Sich selbst heilsam verlieren – ohne verloren zu gehen

Ich meditiere im Augenblick viel über ein relevantes Spannungsfeld des Glaubens – gleichzeitig wohl DAS Spannungsfeld der Heiligung, sprich: des Wachstums zur Glaubensreife. Wie kann man sich verlieren, ohne dabei verloren zu gehen? Hä? Also mal in Ruhe: Jesus fordert uns auf, unser Leben hinzugeben (wer sein Leben verliert um meinetwillen…) – und meint damit sicherlich nicht (nur) den Märtyrertod, sicherlich auch nicht die einmalige „Übergabe“ des Lebens an Jesus (ein Konzept des 19. Jahrhunderts und nicht der Bibel), sondern vor allem einen Prozess. Ich merke zum Beispiel gerade, dass ich ein Stück weit sterben muss – und zwar in meinen falschen Bildern und in meinem Zorn. Habe ich gestern Nacht bei einer guten Zigarre aus Nicaragua und unter viel innerem Schmerz, aber auch (Be-)Rührung entdeckt.

Nun ist das nichts Neues. Die geistlichen Lehrmeister lehren immer wieder, dass Heiligung vor allem Loslassen bedeutet – und nicht machen, machen, machen… das ist die eine Seite der Medaille: sich selbst verlieren. Falsche Bilder, Mauern um unser Herz, übertünchte Wunden…

Aber eben – und nun Seite 2 – diese Verleugnung, dieses Wegschauen von sich nicht als Negierung der eigenen Person, nicht als Negierung der eigenen Gefühle und seelischen Regungen. Das: ich muss einfach mehr an Gott und weniger an mich denken, das ist eben genau nicht der Weg. Doch wie kann dann der Weg aussehen? Wie lebe ich diesem Spannungsfeld? Wie kann ich Teile von mir heilsam verlieren – ohne dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten und mich (gnostisch verzerrt und eben nicht biblisch) zu verleugnen mit meinen Regungen, mit dem, was in mir ist?

Die Antwort benötigt eigentlich neues Buch, aber kurz angerissen könnte man sagen: (1) nicht ich gebe die Agenda vor, was wann loszulassen ist, sondern Gott. Das verhindert fleischliches Rumwurschteln im eigenen Seelengefüge. (2) nach jüdischem Denken wird der Mensch in der Gegenwart Gottes zum Menschen – sprich: diese Gegenwart wird mich nie entleeren oder missbrauchen, deswegen ist diese Gegenwart so häufig wie möglich zu suchen, um sich ihr heilsam auszusetzen. (3) Lebensbereiche, die erkannt wurden für einen Prozess des (schmerzhaften) Loslassens, sollten über längere Zeit fokussiert werden, denn der Teufel wird uns schnell andere Lebensbereiche in den Fokus schieben, um von einem Prozess der Heiligung abzulenken. (4) Diese Lebensbereiche sind mit Gott im Gebet radikal offen zu besprechen – dabei geht dieser Prozess durch die Gefühle und Regungen hindurch – und nicht an ihnen vorbei. Das Ziel ist eben nicht, sich zu verleugnen (im falsch verstandenen Sinne), sondern sich in Gott zu verlieren. Und dies geschieht immer nur als ganzer Mensch und nicht als der, der sich selbst nicht wahr haben will… 

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2 Antworten zu “Sich selbst heilsam verlieren – ohne verloren zu gehen

  1. Perfekt. Du stellst wichtige Fragen und beantwortest sie ganz und gar. Da spare ich mir den Stress mit dieser hebraeisch/englischen Tastatur hier im Sheraton Tel Aviv.

    Schalom aus Israel,
    Hans

  2. Dank dir für die Friedensgrüße – der Friede sei auch mit dir! Genieße deine Zeit!

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