Startseite > Gebet, geistliches Leben > Nackt vor Gott sein: wie ein Mann beten lernte

Nackt vor Gott sein: wie ein Mann beten lernte

Beten vor dem liebenden, lebendigen Gott heisst: als nackter Mensch dem nackten Gott zu begegnen (Richard Rohr). Gott offenbart sich uns bis auf Tiefste – wir dürfen ihm entblösst und vertrauend begegnen. Warum auch nicht – wo er alles weiß, wäre doch alles andere als Nacktheit vor Gott absurd, bzw. ein Zeichen für ein verdrehtes Gottesbild oder mangelndes Vertrauen. Folgende chassidische Geschichte macht das schön deutlich – von einem Mann, der beten lernte (nach Philip Yancey: Beten)…

Ein Mann kommt zu Rabbi Dovid Din in Jerusalem, um über seine Glaubenskrise zu reden. Was der Rabbi auch sagte, der Mann reagierte unwirsch und wisch es beiseite. Der Rabbi verlegte sich auf das Zuhören. Und irgendwann, nach mehreren Stunden des Zuhörens fragte er: „Warum bist du so wütend auf Gott?“ Diese Frage schien den Mann, der doch gar nichts über Gott gesagt hatte, zu überraschen. Er wurde sehr still, sah Dovid Din an und sagte: „Mein ganzes Leben habe ich so eine Angst gehabt, meine Wut auf Gott rauszulassen, dass ich sie statt dessen auf Menschen gelenkt habe, die mit Gott zu tun haben. Erst jetzt, in diesem Augenblick, verstehe ich das.“ Da erhob sich Rabbi Dovid und bat den Mann, ihm zu folgen. Er führte ihn zur Klagemauer, wo einst der Tempel gestanden hatte. Als sie dort ankamen, sagte Rabbi Dovid dem Mann, dass es jetzt Zeit wäre, all die Wut, die er auf Gott spürte, heraus zu lassen. Über eine Stunde lang schlug der Mann mit seinen Händen auf die Mauer ein und schrie sein Herz heraus. Dann fing er an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören, und nach und nach wurde aus seinem Schreien ein Schluchzen, und aus dem Schluchzen ein Gebet. So brachte Rabbi Dovid Din diesem Mann bei, wie man betet.

Wie anders sollte man Gott begegnen? Wenn du Gott nur Fassaden hin hältst und nicht mal IHM alles zeigen darfst – wie sollen dann Beziehungen zu Menschen heil sein können? Der Mann in der Geschichte spürte: ich habe jahrelang projiziert – und habe die Gefühle, die Gott galten und ihm gehörten auf Menschen abgeladen, die mit ihm zu tun haben. Ich glaube, manche Leiter, aber auch Christen untereinander können von diesem Verhalten ein Liedchen singen. Die Geschichte weist aber auch darauf hin, was in meiner evangelikalen (obwohl das eigentlich ein schwammiges Unwort ist), ich denke auch in der landeskirchlichen Ecke oft schief läuft. Unser Glaube ist erschreckend unkörperlich. Was haben wir – wahrscheinlich auch mentalitätsbedingt – gegenüber dem biblischen Zeugnis an kraftvoller körperlicher Spiritualität verloren… dabei ist alles da, die Gefühle, die Wut, der Hass, die Freude, die Ekstase… dürfen sie raus? Eine Frau fragte mich letztens: darf ich denn mit meinem Hass zu Gott kommen? Ich fragte zurück: zu wem denn sonst, wenn nicht zu ihm?

(vertieft werden diese Gedanken zum Gebet in meiner Sonntagspredigt von heute, dem 29.3.2009)

Kategorien:Gebet, geistliches Leben
  1. 29 März, 2009 um 8:23 | #1

    Ja, wohin mit dem Hass? Die erste Reaktion ist wohl: Unterdrücken! Mich hat vor allem der Satz getroffen: „Wenn du Gott nur die Fassaden hin hältst…“ Wie wahr! Und wie schnell geschieht es, dass wir selbst IHM was vorspielen wollen.

  2. Deborah
    29 März, 2009 um 9:59 | #2

    Die Klagemauer ist schon ein sehr spezieller Ort der Gottesbegegnung. Ich durfte diesen Ort und Gottes Gegenwart dort erleben.

    …alle eure Sorge werfet auf Ihn, *denn ihr liegt Ihm am Herzen….

    Legt euch doch an Sein Herz. Es schlägt kraftvoll und ruhig, beständig und treu. Gewinnt neue Stärke, dass ihr wieder auffliegen könnt wie Adler.

    Shalom – der Friede Gottes, den Jesus uns gegeben hat

    —–
    *eine mögliche Übersetzung.

  3. Hans
    30 März, 2009 um 9:43 | #3

    @Christof: Danke für diese Gedanken, Danke!

  4. 30 März, 2009 um 8:17 | #4

    Ich denke Gott kennt uns besser als wir uns selber, daher WÜNSCHT er sich dass wir kommen wie wir sind, ER KENNT die finsteren Winkel unserer Herzen und er hilft uns heraus und damit umzugehen,
    da bin ich sicher

    Meine Gedanken vor drei Jahren zum selben Thema sahen so aus:

    Bei mir darfst du NACKT sein.
    Mein Kind,
    Ich kenne dich seit Anfang der Zeit!
    Seit Beginn der Schöpfung habe ich mich auf dich gefreut.
    ICH LIEBE DICH, mit ALLEN FACETTEN deines DASEINS.
    Ich freue mich an dir und, ich weiß, das glaubst du mir nicht,
    aber ich JUBELE ÜBER DICH.
    Ich bin so froh dich zu haben.
    Du bist mein Augenstern,
    mein geliebtes Kind.
    Glaube mir, ich war der ERSTE, der dich in den ARM NAHM, als du geboren wurdest,
    ich werde der LETZTE sein, wenn du eines Tages stirbst.
    DU ENTSCHEIDEST OB wir uns LIEBEN in den TAGEN die DU HAST!
    Ich habe dir FREIEN WILLEN GEGEBEN.
    Aber spiel mir nichts vor.
    ICH KENNE doch DEIN HERZ,
    BESSER SOGAR ALS DU SELBER!
    Nimm die FROMME MASKE endlich mal ab,
    sag mir ehrlich was du denkst.
    Versteck dich nicht hinter RELIGION, sie ist nur für die AUGEN.
    SIE GIBT DIR NUR DEN WARMEN ANSCHEIN,
    DASS DU MICH SCHON GEFUNDEN HAST!
    Alle RELIGION ist wie das KALB um das die Israeliten tanzten, als MOSE sie in der WÜSTE zurückliess.
    Von Menschen gemachte Gesetze ersetzten die BEZIEHUNG ZU MIR.
    ICH WILL KEINE FROMMEN PROGRAMME,
    ICH WILL MEINE KINDER ZURÜCK.
    SIE dürfen nackt sein in ihren GEFÜHLEN, in ihren Gedanken und in ihren Sünden.
    EHRLICH sollen sie sein
    und zu mir kommen, mit dem was sie bewegt,
    in ihrem täglichen LEBEN!
    Sie sollen mich VATER nennen,
    sie sollen BEZIEHUNG ZU MIR PFLEGEN.
    SIE DÜRFEN NACKT DASTEHEN, ich werde sie kleiden.
    Nicht in fromme GEWÄNDER.
    Nicht in Kerzenschein,
    sondern mit MEINER GEGENWART.
    Sie dürfen zu JESUS KOMMEN, sie dürfen zur himmlischen Familie dazugehören, sie dürfen MEINE STIMME HÖREN, aus ERSTER HAND, nicht aus zweiter.
    SIE DÜRFEN MIT MIR REDEN.
    JESUS ist der HOHE PRIESTER, ER VOLLBRACHTE ES, SIE ZU MIR ZURÜCKZUBRINGEN.
    DER WEG ging über das KREUZ, es war der härteste WEG den JE ein PRIESTER GING.
    ER GING IHN AUS PURER LIEBE ZU MIR UND ZU DIR MEIN KIND.
    Von IHM bekommst DU REINE WEISSE KLEIDER.
    IN seinem BLUT BIST DU GEREINIGT VON DEINEN SÜNDEN!
    DU BIST HEILIG.

    Hab MUT, ich weiß du bist NACKT, du brauchst dich nicht zu schämen, alle Menschen stehen so vor mir!
    SCHON ADAM war nackt, schon er bekam seine KLEIDER VON MIR!
    Dennoch liebe ich die Menschen unendlich, und ich wünschte sie würden ALLE kommen.
    Mein Herz weint um JEDEN, der nicht dazu kommt.
    LEG DIR, in der BEZIEHUNG zu mir, nicht selber SCHRANKEN auf!
    ALLE SCHRANKEN sind IN JESUS AUFGEHOBEN.
    KOMM KIND; KOMM,
    DU FEHLST MIR SONST SO!
    Hab keine Angst Jesus alles zu bekennen.
    Sei NACKT VOR IHM, ERHLICH und du wirst sehen, du wirst HEILUNG DARIN FINDEN!
    ER LIEBT DICH SO WIE ICH!
    KOMM und werde ein MITGLIED der himmlischen Familie
    VATER, SOHN und HEILIGER GEIST!
    WIR WARTEN AUF DICH,
    BIST DU BEREIT?

    Dein Daddy im HIMMEL

    ©Elke Aaldering
    http://www.myblog.de/pdh-ichtys

  5. Home
    31 März, 2009 um 9:30 | #5

    Schließe mich Hans an! :-)

  6. 1 April, 2009 um 8:16 | #6

    Sehr gut!

    Hab mal parallel dazu in den anderen Blogs was gefunden (ist zwar schon älter, aber auch ein Impuls: http://fuenf.scm-digital.net/show.sxp/6772_gottes_mailbox__leider_wieder_nicht_zu_hause.html?sort=&amp ;)

  7. Eule
    1 April, 2009 um 4:43 | #7

    „Unser Glaube ist erschreckend unkörperlich.“ Ja, Christof, dies ist leider nicht selten zu beobachten. Dabei ist er Gnade des Geistes und leiblich – eben konkret – erfahrbar. Wie? Beispielsweise so:

    „Die Frau soll dafür sorgen, daß ihr Mann gern nach Hause kommt, und er soll dafür sorgen, daß sie ihn nur ungern wieder gehen läßt.“

    Martin Luther ;-)

  8. Hoffnungsanker
    26 April, 2009 um 6:09 | #8

    „Gott offenbart sich uns bis auf Tiefste – wir dürfen ihm entblösst und vertrauend begegnen.“
    Dieser Satz trifft mich und ermutigt zugleich. Ich stelle öffters fest, dass wenn es mir nicht gut geht ich mich vor Gott verstecke, ihn meiden will. Lieber lenke ich mich ab oder suche Hilfe bei Menschen. Es mag manchmal so ein Verhalten auch berechtigt sein, so glaube ich, dass es schon für mich wichtig ist mich Gott „auszusetzen“ wie ich bin. Ich weiß, dass ich auch Gott wie in Psalmen zugleich anklagen und loben kann und doch tue ich es nicht. Warum? Habe ich noch zu wenig Vertrauen, zu kleinen Glauben?

  1. Keine Trackbacks bisher.