Ich liege im Dämmerlicht im Bett, neben mir meine Frau Isa, zwischen uns Merle, die mal wieder ihre Alpträume hat und sich dann ängstlich aufschreiend in das T-Shirt von Isa verkrallt, als wolle sie sagen: bitte, geh nicht weg. Genau das musste sie auf Intensiv erleben, als sie langsam aufwachte aus dem künstlichen Koma und mit ihren Schmerzen vom Valium-Entzug fertig werden musste - nachts blieb sie damit allein und schrie - stundenlang, ohne dass dauernd die Nachtschwester trösten konnte. Bis endlich die Verlegung in ein normales Zimmer Mutter und Tochter wieder zusammen brachte. Ich schaue mit das an, streichele über den kleinen warmen Kopf und muss selbst ein wenig weinen. Wie zerbrechlich ist ein solches Kind, wie zart, wie bedürftig. Und langsam heilen auch die inneren Wunden und jede Menge Baby-Zufriedenheit und Lächeln macht sich breit…
Warum ich das erzähle? Weil parallel jede Woche zwei Kinder zu Tode gequält werden. 2 Babies dort, 5 dort - die Medien sind voll damit und dennoch erfassen sie nur die obersten Grausamkeiten. Kleinkinder, die verhungern, ein Baby, das mit über 100 Knochenbrüchen schließlich an den Schmerzen krepiert. Hilflose Politiker angesichts einer Bevölkerung, die orientierungslos vor sich hin dümpelt. Wo falsche Ideologien, fehlende Orientierung an einer höheren - auch moralischen - Instanz, also Gott, wo unglaubliche soziale Armut und Verwilderung sich breit machen. Wenn man selbst Vater ist und einen so kleinen Wurm in den Armen hält und gerade dann, wenn der kleine Wurm - so wie unsere Merle - auf ganz besondere Weise zu einem Gottesgeschenk geworden ist durch die schwere OP - dann kann man das alles nur mit großen Schmerzen sehen und hören. Es macht wütend, hilflos, traurig - aber nicht wütend auf diese Eltern, denn obwohl sie Täter sind und verantwortlich - sie sind oft alleingelassene Kreaturen, die das ausleben, was in uns allen steckt, wenn es nicht von Gott geheilt und vergeben wird. Ich begegne diesen Eltern mit Unverständnis und ich würde sie gerne schütteln, ich verstehe sie nicht und wünsche mir eine gerechte Strafe, viel mehr wünsche ich mir aber, dass die Gesellschaft und gerade wir Christen Verantwortung übernehmen.
Und hier schlägt die wirksame Strategie des Teufels zu: wir Christen sind so oft mit uns selbst beschäftigt und mit unsinnigen, kleinen Querelen in der Gemeinde und der Christenheit, die so viel Kraft und Freude kosten (und vor denen Paulus schon warnt). Und in Freikirchen gilt: hey, wir haben zwar keinen Papst, dafür aber in jeder Gemeinde 2 oder 5 oder 7 Päpste, die sich für unfehlbar halten. Die wichtig sein wollen, die nicht dienen, sondern richtig bedient werden wollen (wehe, man macht nicht alles richtig!). Und so fetzen wir uns um nebensächliche Themen, die mit den Dingen, die die verlorenen Menschen da draußen beschäftigen: NICHTS zu tun haben. Und oft genug sind das auch die Themen, die Christen stillschweigend mit sich herumtragen: wie kann meine Ehe besser gelingen, warum passiert so etwas wie mit den 5 Babies und wie kriege ich das selbst hin mit der Erziehung? Warum kämpfe ich so sehr mit sexuellen Versuchungen? Wie kann ich in meinem Beruf bestehen, ohne auszubrennen?
Wie viel reden wir dagegen über: Kleinigkeiten im Vergleich dazu. Manchmal können auch Kleinigkeiten wichtig sein (wie bauen wir Gemeinde, was sind die richtigen Modelle für die Zukunft etc…), aber sie sollen nur dem großen ganzen dienen und es darf eben kein Selbstläufer werden.
Die Lösung? Ein dienendes Herz, das die Probleme der Menschen (auch der Christen!) adressiert und vom Glauben her beleuchtet. Das anpackt und hilft bei den unterschwelligen Fragen, die manchmal quälen. Die Verweigerung, sich an den Kleinigkeiten aufzureiben. Der gemeinsame Wille, eine gemeinsame Vision vom Reich Gottes im Blick zu halten und nicht die kleinen Füchse hineinzulassen, die den Weinberg (Gemeinde) zerstören wollen. Radikale Ausrichtung auf die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zum Salz- und Lichtsein in dieser Welt. Das wünsche ich mir, wenn ich über den kleinen Kopf von Merle streichele, die sich entspannt, während ich davon träume, dass wir (ja auch ich!) weniger Forderungen an andere haben und an Gemeinde und an Leitung und an was auch immer, sondern endlich kapieren: alle Christen sind Gemeinde und haben Verantwortung. Nehmen wir sie nicht wahr, sündigen wir. Werde wesentlich.
Neueste Kommentare