eine Giftpflanze hervorwächst, die Unheil anrichtet; sonst wird am Ende noch die ganze Gemeinde in Mitleidenschaft gezogen. (Hebräer 12,15; NGÜ)

oliver-kahn-406393_640Spargel (bis vor 20 Jahren), Chicorée, Endivien. Was haben diese drei Salate bzw. Gemüse gemeinsam? Sie beinhalten Bitterstoffe. Ursprünglich reichlich, doch man hat sie in den letzten Jahrzehnten stark weg gezüchtet. Heute stellt man fest: Diese Bitterstoffe sind äußerst gesund für den Körper!

Mit den Bitterstoffen der Seele verhält es sich genau anders herum. Sie sind hoch schädlich für die Seele, aber sie werden in unserer Zeit nicht weniger, sondern mehr. Zynismus als Grundhaltung – eine Pflanze, die prächtig gedeiht. Ich stelle manchmal auch an mir Triebe dieser Pflanze fest. Das Problem am Zynismus: Er fühlt sich gut an, abgeklärt, realistisch. Die Welt ist halt mies! Zynismus ist die Mauer, die uns davor bewahrt, uns allzu emotional mit dem Schmerz der Welt auseinander zu setzen. Zynismus ist eine Schutzfunktion.

Das Problem: Zynismus ist gottlos. Im wahrsten Sinne des Wortes – denn er rechnet nicht mit Gottes Handeln. Bitterkeit rechnet nicht mit dem aufblühenden Reich Gottes in mir und anderen, nicht mit Hoffnung, Versöhnung, Wachstum, Heilung. Deswegen warnt der Autor davor, dass Bitterkeit von der Gnade ausschließen kann. Nicht weil Gott sauer und bitter ist – sondern weil die Bitterkeit des Menschen eine Mauer gegenüber der Gnade aufrichtet. Bitterkeit ist gnaden-los. Aber es bleibt nicht dabei: Zynismus mag Applaus finden und beifällig zustimmendes Gelächter – es vergiftet Gemeinschaft. Lassen wir das nicht zu in unserer Seele.

Muss ich denn sterben, um zu leben? – Dinge sterben lassen, damit sie neu werden können.

Ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Johannes 12,24; NGÜ)

Aaahh, da liege ich so richtig gemütlich auf der Couch! Die Fernbedienung neben mir, eine Tüte Chips, ein Bier. Klasse! Das muss auch mal sein, oder? Einen klasse Film gucken. Abschalten.

wheat-381848_6402 Stunden später. Der Film ist zu Ende und ich will mich aufrichten und merke, wie steif ich geworden bin. Puh, naja, ich bin auch nicht mehr 25 Jahre alt. Es war ja auch so bequem. Die Chips füllen meinen Magen, Antipasti haben sich dazu gesellt. Kann ich nicht einfach liegen bleiben? Nein, so weit geht es dann doch nicht. Das Bett ruft…

Es ist trotzdem erstaunlich, wie schnell sich Komfortzonen bilden. 2 Stunden gerade einmal. Wie ist das bei Komfortzonen, die ich schon Jahrzehnte pflege? Die haben sich auch ganz tief als neuronale Muster ins Gehirn eingefräst. Das Gehirn sagt: Mach mal so weiter wie immer – das spart Energie und du weißt, wo du dran bist! Leider ist diese Autobahn, die ich da fast automatisch entlang fahre, nicht immer der beste Weg. Sondern entstanden aus Prägungen, Wunden.

Jesus Christus verspricht neue Wege in seiner Nachfolge. Heilung der Verletzungen. Er verändert uns sogar durch seinen guten Geist. Aber – wir müssen bereit sein, etwas sterben zu lassen. Es ihm zu geben. Jesus, nimm meine Wut, die da immer automatisch hochkommt und verwandle sie! Jesus, nimm mein selbstzerstörerisches Verhalten. Führ es in den Tod und lasse Neues auferstehen. Das ist immer der Weg – etwas loslassen in den Tod, damit es neu werden kann. Nicht verdrängen – loslassen und dahin geben. Das ist: Verlassen der Komfortzone. Den Rest macht er.

Glückliche Tage erleben statt sich zur Hölle reden…

»Wer nach dem wahren Leben verlangt und glückliche Tage sehen will, der nehme seine Zunge gut in Acht, dass er nichts Schlechtes und Hinterhältiges sagt. (1. Petrus 3,10; GN)

Eine ganz alltägliche (etwas übertriebene) Situation: Was für ein mieser Tag! Draußen regnet es, ich komme mit meinem Zeitplan überhaupt nicht hin und der Hund hat eine Pfütze ins Wohnzimmer gemacht. Ich bin schlecht gelaunt, meine Kids werden dadurch schlechter gelaunt und es entsteht eine Spirale nach unten. Ausstrahlung ist das Stichwort. Meine ist gerade negativ, hier und da sogar toxisch! Bäh!

calendula-185322_640Gott verspricht wahres Leben und glückliche Tage! Das klingt gut. Es ist aber verknüpft daran, dass ich anderen das Leben nicht zur Hölle mache, denn dann werde ich Hölle ernten! Aber der Vers geht noch weiter und eigentlich beginnt er da. Es beginnt damit, wie ich über meinen Tag denke und rede. Wie ich über mein Handeln und mein Denken rede. Worte werden ja ganz schnell zu Festlegungen und selbst erfüllenden Prophezeiungen. Wenn ich dauernd vor mich hin murmele: „Was für eine scheiss Firma, in der ich arbeite…!“ – was ändert das? Nun – eine Menge. Nach unten. Ich werde immer negativer gegenüber meiner Firma und werde genau das ernten: Unglück.

Wenn ich dann noch über mich selbst negativ rede und denke (Was bin ich für ein Versager! Ich schon wieder! Ich pack das nicht!), dann läuft es nicht anders! Ich werde kleiner, dunkler, schwächer… was ist das Gegenmittel? Vers 9: Segnet eure Beleidiger! Die Umstände segnen, die Firma, den Nächsten. Und ja: Auch mich selbst, die Stimmen in mir, die mich anklagen, klein machen. Grenzen setzen – ja. Aber auch segnen. Damit eine Spirale nach oben entstehen kann. Glückliche Tage werden kommen!

„Dienstaufsichtsbeschwerden erst am nächsten Tag!“ – Die Weisheit der Bundeswehr

Jeder sei schnell bereit zu hören, aber jeder lasse sich Zeit, ehe er redet, und erst recht, ehe er zornig wird. (Jakobus 1,19; NGÜ)

„Dienstaufsichtsbeschwerden erst am nächsten Tag!“ So blaffte es der Unteroffizier in den Raum. Bundeswehr. Noch zu einer Zeit, als alle hin mussten und man versuchte, mit allen möglichen Tricks durch die Musterung zu fallen. „Dienstaufsichtsbeschwerden erst am nächsten Tag!“ – eine gute Regel. Einmal drüber schlafen. Nicht im ersten Zorn etwas anzetteln, das am nächsten Morgen übel aufstößt und unnötig Porzellan zerschlägt.

leo-350690_640Heute sind wir das Gegenteil gewohnt. Eine SMS oder email sind rasend schnell beantwortet. Smartphone raus und eine wütende SMS abgesendet! Oder email. Rumms! Ist das Kind in den Brunnen gefallen. Dabei fehlen unendlich viele Informationen. Vor allem das „Hören“. Geschriebene Sätze sind vieldeutig. Allein durch die Betonung kann man einen Satz wie: „Das Essen wird kalt!“ mehrfach verschieden verstehen – Vorwurf, Klatsche, liebevolle Erinnerung. Also: Hinhören. Nachfragen. Gar nicht einfach. Ganz schnell habe auch ich das Gelesene und Gehörte nicht wirklich neu gehört und stattdessen sofort in meine von Kindheit an geprägten Schubladen gesteckt. Ich habe statt wirklich zu hören nur akustische Trigger aufgenommen. Schnell geredet und leider manchmal auch zornig reagiert.

Nun ist Zorn auch ein wertvolles Gefühl. Es zeigt: Da ist etwas empfindlich getroffen worden. Oft habe ich dabei eigentlich nicht den anderen gehört, sondern meine eigenen inneren Stimmen. Also: Auch hinhören auf das, was in einem selbst passiert! Und einfach mal den Mund und die Finger still halten. Dann wird das Gehörte und die innere Reaktion zum Lehrmeister des Wachstums.