Wir lesen zu viel Bibel!
Punkt. Mit dieser kleinen Bombe hat mich ein Artikel von Hans-Jürgen Jaworski aus dem aktuellen Hauskreismagazin erreicht. Und es haben sich plötzlich, sanft und leise, viele Mosaiksteine zusammengesetzt in meinem Nachdenken über Spiritualität privat und in der Gemeinde. Ich arbeite an einer Spiritualität, die Spannungsfelder ernst nimmt und nicht einfach auflöst. Und ich arbeite an einer einfachen Spiritualität – aber Achtung: keiner simplen. Eher: simplify your spirituality. Slow down your spirituality. Was sind die Argumente des Artikels – von mir weiter gedacht.
Wir sind in einer Informationsgesellschaft bombardiert mit Impulsen, die uns beeinflussen. Im Gemeindeleben pflanzt sich das durch eine Flut von Angeboten fort. In einer durchschnittlichen Freikirche mit einem durchschnittlich engagierten Mitglied bekommt dieses gute Impulse durch die Predigt. Dann noch gute Impulse durch den Hauskreis. Nicht zu vergessen die Bücher, die man liest und das allmorgendliche Andachtsheft. Auf jeden Fall sind es mehrere Impulse pro Woche. Nur: die Bibel will ja verändern, prägen, sie hat Sprengkraft und ist ein zweischneidiges Schwert. Nur (die zweite): das empfindet fast keiner mehr so. Die Bibel wird immer weniger gelesen, sie wird auch nicht als lebensverändernd wahrgenommen. Was läuft schief?
Zu viel Bibel. Inflation der Bibel. Zusätzlich zu all den anderen Informationen, die wir verarbeiten müssen. Ein Dietrich Bonhoeffer war da weiser: er hatte als Regel des christlichen Zusammenlebens das Lesen eines Textes, einer Perikope pro Woche. Nicht mehr. Jeden Tag den gleichen Text. Und dann meditieren, nachsinnen, wiederkäuen (ruminatio) und ins Leben umsetzen. Denn Gottes Wort ohne Tat ist tot. Bis zur Reformation war das normal: die Christen konnten zumeist nicht lesen und lebten von den biblischen Bildern in der Kirche und von der (selektiven) Lesung der Schrift. Darauf mussten sie herumkauen. Weitere fromme Impulse: Fehlanzeige. War das nur schlechter? So sehr ich dankbar bin für Gottes Wort für jedermann – hilft aber nix, wenn es nichts verändert).
Zu viel Bibel: das erklärt auch das immer weniger werdende Bibellesen, denn die Freude daran hängt an der Wirksamkeit und der erlebten Sprengkraft der Schrift. Immer wieder schön zu beobachten im Gemeindeleben: da erlebt jemand eine solide Lebensveränderung und plötzlich liest er (oder sie) auch wieder gerne Bibel. Die Sprengkraft ist erlebt worden. Genau das sollte aber viel häufiger passieren! Was ich aber inflationär bekomme und nicht verdauen kann – das hängt mir irgendwann zum Halse raus, weil es auch nicht satt macht, sondern voll…
Konsequenz? Da bin ich am beten und ringen, aber die Konsequenzen wären gewaltig. Reduktion der eigenen Spiritualität auf wenige, dafür tief gehendere Bestandteile. Ein Text pro Woche. Optimalerweise auch noch der aus der Predigt vom Sonntag. Hauskreise, die sich mit der vergangenen Predigt vertiefend beschäftigen (das Konzept von „sticky church„). Dienstgruppen, die Unterstützung bieten, das Gelernte umzusetzen und praktisch werden zu lassen. Predigtreihen, die semitisch kreisend (so arbeitet die Bibel, z.B. das Johannesevangelium) ein Thema oder eine Bibelstelle von immer neuen Seiten beleuchten. So dass nur noch ein Grundimpuls für einige Wochen übrig bleibt. Der von verschiedenen Seiten beleuchtet und vertieft wird. Echter und authentischer Austausch über die erlebten Konsequenzen.
Vieles fügt sich in mir zusammen – und die Konsequenzen könnten intensiv sein (ich empfinde zumindest dabei eine lange nicht mehr gespürte Leidenschaft). Wagen wir so zu denken? Und zu handeln?
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