Nu isse vorbei - die EM2008 und endlich verschwinden die vielen unsäglichen Fahnen aus den Autofenstern und sausen einem nicht mehr als Geschosse Richtung Windschutzscheibe auf der Autobahn (weil eben nur bis Tempo 80 ausgelegt).
Apropos: public viewing war ja wieder mal das Stichwort diese EM. Aber wo kommt das eigentlich her? Der englische Begriff kommt ursprünglich (bis vor ein paar Jahren zumindest) von der Aufbahrung eines Leichnams zur letzten Betrachtung der Trauernden und Kondolierenden (F.A.Z./30.6.2008). Nun könnte man sagen: die deutsche Mannschaft hat gestern auch ziemlich tot gespielt… aber nein: dieses Wort hat einfach innerhalb von wenigen Jahren eine komplett neue Sinnfüllung erhalten. Spannend. Und lehrreich für Christen.
Bei meinem “Casting” beim WDR haben wir auch eine nette Menge an Medientheorie bezüglich Vermittlung geistlicher Inhalte bekommen und die geistlichen Unworte im Radio erfahren: Gnade, Buße, Sühne, Reich Gottes… all diese Begriffe werden einfach nicht mehr oder eben schief gefüllt vom Normalhörer einer Radiosendung vor dem ersten Kaffee. Also: striktes Verbot. Gut, Sühne sowieso, denn da (die Medienstelle gehört zur Rheinische Landeskirche) tobt auch gerade die Diskussion um die Haltbarkeit der Sühnetheologie (grmpf). Aber auch sonst: wie finden wir neue Worte für bekannte Begriffe, ohne sie zu verwässern oder zu vereinseitigen? In Gemeinde haben wir da einen Bildungsauftrag, dass solche Begrifflichkeiten erklärt und so erhalten bleiben. Aber gegenüber Entkirchlichten? Was hast du für Vorschläge für Umschreibungen für bekannte dogmatische Begriffe des christlichen Glaubens?
Das ist doch grade das Problem, dass wenn diese Begriffe von niemandem in der Öffentlichkeit benutzt werden, dann kommen die natürlich aus der Mode.
Deshalb müsste man sie einfach wieder häufig benutzen und in einen modernen Sprachstil einbetten, dann wirken die Worte mit der Zeit nicht mehr so angestaubt, denke ich. Man sollte einfach die schon bestehenden Begriffe “wiederentdecken”.
Vielleicht sollte man auch grade die Entkirchlichten über die Begriffe aufklären, was sie bedeuten und wo häufige Missverständnisse liegen. Warum soll sich eine Radiobotschaft nicht mal mit so einem Thema beschäftigen?
Das Problem sitzt noch tiefer - diese Begriffe werden nicht nur nicht genutzt, sie werden verdreht. Sünde wird wenn, dann fast nur noch positiv gefüllt verwendet. Liebe Sünde, einmal darf ich noch sündigen (beim Griff nach der Torte)… oder mit einem Augenzwinkern: wir sind doch alle kleine Sünder… eher im Sinne von charmant fehlbar verstanden. Sünde ist - wenn man den kirchlichen Begriff anspricht - dann noch als moralische Verfehlung unterwegs, aber nicht als Graben zwischen Gott und Mensch aufgrund der Ich-Bezogenheit und Ich-Vergottung des Menschen… aber du hast recht: vielleicht kann man mal auf einer Meta-Ebene dazu eine Radiobotschaft machen, wenn es denn durchkommt beim zuständigen Redakteur…;-)
Also für “Sünde” habe ich kürzlich ein schönes Wort entdeckt, war das nicht sogar auf diesem Blog?
Sünde bedeutet “Zielverfehlung”.
@Philip: Yes! War auch hier auf dem Blog. Gute Umschreibung, wenn auch ein Otto-Normalverbraucher erst mal sagen wird: hä? Du glaubst nicht, was so ein Andachtenredakteur alles aus einer Radioandacht rausschmeisst, was einem vollkommen normal vorkommt. Übrigens: danke für deine hilfreichen und differenzierten Kommentare, auch zum Thema Sünde. Habe dich hiermit abonniert und werde dich morgen auch verlinken - jetzt in die Heia.
@
“Gnade, Buße, Sühne, Reich Gottes… all diese Begriffe werden einfach nicht mehr oder eben schief gefüllt vom Normalhörer ..”
Oh, ich hatte eine Kollegin (Pastorenehefrau), die allen ernstes darauf bestand, im RELIGIONSUNTERRICHT das Wort GOTT zu vermeiden, weil man damit ja die Schülerinnen und Schüler verprellen könnte!!!!
Von Gebet oder Gnade oder gar Sünde gar nicht erst zu reden.
Neulich hat Bischof Huber gefordert, wir Christen sollten uns wieder mehr zu unserem Glauben bekennen.
Gehört dazu nicht auch, die Begrifflichkeiten der Bibel wieder an die Frau, den Mann zu bringen?
Und wäre die Aufforderung dazu, darum herum zu reden und andere Termini zu nutzen nicht einem Maulkorb gleich oder zumindest doch ähnlich?
Hi Rika, willkommen auf dem Blog! Jaja, man kann alles schrecklich political correct machen und dabei lachen sich die Radikalen ins Fäustchen, weil wir nur mit Wattebäuschchen schmeissen. Stimme dir zu. Allerdings ist das schon ne Kunst: du erreichst morgens auf WDR 2 Millionen Menschen mit deiner Andacht, die einen duschen und die anderen trinken Kaffee… Beim WDR wird gnadenlos (im wahrsten Sinne des Wortes) geschaut, wie sich die Quote während der Andacht verändert, wenn sie bei dir zu oft runtergeht, fliegst du raus als Andachtsmensch. Wenn du also einen Durchschnittsheiden hast, der gerade unter der Dusche sich sein AXE Duschgel unter die Achseln rubbelt, dann wird der dich ausschalten, wenn du mit Sünde und Hölle und so was kommst. Aber natürlich darf man keine faulen Kompromisse machen - Vorbild ist mir da Paulus auf dem Areopag, angemessen, respektvoll, aber dennoch deutlich. Aber auch er redet bewusst in der Sprache der Griechen und vermeidet Unverständliches… tja… ich weiß es nicht, man wird sehen, wenn ich genommen werden sollte, ob ich mit diesen Reglementierungen gut zurecht komme…
Sprache wandelt sich nun mal, man betrachte mal Begriffe wie “eitel” oder “geil” (was im Althochdeutschen, wenn ich recht informiert bin, so viel wie “üppig” hieß…). Manche Begriffe verschwinden, neue kommen hinzu, andere ändern ihr Inhaltliches Spektrum. Das kann ich natürlich beklagen, aber als Mensch, der mit anderen ins Gespräch kommen will, muss ich lernen, damit umzugehen. Aus diesem Grund verwende ich im Gottesdienst in aller Regel die “Gute Nachricht”-Bibelübersetzung, allein, um die sprachlichen Barrieren so niedrig wie möglich zu halten. (Obwohl ich selbst Luther sehr schätze, aber das liegt natürlich an meinem persönlichen Hintergrund).
Klasse fand ich die Idee von Martin Dreyer in der “Volxbibel”, der die Gleichnisse Jesu - neben den Originaltexten - in die heutige Welt überträgt. So wird aus dem neuen Wein in alten Schläuchen (wer weiß heute noch, was ein Weinschlauch ist??) ein uralter Computer mit einem nagelneuen Betriebssystem, das beim Booten die Festplatte zerlegt (Auch wenn das bei einem Windows-PC auch so passieren kann). Oder eine Ente mit Porschemotor. Die Aussageinention des Textes wurde erhalten, nur die sprachlichen Bildelemente geändert. Das machen Missionare schon seit hunderten von Jahre, um die Sprache der Bibel der jeweiligen Kultur anzupassen (so wurde in einigen afrikanischen Bibeln das wort “schneeweiß” mit “weiß wie das Fleisch der Kokosnuss” übersetzt). Es geht ja beim Wort Gottes nicht darum, eine bestimmte Formulierung zu konservieren, sondern das, was Gott seinen Hörern sagen will, für unsere Welt verständlich zu machen. Und da ist die Sprache eben nur ein Instrument, das es auf die Gesprächspartner einzustellen gilt.
Dein Wort in der Menschen Ohr, Hans!
ja, ich dachte grade schon ich wäre hier aus Versehen im Volxbibel-Wiki gelandet, denn da machen wir uns den ganzen Tag Gedanken, wie man die Texte bearbeiten kann, um die AUSSAGE (nicht die Worte) verständlich zu machen. Über so einfache Sachen wie “Amen” wird dort u.U. seitenlang diskutiert - ich finds Klasse! Für mich pers. war die VB da bahnbrechend, von diesen Worten weg, und hin zur eigentl. Bedeutung zu gelangen, die jeder Normalo verstehen kann!
btw - es gibt übrigens nur etwa ein dutzend Aussagen von Jesus, wo er das böse Wort Sünde benutzt - erstaunlich, gell!
In de VB heißt es meißt “im Dreck stecken” oder “Mist bauen” oder es wird ganz umschrieben, was meißtens kein Problem ist “Dinge tun, die Gott nicht will” usw… - man braucht nur etwas Übung, wir sind so sehr geprägt von diesen Begriffen, aber die Welt und die Jugend eben nicht und nicht ganz ohne Grund gehen dort die Alarmglocken an, bei dem “gesalbten Gelaber” aus dem “christl. Ghetto”…es ist wirklich eine riesige Herausforderung, uns nicht sprachlich abzuschotten und uns nur noch in “Fachchinesisch” über den Befund äussern zu können, während der Patient vor Ahnungslosigkeit im Sterben liegt…
Segen!
Wir weichen vom Thema ab …
Das finde ich sehr fraglich, ob man die Aussage einfach so von den Worten trennen kann, oder ob man da nicht Gefahr läuft, eigene Fehlinterpretationen an ein breites Publikum zu übertragen.
Also nichts gegen diese freieren Übersetzungen, die sind sicher eine gute Ergänzung, gerade für Frischlinge im Glauben. Aber letztlich sind Übersetzungen, die sich an den Urtext halten, doch näher am eigentlichen Sinn.
Vielen Dank übrigens für die Verlinkung. Ist mir eine Ehre.
@Bento: wieso Hans? Der Curious traveller heisst doch Rolf? Vielleicht habe ich auch den Witz nicht verstanden..:-) - aber egal wie: auch hier hilft schwarz-weiß nicht weiter. Sowas wie die Volxbibel ist einfach ein klasse Einstieg und wer aufgrund dessen zum Glauben kommt, der ist kein 2. Klasse Christ! Ich hatte letztens ein Gespräch mit einem Professor aus Aachen und der meinte nur: er spüre bei der Volxbibel jedenfalls eine Hochachtung vor dem Wort Gottes. Genau. Und wer dann das Wesentliche kapiert hat, der wird automatisch irgendwann dahin kommen, sich mit den zentralen Begriffen des Glaubens auseinander zu setzen. Der Hunger nach dem Wort führt in die Tiefe. Also darf doch beides sein… locker bleiben. Ich genieße gerade die NGÜ und daneben die Elberfelder und parallel die Volxbibel… und bei allem nicht vergessen: es kommt nicht auf den Buchstaben an (so spannend der teilweise theologisch sein kann), sondern auf die Botschaft!
Philip hat Recht, zurück zum Thema. Sünde mit “Mist bauen” gleichzusetzen, kann eben nur der Anfang sein, denn eigentlich ist das eine theologische Verkürzung des Sündenbegriffs. Überlegen wir also mal gute Umschreibungenm, mit denen man Heiden die zentralen Begriffe nahe bringen können…
Sünde = Zielverfehlung, ohne Beziehung zu Gott ichbezogen leben;
Reich Gottes = der Traum Gottes von einer neuen Welt, die schon hier beginnt;
Buße = Umkehr, anders denken und leben lernen, Richtungswechsel
Noch was?
ohh - da hab ich mich wohl vertan mit den Namen…
also schwarz-weiß ist überhaupt nicht, hörte sich das echt so an?
ich “lese” die VB eigentl. gar nicht, wenn dann nur um zu gucken, wie es da übertragen worden ist… Elbe ist mein Favourite und z.Zt. entdecke ich grade die Neues Leben - find ich sehr gelungen!
ich habe ja nur von meiner Erfahrung damit berichtet, dass sie insofern ein Dammbruch bei mir war, die Inhalte ohne “Wortklauberei” zu transportieren, und ohne das das Wichtige verlorengeht - und da ist die Hochachtung vor Gott wohl das zentralste Thema! de facto fiel es mir total schwer, die Botschaft rüberzubringen, ohne in die Sprache Kanaans zu verfallen, und damit erschreckt man eben viele Leute und bes. Jugendl. ohne christl. Sozialisation.
Und natürlich ist der Bedarf bei “alten Hasen” ein anderer, als bei denen die in sehr seichtem Wasser zuhause, oder die draussen sind (ich glaube darum geht es doch hier ursprünglich) - Worte transportieren eben nicht nur Inhalte, sondern auch Befindlichkeiten…
@bento: war auch gar nicht auf dich speziell bezogen, sondern auf die Gesamtheit der Kommentare. Und mir ist dabei klar und deutlich geworden, dass alles seine Zeit und seinen Kontext hat. DIE Übersetzung gibt es nicht, genauso wie es ja DEN Urtext nicht gibt (wenn auch eine seeeehr gute Annäherung). Gut, dass wir keine Wortreligion sind…
Neues Leben gefällt mir auch gut - allerdings nicht so gut bei den poetischen Texten, da ist sie zu nüchtern. Die Gute Nachricht ist da am schönsten. Hiob in den GN - ein Genuss! NGÜ (http://ngue.info) ist auch fein, sehr nah am Grundtext und dennoch verständlich (für Schweizer…;-)
Wie wärs mit “Immer mehr das tun, was Gott will” für “Heiligung”? Oder “Jesus immer ähnlicher werden”?
naja, das Problem mit den “klaren Worten” ist ja auch, dass die Welt eigentl. gar nichts davon vernimmt und ihr alles nur in Gleichnissen zuteil wird…
“Sünde = Zielverfehlung = ohne Beziehung zu Gott leben” ist total prima, es müsste dann aber noch ein Bild dazu, denn jemand der weltl. Ziele hat, wird nicht verstehen, wieso er ein anderes Ziel anpeilen sollte, oder wer “ohne Beziehung zu Gott lebt”, dem sagt dieser Befund nichts, weil er das nicht kennt “mit Beziehung…” - ein Gleichnis müsste her, etwa “wer im falschen Zug sitzt, kommt auch vorwärts, aber nicht am richtigen Ziel an” o.ä…
Reich Gottes - hmm, der Begriff “Traum” steht hier doch sehr dem Begriff der “Realität” entgegen - dabei ist es doch genau umgekehrt…
Buße hört sich gut an und ist so einleuchtend…
@Bento: Das mit dem Reich Gottes stammt von Brian McLaren in seinem Jesus Buch… aber stimmt schon: Traum wirkt zu irreal.
Zur Sünde: da finde ich immer wieder ein Gleichnis toll:
Es ist prima, eine Leiter eifrig hoch zu klettern, das Problem ist nur, wenn man oben merkt, dass sie an der falschen Wand gelehnt hat…
Hmm… Letzen Monat war New Media Celebration mit meinen Internet-Helden Fr. Roderick, Fr. Leo und Greg & Jennifer Willits u.v.m in Atlanta. (Helden, weil die morgens mit mir im Stau stehen ohne schlechte Laune zu bekommen)
Aber vielleicht ist es auch die Art wie die Jungs und Mädels von den NM an die Sache ranngehen. Fr. Leo (der kann wirklisch verzelle) hat eine sehr schöne Rede in Atlanta gehalten, die in auf DB verlinkt ist. Vllt. eine Anregung wie sowas ausschaut und sich anhört, wenn Evangelisation und die Simpsons-Generation aufeinander treffen http://sqpn.com/2008/07/09/daily-breakfast-500-super-sized-breakfast/
Merkwürdig was die WDRler da so über Evangelisation denken, sqpn ist innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren so unglaublich gewachsen und erreicht so viele Leute rund um den blauen Ball, dass die sqpn-Staff es selber garnicht glauben kann, dass ihnen über Twitter, Facebook, U-Stream, youtube und iTunes täglich tausende von Leuten “folgen”. Dabei werden neben Filmbesprechungen, Fitness-Tips (Fr. Roderick setzt ziemlich schnell Pfunde an und versucht seit ca. einem halben Jahr sein Übergewicht los zu werden), Kochrezepten auch die Reizthemen wie Ablass besprochen. Schon komisch, dass die alten Medien solche Reizthemen- und Worte vermeiden möchten, weil Leute abschalten können. Wo es genug geben würde, die vielleicht deshalb sogar einschalten würden. Schließlich muss man im Netz schon etwas suchen bis man bei der Star Quest landet, neben der Technik, die man braucht um überhaupt an die Formate zu kommen. Wenn da die alte Tante WDR nicht mal einen Hyp verpasst.
Sehr lustige Seite, danke - auch wenn ich als ehemaliger Katholik immer eine gewisse kognitive Dissonanz spüre zwischen manchem (auch theologischem) Muff aus 2000 Jahren (neben vielem Guten, was wir Protestanten noch entdecken können) und einem hippen Auftreten dieser Art…;-) - aber das ist ein rein subjektives Empfinden. Dass in den amerikanischen Medien diese Tabu-Begriffe kein Tabu sind, nunja, sie sind einfach noch verbreiteter, sagen wir es ehrlich: Deutschland ist durchsäkularisiert und Amerika eben nicht. Das macht sich in der Sprache bemerkbar…
Naja, Star Quest ist eigentlich eine niederländische Produktion. Nur die (Vernetzungs-)Sprache ist Englisch, wie überall.