Vom Umgang mit alten Gedanken und Erlebnissen

4 09 2008

Seit einer Woche steht neben meinem Computer eine schicke Festplatte und diese beinhaltet die so genannte Time Machine. Mein iMac legt automatisch und für mich nicht wahrnehmbar Backups an und auf Knopfdruck kann sehr elegant jede noch so alte Datei, die einmal weggeworfen wurde wiederhergestellt werden. Das ist faszinierend, effektiv und très chic! Keine Daten gehen verloren - kein Photo, keine mail, alles ist wiederherstellbar. Für einen beruflichen Rechner eine unabdingbare Sache. Aber natürlich kommen mir da wieder geistliche Gedanken und Bezüge…

Wie ist das eigentlich mit unseren Gedanken und Erlebnissen? Auch diese werden abgespeichert und auch wenn sie vermeintlich vergangen sind - sie sind noch da! Zeit heilt keine Wunden und löscht auch keine Erlebnisse. Bei einem passenden Auslöser kommen die alten Kamellen wieder hoch und prägen erneut das Leben, ziehen herunter, drücken nieder. Jeder Mensch kennt das. Und irgendwann ist die innere Festplatte, unsere Seele (im hebräischen Sinne, also unsere näphäsch) einfach überfüllt, aber anstatt nun die alten Daten zu überschreiben (wie das time machine machen würde), kommt es zum Ausbrennen, zum Zusammenbruch, zur Depression. In der Depression ist ja im Wortsinn etwas niedergedrückt worden - unsere Seele vergisst aber nie, unser Körper übrigens auch nicht. Was ist also die Lösung für dieses Dilemma? Dass wir irgendwann an einen Punkt geraten, an dem wir innerlich überfüllt sind und nicht mehr ein und aus wissen?

Ich taste mich heran und vielleicht ergänzt du in den Kommentaren deine Gedanken. 

  1. Regelmäßige Seelenhygiene. Seelsorge, richtig verstandene Beichte, aber auch ein gesundes Maß an Gedankenkontrolle (was sage ich da eigentlich gerade? Welcher Gedanke kommt mir da eigentlich gerade - soll ich diesen durchlassen in meine Seele?). Gedankenkontrolle (man spricht im Mönchtum von der Türwächterübung) vermittelt der eigene Seele: ich achte auf dich, ich lasse nicht zu, dass dich alles zumüllen darf. Dabei wird der Gedanke nicht bekämpft, sondern gelassen abgewiesen. 
  2. Tagebuch. Im Tagebuch dürfen Gedanken zur Schrift werden und damit an Kraft verlieren. Tagebuchschreiben hat eine lange therapeutische Tradition. Es tut gut, sich Gefühle und Erfahrungen von der Seele zu schreiben…
  3. Gebet. Gott um Heilung der Gedanken bitten und ihm bewusst die Prägungen anvertrauen. Er kann aus Mist noch Diamanten formen…
  4. Ausrichtung auf den Nächsten. Ich mache die Erfahrung, dass Gemeinschaft gut tut. Der Mensch wird am Du zum Ich (Buber) - und so erlebe ich in schweren Phasen, das mir Menschen gut tun (ohne dabei das Schwere zu verdrängen). Natürlich nicht alle Menschen. Sondern Menschen, die aufbauen, die es gut meinen, mit denen man schweigen kann und lachen und weinen. Anderen gehe ich in solchen Momenten eher aus dem Weg - aus Selbstschutz. 
  5. Bewusst gute Gedanken und Prägungen pflegen. Seine Seele mit Positivem füttern. Die dunkle Sicht verdunkelt auch Dinge, die gar nicht dunkel sind. “Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er die Gutes getan hat!”
  6. Nicht kämpfen, sondern loslassen! Die dunklen Dinge, die mich bedrängen, sind nicht mein Feind (ich rede hier nicht von Kräften der unsichtbaren Welt - diese gehören mit Autorität bekämpft!) - sie sind Teil von mir. Ich kann aus ihnen lernen. Ich kann sie loslassen in die Hände Gottes, der damit etwas anfangen kann. Kämpfe ich gegen innere Regungen mit Gewalt, schade ich mir selbst und mache Teile in mir zu einem noch größeren Problem. Kurz: es ist ok, mal nicht gut drauf zu sein und eine Krise zu haben. Lassen wir nicht unser Seelenleben von Denken der dauergrinsenden Glückssucher infizieren - große Teile englischer Popmusik wären ohne Melancholie nicht entstanden…
  7. Hast du noch mehr Tipps? Dann los…;-)




Die versteckte Not der Seele: Scham.

29 08 2008

Das beschäftigt mich gerade im Rahmen meiner Predigtvorbereitung für Sonntag: Scham. Nicht das Schamgefühl, das uns gesunde Grenzen einhalten lässt - nein: die Scham, die im Tiefsten eine Empfindung auslöst: Ich bin ein Fehler. Die Scham, die genau diese vermeintlich fehlerhafte Identität durch eine äußere Hülle des Wohlverhaltens überdeckt (wie auch immer der jeweilige soziale Kontext Wohnverhalten definiert…).

Es ist diese versteckte Scham, die einen aggressiv reagieren lässt, wenn man von einem Autofahrer auf der Autobahn gedrängelt wird - denn dieser vermittelt dadurch versteckt: du bist ein Nichts, ich bin ein Jemand - verschwinde aus meinem Weg. Und genau diese oft überhaupt nicht realisierte Scham blockiert auch Freude im Glauben, letztlich wird sogar das Heil bedroht. Denn wer seine minderwertige Identität schützen will, der wird sie nur ungern öffnen vor dem Vater - schambesetzte Menschen können Geschenke nur schwer annehmen, auch das Geschenk der Gnade…

Und letztlich macht Scham eins: sie lässt einen um sich selbst und das eigene Ego kreisen. Deswegen fühlen sich schambesetzte Menschen in Gemeinden und Gemeinschaften wohl, in denen man sie Opfer sein und/oder ihre fromme Show bzw. Schutzschicht hochziehen lässt (wie auch immer die gefärbt ist: evangelikal, charismatisch oder kirchlich). Das Evangelium lehrt aber eins: Verantwortung übernehmen für das (auch verletzte) Ich, es freiwillig vor Jesus hingeben und Ihn Mittelpunkt sein lassen. Kann es sein, dass die Scham tiefer und in häufiger in uns sitzt, als wir denken?





Gesundes Selbstbewusstsein

23 08 2008

Dialog gerade am Frühstückstisch:
Ole (knapp 4): darf ich auf dem Klavier klimpern?
Isa und Christof (Alter wird verschwiegen): ja, warum nicht?
Einige Minuten später: Mamaaa, kannst du Wickie auf dem Klavier vorspielen?
Isa müht sich am Klavier durch die komplexe Tonfolge…
Ole (etwas ungeduldig, aber lieb): Komm, lass mich mal!

Während mir vor Lachen das Müslibrötchen aus der Hand fiel, kam ich ins Grübeln. Erfreut habe ich wieder mal bemerkt: wir haben Ole eingesundes Urvertrauen und Selbstbewusstsein mitgegeben. Das macht ihn manchmal anstrengend, aber es ist einfach gut. Er packt Dinge einfach an und probiert sie. Wenn es schief geht, schimpft er herum und macht es einfach nochmal. Und nochmal. Selbstverurteilung? Keine Spur. Ich? Ich bin klasse!! So ist Ole und so ist er gut. Und doch…

…ist es eben bei gar nicht vielen Menschen so selbstverständlich. Nun gibt es eine ungesunde Kreiserei um das Ich und die eigene Psyche, ich bin durchaus der Überzeugung, dass man dem so genannten inneren Kind auch mal einen Tritt in den Hintern geben muss. Aber man sollte es auch vorher entdeckt und gewürdigt haben! Die Mischung macht’s. Selbstreflexion ist kein Selbstzweck und auch nicht Ziel, sie ist nur Instrument und Teil des Weges, um als Mensch zu reifen. Doch die Beobachtung bleibt: viele Menschen arbeiten sich ab am Urvertrauen, am Selbstbewusstsein. Krebsen herum in Selbstverdammung und Zwängen. Mir geht es zumindest immer wieder mal so, auch wenn die Tendenz deutlich nach oben zeigt…

Was kann unser Glaube in diesem Bereich wirken? Jenseits wahrer, aber wenig hilfreicher Aussagen wie: du darfst dich selbst annehmen, weil Gott dich annimmt. Oder: deine Würde ist die eines Königskindes. Das ist wahr - aber erreicht es den verletzten Personenkern? Ich beginne, den Weg zu erahnen… Was sind deine Gedanken und Erfahrungen?





Grinsen macht krank!

28 05 2008

So nun haben wir es amtlich (und die F.A.S. hat es am Sonntag gebracht): Dauergrinsen macht krank! Soviel zum Dalai Lama. Aber Dieter Zapf von der Uni Frankfurt bezieht es weniger auf ihn, als auf Berufsgruppen, die das professionell betreiben müssen: Verkäufer, Call-Center-Mitarbeiter und Stewardessen hat er untersucht und begleitet. Fazit: ein natürliches Lächeln dauert zwischen einer halben Sekunde und vier Sekunden - alles darüber hinaus ist künstlich und macht krank, baut innerlich Aggressionen auf, die dann natürlich zu Depressionen führen können. Zapf stellt heraus: solche Berufsgruppen bräuchten dringend Rückzugsräume, in denen sie ihr echtes Ich mit all den angestauten Aggressionen über nervige Kunden rauslassen und einfach sie selbst sein dürften.

Amen dazu. So allmählich geht der ganze positiv-Denken-Eso-Müll den Bach runter. Lächle und du fühlst dich auch besser. Jo. Und man wird auf Dauer krank. Man kann natürlich auch krankhaft pessimistisch sein und die Mundwinkel zu oft den Forderungen der Schwerkraft übergeben. Klar. Aber darum geht es hier nicht. Fakt ist: jede Fassade macht auf Dauer krank. Nun kann keiner ohne Fassaden leben, denn so funktioniert nun mal unsere Gesellschaft und es wäre ja auch gar nicht wünschenswert, vollkommen transparent zu sein wie Jim Carrey in “Der Dummschwätzer”. Die Frage ist eher: bin ich mir dieser Fassade bewusst? Oder verwechsele ich sie irgendwann mit mir selbst? Habe ich Räume der Offenheit? Und habe ich eine Gemeinde, in der ich das leben darf und kann? Inwieweit fördert mein Glaube die Offenheit und Transparenz oder verstärkt sogar noch das Fassadenspiel? Wenn ich so manche Grinsekatzen von amerikanischen Pastorenehepaaren sehe und beobachte, dann beschleicht mich ein Verdacht, dass fromm sein die Sache nicht automatisch verbessert…;-)

Äh, daran arbeite ich gerade für die Predigt am nächsten Sonntag. Thema: Selbstbilder oder: wie ich mich nicht mehr selber im Wege stehe. Am Sonntag in der FeG Eschweiler und ab mittags dann im Netz als PDF und mp3 (wenn unser PC (würg!) mitmacht).





Schwermütige Momente - und der Weg aus ihnen heraus.

18 04 2008

Gestern war so ein Tag… der Schwermut und Melancholie. Fröhliche Sanguiniker werden nun den Blogeintrag weg klicken - ist schon ok. Sie ahnen ja nicht, dass ihnen etwas fehlt. Äh, fehlt? Nun will ich mich nicht in Schwermut suhlen - das wäre unangemessen. Aber sie hat einen tieferen Sinn!

Schwenken wir zu Kierkegaard - meinen Leib und Magen-Philosophen, der praktischer weise auch noch Christ und Zyniker war. Sozusagen der Harald Schmidt der Philosophie. Naja. Ansatzweise. Dieser Sören Kierkegaard hat jedenfalls unter seiner Schwermut gelitten - heute würde man sie als Depression diagnostizieren und Pillen einwerfen. Das habe ich auch schon einmal eine Zeit lang in einer schweren Phase getan und es war gut. Denn wenn die Schwermut nicht eingeordnet werden kann - dann kann sie zur existenziellen Verzweiflung werden. Kierkegaard definiert nämlich die Verzweiflung doppelt: Verzweifelt man selbst sein wollen auf der einen Seite und Verzweifelt nicht man selbst sein wollen auf der anderen Seite. Beides ist von übel, das erste führt zu Trotz (so bin ich eben), das andere zu Schwäche (ach, könnte ich mich loswerden). Beides führt in Schwermut und/oder Zynismus. Sünde ist dann laut Kierkegaard: dass der Mensch vor Gott verzweifelt nicht er selbst sein will oder dass er vor Gott verzweifelt er selbst sein will. Und der Sinn? Zu erkennen, dass man in der Schwebe zwischen diesen Zuständen in Gott geborgen ist und sich von ihm her definiert. In meinen Worten. Und das ist ja gut jüdische Denke - der Mensch wir Mensch am Du Gottes (Buber). Und die Sanguiniker? Die haben noch einen langen Weg vor sich, denn sie sind auf der untersten Stufe des Weges: Sich seiner Verzweiflung und seines Selbst nicht bewusst sein (uneigentliche Verzweiflung). Einfach so zu leben - dafür hat Kierkegaard nur Ironie und Herablassung übrig. Wer sich allerdings durch die Schwermut durchgekämpft hat und den Weg zur Definition vor Gott zwischen den beiden Extremen eingenommen hat - der erfährt Freiheit und Erlösung.

Und ich? Ich spüre: mir tun in meiner Schwermut Begegnungen mit Menschen gut. Das spüre ich sofort. Wenn ich an meinem Schreibtisch hänge und nur noch depressive englische Pop-Musik höre und dabei Absinth trinke (nicht im Ernst!!), dann tun mir Menschen gut. Am Du finde ich mich wieder. Mein Lernfeld: diesen Weg intensiver in Gott zu finden und nicht nur in Menschen. Letzteres ist gut - denn wir sind auf echte Gemeinschaft angelegt, ersteres aber ist das Ziel der Schwermut.

Literaturtipp: Romano Guardini - Vom Sinn der Schwermut und natürlich: Sören Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode (dafür aber Muße und den Mumm, sich durch eine unsägliche Sprache durchzubeißen, wird aber belohnt).





Individualismus und Einsamkeit

31 03 2008

Heute morgen Beerdigung eines ganz lieben alten und weisen Mannes aus der Gemeinde: Günther. Er hatte sich schwarze Kleidung verbeten und so war die Beerdigung das, was sie sein kann im Kontext unseres Glaubens: eine Mischung aus Tränen und Jubel, aus Zuversicht und Schmerz, der immer dann entsteht, wenn irgendwo ein Loch in uns gähnt, das nie mehr gefüllt werden wird. Aber vor allem: Auferstehung pur. Hebräer 12 gab uns den Ton an - Günther sitzt nun auf den Rängen des Stadions, in dem wir noch unsere Runden drehen und feuert uns an. Eine schöne Vorstellung.

Nach dem Gottesdienst und der Beerdigung dann die Gespräche. Eine Frau: “ach wissen Sie, Herr Pastor, war ein toller Gottesdienst. Ich lebe ja meinen Glauben so für mich, das ist meine Wahrheit und die zwinge ich niemandem auf, aber ich habe meinen Weg gefunden.” Ich habe ihr darauf gesagt, das genau dieser Günther den gegenteiligen Lebensentwurf repräsentiert hat - bewusst und transparent in der Gemeinschaft der Gemeinde lebend ist er umgeben von Kindern, Verwandten und Menschen aus der Gemeinde gestorben. Mitten in einem gemeinsamen herzhaften Lachen… zwischen zwei Tränen…

Ahnen die Menschen eigentlich, wie einsam sie mit “ihrem” Glauben enden werden? Dass Glaube, wenn er denn tragfähig sein will, immer auf Gemeinschaft angelegt ist? Dass Glaube kein spiritueller Alleingang eines autarken Wesens darstellt? Ausreißer werden nicht nur im Sport kurz vor dem Ziel abgefangen! Wie viel Angst haben die Menschen davor, “ihre” Wahrheit hinterfragen zu lassen, dass sie sich eher von der Gemeinschaft fern halten und so fast zwangsläufig irgendwann auch mit “ihrem” Glauben allein sind. Und wenn der Glauben bröselt? Wenn eigentlich der Andere mir Christus sein sollte, weil ich Ihn - den Retter - aus den Augen verloren habe? Ich sage es offen: ich wäre ohne meine Geschwister, vor denen ich auch meine Glaubenskrisen leben durfte und darf - verloren. Einsam nur in Gemeinschaft mit einem kalten Universum. Warum wollen die Leute das so unheimlich gerne? Ahnen sie nicht, dass Individualismus zwangsläufig in Einsamkeit endet? Hier zeigt die Postmoderne neben allem auch Positivem ihr kaltes Gesicht. Gut, dass wir einander haben…

P.S. beim nächsten Eintrag passiert das bei Autoren Unvermeidliche: mein Erstlingswerk “Glauben genießen” (Brockhaus) wird verlost. Zu den Bedingungen - siehe dann dort!





Das Loch nach der Anspannung - und der Weg hinaus?

21 02 2008

Wieder mal passiert: da ist eine wichtige und an die Nerven gehende Aufgabe geschafft und prompt ist sie da: die Erkältung. Passiert mir diesen “Winter” nicht zum ersten Mal. Es ist ein Phänomen, das ich auch in anderen Menschen-Berufen wahrnehme, wie zum Beispiel bei (engagierten) Lehrern - sie halten durch bis zu den Ferien, fahren in Familienurlaub und werden krank. Weihnachten? Krank. Das Loch nach der Anspannung oder sollte man besser sagen: Überlastung?
Und? Was sagt das? Keine Ausgewogenheit im Lebensstil. Kein täglicher, wöchentlicher und monatlicher Ausgleich für die Überlastung. Zu wenig Gespür für die frühen Signale des Körpers und der Seele, wie zum Beispiel Verspannungen, Magen- oder Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen. Die haben alle auch seelische Gründe und Wurzeln im Lebensstil. Pausen wahrnehmen, Sabbat halten, Frei-Zeit ohne Druck einplanen, Spielen - all das kann vielleicht helfen. Aber: was vor allem fehlt, ist das Gespür für die Signale. Das natürliche Empfinden: hier musst du zurückfahren und dich schützen, hier musst du anders dosieren, hier musst du mal seelsorgerisch arbeiten mit einem Vertrauten zusammen, hier muss ich Schuld vor Gott bekennen, die mein Herz verseucht. Wie sagte David - frei übersetzt: als ich dir die Sünde verschweigen wollte, verdorrten meine Glieder…
Achtsamkeit im guten, nichtesoterischen Sinne lernen - das ist auch eine christliche Tugend. Und: wenn wir uns selbst nicht mehr ganzheitlich wahrnehmen können, wie sollte das bei anderen und bei Gott gelingen? Dann aber wandeln wir nicht in der Wahrheit, sprich: Wirklichkeit und Realität, sondern in einem Zerrbild. Und das kann nur krank machen. Was sind deine Hilfestellungen, um mehr Gespür zu entwickeln und sorgfältiger mit Seele, Körper und Geist umzugehen?





Die dunkle Seite des Internet: Pornographie

5 02 2008

Reden wir über das Schmuddelthema. Warum? Weil es auch immer wieder mal mein Schmuddelthema ist. Wie bei 60% der Männer. Und weit mehr in meiner Altersklasse. Also zwischen 30 und 40. Gerade auch bei denen, die für Gott arbeiten wollen. Warum drüber reden? Weil Jesus es anordnet und uns als Weg der Befreiung nahe legt: bringt die Sachen ans Licht (also in seine Gegenwart), dann kann es befreit und geheilt werden.

Nach vorsichtigen Schätzungen sind ein Fünftel der aufgerufenen (!) Seiten im Internet pornographisch. Das wäre in medizinischen Kategorien gedacht eine Epidemie. Wenn man denn Pornographie als krank bezeichnen und einordnen würde. Ist sie aber. Sie macht abhängig, degradiert Frauen und Männer, verdreht die Gottesebenbildlichkeit, ist Ausdruck einer tiefen Leibfeindlichkeit (!).
Vielleicht kommen wir hier ins Gespräch über die Gründe für den Bedarf nach Pornographie. Ich bin nicht prüde erzogen worden, habe kein verdorbenes Verhältnis zu meinem Körper und freue mich am Anblick einer schönen Frau. Und das ist auch gut so - denn so hat Gott uns erschaffen. Pornographie dagegen hat einen instrumentalen Charakter - sie steht eigentlich für etwas Anderes. Für den Abbau von Frust, von Aggression, von Langeweile, von Hilflosigkeit - letztlich: von einer mangelhaften Gottesbeziehung, in der es an Leidenschaft fehlt. Ich halte es mit einem Erziehungspsychologen, der einmal sagte: Wachstum und Reife entstehen am Aushalten von inneren und äußeren Spannungen. Das lernen Kinder immer weniger. Spannungsabbau - sprich: der leichte Weg der Befriedigung ist z.B. die Pornographie, aber auch die Esssucht u.a. - aber all diese Dinge halten uns infantil, binden uns und verhindern - christlich gesprochen - Vollmacht und Wachstum auf Jesus zu. Hilfsmittel? Bei mir sind das:

ein guter Internetfilter - safeeyes hat sich bei mir seit einem Jahr bestens bewährt - und läuft auch auf Mac. Die 40 Euro im Jahr sind bestens investiert, abgesehen davon, dass man mit dem Ding auch seine Kinder schützen kann… wer bereits die Anschaffung für sich verweigert, hat ein wirkliches Problem!

Offenheit - mit anderen Männern und der eigenen Partnerin (so vorhanden) darüber reden und diskutieren. Wer als Mann behauptet, noch nie innerlich eine Frau ausgezogen zu haben, der lügt sich was in die Tasche oder ist bereits in der Ewigkeit. accountability ist entscheidend - wie geht es dir bei der Pornographie? Die Frage von einem guten Freund oder Mentor ist wichtig!

Seelsorge - darüber reden und durchschauen, wozu die Pornographie bei MIR dient. Pornographie ist immer instrumental!

Bloss keine Fixierung! - denn dann wird das Thema zum Hauptthema. Sünde gehört aber besiegt bzw. ist eigentlich schon besiegt und der Sieg gehört gelebt! Zentrum sind aber Gnade und Jesus.

Es ist an der Zeit, das Thema anzusprechen. Denn es wütet in der Dunkelheit - und nicht zuletzt verdirbt Pornographiesucht wirklich erfüllenden und leidenschaftlichen Sex mit der eigenen Frau. Ich “investiere” an andere Stelle - was meiner Frau aber eigentlich zusteht. Reden wir darüber.





Wie Wunden voranbringen können

18 01 2008

Unsere Kultur - auch wenn es schon fast ein Klischee ist - ist eine Kultur der Wohlfühlmaximierung. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist sie auch Opferkultur, Menschen verharren in ihren Zuständen und schieben der Geschichte, der Gesellschaft, egal wem die Schuld dafür zu, dass sie sich nicht ändern müssen. So entsteht eine Zweiteilung: diejenigen, die Spaß haben (oder meinen zu haben) und diejenigen, die im verkrümmten Dasein verharren. Beides spricht für einen kranken Umgang mit den Wunden, die uns das Leben zufügt… genauer:
Der Wohlfühler (klingt nach: der Picknicker) verleugnet die Wunden und will sie minimieren um jeden Preis. Das Leben als einzige Erfolgs-Story. Im christlichen Genre dient Gott der Stabilisierung dieses Systems. Er sorgt in den mir unzugänglichen Lebensbereichen für die Absicherung und garantiert so den Erfolg und das Wohlgefühl. (Bitte beachten: ich rede in Extremen!) Obwohl diese Menschen besonders fromm und “gläubig” rüberkommen (Gott will dich auf jeden Fall gesund, reich, schön machen und das ohne jeden Aufwand), missbrauchen sie eigentlich die Souveränität Gottes. Und sie übersehen, dass Wunden (nicht nur bei Operationen) notwendig sein können, damit eine Heilung beginnt. Jakob ringt mit Gott und wird verwundet. Fast keine biblische Gestalt kommt ohne seelische (und körperliche) Verwundungen durchs Leben und gerade diese machen oft den Unterschied. Wann? Wenn sie angenommen und dann aber auch geheilt werden. Und genau da…
…kommen die Opfer ins Spiel. Sie jammern über ihre Wunden und verweigern die Heilung. Die Wunden dienen als Rechtfertigung, sich nicht weiter zu entwickeln, weil ja die Startbedingungen so schlecht sind. In der Seelsorge dreht man sich bei solchen Menschen schnell im Kreis und konkrete Schritte werden mehr oder weniger geschickt verweigert. Im Glauben sind das die Menschen, die Gott klein machen und vermeintlich mit ihm im Leiden verbunden sind. Jesus will heilen und helfen? Nicht doch. Nur: Jesus hat gelitten, damit… Jesus hat sich Wunden schlagen lassen, um… - sprich: seine Wunden waren zielgerichtet. Und er hat nicht herumgejammert. Sehr wohl geklagt, aber Klage ist zielgerichtet, Jammern nicht. Wenn uns alles zum Guten dienen kann, dann gilt das besonders für die Wunden, die Verletzungen. Sie können zu einer echten Qualität werden, wenn sie von Gott geheilt und verwandelt werden.
Wo stehe ich, wo stehst du in diesem Spektrum?





Das größte Hindernis für das Zusammenleben

27 12 2007

Immer wieder fällt mir bei Konflikten in der Gemeinde, aber auch im privaten Bereich, auch in der eigene Ehe eins auf: Stolz ist die Hauptursache für Konflikte und vor allem für deren Weiterbestehen. Kommt man miteinander ins Gespräch (ja, wenn es denn schon so ist!), dann kann eigentlich bei aller vielleicht notwendigen Diskussion von Fragen auf der Sachebene letztlich nur eins helfen: sich die Hand zu reichen, sich zu vergeben (nicht zu vergessen! Das ist eine andere Schiene!), willentlich einen Schlussstrich zu ziehen und dem anderen zu sagen: ich mache Fehler, du machst Fehler, wir sind begnadigte Sünder und leben von der Gnade, die vergibt, auch wenn wir es nicht erkennen. Und das alles nicht als theoretisches Konzept, sondern konkret: ich habe an dieser Stelle gefehlt. Wo ein Konfliktpartner das nicht kann - scheitert jedes Gespräch.

Letztlich steckt das Problem aber noch tiefer - denn hinter der mangelnden Fähigkeit zu sagen: ich habe mich geirrt, ich habe dir gegenüber einen Fehler gemacht steckt eigentlich Gottlosigkeit. Scott Peck hat einmal weise gesagt: das Problem für die Gott ist nicht die Sünde (für die ist er in Jesus Christus gestorben), das Problem ist das Verbergen der Sünde.  Wer nun vor anderen seine konkrete Sünde verbergen muss, offenbart damit einen geistlichen Notstand. Und noch weiter: er (meistens ist es ein Er) bedroht aktiv seinen Glauben. Denn Jesus selbst sagt: wenn ihr nicht vergebt, wird euch auch nicht vergeben werden. Reden wir uns dieses Wort nicht klein!

Letztlich steckt hinter diesem Stolz aber noch ein zweites: ein mangelndes Wissen von der eigenen Identität bei Gott.  Oder anders gesagt: Minderwertigkeitskomplexe. Da bricht es in der Tat mehr als einen Zacken aus der Krone, wenn man eingestehen müsste: ja, ich habe gegen dich gesündigt. Da bricht die Welt zusammen, vor allem die Scheinwelt, die man von sich selbst aufgebaut hat.

Das sind so die Erkenntnisse, wenn ich in mein eigenes Herz schaue und ich bin dankbar, dass mich Gott vergeben gelehrt hat - auch wenn ich noch manchmal blutiger Anfänger bin. Mir ist bange um die Christen, die nicht vergeben können. Sie verletzen sich selbst und - schlimmer noch - sie verletzen andere Menschen, manchmal ganze Gemeinden. Und keiner kann ihnen helfen außer Gott selbst, der das harte, aber gleichzeitig so kleine, verletzte Herz erreicht.