Knackpunkt: Ich-zentriert beten vs. Christus-zentriert beten

Hast du heute schon ein Gebet gesprochen, das Gott zum Lächeln bringen und ihn sagen lässt: “Wow, du musst glauben, ich bin, wer ich sage, der ich bin. (Louie Giglio)

Gottes Möglichkeiten sind größer als unsere. – Richtig? Richtig. Gottes Gedanken und Pläne sind aber auch… ganz anders als unsere. Meistens. – Richtig? Äh…

Gott ist nicht dazu da, unsere Möglichkeiten, unsere Pläne abzunicken und da, wo es hakt, ihnen einen kleinen Schubs zu geben. Wir sind dazu da, auf seiner Ebene zu sitzen, den Platz an seiner Seite in Christus einzunehmen und zu lernen, die Welt und unser Leben durch seine Augen zu sehen. Damit unsere Gedanken,Gefühle, Pläne mehr und mehr ihm ähnlicher werden. Wir werden hinein transformiert in das Bild Christi. Heiligung nennt man das. Dass der Geist an Raum gewinnt und die Seele heiligt. Ein herrlicher – manchmal schmerzhafter Weg des Loslassens.

Epheser 2,4-7 macht deutlich: Wir sind bereits auferweckt, wir sitzen in Christus in der himmlischen Welt. Ich für meinen Teil sitze allerdings häufig in meiner Welt. Und habe dann auch deren Perspektive. Klein, eingeschränkt, ich-zentriert. Manchmal träume ich von etwas Großem… und meine Gott zu hören, der mir zuflüstert: Was? So wenig traust du mir zu? Verdoppel das mal und wir kommen langsam auf die Größe des Senfkorns, von dem mein Sohn spricht, dass es Berge versetzen könne…

Die geistliche Kunst ist es, mit den Füßen auf dem Boden und dem Herzen im Himmel zu leben. Nicht abgehoben, sondern erdverbunden. Aber nicht erd-gebunden! Unser Sitz ist bereits bei Gott und ich will im Gebet mit allem rechnen, was im Reich Gottes bereits Realität ist. Ich will um Heilung beten, um Erweckung, um Transformation, um Aufbruch, um Ablösung von Süchten und um vieles mehr – dass eben nicht mehr in meiner Macht liegt…

Und ich will sehen, wie Gott lächelt und sagt: Endlich traut er sich, mir zu glauben, wer ich bin… und auch so zu beten!

(Quelle des Bildes: http://www.morguefile.com/archive/display/589979)

Biblische Spiritualität: Einreden – Sich selbst Gottes Wort predigen und so den Glauben vertiefen

Sprich die Weisungen aus meinem Gesetzbuch ständig vor dich hin und denke Tag und Nacht darüber nach, damit dein ganzes Tun an meinen Geboten ausgerichtet ist. Dann wirst du Erfolg haben und wirst alles, was du beginnst, glücklich vollenden. (Josua 1,8; GN)

The famous Greek word logos — “word, speech, a...

(Photo credit: Wikipedia)

Wir sind es nicht gewohnt, laut zu lesen. Dabei ist das leise lesen eine Erfindung des Mittelalters, Juden lesen heute noch halblaut murmelnd in der Thora. Und das hat seine tiefe Bedeutung, die es wieder zu entdecken gilt…

Wenn wir laut lesen, werden mehr Sinne beteiligt. Plötzlich haben Mund und Ohren etwas zu tun – und nicht nur unser Verstand. Das Gelesene dringt tiefer ein und das ist auch nötig. Denn sonst redet jemand anders zu uns. Die Gesellschaft, die Prägungen und Verletzungen… Forscher haben heraus gefunden, dass man sich selbst bis zu 1200 Worte pro Minute sagt (eigentlich denkt – es geht ja rasend schnell) – davon sind 80% negativ.

Wie wollen wir im Glauben und auch in der Heiligung der Gedanken, der Gefühle wachsen, wenn wir uns nicht selbst die richtigen Dinge sagen – gegen die falschen? Dabei handelt es sich nicht um eine neumodische Übung. Mönche sprechen vom “Einreden“, die Wüstenväter (also die ersten Mönche) haben diese Methode benutzt, um die Fallstricke des Gegners zu sprengen. Evagrius Ponticus hat das “Antirrhetikon” geschrieben und dort biblische Aussagen definiert, die bestimmte Versuchungen bekämpfen…

Versuch es doch einfach. Experiment – sage dir 21 Tage lang (dann wird es zur Gewohnheit) morgens und abends jeweils drei Minuten folgende Sätze laut zu – du wirst staunen:

  1. Meine Gebete sind kraftvoll und wirksam (2.Kor 5,21; Jakobus 5,16b)
  2. Wie Abraham spreche ich Tag für Tag Gottes Zusagen über meinem Leben aus, sodass mein Glaube gestärkt wird und ich mehr und mehr diese Zusagen empfangen kann (Römer 4,17-23) 
  3. Gott sorgt für mich und erfüllt reichhaltig alle meine Bedürfnisse (Phil 4,19) 
  4. Gott ist an meiner Seite, deswegen erkläre ich: Ich kann nicht besiegt werden (Römer 8,37; Ps 91; Phil 4,13) 
  5. Ich bin für die Sünde gestorben und trage göttliche DNA in mir (Römer 6,11; Römer 5,17) 
  6. Ich lebe unter einem übernatürlichen und unsichtbaren Schutz (Psalm 91; Hebr. 8,6) 
  7. In Jesus bin ich 100% geliebt und wertvoll und somit würdig, Gottes Segen vollständig zu erleben. (Kolosser 1,12-15) 
  8. Ich erwarte heute in meinem Leben, dass ich in der Vollmacht Gottes Menschen begegnen kann, um ihnen Licht und Freude zu sein, um Befreiendes auszusprechen, Zeichen zu vollbringen, Kranke zu heilen (Mattäus 10,7.8) 
  9. Ich lache, wenn ich eine Lüge vom Teufel höre und weise sie von mir (Psalm 2,2-4)

Jaja, die Wahrheit. Hat doch jeder seinen eigenen Gott…

Deutsch: Akrostichon "Iesùs Christòs Theò...

Deutsch: Akrostichon “Iesùs Christòs Theòu Yiòs Sotèr” (Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser): ΙΧΘΥΣ (Ichthýs) – I Ch Th Y S (Fisch) (Photo credit: Wikipedia)

Letztens nach der Kindersegnung. Viele Gäste. Darunter eine liebe und symphatische Frau. Es entspann sich ein Dialog. Jeder Mensch würde ja sein eigenes Bild von Gott haben und alle seien irgendwie wahr. Ich appellierte etwas verzweifelt an ihre auch intellektuelle Redlichkeit:

  • Wenn dein Nachbar glaubt, Gott befiehlt Bomben zu werfen und du denkst bei Gott an Frieden – wer hat dann Recht? Muss hier nicht die Wahrheitsfrage gestellt werden?
  • Kann Gott in sich widersprüchlich sein in den Grundaussagen des Glaubens? Sozusagen: schizophren?
  • Wechselt Gott seine Gestalt nach meinem Bilde? Sprich: Ist er nur eine Projektionsfläche meiner Natur oder ist er: Wahrheit?
  • Wahrheit ist immer von etwas Höherem abgeleitet, sonst wäre es nur subjektive und individuelle Befindlichkeit. Wenn ich mir also Gott zusammen stelle, steht er dann unter mir? Kann er dann überhaupt Gott sein?
  • Wie kann ich Schutz und Geborgenheit von etwas empfangen, ja, Weisung und Hilfestellung auch über den Tod hinaus, wenn dieses “Etwas” meiner und nur meiner Vorstellung entspringt?

Fragen, Fragen… die natürlich nicht fruchteten. Vielleicht aber zumindest Anstoß zum Zweifel an allzu leichten Antworten sind. Die Wahrheitsfrage ist nicht populär. Aber überlebensnotwendig. Wahrheit anzuerkennen heißt, sich ihr auszusetzen und nicht mehr Alleinbestimmer zu sein. Wahrheit anzuerkennen heißt, die eigene Begrenztheit und Fehlbarkeit einzugestehen. Doch Paulus macht ganz klar:

…damit du weißt, wie diejenigen sich verhalten sollen, die zum Haus Gottes gehören, zur Gemeinde des lebendigen Gottes, die der Stützpfeiler und das Bollwerk der Wahrheit ist. Und wie groß ist diese Wahrheit! Wie einzigartig ist das Geheimnis, auf das sich unser Glaube gründet! Er, der zu uns kam als Mensch von Fleisch und Blut, der als Sohn Gottes beglaubigt wurde durch Gottes Geist und der den Engeln erschien in seiner Macht – er wurde verkündet unter den Völkern, im Glauben angenommen in aller Welt und im Himmel mit Herrlichkeit gekrönt. (1. Timotheus 3,15ff, NGÜ)

Die Wahrheit ist personal. Die Wahrheit wird immer größer sein als unser Denken und Fühlen. Sie ist sogar größer als die Bibel. Gott ist größer. Wahrheit ist erfahrbar und nicht statisch wie ein System aus Axiomen. Aber die Grundaussagen stehen fest wie ein “Bollwerk”. Jesus ist Sohn Gottes. Beglaubigt durch den Geist (den es gibt!). Machtvoll wieder eingesetzt (d.h. er lebt und handelt!)). Gemeinde Gottes hat das zu verteidigen. Wo sie das nicht mehr tut, hat sie alle Kraft verloren. Da ist sie eigentlich nicht mehr Gemeinde Gottes (die hier bei Paulus ganz klar aus Menschen besteht und kein Gebäude ist!).

Ich genieße dieses Spannungsfeld. Einerseits die unumstößlichen Grundwahrheiten des Glaubens zu haben und sie als wahr zu erfahren im Alltag! Andererseits immer wieder überrascht zu werden von der lebendigen Wahrheit, die mein Denken sprengt: Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Faszinierend! Möge es dich auch begeistern…

Schwermütig? Dunkel alles? Kenne ich. Gerade eben. Und nun?

Ich neige zur Schwermut. Gerade eben auch wieder. Angegriffen von der Gegenseite. Genarrt von inneren Stimmen. Sicherlich auch müde von zu viel Arbeit. Der Erklärungen sind viele… aber vielleicht sind diese gerade das Problem. Ich neige zur Schwermut, ich kenne die dunklen Stunden und Nächte… du auch? Dann herzlich willkommen… du bist nicht allein.

Aber kann ich das annehmen? Ich möchte dir – wenn du damit auch zu tun hast hier und da – Anteil geben an meinen Gedanken. Wenn du immer gut drauf bist, dann hör bitte auf, weiter zu lesen. Du wirst es nicht verstehen.

Mein Impuls bei dunklen Tagen und Stunden ist: Erklären, analysieren, anpacken, beseitigen. Kurz: in den Griff kriegen. Ich gehe das funktional an. Und das ist: falsch. Mein Seelsorger meinte noch vorgestern zu mir: Ich würde dir gerne das Medikament des Nichterklärenwollens verschreiben…. er hat recht.

Denn der funktionale Ansatz geht davon aus: Schwermut und Dunkelheit sind nicht erwünschte Zustände (ich rede nicht von klinischer Depression!!), die das Optimum, das stets glückliche Leben verhindern. Auf die Idee kommt wohl nur eine hedonistische Gesellschaft ohne Gott – bzw. mit dem Individuum als Gott.

Nach Kierkegaard und Guardini ist aber Schwermut, die Betrübung der Seele ein Zeichen des Realismus. Denn es ist die einzig mögliche Reaktion auf die Wahrnehmung der Trennung zwischen Gott und Mensch. Bei aller Nähe durch Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist – wir leben eben noch nicht in der Vollendung und nach der sehnt sich der Geist, die Seele… und bekommt sie nicht oder nur selten als Blick durch den Vorhang…

Was also tun. Was tue ich jetzt? Ich versuche nicht zu funktionieren. Ich setze ich gleich in den Sessel und werfe mich Gott in die Arme. Und trage die Schwermut. Ähnlich wie eine zerstörte Beziehung einen Schmerz hinterlässt, der zwar heilt, aber immer spürbar sein wird – so gehört Schwermut dazu. Als Anerkennung der Tatsache, dass wir nicht von der Welt sind – aber in der Welt.

Nicht schwermütig zu sein – diese Tiefe nicht zu kennen oder loswerden zu wollen – das ist nach Kierkegaard die eigentliche Verzweiflung. Sich seiner Verzweiflung nicht bewusst sein, verzweifelt man selbst sein wollen oder verzweifelt nicht man selbst sein wollen.  All das führt nicht weiter.

Es gibt also nur den Weg durch die Schwermut hindurch. Nicht daran vorbei.

Sich nicht mit weltlichen Dingen ablenken und betäuben.

Sie wahrnehmen, annehmen, barmherzig wie Gott anschauen – ins Gebet tragen und sich von ihr in die Sehnsucht nach dem Vater treiben lassen.

Und aufhören, funktionieren zu wollen. Sich loszuwerden. Oder zu finden.

Einfach: Sein. In der Gegenwart Gottes.

Sehnsuchtsgedanken: Lebe sorg-los – werde deine Sorgen los!

Eine wertvolle Weisheitsgeschichte (danke liebe Katrin D.)

Ein chinesischer Bauer ging die Straße entlang. Über seine Schulter hielt er einen Stock. An diesem Stock hing ein Topf, der mit Suppe aus Sojabohnen gefüllt war. Plötzlich stolperte der alte Mann,der Topf fiel
zu Boden und zerbrach.

Doch er ging unbeirrt weiter, verschwendete keinen Augenblick an den Zwischenfall. Ein andere Passant, der das Missgeschick des Bauern beobachtet hatte, stürzte herbei und rief aufgeregt:”Hast du denn nicht mitbekommen, das dein Topf zerbrochen ist?

Der Alte ging ruhig weiter und sagte:
“Doch ich habe ihn runter fallen hören”.

Der Passant schüttelte verständnislos den Kopf. “Und du hast dich nicht einmal umgedreht und etwas unternommen?” Der Alte lächelte und schaute den betroffenen Passanten an:”Der Topf ist zerbrochen, die Suppe ist weg.
Was soll ich dagegen unternehmen?”

Nun geht es hier nicht um einen gleichgültigen Stoizismus. Und auch das buddhistische Ideal der Freiheit von allen Begierden (das sicher hinter dieser Geschichte steckt) entspricht nicht dem christlichen Umgang damit. Ärger darf empfunden werden, Emotionen gehören genauso wenig wie Gedanken unterdrückt, sondern unter die Herrschaft Gottes gestellt und von daher befriedet, korrigiert und geheilt… – was gerade dran ist.

Wichtig scheint mir hier eher, eine Veränderung von innen nach außen anzustoßen. Sorgen – das tun die Heiden – sagt Jesus, die, die Gott nicht kennen (Mt 6,31ff). Puh… dann bin ich wohl Christ, aber Teile meines Herzens noch nicht geheiligt… Dazu noch Philipper 4 – “Sorgt euch um nichts!” - eieiei… eines der wenigen Gebote des NT. Sorgen heisst sündigen. Sprich: Es trennt von Gott.

Was setzt Jesus dagegen? Beten. Abgeben. Loslassen. Das ist nun keine Magie – oft genug merkt man schließlich, dass Gebet nicht unbedingt magisch von allen Sorgen befreit. Dahinter steht vielmehr eine heilsame Haltung: Gott ist größer, Gott kann, Gott kümmert sich, er hört und handelt.

Aber auch andersherum: Wie viel Aufregung und sich(sic!)  ärgern hängt mit falschem Perfektionismus zusammen, mit inneren Stimmen, die uns anklagen (“Ich kann nichts”, “Ich versage dauernd”…). Hier setzt geistlicher Kampf an… denn der findet oft in den Gedanken statt…

Falsche Stimmen von sich weisen. Gottes Wahrheit im Herzen und in Gedanken groß machen, aussprechen, einprägen, meditieren… und immer wieder falsche Stimmen im Namen Jesu abweisen! Ansonsten blockieren Felsbrocken den Fluss der Wahrheit. “Gedankengebäude gefangen nehmen” – wie Paulus sagt und in den Kerker sperren.

Eine Übung ist dabei praktisch: Alle Sorgen im Gebet, in der Phantasie Stück für Stück in einen Sack packen und diesen Sack am Kreuz abstellen. Da sind sie gut aufgehoben…

Das möchte ich lernen… immer mehr. Und mich nicht mehr so ernst nehmen, mich mit einem Augenzwinkern barmherzig anschauen, wie Gott es tut. Und Gott ernster nehmen.

 

Ein Kampf der Gegenwart: Ritalin-Evangelium vs. Nachfolge Christi

(Eine Vorbemerkung aufgrund teilweise heftiger und sicherlich hier und da verständlicher Reaktionen. Über das Thema Ritalin wird überall kontrovers diskutiert – zuletzt äußerst kritisch in der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung – nicht gerade ein Hetzblatt. Aber auch Winterhoff und andere fragen zurecht, wo denn plötzlich die ganzen Kinder mit ADHS herkommen und wo sie vorher waren? Warum wird ein Medikament mit jährlich immensen Steigerungsraten verkauft und verschrieben? Ist das Zufall? Dabei ist das Ganze nicht gegen Eltern gerichtet, die hilflos und voller Schmerzen ihr Kind sehen und sich nicht anders zu helfen wissen. Meine Kritik richtet sich nicht gegen Eltern – sondern gegen eine “Krankheit”, die aus dem Nichts kam und mit der Milliarden verdient werden und Kinder meines Erachtens und meiner Erfahrung nach gedämpft werden. Sie richtet sich gegen eine innere erwünschte Haltung, die dahinter steht. Gegen eine Gesellschaft und Industrie, die mit massivem Leistungsdruck und Funktionieren-müssen Eltern unter Druck setzt! Es geht nicht gegen die Eltern – sondern um die dahinter stehenden Lobby. Ich habe auch geschrieben, dass eine Medikation ein einzelnen Fällen sicherlich sinnvoll sein kann – ich bitte diesen Satz zu respektieren. Meines Erachtens wird aber – und das sage ich als Vater eines äußerst fordernden, wenn auch sehr süßen Jungen – zu wenig gefragt, was denn die Ursachen dieser “Störung” sind, wie Ernährung, Lebensstil, Medien etc. das Verhalten beeinflussen… hier machen Therapeuten durchaus gute Erfahrungen. Also noch einmal: mir ging es nicht um eine Abwertung oder gar Beschimpfung der Eltern – mir ging es um das Gedankengebäude dahinter und das macht mich wütend und findet sich so auch im Druck gegen jede Form vermeintlich nicht “funktionierenden” Lebens – sei es bei Kindern, Behinderten, Ü50-ern oder Alten)

Ich habe bewusst vermieden, einen reißerischen oder wie auch immer gearteten Begriff als Gegenpol zum “Ritalin-Evangelium” zu definieren (falls es den Begriff Ritalin-Evangelium noch nicht gibt, schütze ich ihn hiermit…;-). Denn das ist genau das Großartige an der Nachfolge Christi – sie ist nicht in Schablonen und Modelle zu pressen. Und bevor ich lange herum philosophiere … beschreibe ich einfach den Gegensatz…

Ritalin – das mag in einzelnen Fällen ein sinnvolles Medikament sein. Aber in vielen Fällen ist es ein Mittel, um lebendige (meist) Jungs ruhig zu stellen und den Anforderungen der Gesellschaft anzupassen… Funktionieren ist angesagt. Ritalin bekämpft Symptome… nicht Ursachen. Ritalin ist von Anfang an gepusht von Pharma-Riesen und ein ebensolches Riesengeschäft. Ritalin macht mich wütend. Und traurig. Hauptsache Menschen funktionieren reibungslos im Leistungsschema unserer idiotischen und längst vor die Wand gelaufenen Gesellschaft des unbedingten Wachstums. Als wenn Wachstum ein Wert an sich wäre. Auch Krebs wächst…

Christliche Gemeinden, ja einzelne Christen laufen in dieselbe Gefahr. Meist sind säkulare Phänomene auch in irgendeiner Form in der christlichen Subkultur abgebildet… ist ja auch klar. Glaube hat hoffentlich mit dem Leben zu tun. Meist befürchte ich beeinflusst aber das Leben mehr den Glauben… als umgekehrt… also: Ohne Rücksicht auf Verluste, aus dem Bauch heraus, brainstorming-mäßig: Ritalin-Evangelium in Stichworten:

  • Stillhalten ist wichtig, aus dem Rahmen fallen und anecken nicht erwünscht
  • Der höchste Maßstab ist das Funktionieren – nicht die Beziehung
  • Individualität – auch sperrige – muss sich dem wünschenswerten Ideal anpassen
  • Glaube wird als Pille betrachtet, mit der man sein Leben besser in den Griff bekommt und vermeintlich das “Leben genießen” kann
  • Wildheit und Wagnis, Ausprobieren, Fallen und Wiederaufstehen wird nicht gefördert – sondern eher verurteilt
  • Schwankungen im Empfinden und Leben sind nicht erwünscht – Gleichmäßigkeit, Stoizismus, Gedämpftheit wünschenswerter
  • Es gibt keinen akzeptierten Umgang mit Aggression. Coolness und Beherrschtheit sind erwünscht.

Wie anders sieht Nachfolge Jesu eigentlich aus…

  • Wild und sanft,
  • laut und still
  • Freiheit in Abhängigkeit,
  • frei und unkonventionell in Gedanken und im Handeln,
  • Tränen und Lachen, Trauern und Feiern
  • Abenteuer nach innen und nach außen
  • Zuhören können und zart still halten – aber genauso brüllen: vor Freude und wenn es dran ist: vor Wut
  • keine Sicherheit kennen außer einer: Jesus Christus
  • Kontrolle abgeben
  • Beziehungen leben und dem Funktionieren vorordnen
  • und vieles vieles mehr…

Nachfolge Christi ist anstrengender, aufregender, es geschehen mehr “Fehler”, es ist unsicherer und gleichzeitig viel sicherer… ich sehne mich danach! Nie, nie, nie mehr Ritalin (Kraftklub). 

Zum vorläufigen Schluß ein Gedicht, das ich in einem kritischen Artikel über Ritalin in der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung gefunden habe und das mich bewegt…:

„Mit dem Kopf sagt er nein
Aber mit dem Herzen sagt er ja
Er sagt ja zu allem was er mag
Er sagt nein zum Lehrer
Er steht da
Er wird geprüft
Und alle Aufgaben sind gestellt
Plötzlich ergreift ihn ein irres Lachen
Er wischt alles aus
Die Ziffern und die Wörter
Die Daten und die Namen
Die Lehrsätze und die Fangfragen
Und trotz der Drohungen des Lehrers
Verspottet von den Wunderkindern
Nimmt er alle bunten Kreiden
Auf der schwarzen Unglückstafel
Malt er das Gesicht des Glücks.“

(Jacques Prévert)

Von der Sklaverei der Zeit – und der Gelassenheit der Ewigkeit (Aktueller Artikel aus “Christseinheute”)

„This is your life and it‘s ending one minute at a time!“ – „Dies ist dein Leben. Und es verrinnt mit jeder Minute!“ (aus dem Film „Fight Club“)

Ich habe es gerade ziemlich satt. Es ist Mitte November, ich sitze am Schreibtisch und plötzlich schnurrt das letzte Jahr auf einen winzigen Punkt zusammen. Wie gestern erscheinen mir vergangene Ereignisse, zum Beispiel meine Kur im November 2010, eine Taufe im Frühjahr dieses Jahres. 2011 – war da was? Ja, unheimlich viel. Aber die Zeit ist verflogen wie im Rausch – und jedes Jahr scheint sich dieser Eindruck zu verfestigen, ja, zu beschleunigen. Unbarmherzig rast die Zeit vorbei, der Grube entgegen.

Ich schaue weiter. Auf die Jahreswende. Wie wird 2012, was soll ich mir vornehmen, was planen, was offen lassen? Der Zeitplan füllt sich, die Frage kommt hoch: Was soll ich tun? Was soll ich lassen? Bei einer begrenzten Lebenszeit eine berechtigte Frage. Sollen wir nicht „die Zeit gut auskaufen“? Effektiv nutzen? Frust macht sich breit. Ich fühle mich getrieben. Das nächste Jahr wird spannend – doch nicht auch wieder genauso schnell, gefüllt, getrieben?

Carpe Diem, das heißt auf lateinisch: Pflücke den Tag. Ganz Mutige sagen dazu: Carpe diem et noctem – und nehmen so die Nacht noch dazu. Und das klingt so gut. Intensiv leben, gegenwärtig, gefüllt, leidenschaftlich. Auch der Satz, der über diesem Artikel steht, passt dazu. Du hast nur ein Leben – lebe es intensiv, vertrödele nicht die Zeit, lass dich nicht verbiegen und fremdbestimmen. Lebe! Da ist ja auch etwas Wahres dran. Aber es macht gleichzeitig Leistungsdruck. Lebe richtig, mit der richtigen Haltung, sei intensiv in deinen Erfahrungen, koste alles aus!

Was ist in einem solchen Lebensmodell mit Muße? Langeweile? Leerstellen im Leben? Und bei uns Christen? Ist es da besser? Wenn bereits jetzt die Gemeindeagenda von 2013 gefüllt wird. Mitarbeiter müde werden und sich Auszeiten nehmen müssen? Wenn – mal ganz selbstkritisch gefragt – ich als Pastor nicht unter 60 Stunden weg komme? Wenn Stille, Einkehr, Fokussierung auf eine „zweckfreie“ Beschäftigung wie Beten und Bibellesen fast schon zur Zumutung wird. Zum Luxus. Den man dann doch nicht so recht genießen kann, weil die inneren Uhren schneller ticken, es verlernt haben, in der globalisierten Dauer-Erreichbarkeit inne zu halten…

Anhalten…

Stop.

Lesen Sie jetzt nicht schnell weiter.

Abbremsen. Langsamer Werden. Anhalten. Stille.

Halten Sie bitte inne und reflektieren Sie ihr Leben in Bezug auf diese Eindrücke. Sind Sie getrieben oder berufen? Gestaltet das Leben Sie oder gestalten Sie das Leben? Kennen Sie Druck, Enge, das Diktat des Effzienzdenkens in Ihrem Leben? Wie fühlt sich das an? Macht Sie das zufrieden?

Lesen Sie diese Fragen und dann nehmen Sie wahr. Horchen hinein in das Herz, die Seele, den Körper. Sprechen Sie mit Jesus darüber.

Und dann zum zweiten Mal: stop!

So muss es nicht weiter gehen. Gott bietet eine echte Alternative an. Aber diese Alternative ist nicht leicht zu leben. Und doch ist Umdenken und Um-leben möglich. Wir müssten nur biblischer werden.

Chronische Zeiterfahrung

Die Bibel kennt drei verschiedene Zeitbegriffe und greift diese mit den griechischen Worten „chronos“, „kairos“ und „aion“ auf. Begriffe, die aus der griechischen Mythologie stammen.

Da ist chronos. Der Namenspate ist der griechische Gott Chronos, er gilt als der unbarmherzige Vater der Zeit, mit einer Sichel ausgestattet. Er ist der Sohn von Himmel (uranos) und Erde (gaia). Diese drei lebten in ständiger Rivalität miteinander. Gaia hatte schließlich ihrem Sohn Chronos die Sichel gegeben, damit er seinen Vater damit kastriere. Seitdem fürchtet auch Chronos seine eigenen Nachkommen – und um einem ähnlichen Schicksal wie sein Vater Uranos zu entgehen, verschlang er vorsichtshalber seine Kinder. Chronos steht in diesem Mythos für die messbare Zeit, die in einem gleichförmigen, linearen Rhythmus verläuft und der eine zerstörerische, auffressende Qualität zukommt. „Chronisch“ hat für uns deutlich den Klang des Unentrinnbaren, Bedrohlichen.

Chronos. Das ist unsere Zeit. Die uns versklavt. Verena Kast bezeichnet den heutigen gesellschaftlichen Umgang mit Zeit als „submanisch“. Das klingt nicht nur ein bisschen krank – das ist es. 19-Stunden-Tage, ständiges Bäume ausreißen, gut drauf sein, Zeit füllen, etwas schaffen, vollbringen, Tag für Tag … das ist die Zeitvorstellung unserer Gesellschaft, und so kann man Karriere machen.

Es fällt nicht schwer, das biblische Gegenmodell zu sehen. Jesus, der nicht in dieser Linearität aufgeht, sondern rhythmisch lebt. Hart arbeitet, sich an Menschen hingibt, um sich dann auf langen Wanderungen, Mahlgemeinschaften, Feiern oder bei Rückzug in die Einsamkeit zu erholen. Dort ist der Mittelpunkt. In Begegnungen mit dem Vater und mit seinen Jüngern. Diese dienen nicht der notwendigen Erholung, sondern bilden die Basis, das Rückgrat, das Eigentliche. Jesus vermittelt uns deutlich das Bild, dass Glaube und Nachfolge Jesu nicht die Tankstelle des sonstigen Lebens ist (das wäre Religion) – sondern das Auto, in dem wir fahren. Das Land, das wir erfahren. Das Ziel, das wir ansteuern. Das ist die frohe Botschaft, dass Religion mit Jesus Christus endet und mitten im Alltag Nachfolge und Gotteserfahrung möglich werden.

Jesus lebt im chronos – und trotzdem bricht er ihn systematisch. Er kommt bewusst zu spät (nach herkömmlichen chronos-Vorstellungen), um dem sterbenskranken Lazarus zu helfen. Er bestimmt sehr bewusst, wann die Zeit gekommen ist, um zu wirken und weist (z.B. gegenüber seiner Mutter) jede Form von chronos-Druck zurück! Wenn die Häscher versuchen, Jesus zu erwischen und meinen, seine Zeit sei gekommen – so gilt das für Jesus noch lange nicht. Er geht durch sie hindurch in einer fast schon provozierenden Gelassenheit. Jesus geht nicht in seiner Zeit auf, sondern gestaltet sie auf ungewöhnliche Weise. Geprägt von Rhythmen, von ewigen Zielen, von göttlichen Momenten, an denen etwas einfach „dran“ ist. Und damit kommt „kairos“ in den Blick…

Kairos – die erfüllte Zeit und der richtige Augenblick

Den Gott Kairos stellte man sich als jungen Menschen vor, mit Stirnlocke und kurz geschorenem Hinterkopf. So huscht er an den Menschen vorbei, aber manchen ist es möglich, ihn am Schopf zu packen. Das geht aber nur, wenn man ihn kommen sieht. Er ist der Gott des rechten Augenblicks, der Zeitwende. Bei Jesus wird dieser Begriff noch anders gefüllt: als göttlicher Zeitpunkt, rechte Zeit, erfüllte Zeit. „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“ (Galater 4,4) – der kairos steht über dem Leben Jesu. Wenn wir also diesem Jesus nachfolgen wollen, sollte der Begriff des kairos mehr in unseren Lebensmittelpunkt rücken und von dort her das Leben prägen.

Jesus redet, was er beim Vater sieht (Johannes 8,38). Er tut, was er seinen Vater tun sieht (Johannes 5,19). Jesus lebt im kairos – sein Leben besteht aus heiligen Rhythmen, es ist erfüllt von kleinen und großen göttlichen, erfüllten Momenten. Jesu Verbindung zum Vater ist so eng, dass er ihn handeln sieht und in dieses Werk nur noch einzustimmen braucht. Nicht anders ist es bei uns. Die guten Werke, die wir tun sollen (täglich, stündlich) sind bereits vorbereitet, damit wir sie ausfüllen und ausführen (Epheser 2,10). Das ist keine Möglichkeit – es ist die Bestimmung jedes Kindes Gottes, denn wir sind immerhin „sein Werk“! Dazu bestimmt!

Ich atme auf, wenn ich Jesus beobachte und davon träume, wie ein Leben aussähe, dass nicht getrieben ist von Chronizität, sondern von den göttlichen, erfüllten Zeitpunkten im Kleinen wie im Großen. Das mag sich erst bedrohlich anfühlen, denn das Leben im chronos verspricht vermeintliche Kontrolle, Effizienz, Leistung. Dagegen erscheint kairos nicht machbar, nicht verfügbar, man kann den Moment nicht festhalten – nur entdecken, leben und hinterher hoffentlich feiern und genießen. Denn nichts ist erfüllender für einen Menschen, als das zu tun, was Gott vorbereitet hat. Und damit sind, wenn ich Jesus beobachte, gar nicht nur die großen Werke gemeint, die großen Reden und Wunder. Jesu Alltag ist geradezu aufgeladen, er flimmert in der Hitze der kairos-Momente! Ob er einer Frau am Jakobsbrunnen begegnet – kairos-Moment! Ob er einen auf dem Baum sitzenden Zöllner in all den Menschenmassen wahrnimmt und ihn herauspickt – kairos-Moment!

Doch wie kann das gelingen, aus dem chronos zwar nicht auszusteigen (das erlaubt unsere Welt nur bedingt und wir sind auf lineare Abläufe praktisch angewiesen!), aber durch den Fokus auf den kairos im Alltag eine ganz andere Sicht, ja, eine andere Lebensqualität zu bekommen?

Wege zum kairos

Paulus irrt durch Kleinasien. Nicht weil er verwirrt ist – sondern weil er auf den kairos-Moment wartet. Er wartet aber nicht auf dem Sofa mit der Chipstüte auf dem Bauch, er bleibt in Bewegung. Harrend. Das ist der biblische Begriff. Aktives, dynamisches Warten auf den Moment Gottes. Wer kairos (er-)leben möchte, kommt um Geduld nicht herum. Dabei ist dies eine innere Haltung, eine gespannte Aufmerksamkeit des Herzens. Das ständige Gebet „Herr, zeige mir deinen Moment, deinen Willen, deinen Weg!“. Das Hinhören auf die Antwort.

Eng verbunden mit dieser harrenden Haltung, die den modernen, vom Multitasking geschredderten Menschen vor eine echte, abenteuerliche Herausforderung stellt, ist das Hören auf den Geist. Paulus folgt dem Drängen und Hindern des Geistes. Tag für Tag. Im Gebet und immer mehr auch alltäglich als Grundrauschen auf Gott zu hören, seinen Geist, dieses leise Sprechen wahrzunehmen – das ist die notwendige Übung und leider in weiten Teilen der Christenheit kaum praktiziert. Gut, es gibt Highlights – aber das Hören auf den Geist als alltägliche Normalität? Da müssen wir hin, wenn wir Gott sehen wollen, was er tut, damit wir es tun. Wie Jesus. Ihm folgen wir nach. Darunter sollten wir es nicht machen.

Still werden. Spannungen aushalten. Harren. Den gegenwärtigen Moment wahrnehmen. Die Umstände, die Menschen. Den Geist. Hören, wahrnehmen lernen. Und schließlich: gehorchen. Eigene Pläne über Bord werfen und Gottes kairos-Momente ausfüllen. So wird der kairos Raum gewinnen in unserem Leben. Ganz gegenwärtig leben, wachsam für das, was Gott gerade „jetzt“ machen will.

Machen können wir das nicht. Nur die Welle können wir kommen sehen lernen und dann reiten. Wenn wir das mehr und mehr lernen, wenn wir im Leben von den kairos-Momenten bestimmt werden, dann wird die Zeit rhythmisch, verlangsamt sich, beschleunigt sich, wird zweckdienlich, zweckfrei, spielerisch, ernst, anstrengend, leicht … alles nach Gottes Willen. Wir, seine Kinder, dürfen uns diesem göttlichen Strom hingeben. Unsere Aufgabe ist nur: Raum schaffen, damit kairos dominanter werden kann im privaten wie im gemeindlichen Leben.

Die Klammer fällt weg: Die Ewigkeit, aion, im Herzen

Wenn wir mit kairos-Momenten als Zentrum unser Leben gestalten, tun wir damit nichts anderes als das, was wir auch in der Ewigkeit tun werden. Gottes Willen ausfüllen. Er wird uns nicht überfordern, nicht auslaugen und es gibt keine größere „Effzienz“ als die Erfüllung von Gottes Willen. Auch wenn es gerade überhaupt nicht effzient nach menschlichen Maßstäben scheint, was man da tut oder eben nicht tut. Aber muss man nicht etwas schaffen? Erledigen? Machen? Für Gott? Sollten wir ihm nicht möglichst ähnlich werden zu Lebzeiten?

Das sind ehrenwerte Sehnsüchte – die doch unserem Leistungsdenken entspringen können und vor allem, mehr als uns lieb sein kann, einem Denken in der Christenheit, das die Ewigkeit vergessen hat. Das „carpe diem“, das Hineinquetschen von intensiven Erfahrungen in die begrenzte Zeit, hat seine Ursache ja vor allemin dem engen Korsett um unser Leben, das von Geburt auf der einen und Tod auf der anderen Seite festgezurrt wird. Das ist der eng begrenzte Zeitraum, der den meisten Menschen die Luft und die Freiheit zum Leben abschnürt und die Notwendigkeit erzeugt, möglichst viel in diesen Zeitraum hineinzupressen. Wenn wir aber nun Jesus Christus nachfolgen, der vor aller Zeit war, und der in alle Zeit sein wird, dann hat das Konsequenzen!

Wir Menschen sind dazu bestimmt, mit der Ewigkeit im Herzen gelassen zu leben. Gott hat diese Sehnsucht, hat die Ewigkeit selbst in unser Herz gelegt (Prediger 3,10). Wer diese Ewigkeit nicht lebt, lebt nicht schöpfungsgemäß und brennt aus. Die unbarmherzige Klammer aus Geburt und Tod erzeugt einen dauerhaften Druck. Lösen wir diese Klammer, können wir aufatmen und den Mut finden, zu warten, zu harren, nicht alles zu machen und erreichen zu wollen.

Aus der Arbeitswelt kennt man diesen Effekt: Zwinge einen Arbeitnehmer zu längeren Arbeitszeiten, erhöhe den Druck – wird er deswegen effektiver arbeiten? Mehr schaffen? Das ist eine Illusion. Und wenn er kurzfristig mehr schafft, wird sich das langfristig rächen. Nicht anders ist es im Leben. Nimm den Druck, löse die Fesseln des Todes, atme auf. Und wo nun vermeintlich Schlendrian entstehen könnte („Ist ja eh bald Ewigkeit“), da entsteht der Freiraum, das zu tun, was wichtig ist und nicht das, was man machen „muss“ und was dringend ist! Mit Mut zur Lücke. Zur Muße.

Wie kann man in eine innere Haltung der Ewigkeit hineinwachsen? Zuerst: Sie ist ja bereits in unser Herz gelegt. Ewigkeit ist Realität, und nach jüdischem Verständnis beginnt sie nicht erst nach dem Tod, sondern hier und jetzt (genau wie die Hölle). Wir leben zwar in der Welt, aber sind nicht von ihr – wir sind bereits Bewohner und Mitgestalter des Reiches Gottes. Es gilt also etwas zu verlernen – den Wunsch, möglichst viel machen zu wollen, und etwas zu erlernen – der Ewigkeit Raum zu geben. Mir hilft dabei regelmäßig eine Frage: „Was hat diese Sache, dieses Problem für eine Bedeutung im Licht der Ewigkeit? In 10 Jahren? In 100 Jahren?“ Das relativiert manches. Und dann kann man sich immer noch dafür entscheiden, aber diesmal aus freien Stücken.

Letztlich wird die Ewigkeit in uns Raum gewinnen, wenn wir auf den schauen, der dort ist und doch genauso hier und jetzt bei dir und neben dir: Jesus Christus. Wer ihm nachfolgt und nicht nur theoretisch glaubt, sondern praktisch vertraut – der wächst hinein in dieses fruchtbare Spannungsfeld aus chronos, kairos und aion. Getragen, gelassen und göttlich effzient. Das wünsche ich mir für 2012.

Scham-los leben durch Gottes Gnade (Teil 5 der Serie: Nicht am Ar… vorbei, sondern direkt ins Herz hinein!)

Scham, besser Schamgefühl ist etwas Gutes und Natürliches. Sie zeigt an: es ist etwas schief gelaufen. Ich habe bestimmten Normen und Gesetzen nicht entsprochen. Wie gut, dass wir das merken und nicht schamlos unser Ding machen (heute häufig: das Gesetz bin ich!). Aber ein paar Dinge fallen auf…

(Einschub für alle Neueinsteiger: Diese Reihe (die hier startet) will frommes Verhalten hinterfragen. Allzu oft ist das Evangelium nicht ins Herz gegangen, hat nicht die verletzten und wunden bzw. sündigen Wurzeln des Seins erreicht. Die Folge: Frommes Verhalten, das nach außen gut aussieht, dessen Motivation aber von Angst, Konformismus und Gruppendynamik geprägt ist. Gott ist das ein Gräuel. Er will geistliches Leben, das übernatürlich Freude, ja Spaß (pfui!) macht, in die tiefe Beziehung zu Gott führt und seine Kraft aus dem Heiligen Geist und aus einem zunehmend vom Geist geprägten und geheilten Wurzelwerk geprägt ist. Das dahinter stehende biblische Bild ist das des Baumes, der seine Wurzeln an der richtigen Quelle hat und immerzu Frucht trägt. Dessen Blätter nicht verwelken. Danach sehne ich mich. Das treibt mich um! SCHAM ist eine solche verletzte und faule Wurzel, die unser Glaubensleben verseucht…)

  • Scham war ursprünglich nicht vorgesehen zwischen Gott und Mensch. Adam und Eva hatten weder vor Gott noch voreinander Schamgefühle. Erst die Sünde – die Trennung von Gott erzeugte Scham. Wenn also Christus den Frieden zwischen Gott und Mensch wieder herstellt – was bedeutet das konkret?
  • Es gibt eine überdrehte und überempfindliche Scham, die unser Leben blockiert. Normen, die uns aufgepropft worden sind, die aber letztlich antichristlich sind! Man schämt sich: Schwäche zu zeigen, zu versagen, depressiv zu sein, anders zu sein, aus dem Rahmen zu fallen. Sind das wünschenswerte Normen und ist diese Scham göttlich? Nein – sie ist teuflisch und knebelt den Menschen!
  • Es gibt sogar eine Form von Christentum, die die Scham nutzt, um Menschen klein zu halten und zu versklaven. Da wird frommer Druck ausgeübt. Scham erzeugt…
  • Gott möchte uns zu einem im besten Sinne schamlosen, also kindlich gelassenen Leben verhelfen… das ist die Freiheit des Christenmenschen! Liebe Gott über alles und deinen nächsten wie dich selbst – und der Rest ergibt sich… (das EINE Gebot Jesu…)
  • Wie viele Menschen schämen sich wegen Versagen, wegen starker Gefühle, wegen Verletzungen, wegen sozialer Normen (das macht man so im Dorf, in der Familie)… beobachten wir Jesus – kennt er nur eine Norm: Gott. Seinen Vater! DAS ist Freiheit.

Ich bin der Überzeugung, dass die Freiheit in Jesus zur inneren Freiheit gegenüber Menschen führt. Der Apostel Paulus geht sogar soweit, dass er nicht mal mehr sich selbst verurteilt, geschweige denn sich von anderen Menschen verurteilen lässt. Er verweigert sich inneren und äußeren Stimmen bis auf eine: Jesus selbst (1. Korinther 4,1-5). Im Angesicht Gottes wird jede falsche Scham verstummen:

Psalm 34,5-7: Ich suchte die Nähe des Herrn – und er hat mir geantwortet: Er rettete mich aus aller Angst. Alle, die zu ihm aufschauen, werden strahlen vor Freude! Nie werden sie beschämt sein. Als es mir schlecht ging, rief ich zum Herrn. Er hörte mich und befreite mich aus aller Not.

Was also praktisch tun?

  • Verweigere dich dem Druck schamerzeugender Normen, die nicht biblisch fundiert sind (und pass bei den biblischen auf, dass sie nicht dem Gesetz entspringen, sondern der Gnade).
  • Verweigere dich inneren Anklägern.
  • Schaue auf Gott. Immer und überall als innere Haltung.
  • Suche dir einen seelsorgerischen Begleiter, der alte Scham-Bindungen mit dir zusammen ans Kreuz bringt und löst.
  • Werde radikal offen und transparent. Nicht vor allen Menschen. Fang klein an. Weite dann den Personenkreis aus, vor dem du offen zu Dingen stehst und dich ein Stück verletzlich machst.
  • Lass dich nicht von diesem Artikel zwingen, irgendetwas leisten zu müssen bezüglch Offenheit. Ich will keine neue Scham erzeugen, wenn du diesen Worten nicht folgst. Folge Jesus Christus. Öffne dein Herz. Schaue auf ihn und nicht auf Menschenmeinung. Auch nicht auf meine. Prüfe diesen Artikel.

Gott wurde Mensch. Mach es ihm nach. Sei DU! Vor Gott und den Menschen.

Schwach sein erlaubt! Kämpfen auch! (TEIL 4 DER SERIE „NICHT AM AR… VORBEI, SONDERN DIREKT INS HERZ HINEIN)

Warum sind wir dem Evangelium gegenüber so abgebrüht? Seit dem ersten Teil dieser Serie haben wir das erkundet und festgestellt, dass der Glaube auch die Wurzeln, unser Herz erreichen und transformieren muss – und das selten genug tut. Nachlegen kann da wahrscheinlich jeder Christ…

Mit dem Bild des Baumes, der Wurzelprobleme (die den Herzensglauben verhindern) und der verdrehten geistlichen Lebensweise (die sich aus den Wurzelproblemen speist, aber trotzdem sehr fromm aussehen kann…) sind wir dem Geheimnis näher gekommen, warum wir alles so “normal” finden und uns das Staunen abhanden gekommen ist. Die geistlichen Blätter nehmen das Evangelium nur unzureichend auf, die ungeheiligten Wurzeln verhindern die Nährstoffaufnahme durch den Boden des Heiligen Geistes… Stillstand bzw. sehr begrenzte Aufnahme von allen Seiten… anstatt überquellende Kraft und immergrüne Blätter und Frucht, die wie von selbst entsteht…

Ich möchte in diesem Intermezzo kurz auf die Frage eingehen: Bedeutet denn Glaube, der durchs Herz geht, dass es mir immer gut gehen muss? Immer währende Freude? Letzteres JA! Eindeutig. Sonst würde uns Paulus nicht dazu auffordern. ABER. Großes Aber: wie definiert man diese Freude?

Freude, die von innen kommt, stammt aus dem Herzen Gottes, entspringt im Heiligen Geist und ist von den Umständen unabhängig. Sprich: Mitten im Leid, mitten im Kampf, mitten in schwierigen Umständen ist eine tiefe Geborgenheit und Freude in Jesus Christus erfahrbar.

In einer hedonistischen Welt wird daraus schnell der Kurzschluss gefolgert: Immer währende Freude, erfüllt sein von Gott – das bedeutet doch, dass es mir immer gut geht, dass mein Leben gelingt, alles gesegnet ist (nach meinen Vorstellungen selbstverständlich). Das ist ein Irrtum. Ein individualistischer Kurzschluss! Die meisten Christen, die andere mit ihrem tiefen Glauben inspiriert haben – waren auf der anderen Seite geschlagene, gebeutelte, leidende Kinder Gottes. Und trotzdem “siegreich” und voller Freude.

Die Begründung dafür findet sich im Herzen Gottes. Wir durchleiden Situationen, Seelenkämpfe, Krankheiten – was auch immer – um sie an Gottes Hand zu bestehen und dann anderen genau an diesem Ort Hilfe und Beistand zu sein (2.Kor 1,4: Auch wenn ich viel durchstehen muss, gibt er mir immer wieder Mut. Darum kann ich auch anderen Mut machen, die Ähnliches durchstehen müssen. Ich kann sie trösten und ermutigen, so wie Gott mich selbst getröstet und ermutigt hat). Gott hat immer den ganzen Leib im Blick. Er macht uns nicht zu geheilten, stets lächelnden Übermenschen – sondern genau wie Jesus selbst – gehen wir in die Tiefe, erleben DORT Gott und Gottes Eingreifen und Nähe und können dann mit dieser Erfahrung anderen nahe sein, die dasselbe erleben.

Genau wie Gott Mensch geworden ist, um in allem versucht zu werden, um alle Schwachheiten zu verstehen, um uns zu begegnen, egal wie tief wir sind – genauso gilt dieser Auftrag auch uns. Und das finde ich immens tröstlich. “Wie der Vater mich gesendet hat – so sende ich euch!” (Joh 20,22). Wir stehen nicht über unserem Herrn. Es geht nicht um Leidverliebtheit – aber das, was uns Gott zumutet, soll dazu dienen, es zu durchleben und zu bestehen und dann anderen hilfreich zu sein und zu dienen. Jesus hat es gemacht. Wir sollen es machen.

Und IN all dem ist: Freude, Begeisterung, Jubel. Manchmal mitten im Leid. In der Welt – aber nicht in ihr beheimatet – Leben im Riss – Spannungsfelder. Da will uns Gott. Da tanzen wir auf der Fontäne. Da ist es anstrengend – aber da ist es auch unglaublich dynamisch.

Wir sollen nicht zu verwöhnten Prinzen und Prinzessinnen werden – wir sind Königskinder, die auf Augenhöhe mit den Leidenden dieser Welt den Weg zu Gott weisen.

Warum lauwarm keine Option für einen Christen ist (Teil 3 der Serie “Nicht am Ar… vorbei, sondern direkt ins Herz hinein)

(Lustig und hochspannend, wie sich ein solches Thema entwickelt… work in progress… ;-) – also…)

Wir haben festgestellt, dass wir allzu oft der frohen(!) Botschaft gar nicht allzu froh gegenüberstehen, sondern kalt. Abgebrüht. Nüchtern. Und dass da etwas nicht stimmt. Am Beispiel von Gebet und Leistungsdenken wurde klar: Es gibt eine Form des Glaubens, die das Herz nicht erreicht und transformiert. Das Ergebnis ist mehr oder weniger eine “Glaubenssimulation”.

Gott verlangt keinen “perfekten” Glauben – aber wir verpassen das Schönste: Dass uns der Glaube berührt, verwandelt, begeistert… – haben wir allerdings einen “Baum des Glaubens”, dessen Wurzeln nie erreicht wurden, dann ist das kein Wunder… dann ist Glaube anstrengend, mühsam… letztlich: eine Religion, auf die man gut verzichten kann…

Aber muss das wirklich sein? Diese… Begeisterung? Ist das nicht alles zu… extrem? Sorry – es muss sein!

  • Die Botschaft von Kreuz und Auferstehung ist radikal und trennt. Für die einen ist es Freude, Jubel und Freiheit, sie ist Dynamit (so wörtlich übersetzt!) – für die anderen ist es ein riesiger Blödsinn und ein Ärgernis, so sagt es Paulus (1.Kor 1,18ff).
  • Jesus ist entweder der Stolperstein, den man verflucht, der verworfen wird… oder der Eckstein, der alles zusammenhält…(Mt 21,42)
  • C.S. Lewis betont, dass Jesus entweder Gottes Sohn selbst ist.. oder ein riesiger Scharlatan… eine Option dazwischen gibt es nicht. Wenn er aber der Messias ist und man dieses “be-greift” – dann kann das nicht lauwarm oder kalt lassen…
  • die Apostel jedenfalls können gar nicht anders, als davon weiter erzählen. Ihnen läuft ihr Herz über… und wovon das Herz voll ist, davon muss man reden (Mt 12,34). Wenn wir lauwarm sind… keine lebendige Begeisterung kennen… dass sagt das etwas über das Herz aus… da sind die Wurzeln nie erreicht worden…

So erleben wir beides: Menschen, die begeistert sind und das Evangelium aufnehmen – Menschen die gleichgültig sind und mit den Schultern zucken…(Areopag; die Menschen nach der Bergpredigt, die sich abwenden…)

Selbst körperliche Heilung löst nicht automatisch Begeisterung aus, Wunder erzeugen keinen Glauben, das verstandesmäßige Durchdringen auch nicht… Gottes Wort ist keine Magie, sonst könnte man mit einem großen Megafon das Evangelium über Deutschland verkünden und die Christen würden von den Bäumen fallen…

Den Unterschied macht das bereitete, das offene Herz… (deswegen sind Menschen in Schlüsselsituationen, Grenzsituation und in Not bereiter, die frohe Botschaft zu hören…)

Aber bei Christen? Du bist jetzt gemeint, wenn du dich zu Jesus Christus hältst…. da sollte das Herz erreicht sein, Berührung, Offenheit, Begeisterung immer spürbarer im Leben werden. Eine Freude, die von innen kommt und die keiner nehmen kann, selbst Gefangenschaft nicht. Davon spricht Paulus, das ist: der Maßstab.

Lauwarm sein ist keine Option. Und es ist gefährlich. Das macht das Sendschreiben an Laodizea deutlich, das oft falsch ausgelegt wird. Denn es geht nicht ums heiß sein für Jesus – es geht um etwas viel Gefährlicheres…

Ich weiß, wie du lebst und was du tust; ich weiß, dass du weder kalt noch warm bist. Wenn du doch das eine oder das andere wärst! Aber weil du weder warm noch kalt bist, sondern lauwarm, werde ich dich aus meinem Mund ausspucken. (Offenbarung 4, 15f)

Laodizea hatte mit einem bedeutenden Mangel zu kämpfen: seine Wasserversorgung. Die Stadt wurde über ein 10 km langes Aquädukt mit Wasser aus dem Süden versorgt. Das Wasser stammte entweder von Thermalquellen und kühlte bei seiner Beförderung auf lauwarm ab oder kam von einer kühlen Quelle und wurde im Aquädukt warm. Die Einwohner hatten wohl überwiegend laumwarmes Wasser zu trinken. Bäh!!!! Das „heiße“ Wasser war vermutlich eine Anspielung auf auf die berühmten Thermalbädern von Hierapolis, die ca. 10 km nördlich von Laodizea lagen. Mit dem Wort „kalt“ mag das kühle Wasser zu Kolossä gemeint haben, nur 16 km östlich von Laodizea…

Es geht also nicht darum, heiß zu sein… es geht darum, nah an der Quelle zu sein! Und lauwarm zu sein, das bedeutet: du hast dich von der Quelle entfernt!!

Das ist hochgefährlich. Wenn du also abgebrüht und ungerührt als Christ durch die Gegend stapfst – dann kann dich das nicht ruhig lassen!!!!

Ich wünsche dir eine heilige Unruhe!