Alles ist erleuchtet oder: der Gott der kleinen Dinge

2 09 2008

Bevor mich jetzt jemand aufgrund der Titelzeile des Pantheismus bzw. der Religionsvermanschung bezichtigt. Der Titel ist natürlich ein Wortspiel (wer den doppelten Ursprung der Titelzeile löst, bekommt einen Gummipunkt und eine Extra-Erwähnung in den Kommentaren…;-) Aber hinter dem Wortspiel steckt ein durchaus ernster Gedanke, der mich dieser Wochen wieder umtreibt, zumal ich mich wieder intensiver mit dem Buddhismus beschäftigte (für einen Vortrag in der FeG Kierspe morgen Abend).

Mal so ein paar Fragen: Haben wir es verlernt, Gott in den kleinen Dingen wahrzunehmen und zu hören? Erwarten wir vielleicht zu schnell das Spektakuläre und Große und sind nicht einmal fähig, unsere geistlichen Sensoren auf das Kleine auszurichten? Fehlt uns eine Form und eine Lehre Form der Achtsamkeit? Wird uns deswegen vielleicht das Große nicht anvertraut, weil wir das Kleine schon nicht wahrnehmen und verdauen? Rhetorische Fragen, denn ich denke: Ja! In der christlichen Tradition findet wir eine heilige Achtsamkeit auf die kleinen Dinge, z.B bei Bruder Lorenz oder bei Jean-Pierre de Caussade. Mir fiel die Schönheit dieses Gedankens wieder auf, als ein Mitglied unserer Gemeinde mit vor einigen Wochen ein Glaubenerlebnis schickte und dieses auch am Sonntag in unserer Gemeinde erzählt hat. Es handelt von einem wichtigen Punkt des Glaubens bzw. der Erkenntnis mitten in einem ganz normalen Moment… ich ziehe mich dann mal zurück und gebe Achim das Wort….:-)

Ich schleppe seit einigen Monaten ein paar grundlegende Fragen mit mir herum. Z.B. wie der Glaube und die Naturwissenschaften sich einander vertragen. Besonders der Punkt “Entstehung der Erde und der Menschheit” aus naturwissenschaftlerischer und biblicher Sicht widerspricht sich etwas. Wie konnte Gott Leiden in der Welt schon zulassen, bevor Adam und Eva in die Frucht bissen. Das passt einfach nicht. Auch die Sündenvergebung macht ja erst mit dem Sündenfall Sinn. Was ist mit all den Menschen, die jahrhunderttausende vor Abraham gelebt haben und immer noch neben dem Judentum und Christentum existieren. Und wenn ich das schon nicht verstehe, wie soll ich so was anderen klar machen. Die Wissenschaftliche Sicht finde ich logischer als die biblische. Meine Zweifel sind dementsprechend groß.

Als ich da nun mit meiner Familie in einem einsamem Bachtal irgendwo in der Mitte Korsikas saß, dachte ich wieder über diese Thematik nach und betete ich zu Gott: “Bitte gib mir eine Antwort auf die Frage nach …”. Aber ich konnte das Gebet nicht zu Ende bringen, weil Anika (oder war es Arik, ich weiß nicht mehr genau) mich unterbrach und ich erst mal was anderes tun musste. Danach versuchte ich erneut das Gebet zu formulieren, aber eine Wespe kreiste bedrohlich nah um meine nackten Füße. O.k. dann also mein dritter und damit vorerst letzter Versuch, weil ich das dann eh schon als Antwort gedeutet habe. Ich setzte also wieder zum Gebet an, da unterbrach mich Ayleen: “Papa, kannst du mir was vorlesen?”. Resigniert gab ich dieses Gebet vorerst auf und griff nach Christof Lenzens Buch “Glauben genießen”. Nach wenigen Zeilen stolperte ich über den Vers von 1. Korinther 8, 1: “Aber Erkenntnis macht hochmütig, nur die Liebe baut auf.”

Oder mit meinen Worten: wenn ich glaube die Antwort gefunden zu haben, macht mich dass an dieser Stelle hochmütig/rechthaberisch. Nur die Liebe bringt mich weiter.

So wie dieser Vers einen Perspektivwechsel erfordert, so ist auch Gottes Antwort auf meine Frage eine aus einer Richtung die ich mal wieder nicht erwartet habe. Natürlich macht mich diese Antwort nicht glücklich, weil ich immer noch das nicht sehe, was ich sehen will. Aber wahrscheinlich ist die Sicht für meine engstirnige Blickrichtung eh versperrt, weil meinen Primatenhirn diverse Sensoren fehlen.

Gott sagt mir:”Siehst du, ich antworte. Aber du kannst die Wahrheit jetzt noch nicht begreifen. Versuch’s so lange mit Liebe”.





Das Loch nach der Anspannung - und der Weg hinaus?

21 02 2008

Wieder mal passiert: da ist eine wichtige und an die Nerven gehende Aufgabe geschafft und prompt ist sie da: die Erkältung. Passiert mir diesen “Winter” nicht zum ersten Mal. Es ist ein Phänomen, das ich auch in anderen Menschen-Berufen wahrnehme, wie zum Beispiel bei (engagierten) Lehrern - sie halten durch bis zu den Ferien, fahren in Familienurlaub und werden krank. Weihnachten? Krank. Das Loch nach der Anspannung oder sollte man besser sagen: Überlastung?
Und? Was sagt das? Keine Ausgewogenheit im Lebensstil. Kein täglicher, wöchentlicher und monatlicher Ausgleich für die Überlastung. Zu wenig Gespür für die frühen Signale des Körpers und der Seele, wie zum Beispiel Verspannungen, Magen- oder Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen. Die haben alle auch seelische Gründe und Wurzeln im Lebensstil. Pausen wahrnehmen, Sabbat halten, Frei-Zeit ohne Druck einplanen, Spielen - all das kann vielleicht helfen. Aber: was vor allem fehlt, ist das Gespür für die Signale. Das natürliche Empfinden: hier musst du zurückfahren und dich schützen, hier musst du anders dosieren, hier musst du mal seelsorgerisch arbeiten mit einem Vertrauten zusammen, hier muss ich Schuld vor Gott bekennen, die mein Herz verseucht. Wie sagte David - frei übersetzt: als ich dir die Sünde verschweigen wollte, verdorrten meine Glieder…
Achtsamkeit im guten, nichtesoterischen Sinne lernen - das ist auch eine christliche Tugend. Und: wenn wir uns selbst nicht mehr ganzheitlich wahrnehmen können, wie sollte das bei anderen und bei Gott gelingen? Dann aber wandeln wir nicht in der Wahrheit, sprich: Wirklichkeit und Realität, sondern in einem Zerrbild. Und das kann nur krank machen. Was sind deine Hilfestellungen, um mehr Gespür zu entwickeln und sorgfältiger mit Seele, Körper und Geist umzugehen?





Bismarck und das Leben in der Gegenwart

4 01 2008

„Das Leben ist ein geschicktes Zahnausziehen. Man denkt immer, das Eigentliche solle erst kommen, bis man plötzlich sieht, dass alles vorbei ist.“ (Otto v. Bismarck - bei der Predigtvorbereitung entdeckt und herzhaft gelacht)

Hat doch Humor, der alte Mann. Und Recht hat er auch. Das ist der natürliche Trend im Menschen - auf eine angeblich bessere Zukunft hinzusteuern. Bis er oder sie feststellt: hey, das Leben ist schon fast vorbei. Die Verheißung der besseren Zukunft ist wie die Möhre am Stock vor der Schnauze des Esels. Unerreichbar. Begegnung mit Gott ereignet sich jetzt. Gott will sein Reich jetzt bauen. Er will mit dir arbeiten, so wie du jetzt bist - dafür ist er gestorben, dass du nicht erst so werden musst, wie du denkst, bevor du seine Vollmacht ausübst. Begegnung mit Gott ereignet sich - so C.S. Lewis - in diesem schmalen Korridor der Gegenwart - wir hängen dagegen oft gedanklich und emotional in Vergangenheit oder Zukunft fest. Aus der Vergangenheit lernen und das Gute bewahren ja. Von ihr festgehalten und gebunden werden - nein. “Ihr sollt leben, so wie lebe” - warum machen wir es dann nicht?