Gestern war so ein Tag… der Schwermut und Melancholie. Fröhliche Sanguiniker werden nun den Blogeintrag weg klicken - ist schon ok. Sie ahnen ja nicht, dass ihnen etwas fehlt. Äh, fehlt? Nun will ich mich nicht in Schwermut suhlen - das wäre unangemessen. Aber sie hat einen tieferen Sinn!
Schwenken wir zu Kierkegaard - meinen Leib und Magen-Philosophen, der praktischer weise auch noch Christ und Zyniker war. Sozusagen der Harald Schmidt der Philosophie. Naja. Ansatzweise. Dieser Sören Kierkegaard hat jedenfalls unter seiner Schwermut gelitten - heute würde man sie als Depression diagnostizieren und Pillen einwerfen. Das habe ich auch schon einmal eine Zeit lang in einer schweren Phase getan und es war gut. Denn wenn die Schwermut nicht eingeordnet werden kann - dann kann sie zur existenziellen Verzweiflung werden. Kierkegaard definiert nämlich die Verzweiflung doppelt: Verzweifelt man selbst sein wollen auf der einen Seite und Verzweifelt nicht man selbst sein wollen auf der anderen Seite. Beides ist von übel, das erste führt zu Trotz (so bin ich eben), das andere zu Schwäche (ach, könnte ich mich loswerden). Beides führt in Schwermut und/oder Zynismus. Sünde ist dann laut Kierkegaard: dass der Mensch vor Gott verzweifelt nicht er selbst sein will oder dass er vor Gott verzweifelt er selbst sein will. Und der Sinn? Zu erkennen, dass man in der Schwebe zwischen diesen Zuständen in Gott geborgen ist und sich von ihm her definiert. In meinen Worten. Und das ist ja gut jüdische Denke - der Mensch wir Mensch am Du Gottes (Buber). Und die Sanguiniker? Die haben noch einen langen Weg vor sich, denn sie sind auf der untersten Stufe des Weges: Sich seiner Verzweiflung und seines Selbst nicht bewusst sein (uneigentliche Verzweiflung). Einfach so zu leben - dafür hat Kierkegaard nur Ironie und Herablassung übrig. Wer sich allerdings durch die Schwermut durchgekämpft hat und den Weg zur Definition vor Gott zwischen den beiden Extremen eingenommen hat - der erfährt Freiheit und Erlösung.
Und ich? Ich spüre: mir tun in meiner Schwermut Begegnungen mit Menschen gut. Das spüre ich sofort. Wenn ich an meinem Schreibtisch hänge und nur noch depressive englische Pop-Musik höre und dabei Absinth trinke (nicht im Ernst!!), dann tun mir Menschen gut. Am Du finde ich mich wieder. Mein Lernfeld: diesen Weg intensiver in Gott zu finden und nicht nur in Menschen. Letzteres ist gut - denn wir sind auf echte Gemeinschaft angelegt, ersteres aber ist das Ziel der Schwermut.
Literaturtipp: Romano Guardini - Vom Sinn der Schwermut und natürlich: Sören Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode (dafür aber Muße und den Mumm, sich durch eine unsägliche Sprache durchzubeißen, wird aber belohnt).
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