6 Obwohl er Gott war, bestand er nicht auf seinen göttlichen Rechten. 7 Er verzichtete auf alles; er nahm die niedrige Stellung eines Dieners an und wurde als Mensch geboren und als solcher erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, indem er wie ein Verbrecher am Kreuz starb.
Soweit das Zitat aus dem Philipperbrief. Wir denken oft ergebnisorientiert, linear, aus a folgt b. Geh zum Kreuz und bitte um Vergebung. Zack. Dir ist vergeben. Glaube auf diese oder jene Weise. Zack. Das ist das Ergebnis. Kann ja auch vorkommen. Und dennoch ist das nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist prozess- bzw. wegorientiert. Denn was hat Jesus alles losgelassen auf dem Weg zum Kreuz: Ichbezogenheit, Rechte und Privilegien, Diesseitsbezogenheit, Stolz… das hat er auf dem Weg zum Kreuz vorgelebt. Sind wir bereit, auch diesen Weg mit zu gehen? Und Stück für Stück im alten Menschen zu sterben (der in Gottes Augen schon gestorben ist, aber noch kräftig in unser Leben hineinschießt…)?
Danke Jesus, aber auch: gib mir den Mut, diesen schmerzhaften, aber befreienden Weg nachzugehen. Denn ich stehe nicht über dir…
Lieber Christof,
Eberhard Jüngel schrieb in seinem Buch ‘Tod’ 1985:
“Der Glaubende blickt auf seinen Tod bereits zurück, obwohl er noch sterben wird. Weil er aber auf seinen Tod zurückblickt, kann sein jetztiges Leben gar nicht sein eigenes Leben sein. Vielmehr gilt: »Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir« (Gal. 2,20)” (S.107)
“Dieses Leben, dessen Eigentümer Jesus Christus ist, unterscheidet sich von dem Leben aller Menschen offensichtlich dadurch, daß das Leben aller Menschen in den Tod führt, während das Leben Jesu Christi aus dem Tod kommt.” (S.108)
“Wenn wir Gottes Verhalten zu dem toten Jesus als ein Sich-Identifizieren mit diesem Toten zu verstehen haben, dann ist damit allerdings gesagt, daß Gottes Leben mit einem Toten eins geworden ist - eine höchst paradoxe Identität. Diese paradoxe Identität zwischen dem lebendigen Gott und dem toten Jesus bringt Gott selbst mit dem Tod in Berührung. Daß diese Berührung nicht tödlich endete, sondern Gott als den offenbarte, der das Nichtseiende ins Sein und Nichtmehrseiendes in neues Sein ruft, darf nicht als selbstverständlich genommen werden.” (S.137)
“Für jemanden dasein heißt: sich zu ihm verhalten. Wenn aber Gott auch im Tode nicht aufhört, sich zu uns zu verhalten, ja wenn er sich mit dem toten Jesus identifizierte, um sich durch den Gekreuzigten allen Menschen gnädig zu erweisen, dann erwächst mitten aus der Verhältnislosigkeit des Todes ein neues Verhältnis Gottes zum Menschen.” (S.139)
“Demgegenüber bleibt der von den Toten auferstandene Herr der Gekreuzigte. Er trägt als seine Herrschaftszeichen für immer die Wundmale an seinem Leibe. Daraus dürfen wir folgern, daß der verkündigte und geglaubte Sieg Gottes über den Tod eben darin besteht, daß Gott die Verneinung des Todes an sich erträgt.” (S.141f)
“Der Tod Christi wird als »Tod des Todes« verstanden. Das ist eine gelungene Metapher”. (S.147)
Frohe Ostern und liebe Grüße aus Bayern,
Hans
Schicke Gedanken, danke Hans! Wie so oft bei Jüngel. Aber auch schwere Kost. Gibt’s das auch als Comic…;-)
Jüngel als Comic? Maranatha!
Hans
Naja, nicht im Ernst. Habe den Jüngel gestern antiquarisch geliefert bekommen und er macht sich wirklich gut (inhaltlich meine ich). Abgesehen vom scheusslichen 70er Jahre Design…
Und ich habe heute die ‘kulinarische Reise zu einem authentischen Christsein’ erhalten (ungebraucht und neu und mit einem tollen Design) und stelle fest, daß ich einen kochenden Slowfood-Seelenbruder habe … nach einer ersten Durchsicht des Buches verbeuge ich mich und ziehe den Hut. Das ist ein gutes Buch und ein großer Wurf! Davon werden etliche Exemplare in meinen Geschenkevorrat wandern. Ich hoffe, lieber Christof, daß Deinem Erstlingswerk möglichst bald eine gute Rezension in CSH sowie eine weite Verbreitung zuteil wird. Nochmals: Chapeau!
P.S.: ad Jüngel: Er ist einer der wenigen Theologen, die sich trauten, etwas über den Gottestod auf Golgatha zu schreiben. Das ist auch so ein Thema, das mich nicht loslassen will. Darüber könnte ich stundenlang schwadronieren - bei einer guten Flasche Rotwein, versteht sich.
Liebe Grüße & Schalom,
Hans
Auja, Rotwein und schwadronieren. Sehr fein. Schade, dass wir so weit auseinander wohnen…;-). Danke für die erste positive Rezension meines Erstlings, Hans - du kannst ja mal irgendwann eine positive Bewertung auf amazon nachschieben…
אמן
שלום