It’s all about location oder: Wenn dich Dinge in die Dunkelheit stürzen

tree-400291_640Ihr aber seid das erwählte Volk, das Haus des Königs, die Priesterschaft, das heilige Volk, das Gott selbst gehört. Er hat euch aus der Dunkelheit in sein wunderbares Licht gerufen, damit ihr seine machtvollen Taten verkündet. (1.Petrus 2,9; GN)

Ich öffne mein email-Postfach, es ist vor acht Uhr und mir flattert eine email entgegen, die mich in die Dunkelheit schubst. Ich lese ungerechte Vorwürfe, die mich treffen. Ich kann mich kaum wehren – wenn jemand anders dich so wahrnimmt, was willst du dagegen sagen? Aber dann spüre ich etwas Anderes. Ich werde ja nicht nur passiv geschubst – ich lasse mich auch schubsen. Natürlich verletzen ungerechte harte Worte und das muss man auch nicht klein reden. Das darf so sein. Aber kann ich gesunde Grenzen setzen? Mich abgrenzen ohne mich zu verleugnen mit meinen berechtigten Empfindungen?

Entscheidend erscheint mir in dieser Frage der ORT, an dem ich bin. Es wird dann für mein Herz gefährlich, wenn ich mir dieses Ortes nicht mehr bewusst bin, sondern selbst anfange zu strampeln und zu kämpfen. Aber es ist geht immer um den Ort – nicht um uns. Wo sind Christen? IN seinem wunderbaren Licht. Dorthin sind sie berufen. Dieser Ort öffnet uns den Mund zum freien Reden und machtvolle Taten erleben und verkünden. An diesem Ort empfangen wir aus Gnade die Identität des Königskindes. Priester! Erwählt! Heilig! Unabhängig von Gefühlen, Fehlern, Fehltritten. Wenn der Teufel angreift – dann das Bewusstsein des Ortes, an dem ich bin. Zu oft lebe ich, als wenn mein Verhalten, meine Umstände diesen Ort verändern könnten. Stattdessen darf ich im Bewusstsein des Ortes IM Licht leben – damit meine Umstände und mein Verhalten verändert wird. Das ist Gnade. Für den heutigen Tag. Auch wenn es innen drin weh tut.

Das Geheimnis Gottes oder: Neu staunen lernen verändert deinen Blick

kermit-64520_640Den Menschen früherer Generationen hatte Gott keinen Einblick in dieses Geheimnis gegeben, doch jetzt hat er es den von ihm erwählten Aposteln und Propheten durch seinen Geist offenbart. (Epheser 3,5; NGÜ)

Ich genieße einen Moment bei meinen Kindern besonders: Wenn sie etwas zum ersten Mal sehen! Da bleibt der Mund offen stehen und die Augen werden aufgerissen! Boah! Ist das toll! Zum ersten Mal auf einem Hochhaus. Zum ersten Mal fliegen. Wahnsinn! Kindliches Staunen ist etwas Herrliches! Ich befürchte, wir haben es verlernt. Und ich befürchte auch, dass das Neulernen des Staunens eine wichtige Zutat für einen lebendigen, fröhlichen Glauben ist. Ja, ich gehe darüber hinaus: Für ein Leben mit Perspektive Ewigkeit – und nicht Dunkelheit. Der Apostel Paulus spricht vom Evangelium als Geheimnis! Dem wohl größten Geheimnis der Welt. Wir dürfen es in Besitz nehmen und werden doch die gesamte Lebenszeit und bestimmt auch die Ewigkeit damit zu tun haben, Gott immer weiter zu entdecken. Jesus spricht ja selbst davon, dass sein Geist uns weiter hinein führt in die Wahrheiten und Offenbarungen des Lebens mit ihm! Ist das spannend? Absolut!

Dabei sind in Christus alle Geheimnisse verborgen und wer mit ihm lebt, der darf sie enthüllen – Stück für Stück. Was wäre das für eine Perspektive auf ein neues Jahr, ein neues Lebensjahr, einen Lebensabschnitt, der vor einem liegt oder einfach nur: auf einen neuen Tag? Da wartet ein Geheimnis, ein Abenteuer! Kein gefährliches Niemandsland – sondern „nur“ das Universum, aber eben mit dem wilden, aber sicheren Gott im Zentrum. Dieses Geheimnis ist so umfassend, so tief, so weit, dass es ein Leben lang spannend bleibt! Es ist Zeit, neu Staunen zu lernen. Es verändert die Perspektive. Boah! So will ich durchs Leben gehen. Mit offenem Mund.

Licht für dich in der Dunkelheit

victims-69535_640Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein großes Licht; für alle, die im Land der Finsternis wohnen, leuchtet ein Licht auf. (Jesaja 9,1; GN)

Dunkelheit lässt sich nur indirekt definieren: als Abwesenheit von Licht. Dunkelheit trägt einen tieferen Sinn in sich: Sie weist auf das Licht hin und kann es nicht besiegen. Ich erinnere mich an meine Bundeswehrzeit, in der man uns bei einer Nachtwanderung demonstrierte, wie eine einzige entzündete Zigarette in der finsteren Nacht alles verrät. Sie ist einfach nicht zu übersehen. Es braucht keinen Suchscheinwerfer, keine Explosion an gleißender Helligkeit. Ein kleines Kind mit Angst vor dem Dunkel der Nacht benötigt nur eine kleine Funzel, dann geht der Puls herunter und Schlaf wird möglich. Trost durch ein kleines Licht in großer Dunkelheit. So weckt die Dunkelheit – richtig verstanden – eins: die Sehnsucht nach dem Licht.

Am Anfang eines Jahres, einer neuen Lebensphase, nach einer schweren Zeit kann es dunkel sein. Mag sein, dass da gute Vorsätze sind, mit denen wir dann versuchen, Licht „in die Sache“ unseres Lebens zu bringen. Aber Vorsätze sind wankelmütige, flackernde Irrlichter. Ihre Energie hängt einzig an unserer Disziplin, unserem guten Willen. Was ist, wenn die Energie nicht reicht? Wenn die Dunkelheit mit kalten Fingern nach uns greift – und gewinnt? Dann sind die Gute-Vorsatz-Lichter erloschen und es wird klamm. Die Prophetie aus dem Propheten Jesaja weist auf ein anderes Licht hin. Jesus Christus wird sie erfüllen – aber er wird nicht als großes Licht kommen, sondern als kleines, behutsames Licht. Aber: ein ewiges Licht, unauslöschbar. Vielleicht wäre es an dieser Stelle der beste Vorsatz, sich ganz an dieses Licht zu halten. Diesen Vorsatz brauchen wir nicht zu erfüllen – das macht Jesus selbst.

Rasenmäherweisheiten gegen das Ausbrennen! (Entwurf Radioandacht WDR)

rush-361452_640Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer! Auch wenn heute Sonntag ist und somit Ruhe gesetzlich verordnet ist, reden wir mal übers Rasenmähen! Ich erzähle Ihnen mal ganz persönlich, wie einer dieser ganz modernen und von Natur aus eher weniger intelligenten Mähroboter mich etwas sehr Wichtiges gelehrt hat. Klingt seltsam? Ist es auch. Doch der Reihe nach.

Dieses Rasenmähen ist mir in den letzten Jahren richtig verleidet worden. Unser Rasen ist in einem Neubaugebiet und gleicht eher einen Wildblumenwiese, besser Wildunkrautwiese inklusive Disteln, Löwenzahn und diversen wuchernden Bodendeckern. Da macht Rasenmähen keinen Spaß. Zumal eine Katze aus dem Viertel unseren Garten zum Katzenklo erkoren hat und ich dadurch gerne mal über stinkenden Tretminen fahre und diese mit zerschreddere. Bah! Keine wahre Freude. Wie kann man sich diese Arbeit erleichtern?

Da gibt es seit einiger Zeit: Mähroboter. Diese fahren selbstständig andauernd über den Rasen und mähen ihn ganz automatisch. Haben Sie so einen schon mal bei der Arbeit gesehen? Ich letztens schon und das sieht erst mal ziemlich albern aus. Denn diese Mähroboter fahren nach dem Zufallsprinzip einfach dauernd kreuz und quer über den Rasen und mähen. Wie von Geisterhand geführt. Ganz ernst nehmen kann man sie dann doch nicht, aber mich hat das dann doch fasziniert! Woher wissen die, wie sie fahren müssen bzw. wie weit sie fahren sie müssen? Warum rumpeln die nicht dauernd in irgendwelche Beete? Also mal kundig machen!

Bevor das Maschinchen sich in Bewegung setzen kann, muss man eine sogenannte Induktionsschleife verlegen, die den äußeren Rand des zu mähenden Gebietes markiert. Das ist ein dünner Draht, durch den ein schwacher Strom fließt. Der Mähroboter merkt dann: Hier ist eine Grenze, nicht weiter fahren, sondern umdrehen. Und das macht er dann auch. Innerhalb dieser gegebenen Grenzen ist dem Ding eine große Freiheit gegeben! Nicht übel das System. Aber wie kriegt es Energie? Nun – es fährt tapfer kreuz und quer über den Rasen und macht seinen Job, ziemlich chaotisch und dennoch auf Dauer eben überall. Sowie der Akku leer ist, passiert etwas Nettes. Der Mähroboter zockelt zurück zu seiner Ladestation und lädt sich auf und sowie er wieder Kraft hat, geht der Spaß von Neuem los. Das ist das ganze Geheimnis. Dadurch dass der Mähroboter dauernd arbeitet, ist die Arbeit von dem Kleinen gut zu leisten. Halt dauernd einen halben Zentimeter mähen statt einmal die Woche 4 Zentimeter.

Da stand ich nun im Nachbargarten und schaute mir dieses Ding an. Gut – das Geld reicht dafür nicht, aber das Prinzip war genial und geradezu vorbildlich. Gerade für gestresste Menschen. (1) Lieber gleichmäßig arbeiten und dafür leicht, als Arbeit anhäufen lassen und dann ab und an einen Riesenberg beseitigen. (2) Unser Leben braucht gesunde Grenzen, die uns sagen, wo wir drohen in ein Beet fahren und nicht weiter kommen. Gott markiert gesunde Grenzen aus Liebe zu uns. Ein freier Tag pro Woche, Muße zwischendurch, Gemeinschaft von Christen, die aufbaut, Ernährung, die frei ist von ungesunden Abhängigkeiten und vieles mehr. Gottes Grenzen wollen uns nicht knechten, sondern unser Leben aufbauen. (3) Die Ladestation. Und da bin ich nachdenklich geworden. Pause ist ja gut, aber lade ich auf? Das kann Schlaf und gute Nahrung sein, Menschen, die mir wohl tun – aber meine Seele braucht Gott. Ansonsten entsteht ein Vakuum, das sich gerne falsch füllt. Wenn mein Glaube keine Kraft schenkt, tröstet, aufbaut, ermutigt – dann wird es Zeit, diesem Aspekt Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag, eine offene Ladestation und wohltuende Grenzen. Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Fürbitte – eine Reformation vom Herzen Jesu her

girl-15599_640Zwanzig Jahre meines Unterwegsseins mit Jesus habe ich mit dem Gebet nach außen gekämpft. Egal ob es um das persönliche Gebet ging oder um die Gebetsgemeinschaft – das fürbittende Gebet erschien mir reizlos, langweilig, anstrengend, bemüht. Eine Einbahnstraße. Bestenfalls eine Pflichterfüllung. Gut – hier und da gab es Gebetserhörungen, die je nach Wesensart (eher strukturiert, systematisch) noch in einem Notizbüchlein notiert wurden, quasi wie eine Wildtrophäe nach vollbrachter Jagd und gelungenem Fangschuss. Mich hat das immer abgeschreckt…

Doch ich bin nicht der Maßstab. Mein Empfinden ist bestimmt auch subjektiv und biographisch. Doch etwas von diesem Empfinden schien sich in diesen zwanzig Jahren auch in der christlichen Allgemeinheit langsam durchzusetzen. Gebetsabende, Allianzgebetswochen wurden und werden weniger besucht, unter jungen Leuten finden kreative Gebetsformen wie 24/7-Gebet Anklang, die “klassische” Gebetsgemeinschaft, aber auch die Fürbitte im eigenen Gebet? Schwierig. Manche mögen behaupten, da gebe es keinen Gebetskampf mehr, das sei Anfechtung, mangelndes Pflichtbewusstsein. Aber das greift zu kurz. Natürlich ist die Leidensbereitschaft, an einer geistlichen Übung festzuhalten, im fragmentierten Medienzeitalter nicht mehr so leicht zu entdecken. Aber ist das nur schlecht? Wenn aus dem Gebetskampf nur -krampf wird?

Was ist Gebet zuerst? Beziehung. Beziehungspflege. Wenn nun mehr und mehr Menschen im Gebet diese Beziehung nicht mehr erleben und stattdessen das Empfinden haben, zweifelsohne wichtige Anliegen herunter zu beten – dann stellt das eine grundlegende Frage: Haben wir fürbittendes Gebet richtig verstanden? Ich denke, das fürbittende Gebet, das Gebet nach außen, braucht eine Reformation von innen her, vom Herzen Jesu her. Das Gebet nach innen und nach oben ist der Vorläufer des Gebets nach außen – nicht das Sahnehäubchen, nachdem man das Gebet nach außen eingeübt hat.

“Wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen, irgendeine Sache zu erbitten, so wird sie ihnen werden von meinem Vater, der in den Himmeln ist.” (Mt 18,19, ELB). Ein bekannter Vers der Verheißung auf gemeinschaftlichem Gebet. Doch was sagt dieser Vers genau? Dass wir um etwas bitten, über das wir uns einig geworden sind. Da treffen sich also ein paar Menschen – mindestens zwei – und fragen sich: Was wollen wir beten? Da gibt es keine fertigen Anliegen! Es gilt herauszufinden, was Gott in diesem geistlichen Kampf, der um diese Welt zwischen Himmel und Erde tobt, für ein Herzensanliegen hat. Also fragen wir ihn! Hören auf sein leises Reden in uns. Geben Eindrücke weiter. Werden still, rücken an sein Herz. Erkennen unser Herz – ja, auch das ist notwendig, damit wir nicht “Dein Reich komme” beten und eigentlich meinen: “Mein Reich komme”. Wer sein Herz nicht kennt und bei seiner Realität angekommen ist, projiziert unweigerlich.

Das gilt auch für das fürbittende Gebet in der persönlichen Stille. Dem Unser-Vater geht die Aufforderung voraus, in die innere stille Kammer zu gehen. Die ersten Bitten lauten dann auch: “Dein Reich komme, dein Wille geschehe – überall! Im Himmel und auf Erden!”. Was heißt denn das? Das vor den konkreten Bitten mitten aus dem Alltag ein Hören und still werden steht, um zu wissen, was Gottes Reich und sein Wille gerade jetzt und hier bedeuten! Aus diesem Ahnen heraus erwächst das fürbittende Gebet. So verstanden stimmen wir dann (nur?!) ein in das Herzensanliegen Gottes und werden erstaunlich, manchmal erschreckend konkret auf die persönliche und gemeinschaftliche Situation bezogen. Da wird Fürbitte zum Abenteuer, in das Beten des Geistes vom Herzen her einzustimmen.

Mit erscheint Fürbitte ohne dieses stille und nach innen und oben gewandte Grundrauschen wie das Bemühen eines Ehemannes, an einem Abend einfach mal alle Tipps aus dem “So verwöhnen Sie Ihre Ehefrau”-Ratgeber über der Holden auszukippen. Die darunter verständlicherweise mindestens erstaunt zusammenbricht, normalerweise irritiert bis verärgert reagiert. Warum? Weil es nicht um Allgemeinplätze geht. So konkret und weise diese auch sein mögen – sie entwickeln erst ihre Kraft, wenn sie passgenau zur Situation dieser Ehe passen. Was helfen Verwöhnwochenenden und Geschenke, wenn das Manko einer Ehe das verletzliche, offene Gespräch ist? Dann braucht es nur die Umsetzung dieses einen Ratschlages: Sich Zeit zu nehmen und ehrlich zu werden – und sei es ehrlich über die eigene Unfähigkeit, verletzlich und ehrlich zu werden.

Nicht anders ist es im fürbittenden Gebet – wenn wir nicht das Herz Gottes, unser Herz (oder das unserer Gruppe/Gemeinde/Kirche) und die Bedürfnisse unserer Gesellschaft kennen, können wir nicht konkret beten. Dann wird es langweilig. Bestenfalls. Solches Gebet immunisiert uns gegen das Abenteuer der Fürbitte. Ich gehe aber davon aus: Wenn Gott mich sieht, meine Gemeinde, in der ich lebe, mein Ort, in dem ich wohne – da brennt ihm das Herz an einigen Punkten. Dieses Brennen will ich erfragen, erahnen, erbitten zu erfahren. Darin möchte ich einstimmen. Und so mit dafür sorgen, dass aus dem Brennen des Herzens ein Stück himmlische Realität auf Erden wird. So ist Fürbitte, die aus der Anbetung und der Stille beim Herzen Jesu erwächst. Voller konkreter und verändernder Kraft. Aus Kontemplation und Anbetung erwächst das Wunder der kraftvollen Gebets. So wird die fast schon gewagte Verheißung Jesu konkret: Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen. (Joh 15,7, ELB).

 

Gott fotografiert mich! (Radioandacht für Radio Salü)

thunderstorm-63205_640Was für ein heftiges Gewitter! Blitz und Donner wechseln sich ab und der Regen prasselt mit Getöse auf das Vordach des kleinen Reihenhauses. Die Eltern denken an ihre kleine, vierjährige Tochter und machen sich Gedanken, ob diese vielleicht in Panik geraten könne. Der Vater schleicht sich rauf ins Kinderzimmer und öffnet die Tür einen kleinen Spalt und lugt hinein. Im Bett: Niemand! Da reißt er die Tür auf und sieht zu seinem Erstaunen ein denkbar gut gelauntes Mädchen vor dem offenen Fenster posieren wie ein Model. Draußen zucken die Blitze und der Donner kracht nur so. „Was bitte machst du da?“ fragt der Vater entsetzt. Und die Kleine erwidert strahlend: „Ich glaube, Gott versucht gerade ein Foto von mir zu machen! Mit Blitzlicht!“

Diese Geschichte, die Tony Campolo von einem Freund erzählt, hat mich tief bewegt. Wie selbstverständlich weiß dieses kleine Mädchen etwas von seinem unschätzbaren Wert! Dass sie in den Augen Gottes etwas ganz Besonderes ist. Im Alten Testament spricht Gott den Menschen zu, dass er sie bereits im Mutterleib gekannt und gewollt hat. Keiner ist ein Zufallsprodukt. Keiner darf aufgrund von Aussehen, Behinderung oder Geschlecht abgewertet werden. Denn jeder Mensch ist ein Einzelstück und von Gott gleich liebevoll angesehen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Mensch ein Geschöpf ist, das in eine strauchelnde und seufzende Welt hineingeboren wird und sich Gott bewusst zuwenden muss, um Frieden mitten in diesem Chaos zu finden. Ja, wir werden verwundet, wir verwunden andere, wir werden von dieser Welt gebeugt, manchmal leider auch gebrochen. Vielleicht ist die Nase zu lang und das Ideal weit entfernt. Wir dürfen von Gott her in den Spiegel schauen und die Worte aus Psalm 139 nachbeten und uns ins Gesicht sprechen: „Herr, ich danke dir, dass ich so wunderbar gemacht bin.“. Was für eine befreiende Botschaft!

Dein Herz – und seine offenen Ohren (Meditation 1)

heart-200815_640Dein Herz ist zentral – aber gespalten

Wenn du dem Herzen Jesu begegnen willst, geschieht das über dein Herz. Die Bibel spricht von “Ohren des Herzens”, die wahrhaftig hören und nicht nur akustisch wahrnehmen. Dabei meint Herz ursprünglich im Hebräischen Wesenskern. Verstand, Wille, Gefühl. Die Ganzheit des Wesens im seelischen Bereich. In unserer Kultur ist das Herz in seiner Gefühlskomponente in Verruf geraten. “Ich denke also bin ich” – das ist der Glaubenssatz unserer Kultur seit Jahrhunderten. Dies hat einerseits zu einem Intellektualismus geführt, der den Verstand überbetont und überfordert. Auf der anderen Seite steht eine Überbetonung des Gefühls, die aber als Gegenbewegung nur bestätigt, dass es zu einer ungesunden Aufspaltung zwischen Verstand und Gefühl gekommen ist und wir uns nach Ganzheit sehnen. Das Herz als Zentrum des Erkennens und Heilens, als Ort der Begegnung mit Vater Gott, dieses Herz ist gespalten. Verstand und Gefühl gehen vollkommen verschiedene Wege des Erkennens und beide sind nötig – Hand in Hand – damit wir heilen und reifen. Der Verstand versteht – das Herz (ab hier im Sinne von Gefühl, Phantasie, Empfindung gebraucht) erkennt und erlebt. Erst diese Herzensebene verwurzelt unser Verständnis. Ein Glaube ohne Erfahrung ist tote Orthodoxie. Ein Erleben ohne Verständnis wird beliebig und angreifbar für Manipulationen der sichtbaren und unsichtbaren Welt.

Dein Herz ist manipulierbar geworden

Im Laufe der letzten Jahrhunderte ist gegenüber dem Herzen als Organ tiefster Empfindungen großes Misstrauen entstanden. Die gegenwärtige manchmal kopflose Gefühlsduselei scheint das zu bestätigen und vertieft somit die Trennung zwischen Kopf und Herz. Kann es sein, dass wir auch deswegen so anfällig für Manipulationen jedweder Art sind, weil wir unser Herz nicht mehr auf Gott ausgerichtet haben und die Ohren des Herzens ungeschult sind? Wenn sich die Ohren des Herzens nicht mehr auf Gottes Gegenwart und Reden einstellen können, sind sie geöffnet für alles was kommt. Wir sind wie ein Radioempfänger, der sich für alle Frequenzen gleichzeitig öffnet, anstatt eingestellt zu sein auf die Frequenz Gottes. So werden wir überflutet – anstatt gefüllt zu werden. Wir werden gestopft – anstatt genährt. Doch dieser Prozess ist nicht unumkehrbar. Gott selbst hat uns alle Hinweise gegeben, wie unser Herz wieder zum Vaterherz kommen kann. Er ist Fachmann aus schmerzhafter Erfahrung mit unserem gespaltenen Herzen. Oft genug hat sich das Herz seines Volkes abgewendet und anderen Verlockungen zugewendet. Immer wieder wurde der schnelle Herzenskick der Götzen der tiefen, erfüllenden, aber auch radikal authentischen Begegnung mit dem Herzen Gottes vorgezogen. Der Weg zurück zur Begegnung unseres Herzens mit dem Vaterherzen, das dort in Jesus am Kreuz zu finden ist, dieser Weg ist offen. Immer noch. Doch Vorsicht: Es ist ein Weg der offenen Rebellion gegen alle anderen Herzensfüller. Aber auch ein Weg gegen tief verankerte falsche Theologie…

Dein Herz ist gut

Denn die Kopfbetonung des Glaubens ist längst in unsere DNA übergegangen. Wir lesen die Bibel als Informationsquelle (und nicht mit Ohren des Herzens), wir wissen viel über Gott, aber es sind Worte. Nur selten gefüllt mit Erfahrungen. Diese sind dann Highlights, die wir reproduzieren wollen – und damit genau echtes gegenwärtiges Erleben Gottes verhindern. Dazu kommt, dass auch theologisch lange Misstrauen gegen das Herz gesät wurde. Es ist unergründlich (was unserem Kontrollbedürfnis zuwiderläuft). Es ist böse von Anfang an. Was musste sich das Herz alles anhören? Klar ist: Wir tragen in unserem Herzen ein altes, falsches Selbst. Dieses Selbst ist losgelöst von Gott, verwundet vom Leben, verkrümmt vor Schmerzen. Doch das Herz immer noch so zu betrachten – das bedeutete, das Kreuz zu leugnen. Denn Gott hat uns so sehr geliebt, dass er das steinerne Herz entnommen und ein neues Herz implantiert hat. Ein neues, richtiges Selbst ist entstanden. Und genau wie das falsche Selbst Gefühl und Verstand umfasst, so wird auch das neue Selbst diese beiden in göttlichen Dienst nehmen. Viel zu oft wird so getan, als sei Gefühl “fleischlich” und “alte Natur” – und der Verstand nicht! Das ist biblisch unkorrekt. Beides ist Teil des falschen wie des richtigen Selbst. Beides kann rebellisch gegen Gott sein oder heilsam in seinem Dienst stehen. Eins aber gilt seit Ostern. Dein Herz ist gut. So darfst du es betrachten. Trotz und gerade wegen aller Wunden und allen Versagens. Weil Gott es so betrachtet. Seine Gnade gilt nicht nur einmal – sondern für den ganzen Prozess der Verwandlung bis zum letzten Atemzug. Im Laufe dieser Verwandlung wird das alte Selbst mehr und mehr an Raum verlieren dem neuen Selbst Raum geben. Dieser Prozess aber ist letztlich nicht unsere Angelegenheit. Wir sind Reben. Nicht Weinbauern. Wir halten uns hin. Wir schnippeln nicht selbst an uns herum. Unsere Aufgabe ist: Die göttliche Sichtweise auf unser Herz, unser Denken, Fühlen, Wollen zu übernehmen und einzuüben.

Herzensaussicht

Je mehr dein Herz als Einheit aus Verstand und Wille nun die Gegenwart des Herzens Gottes genießt (dies weiß, spürt, erlebt, davon bewegt wird), desto mehr wirst du hinein verwandelt in sein Bild. Diese Gegenwart ist längst da. Um dich herum. In dir. Es gilt, die Ohren des Herzens zu spitzen und offen zu werden. Dafür brauchst du dein Herz. Du kannst ihm vertrauen.

(Diese Texte werden als Grundlage Teil eines neuen Buches zum “Leben vom Herzen Jesu her”)

Radioandacht für den WDR(6): Gefährliche Stille!

balance-15712_640Diese Texte sind Grundlage der Radioandachten, die ab Montag, dem 17.2. auf WDR 3-5 ausgestrahlt werden für die evangelische Kirche…

Stille macht wahnsinnig. Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer! Vielleicht fragen Sie sich nun: Ja was denn jetzt? Sollte ich hier nicht positiv von der Stille reden? Werde ich auch. Aber ich muss zuerst vor den Gefahren der Stille warnen, denn diese gibt es nicht ohne Nebenwirkungen. Wer sich unvorbereitet auf Stille einlässt, wird vermutlich irgendwann frustriert aufgeben. Also: Stille praktisch!

An der Technischen Hochschule Aachen gibt es einen schalltoten Raum. 99,9% des Schalls werden dort geschluckt. Man denkt zuerst: Komm, lass uns himmlische Stille genießen! Von wegen. Kein Mensch hält es in diesem Raum länger als 45 Minuten aus! Wir ertragen diese extreme Stille nicht. Das Rauschen des Windes oder der Wellen, das Zwitschern der Vögel – das nennen wir Stille, aber das ist es eben streng genommen nicht. Wir können gar nicht absolut still werden, wir brauchen Hintergrundrauschen. Und genau hier scheiden sich die Geister. Denn es gibt Hintergrundrauschen, das uns krank macht, aber eben auch eins, das uns hilft, innerlich still zu werden. Permanente Berieselung mit Medien macht unruhig, hektisch, unkonzentriert. Es kann keine innere Stille entstehen. Dazu müssten wir die äußere relative Stille wagen. Die Stille des eigenen Zimmers, des Waldes, des Autos auf dem Parkplatz, das stille Örtchen (bitte ohne Duschradio!). Stille-Oasen. Die brauchen wir und die tun gut.

Nun begleite ich viele Menschen seelsorglich. Nicht wenige berichten mir, dass sie vor genau diesen Stille-Oasen flüchten. Weil es dann deutlich wird, wie laut es in ihnen ist. Also lieber ablenken und betäuben… Und ja: Wagen wir die äußere Stille, dann treffen wir auf den inneren Lärm. Und dieser innere Lärm kann ganz schön beängstigend sein! Was machen wir damit? Diese Angst vor dem inneren Lärm lässt uns ja vor der wünschenswerten Stille flüchten! Ich glaube, wir haben es hier mit einem epidemischen Phänomen zu tun! Eine sich ablenkende und betäubende Gesellschaft! Stille zu wagen wäre hier ein geradezu rebellischer Akt… Ich gebe Ihnen drei kleine Hinweise, wie innere Stille gelingen kann.

Geben (1) Sie das, was da in der Stille hoch kommt, im Gebet an Gott ab. Ärger, Zorn, Angst, Trauer… geben Sie es ungefiltert in Gottes Hände. Es ist ja eh in Ihnen und Gott sieht es und verurteilt es nicht. Wenn man so seine inneren Nöte und Impulse abgibt, kann schon ein ganzes Stück mehr Ruhe und Frieden hinein kommen.
Dann braucht es (2) Zeit. Unser Kopf ist wie eine große Flasche mit vielen aufgeregten Heuschrecken drin. Alles wuselt durcheinander. Wenn es äußerlich still wird, wird es auch dort stiller werden. Aber wir schalten nicht vom 5. in den 1. Gang – sondern stufenweise herunter. Wenn Sie hektisch bleiben bei den ersten Stilleversuchen: Einfach weiter versuchen. Fünf Minuten am Tag vielleicht. Klein anfangen. Sich Gott hinhalten. Was ganz oft in dieser Zeit hochkommt sind Gedanken wie: Was mache ich hier Nutzloses? Sollte ich nicht zumindest ein Vater-Unser beten, wenn ich schon was mit Gott mache? Das zeigt, wie sehr wir im Leistungsdenken gefangen sind. Wagen wir Stille als befreiendes Gegenmittel.
Aber dann gibt es auch (3) innere Impulse, die nicht weniger werden wollen, Bilder, die wehtun, alte Geschichten, die hochkommen. Ich mache Ihnen Mut, liebe Hörerin, lieber Hörer, sich dann einen guten Seelsorger oder therapeutischen Begleiter zu suchen. Manchmal suchen wir Lärm und Hektik, um vor vergangenem Schmerz zu fliehen.
Heilsame Stille also – äußerlich und innerlich. Ich konnte nur das Vorspeisenbuffet eröffnen – Appetit machen! Lassen Sie sich auf diese Entdeckungsreise mit Gott und sich selbst ein – es ist aufregend, anstrengend, aber es lohnt sich. Mitten im Alltag Stille wagen – das wünscht Ihnen Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Radioandacht für den WDR(5): Die Revolution: Bete an die Macht der Liebe!

love-229977_640Diese Texte sind Grundlage der Radioandachten, die ab Montag, dem 17.2. auf WDR 3-5 ausgestrahlt werden für die evangelische Kirche…

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. “Ich bete an die Macht der Liebe.” Das könnte der Titel eines deutschen Songs oder Schlagers sein. Aber wer von Ihnen ab und an in der Kirche gewesen ist in seinem Leben, weiß vielleicht: Diese erste Liedzeile geht weiter und stammt von Gerhard Tersteegen. Der war ein evangelisch-pietistischer Mystiker vom Niederrhein. 1750 hat er diese Zeilen gedichtet: “Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart.” Offenbart meint: die sich gezeigt hat, die aufgedeckt wurde. Dieses Liebeslied singt also nicht von dem romantischen Gefühl zwischen zwei Menschen, sondern – hier geht es um eine ganz bestimmte Liebe, eine ganz besondere, die sich in Jesus den Menschen gezeigt hat und offenbar eine große Macht besitzt. Bevor Sie nun denken: „Das wird eine Predigt über den lieben Herrn Jesus“, setze ich einen zweiten Satz daneben: Wer Gott anbetet, der beugt sich keiner anderen Macht mehr! Der ist frei! Auch unter Druck von Systemen, Menschen und Meinungen. Wie denn das? Und was hat Jesus damit zu tun?

Etwas oder jemanden anbeten heißt “sich vor etwas beugen”. Alle Menschen – und seien sie noch so atheistisch – beugen sich vor etwas. Dienen einer Aufgabe, z.B. der Karriere, der Familie, einem Ideal, dem Verdienst, den Hobbys, der Anerkennung oder einfach nur: sich selbst. Das ist auch ganz normal. Wir leben ja nicht im luftleeren Raum, sondern haben die Sehnsucht, FÜR etwas zu leben. Wem wir nun dienen, vor was wir uns beugen, das wiederum ist ganz entscheidend für unser alltägliches Leben. Ich erlebe in mir zum Beispiel die Tendenz, mich vor meinem Smartphone zu beugen. Es hat durchaus Suchtcharakter, dem ich entgegen steuern muss und das auch tue. Wenn ich mich draußen auf der Straße über den kleinen Bildschirm beuge, um eine Nachricht zu schreiben und dabei weiter gehe, dann beuge ich mich ganz schnell unfreiwillig – dem nächsten Laternenpfahl! Gar nicht gut und sehr schmerzhaft…

So augenzwinkernd dieses Beispiel beschrieben ist – es lässt sich übertragen auf andere Lebensfelder, in denen wir anbeten und uns beugen. Nehmen wir das leidige Thema Geld! Wer darum kreist, wie er durchkommt und sein Eigentum optimieren kann – der beugt sich auch ganz schnell vor Wirtschaftskrisen, vor der Erpressung dubioser Kreditunternehmen und dem “was man so haben muss”. Wer dem Geld dient, hat einen schlechten Dienstherrn und wird unfrei.
Ein anderes Beispiel: die liebe Familie. Familie ist etwas Großartiges und von Gott Gewolltes. Aber in der Familie aufzugehen, die Harmonie der Familie als Ziel zu sehen und nur noch der Familie zu dienen – das macht abhängig von einem ebenso schlechten Dienstherrn. Denn was geschieht, wenn Familienmitglieder andere Wege gehen, als ich sie mir vorgestellt habe? Wenn man sich trennen muss – kracht dann alles zusammen? Leicht ist das nie – aber wenn ich meinen Wert und mein Ziel ganz auf die Familie ausgerichtet habe, dann werde ich daran auch glücklich oder unglücklich. Ein Fähnchen im Wind der Familie.

Was beten Sie an? Die Bibel sagt deutlich: Gott anzubeten ist heilsam. Seine Liebe lässt die kalten Mächte, die uns einengen, hinweg schmelzen. Jesus Christus lebte als Sohn Gottes diese Liebe. Seine Liebe zeigt, wie Gott ist. Jesus sagte einmal: Folgt mir nach. Ich nenne euch nicht mehr Diener – sondern Freunde. Freunde Gottes beten Gott an und wissen sich von ihm geliebt. Sie werden nicht eingeengt, sondern befreit. Es lohnt sich, sein Leben einmal auf ungesunde Anbetungen zu untersuchen, sie loszulassen und stattdessen Gott selbst anzubeten. Etwas Größeres und Liebevolleres gibt es nicht. Und so kann dann alles andere, was kleiner ist als Gott – also alles – seine Macht verlieren. Stück für Stück. Dass Sie diese Liebe spüren, das wünscht Ihnen Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Radioandacht für WDR (4): Segnen befreit!

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Diese Texte sind Grundlage der Radioandachten, die ab Montag, dem 17.2. auf WDR 3-5 ausgestrahlt werden für die evangelische Kirche…

Boah, was ärgere ich mich! Da wache ich heute Morgen endlich mal entspannt auf und dann machen unsere Kinder Stress: Nicht anziehen. Zeitverzögerungstaktik. Und wie ich diesen Tag kenne, geht das so weiter. Ich ärgere mich gleich über den arroganten Schnösel hinter mir auf der Bundesstraße, der zu dicht auffährt und über den Kollegen, der wieder mal die Email nicht beantwortet hat.

Liebe Hörerin, lieber Hörer. Sich so richtig ärgern! Kennen Sie? Setzen Sie einfach Ihre ganz persönlichen Ärger-Auslöser ein. Sie kennen sie bestimmt selbst am allerbesten. Aber vor lauter Ärger habe ich es fast vergessen: Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer. Vor kurzem ist mir bei all der “sich Ärgerei” aufgefallen, dass unsere deutsche Sprache da ganz sensibel formuliert. Denn eigentlich: ärgere ICH MICH. Nicht mein Sohn, nicht der Autofahrer, der Kollege – ich ärgere mich selber! Beweis? Andere Menschen mit eher robuster Gemütsverfassung zucken bei den gleichen Auslösern bloß die Schultern. Meine Ärgerfaktoren scheinen also nicht automatisch bei JEDEM Ärger zu erzeugen – also habe ICH was damit zu tun.

Nun rate ich nicht, den Ärger herunter zu schlucken. Ärger ist ja auch eine wichtige Botschaft. Er kann durchaus berechtigt sein: weil eine Grenzverletzung stattgefunden hat und ich mich wehren sollte zum Beispiel! Manchmal ist es dran, den Ärger auf eine gute Weise auszudrücken. Mit dem „Wie“ lassen sich ganze Kommunikationsseminare füllen. Da gibt es gute Tipps, wie man das macht, ohne allzu viel Porzellan zu zerschlagen. Aber was kann ich noch damit machen? Denn manchmal bleibt ja trotzdem was zurück. Und mancher Ärgerfaktor lässt sich auch nicht einfach abstellen: Wenn der Kollege unzugänglich ist, das Kind schlicht in einer Entwicklungsphase und der Autofahrer hinter mir – den sehe ich hoffentlich nie wieder. Übrig bleibt in mir ein ungesundes Grummeln…

Die Bibel kennt ein Gegenmittel: Segnen. Das ist längst nicht nur die Segensformel am Ende eines Gottesdienstes. Jesus sagt: Wir sollen Feinde segnen. Das scheint also etwas sehr Wirksames zu sein! Aber was ist dieses Segnen? Im Segnen spreche ich gute Worte in das Leben eines Menschen hinein. Das kriegt der meist gar nicht mit – aber mein Herz bekommt es mit und kann ruhig werden. Weil es nicht mehr im Groll stecken bleiben muss. Diese guten Worte sind mehr als positives Denken und Reden mit christlichem Anstrich. Wer segnet, wünscht dem anderen wie in einem Gebet: Gott möge mit dir sein. Wer segnet, heißt damit nicht gut, was der andere gemacht hat. Der Drängler auf der Straße ist ein Drängler – basta! Aber indem ich segne, setze ich etwas Positives dagegen und vor allem: jemanden Positives. Gott selbst. Der wird sich kümmern, der soll diesem Menschen gut tun.

Ganz praktisch: Ich ärgere mich über einen Kollegen. Er kann nichts dafür, ich komme mit seiner Art nicht zurecht. Tag für Tag. Aber ich will mich selbst nicht ärgern. Nachdem ich aber mich selbst wahrgenommen habe, wo vielleicht auch meine Schlagseite ist, meine Einseitigkeit, kann ich ganz konkret beten: “Herr, segne diesen Menschen. Sei in seinem Leben gegenwärtig und tu ihm Gutes. Berühr ihn, leite ihn. Schau liebevoll auf ihn.” – und dann kann ich vielleicht noch ergänzen: “Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes lege ich Gottes Segen auf meinen Kollegen und löse mich von meinem Groll und Ärger.” Dieses “im Namen” bedeutet: In der Kraft Gottes – denn manchmal habe ich selbst die Kraft nicht. Es bedeutet: Weil Gott es gut findet und es mir gut tut. Versuchen Sie es einmal, wenn Sie sich selbst ärgern. Segnen Sie. Wer segnet, tut dem anderen gut – aber vor allem auch dem eigenen Herzen. Das wünscht Ihnen Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.