Katholische Kirche die einzig „vollständige“ Kirche?

Nun ist ja die Verlautbarung der RKK überhaupt nichts Neues und wird alle Jahre wieder neu auf den Tisch gelegt und reflexartig zucken die Protestanten zusammen und protestieren. „Was, wir sind keine vollständige Kirche? Wir haben nicht die Vollzahl der Gnadengaben?“ Genau. Das war und ist römische Lehre – stellt Jürgen Kaube von der F.A.Z. in der heutigen (12.7.) Printausgabe fest. Er startet mit einem schönen Bonmot von Chesterton, dem alten spitzzüngigen Katholiken. Der habe sich einmal über die Werbung ausgelassen, die ihm allgegenwärtig im Londoner Straßenbild begegne: „Robert der Bogenmacher erklärt hiermit und zum Tusch dreier Hörner, dass er die besten Bögen schnitzt!“ Reklame sei nun einmal Eigenlob – meinte Chesterton – und man müsse schon einen ziemlich weichen Kopf haben, um darauf reinzufallen.

Was sagt das über die katholische Kirche? Scherz beiseite – auch in evangelikalen Kreisen gibt es sie, die Gemeinden, die aus dem Boden sprießen mit solch schönen Namen wie: die andere Gemeinde oder sogar: die bessere Gemeinde. Was für einen Anspruch hat das denn? Und wenn Turbo-konservative Evangelikale behaupten, sie kämen dem Urchristentum am allernächsten (welchem? dem in Korinth? dem in Jerusalem? Ephesus?) – dann hat das auch durchaus etwas Anmaßendes und Geschichtsvergessenes. Tröten wir also nicht zu laut in das Horn der Empörten. Sachlich kann man aber festhalten: Nix Neues…

Aber dann führt Jürgen Kaube doch in einem schönen logischen Element an, dass sich die katholische Kirche mit ihrer Aussage als perfekte Beherrscherin marxistischer Dialektik beweise. Denn sie behaupte, dass die Spaltung der Kirchen eine Torheit sei, ein Ärgernis – gleichzeitig behaupte sie aber auch die Vollständigkeit des Kircheseins in geschichtlicher Kontinuität, d.h. vor und nach der Spaltung – dass beide Aussagen nicht zusammenpassen, versteht sich von selbst. Jürgen Kaube schließt erstaunlich radikal: Protestanten sollten sich umdrehen und über anderes nachdenken als über Ökumene, denn an solch abgedrehter Vernunft sollte man nicht teilhaben wollen…

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5 Antworten zu “Katholische Kirche die einzig „vollständige“ Kirche?

  1. „Und wenn Turbo-konservative Evangelikale behaupten, sie kämen dem Urchristentum am allernächsten (welchem? dem in Korinth? dem in Jerusalem? Ephesus?) – dann hat das auch durchaus etwas Anmaßendes und Geschichtsvergessenes.“

    Letztendlich ist der Bezug und die Kontinuität zu den ersten Jahrzehnten/-hunderten der Kirche Anliegen und Motivation jeder Kirche oder christl. Gemeinschaft. Auch die Reformation argumentierte damit und stellte sich als die eigentliche Erbin und Fortsetzung der Urkirche dar – und sprach diese Kontiunität (aus verständlichen Gründen) der damaligen klerikalen römischen Kirche ab. (Grund war für Luther allerdings nicht das Papstamt an sich, sondern der Mißbrauch dessen!)

    Sich auf das „Urchristentum“ zu berufen (Welches? Wohl die Bewegung an sich.) ist also nicht falsch, sondern nötig. Nur, da gebe ich dir völlig Recht, muss man damit immer dem anderen dieses absprechen oder meinen, man wäre am „nächsten dran“ oder gar die „einzig wahren“? Das tun nun sicher einige evangelikal/charismatische/kathol./protestant. Gruppen. Und in diesem Alleinanspruch liegt das Problem jeder Gemeinschaft, da sie ihr IDEAL von Kirche mit Gottes mystischer TATSACHE von Kirche vertauscht, vermittelt sie doch damit eine Verfügbarkeit (die nur ihnen gilt!) der göttlichen Realität vom einen Leib Jesu.

    P.S. und kleingedruckt: Auf der anderen Seite muss man der katholischen Kirche zu Gute halten, dass sie tatsächlich am ehesten mit diesem Anspruch „werben“ darf. Da sie, meiner Meinung nach, die institutionalisierte Form ist, bei der Ideal und Wirklichkeit alles in allem am nächsten beieinander liegen. Auch wenn mir da jetzt einige intuitiv widersprechen werden. 😉

  2. Danke für die Präzisierung, Markus. Idealisierung in Kombination mit Abwertung anderer Versuche, Urchristentum zu leben -das ist das eigentliche Problem, nicht der Anspruch und der Versuch.
    Dem letzten Punkt widerspreche ich allerdings vehement, denn erstens ist die RKK nicht die älteste Kirche, zweitens ist durch den Einfluss des hellenistischen Denkens schon so einiges theologisch kräftig verschoben worden in den ersten Jahrhunderten (siehe das lesenswerte Buch: Macht ohne Auftrag von Hernegger über die Hellenisierung des christlichen Glaubens – leider nur antiquarisch erhältlich). Insofern… aber wie gesagt: Idealisierung hilft nicht.

  3. Was ich meinte, ist die inhaltliche Breite der RKK. Da findet man von bewußt integrierten und gewollten neuen und charismatischen Bewegungen bis zu alten wertvollen kontemplativen Orden auch tüchtig funktionierende Sozialwerke, missionarische Initiativen, etc etc etc.
    Ich meinte also nicht das Alter der RKK oder den besseren Inhalt (gebe dir da Recht!), sondern die (für mich zumindest sehr präsente) Tatsache, dass es weniger Ungleichgewichte gibt, als bei anderen Kirchen, die einen ähnlichen Anspruch stellen, aber dann doch sehr eindimensional rüberkommen. Praktisch meine ich: Die Ausgewogenheit (wenn man die kathol. weltweite Gesamtkirche betrachtet) von sovielen wichtigen Bereichen. Wir Protestanten haben da doch eher Schlagseite. Die einen sind sozial enorm engagiert – tun sich aber schwer mit den Inhalten. Die anderen „glauben richtig“, lassen dies aber nicht ihr Handeln prägen, wiederum andere empfinden sich am „geistgeleitet“ wie keiner sonst, und doch finden sie den Weg nicht zu den Menschen, die dieser Geist erreichen möchte.
    Ich empfinde uns evangel. Christen (egal welcher Coleur) eher wie Vereine, die sich Schwerpunkte suchen, die sie dann verbinden (Mission oder Soziales oder Lobpreis oder ein cooler Style), wobei die RKK im Gesamten mir wie eine Familie vorkommt mit sehr vielen, völlig verschiedenen Familienmitgliedern mit Stärken und Schwächen, die aber trotzdem den gleichen Familienstamm zugehören.

  4. Volle Zustimmung. Ich bin selbst ursprünglich Katholik, und habe dann über den Buddhismus zum christlichen Glauben zurückgefunden und habe mich dann bewusst für die FeG entschieden. Und dennoch: wenn ich heute meine alte katholische Kirche betrete und an diesen weltweiten, vielseitigen Haufen denke, dann überkommt mich so etwas wie Sehnsucht nach einer Familie. Ich denke, diesen Gedanken hat die katholische Kirche einfach am besten umgesetzt: man ist total verschieden und verschieden ausgerichtet und trotzdem: man gehört halt zusammen. Bei uns dagegen gibt es Grabenkämpfe wegen eines Fliegendrecks und das Ergebnis ist oft genug Spaltung und/oder Einseitigkeit. Danke für die angeregte Diskussion, Markus!

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