Wie Wunden voranbringen können

18 01 2008

Unsere Kultur - auch wenn es schon fast ein Klischee ist - ist eine Kultur der Wohlfühlmaximierung. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist sie auch Opferkultur, Menschen verharren in ihren Zuständen und schieben der Geschichte, der Gesellschaft, egal wem die Schuld dafür zu, dass sie sich nicht ändern müssen. So entsteht eine Zweiteilung: diejenigen, die Spaß haben (oder meinen zu haben) und diejenigen, die im verkrümmten Dasein verharren. Beides spricht für einen kranken Umgang mit den Wunden, die uns das Leben zufügt… genauer:
Der Wohlfühler (klingt nach: der Picknicker) verleugnet die Wunden und will sie minimieren um jeden Preis. Das Leben als einzige Erfolgs-Story. Im christlichen Genre dient Gott der Stabilisierung dieses Systems. Er sorgt in den mir unzugänglichen Lebensbereichen für die Absicherung und garantiert so den Erfolg und das Wohlgefühl. (Bitte beachten: ich rede in Extremen!) Obwohl diese Menschen besonders fromm und “gläubig” rüberkommen (Gott will dich auf jeden Fall gesund, reich, schön machen und das ohne jeden Aufwand), missbrauchen sie eigentlich die Souveränität Gottes. Und sie übersehen, dass Wunden (nicht nur bei Operationen) notwendig sein können, damit eine Heilung beginnt. Jakob ringt mit Gott und wird verwundet. Fast keine biblische Gestalt kommt ohne seelische (und körperliche) Verwundungen durchs Leben und gerade diese machen oft den Unterschied. Wann? Wenn sie angenommen und dann aber auch geheilt werden. Und genau da…
…kommen die Opfer ins Spiel. Sie jammern über ihre Wunden und verweigern die Heilung. Die Wunden dienen als Rechtfertigung, sich nicht weiter zu entwickeln, weil ja die Startbedingungen so schlecht sind. In der Seelsorge dreht man sich bei solchen Menschen schnell im Kreis und konkrete Schritte werden mehr oder weniger geschickt verweigert. Im Glauben sind das die Menschen, die Gott klein machen und vermeintlich mit ihm im Leiden verbunden sind. Jesus will heilen und helfen? Nicht doch. Nur: Jesus hat gelitten, damit… Jesus hat sich Wunden schlagen lassen, um… - sprich: seine Wunden waren zielgerichtet. Und er hat nicht herumgejammert. Sehr wohl geklagt, aber Klage ist zielgerichtet, Jammern nicht. Wenn uns alles zum Guten dienen kann, dann gilt das besonders für die Wunden, die Verletzungen. Sie können zu einer echten Qualität werden, wenn sie von Gott geheilt und verwandelt werden.
Wo stehe ich, wo stehst du in diesem Spektrum?





Das größte Hindernis für das Zusammenleben

27 12 2007

Immer wieder fällt mir bei Konflikten in der Gemeinde, aber auch im privaten Bereich, auch in der eigene Ehe eins auf: Stolz ist die Hauptursache für Konflikte und vor allem für deren Weiterbestehen. Kommt man miteinander ins Gespräch (ja, wenn es denn schon so ist!), dann kann eigentlich bei aller vielleicht notwendigen Diskussion von Fragen auf der Sachebene letztlich nur eins helfen: sich die Hand zu reichen, sich zu vergeben (nicht zu vergessen! Das ist eine andere Schiene!), willentlich einen Schlussstrich zu ziehen und dem anderen zu sagen: ich mache Fehler, du machst Fehler, wir sind begnadigte Sünder und leben von der Gnade, die vergibt, auch wenn wir es nicht erkennen. Und das alles nicht als theoretisches Konzept, sondern konkret: ich habe an dieser Stelle gefehlt. Wo ein Konfliktpartner das nicht kann - scheitert jedes Gespräch.

Letztlich steckt das Problem aber noch tiefer - denn hinter der mangelnden Fähigkeit zu sagen: ich habe mich geirrt, ich habe dir gegenüber einen Fehler gemacht steckt eigentlich Gottlosigkeit. Scott Peck hat einmal weise gesagt: das Problem für die Gott ist nicht die Sünde (für die ist er in Jesus Christus gestorben), das Problem ist das Verbergen der Sünde.  Wer nun vor anderen seine konkrete Sünde verbergen muss, offenbart damit einen geistlichen Notstand. Und noch weiter: er (meistens ist es ein Er) bedroht aktiv seinen Glauben. Denn Jesus selbst sagt: wenn ihr nicht vergebt, wird euch auch nicht vergeben werden. Reden wir uns dieses Wort nicht klein!

Letztlich steckt hinter diesem Stolz aber noch ein zweites: ein mangelndes Wissen von der eigenen Identität bei Gott.  Oder anders gesagt: Minderwertigkeitskomplexe. Da bricht es in der Tat mehr als einen Zacken aus der Krone, wenn man eingestehen müsste: ja, ich habe gegen dich gesündigt. Da bricht die Welt zusammen, vor allem die Scheinwelt, die man von sich selbst aufgebaut hat.

Das sind so die Erkenntnisse, wenn ich in mein eigenes Herz schaue und ich bin dankbar, dass mich Gott vergeben gelehrt hat - auch wenn ich noch manchmal blutiger Anfänger bin. Mir ist bange um die Christen, die nicht vergeben können. Sie verletzen sich selbst und - schlimmer noch - sie verletzen andere Menschen, manchmal ganze Gemeinden. Und keiner kann ihnen helfen außer Gott selbst, der das harte, aber gleichzeitig so kleine, verletzte Herz erreicht.