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Die sanfte Beseitigung biblischer Wahrheit: Christlicher Individualismus

26 Oktober, 2009 wegbegleiter 41 Kommentare

Vorbemerkung (nachträglich ergänzt): einige wenige Leser, wahrscheinlich auch von Gemeinden verletzte Leser, haben diesen Artikel als einzige große Forderung gedeutet. Deutlich wird aber auch in den Zeilen: meine kritische Hinterfragung meint Leiter und Geleitete. Nur das entspricht dem Leibgedanken. Unterordnung und Hinterfragbarkeit muss für jeden Christen gelten – egal wo er steht, auch für Leiter.

Eindrücke (abstrahiert aus vielen Jahren der Beobachtung der christlichen Szene und nicht konkret auf meine Gemeinde, die FeG Eschweiler bezogen):

  • Zum x-ten Mal wird ein Lopreislied gesungen, Text: ich und mein Jesus, begegne mir, gieße Ströme des Heils über mir aus, fülle mich… Ich sage: beten wir eigentlich Vater-Unser oder Vater-Meiner? Gehen die Paulusbriefe eigentlich überwiegend an Gemeinden oder an Einzelpersonen? Christlicher Individualismus.
  • In zahlreichen christlichen Ratgeber und seelsorgerischen Büchern finde ich den Hinweis: du darfst von niemandem anders abhängig sein als von Jesus selbst. Ich sage: Theoretisch stimmt das. Praktisch sind wir aufgefordert, einander zu ermahnen und zu ermutigen, zu hinterfragen und Gutes, Wertschätzendes zu reden, das aufbaut. Gemeinde soll das Ziel haben, heilende Gemeinschaft zu sein. Es gibt natürlich ein Heil außerhalb der Kirche (entgegen dem „Extra Ecclesiam nulla salus“ der katholischen Kirche), wer zum Glauben kommt und kurz darauf stirbt, muss nicht um sich fürchten. Aber es gibt keine (langfristige) Heiligung, kein Wachstum außerhalb einer Gemeinschaft! Die zeitweilige Einkehr und freiwillige Einsamkeit muss dem dienen, gemeinschaftsfähiger zu werden, denn als Teil des Leibes dient jeder Teil den anderen und dem Ganzen. Christlicher Individualismus.
  • Jemand sagt mir: ich verlasse die Gemeinde, weil der und der mich ungerecht behandelt haben und ich mich irgendwo nicht wohl fühle. Ich sage: Das klingt gut, ist aber ein verkappter Individualismus, denn er macht deinen Maßstab zum Maßstab für das Ganze. Gemeinschaft/Gemeinde ist kein Museum von Heiligen, sondern ein Hospital von Verletzten und Begnadigten. Spätestens wenn du dazu kommst (und ich als Pastor!) ist das so. Man muss mit Konflikten vernünftig umgehen und keine Probleme unter den Teppich kehren, aber man rennt nicht einfach so weg – in der Ehe nicht, in der Gemeinde nicht. Es sei denn, diese produziert grundlegende Irrlehren. Christlicher Individualismus.
  • Nach der Predigt sagt mir jemand: ich kann die Predigt zu 80% unterschreiben, mit einigen Dingen bin ich nicht einverstanden. Ich sage: Gut, das ist auch in Ordnung so, wir können gerne diskutieren, aber warum setzt du dich selbst in den Mittelpunkt und hinterfragst sofort die Predigt? Du solltest sie erst hinterfragen, wenn du von ihr zuvor hinterfragt worden bist, denn sie Gottes Wort an dich. Du stehst nicht auf dem Wort, sondern unter ihm. Predigten sind nicht unfehlbar, aber ihre erste Aufgabe ist: Weckung des Glaubens und seine Heiligung und deine Aufgabe ist nicht zuerst, Wertungstafeln hoch zu halten. Christlicher Individualismus.
  • Jemand sagt mir: mir geht es nicht gut und keiner kümmert sich um mich. Ich sage: kümmerst du dich denn um die, die sich um dich kümmern sollen? Wo investierst du , anstatt nur Forderungen zu stellen? Bist du in eine konkrete Gruppe integriert, wo du dich mitteilst und öffnest? Wo säst du, um auch zu ernten? Wenn alle säen, kann gemeinsam geerntet werden. Christlicher Individualismus.
  • Jemand sagt zu mir: ich brauche keine Gemeinde, ich gehöre ja zum unsichtbaren Leib Christi. Ich sage: das ist ein Irrtum. Der Leib ist eine Dienstgemeinschaft und die geistlichen Gaben dienen konkreten Menschen und keiner Fata Morgana. Natürlich gibt es eine unsichtbare Gemeinde Gottes – weltweit. Aber sie muss biblisch konkret werden. So ist das: Christlicher Individualismus, der der Reibung mit dem Leib aus dem Weg geht und keine Verantwortung übernimmt.
  • to be continued….

Der Individualismus hat längst im frommen Gewand Einzug gehalten in unseren Glauben und vernichtet schleichend nicht nur biblische Wahrheit, sondern auch Gemeinden. Grundlegende Forderungen und Verheißungen des NT basieren auf dem Gedanken des Leibes, des „einander“, des „füreinander“ und der Unterordnung. Wenn alle dies beherzigen, wird Gemeinde nicht nur funktionieren, sondern heilsam sein! Wer sich auf die eine oder andere Weise vom Leib Christi separiert, der schadet sich selbst (auch wenn es sich erst besser anfühlen mag) und dem Leib (denn jeder Verlust ist schmerzhaft). Christus ist unterwegs – zusammen mit seinem Leib. Sind wir dabei?

Vom Segen der Gemeinschaft!?

13 August, 2008 wegbegleiter 7 Kommentare

„Es wird leicht vergessen, dass die Gemeinschaft der Christen ein Gnadengeschenk aus dem Reich Gottes ist, das uns täglich genommen werden kann. Darum, wer bis zur Stunde ein gemeinsames christliches Leben mit anderen Christen führen darf, der preise Gottes Gnade aus tiefstem Herzen!“ (Dietrich Bonhoeffer)

Eine komische Zeit ist das, wo eine solche Aussage schon fast anstößig zu sein scheint. Immer wieder liest man es in den Blogosphäre hier und dort: verbindliche Gemeinde sei nicht so wichtig (setze wahlweise Gemeinschaft, Bewegung oder Kirche ein). Individualismus macht sich auch in christlichen Reihen breit. Bis hin in Freikirchen hört man Stimmen, die sagen: ach, Gemeinde ist für mich zweitrangig, ich lebe meinen Glauben vor allem für mich. Oder: Abendmahl ist eine Sache zwischen mir und Gott (was de facto einer Leugnung des Leibes Christi gleich kommt). Oder: ach, ich springe mal zu dieser mal zu jener Gemeinde, was mir halt gerade gut tut (und was ist, wenn Gott gerade mal nicht meinen Bauch pinseln will, sondern krass hinterfragen?). Oder: diese Gemeinde betont mir zu sehr die Liebe Gottes, wir wechseln in die neue, geile city church, die betonen mehr die Vollmacht (wobei doch Vollmacht ohne Liebe immer in Despotismus und Wichtigtuerei endet).

Mich verwirren diese Stimmen, sie machen mich wütend und traurig zugleich, denn so spalten wir den Leib permanent weiter. Und schwächen ihn. Der Zersplitterung der Gesellschaft droht die Zersplitterung der Denominationen zu folgen (nach amerikanischem Vorbild, wo sich Gemeinden teilweise nur in einer theologischen Frage dritten Ranges unterscheiden, aber gerade deswegen dringend einen eigenen Laden aufmachen müssen). 

Was steht wohl dahinter? Ich will ja gar nicht den Frust und die Verletzungen leugnen, die Gemeinden auch bewirken können! Und es gibt sehr wohl gute Gründe, eine Gemeinde oder Kirche zu verlassen (Machtmissbrauch, theologische Schieflagen und Liberalismus in erstrangigen Fragen, Heuchelei, mangelnde Bereitschaft zur Reformation), aber wird heute nicht zu schnell gezappt? Weg mit der einen Gemeinde, hin zur nächsten? Oder gleich unverbindlich frei schwebend bleiben? Ich pflege keinen Kulturpessimismus – ich vermute schlicht ein geistliches Problem dahinter: mangelnde Demut und Selbsteinsicht, zu wenig innere Weite, fehlende Bereitschaft zur Integration von Bestandteilen, die nicht die eigenen sind. Fallen dir noch Gründe ein? Es wäre wichtig, einen geistlichen Gegenpol zu setzen, denn es gibt keinen Glauben außerhalb des (ja, auch sichtbaren!) Leibes Christi.