Individualismus und Einsamkeit
Heute morgen Beerdigung eines ganz lieben alten und weisen Mannes aus der Gemeinde: Günther. Er hatte sich schwarze Kleidung verbeten und so war die Beerdigung das, was sie sein kann im Kontext unseres Glaubens: eine Mischung aus Tränen und Jubel, aus Zuversicht und Schmerz, der immer dann entsteht, wenn irgendwo ein Loch in uns gähnt, das nie mehr gefüllt werden wird. Aber vor allem: Auferstehung pur. Hebräer 12 gab uns den Ton an – Günther sitzt nun auf den Rängen des Stadions, in dem wir noch unsere Runden drehen und feuert uns an. Eine schöne Vorstellung.
Nach dem Gottesdienst und der Beerdigung dann die Gespräche. Eine Frau: „ach wissen Sie, Herr Pastor, war ein toller Gottesdienst. Ich lebe ja meinen Glauben so für mich, das ist meine Wahrheit und die zwinge ich niemandem auf, aber ich habe meinen Weg gefunden.“ Ich habe ihr darauf gesagt, das genau dieser Günther den gegenteiligen Lebensentwurf repräsentiert hat – bewusst und transparent in der Gemeinschaft der Gemeinde lebend ist er umgeben von Kindern, Verwandten und Menschen aus der Gemeinde gestorben. Mitten in einem gemeinsamen herzhaften Lachen… zwischen zwei Tränen…
Ahnen die Menschen eigentlich, wie einsam sie mit „ihrem“ Glauben enden werden? Dass Glaube, wenn er denn tragfähig sein will, immer auf Gemeinschaft angelegt ist? Dass Glaube kein spiritueller Alleingang eines autarken Wesens darstellt? Ausreißer werden nicht nur im Sport kurz vor dem Ziel abgefangen! Wie viel Angst haben die Menschen davor, „ihre“ Wahrheit hinterfragen zu lassen, dass sie sich eher von der Gemeinschaft fern halten und so fast zwangsläufig irgendwann auch mit „ihrem“ Glauben allein sind. Und wenn der Glauben bröselt? Wenn eigentlich der Andere mir Christus sein sollte, weil ich Ihn – den Retter – aus den Augen verloren habe? Ich sage es offen: ich wäre ohne meine Geschwister, vor denen ich auch meine Glaubenskrisen leben durfte und darf – verloren. Einsam nur in Gemeinschaft mit einem kalten Universum. Warum wollen die Leute das so unheimlich gerne? Ahnen sie nicht, dass Individualismus zwangsläufig in Einsamkeit endet? Hier zeigt die Postmoderne neben allem auch Positivem ihr kaltes Gesicht. Gut, dass wir einander haben…
P.S. beim nächsten Eintrag passiert das bei Autoren Unvermeidliche: mein Erstlingswerk „Glauben genießen“ (Brockhaus) wird verlost. Zu den Bedingungen – siehe dann dort!


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