Die lähmende Trägheit der Christen

Dieses Thema beschäftigt mich! Und ich umreiße es hier mal – vielleicht kannst du es mit deinen Gedanken ergänzen?

Ich bin ein Mensch, der sehr von inspirierenden und leidenschaftlichen Arbeits- und Lebensumgebungen lebt. Wenn diese nicht existieren, überfällt mich lähmende… Trägheit. Acedia hieß die seit dem Altertum und nun wird sie wieder entdeckt. Sie war zeitweise Tugend, aber im christlichen Bereich seit dem 7. Jahrhundert Todsünde, weil als Faulheit verstanden. Und diese ist in der Tat auch biblisch nicht in Ordnung. Muße dagegen schon. Selbst eine lange Weile zu haben, kann durchaus wichtig und not-wendig sein. So hat man die acedia zur Todsünde erhoben und spätestens der protestantische Arbeitsethos hat aus Erfolg und Beschäftigung einen Glaubensbeweis und Heilserweis gemacht. Eine Perversion auf der anderen Seite.

Nun erlebe ich Trägheit in mir und in unseren Gemeinden eher nicht als Faulheit (dazu existieren zu viele tapfere Mitarbeiter), sondern – wie es die Definition der acedia eher nahe legt – als: Trägheit des Herzens, Trübung des Willens, Verfinsterung des Gemüts und Verlust der Tatkraft. Es wird eher das Negative gesehen und manchmal sogar betont, Menschen ermatten trotz positiver Entwicklungen, statt vor Vorfreude mit den Füßen scharrender leidenschaftlicher Gotteskämpfer hängen zu viele seltsam müde und traurig in den Sesseln. Im übertragenen Sinne natürlich…

Parallelen zur Depression und zum burn-out sind unübersehbar. Und vielleicht können wir von den Wüstenvätern und anderen Weisen des Altertums so einiges darüber neu lernen? Tatsache ist: acedia zeigt an: hier ist etwas außer Balance geraten. Und das ist nicht mit gutem Willen oder erhöhtem Druck oder mehr Leistung zu beseitigen. Es benötigt Gnade. Es benötigt Jesus. An dem sich neue Leidenschaft entzünden kann. Aber wie kann das gelingen? Leidenschaft kann man nicht machen und auch nur begrenzt auf den nächsten übertragen… sie muss sich entzünden…

Die Zeit drängt, denn: Gott will neue Wellen machen und Menschen zu sich rufen. Wir müssen wie ein Surfer diese Wellen erkennen, das Meer lesen und die Wellen reiten. Denn nicht wir machen die Wellen. Wir aber hängen zu oft gefangen in der Trägheit des Herzens fest und sind so ganz bei uns (und haben den Blick nicht auf dem Meer). Und wenn wir Leidenschaft haben – dann wirkt die acedia des Nächsten wie die Pest und verseucht andere mit der Krankheit zum Tode. Denn die acedia ist hochgradig virulent. Was hilft?

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24 Antworten zu “Die lähmende Trägheit der Christen

  1. Wenn man lange genug in einer Umgebung verbracht hat, wo das menschliche Tun dauernd schlecht gemacht wird („wir können sowieso nichts tun, Jesus muss es machen“), muss man ja depressiv werden.

  2. @Walter: hi erst mal! Da hätte ich schon noch gerne mehr Details von dir. Ich denke es gibt eine befreiende Einsicht: Jesus macht es – die Druck rausnimmt und deutlich macht: Gemeindewachstum ist nicht menschlich machbar. Diese Einsicht kann aber auch lähmen und in einen Spiritualismus treiben, der sich ausruht, anstatt anzupacken und für Gerechtigkeit und gute Wachstumsbedingungen zu sorgen. Sehe ich auch eher. Die Wahrheit liegt aber doch wohl in der Spannung aus Indikativ und Imperativ?

  3. Ich halte die – in der Nachfolge Luthers – gemachten Versuche, das Ganze als ein Mit/Gegen/Ineinander von Imperativ und Indikativ zu beschreiben, für einen theologischen Eiertanz, der psychologisch verheerend ankommt. Wenn man von „Spannung“ redet, deutet das normalerweise auf eine tieferliegende Unklarheit hin – keiner weiß eigentlich, was mit Spannung gemeint ist. Wenn man sagt „Jesus macht es“ – dann ist man eben nicht verantwortlich, wenn es schief geht. Und dann ist es auch bedeutungslos, was man macht. Vielleicht nicht theologisch gesehen, aber emotional. Ein bisschen Druck ist sehr hilfreich, um Leute aktiv werden zu lassen. Wieviel Leute würden wohl ohne ein bisschen Druck morgens das Gefühl haben, dass sie nicht in der Lage sind, vor 10 Uhr das Bett zu verlassen!
    Das Problem ist das Menschenbild: Menschen sind nun mal zur Aktivität geschaffen, als Bilder Gottes können sie gar nicht nichts tun. Das sollte man nicht problematisieren. Oder psychologisch gesprochen: das beste Mittel gegen milde Depression ist Beschäftigung und körperliche Bewegung.
    Luthers Kampf um die Gewissheit, (nicht) in die Hölle zu kommen mit unserer Erschöpfung durch Stress gleichzusetzen, halte ich für sehr hergeholt, auch wenn es überall passiert. Ich glaube, Helmut Gollwitzer hat mal gesagt: „Warum habt ihr das Tun madig gemacht?“ In der Passivität der Christen ernten wir die Früchte davon.

  4. Ok, nun wird das Bild klarer und ich würde weitgehend d’accord sagen. Zu wenige Christen bekommen den Hintern hoch und packen an.

    ABER: und nun kommt die Einschränkung: die Letztverantwortung auf den Menschen schieben zu wollen macht gerade Perfektionisten und Idealisten schlicht kaputt. Wir ernten als Pastoren in Freikirchen hier und da gerade die Frucht dessen, was man amerikanisches Leitungsverständnis nennt. Da heisst es: Vision haben, machen, Leidenschaft und Motivation vermitteln, und rackern, was das Zeugs hält. Die Leute antreiben. Die Kerze muss von beiden Seiten brennen. Ich baue Reich Gottes (was ich für theologisch fragwürdig in der Formulierung halte). Und ich kenne Gemeinden, die machen das und stagnieren in jeder Beziehung, die Mitarbeiter brennen aus und verausgaben sich und ich kenne Gemeinden, die machen nichts in der Richtung und wachsen…

    Und b.t.w Paulus kennt nun mal an verschiedenen Stellen das Miteinander von Indikativ und Imperativ. Sicherlich mehr bezogen auf das Heil – aber es geht ja nun im praktischen Leben auch nicht um weniger als um das Wachstum des Reiches Gottes? Wenn Heil und Heiligung Gnade ist – was bedeutet das, wenn wir es doch letztlich sind? Wohlgemerkt: mir geht es um Entlastung Belasteter, nicht um Entschuldigung Fauler!

  5. Ergänzung: Leute anzufeuern, Druck aufzubauen, auch Leistungsdruck – das geht meiner Erfahrung nach nur bis zu einem gewissen Grad, dann blockieren Menschen. Mich eingeschlossen. Ich kann mich zumindest an manchen Punkten selbst anfeuern wie ich will, ich komm nur mit Gnade und Barmherzigkeit mir gegenüber weiter. Indem ich mich und andere mit den Augen Christi sehe. Und der definiert nun mal nicht primär den Menschen über die Leistung.

  6. Was mir hilft: mit kleinen Schritten beginnen und kurzfristig denken.

    Wenn man das Ziel zu hoch steckt, dann kann das lähmend wirken. Dabei kann eine kleine Verbesserung auch schon ein erstrebenswertes Ziel sein.

    Wenn man denkt, man müsste ab jetzt bis immer voll durchstarten, dann lähmt einen dieser Gedanke wohl noch mehr. Ich plane jetzt nur noch maximal einen Tag voraus. Ich sage nicht, dass ich dieses oder jenes ab jetzt immer so und so machen werde. Sondern ich setze mir dieses Ziel für heute, für den nächsten Tag setze ich mir (noch) kein Ziel.

  7. Leidenschaft kann man nicht machen! Das ist richtig. Aber die Grundlage für Leidenschaft ist vielleicht Dankbarkeit. Vielleicht müßten wir uns mehr zur Dankbarkeit führen: „Undank erstickt den Glauben, verstopft den Zugang zu Gott“ (Dietrich Bonhoeffer 1906-1945)
    Dankbarkeit ist nicht zuerst ein Gefühl, sondern eine Charakterentscheidung: Ich möchte diesen Weg zu Freude wählen. Ich will ein dankbarer Mensch sein. Warum ist es wichtig dankbar zu sein? Für Gott? Braucht er das? Nein!
    Gott sagt: „Es ist wichtig zu danken und zu loben, weil ihr das braucht, mich zu loben und mir zu danken. Ihr habt es nötig den Blick immer wieder mal weg von euch selbst zu richten.“
    Gott fühlt sich anschließend nicht besser, sondern wir! Wir konzentrieren uns mal auf unseren wunderbaren Gott, der uns reich beschenkt hat in Jesus Christus.
    Nur daraus kann Leidenschaft entstehen.

  8. Vielleicht hindert uns aber auch das Vergleichen untereinander an der Dankbarkeit und diese Undankbarkeit wiederum an der Leidenschaft.

    „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“ (Søren Kirkegaard 1813-1855)

    Manchmal kennen wir uns selber nicht und teilweise lieben wir uns selber nicht. Und dann fragen wir nach dem Maßstab der anderen um unser Leben zu gestalten, anstatt zu fragen, wo denn unsere eigenen Möglichkeiten und unsere Fähigkeiten liegen.

    Meine These: Selbstannahme fördern um Vergleichen zu minimieren, damit Dankbarkeit zu fördern um Leidenschaft zuzulassen 😉
    Auf gut deutsch: Wenn der Nachbar schon wieder nen neues Auto hat und dreimal im Jahr in Urlaub fährt drehen sich meine Gedanken darum: Warum er und nicht ich? Leidenschaft für Gottes Reich im allgemeinen Sinn hat dann keinen Platz sich zu entfalten. Z.b. haben manche Kollegen von mir einen schicken Mac als Notebook…und dann kommen noch meine 95 anderen Wünsche hinzu, die ich meine erfüllt zu bekommen weil andere sie erfüllt bekommen haben …das ganze wird dann durch die Medien noch bestärkt…z.B. ist mir immer noch nicht klar, was wirklich der Mehrwert eines Flachbildschirms in einem großen Wohnzimmer ist …oder…aber das ist ein anderes Thema

  9. Spannend, was da so kommt… – danke, Sascha! Gute Punkte! Vielleicht muss man mehr fragen: was blockiert Leidenschaft, was blockiert geistlichen Schwung, denn eigentlich hat ja Jesus schon alles angelegt, Heil und Heiligung sind bereits gnadenvoll erwiesen, wir müssen sie nur auskosten und -leben. Also geht es eigentlich mehr um Blockaden und um Wege, sie zu überwinden.

  10. hallo,

    diese trägheit und ein unwohlsein sowie auch das ständige schlechtmachen kenne ich für mich persöhnlich nicht, aber aus meiner umwelt genug.

    es ist schon krankhaft – und es macht auch tatsächlich krank.

    wenn ich mir aber diese menschen so ansehe, was sie treiben, oder besser, was sie nicht treiben und wovon sie sich berieseln lassen, dann kann ich für mich schnell einen erklärung finden.

    der gesamte konsum wird vergöttert – sorry wenn ich das so mal sage – und eine menthalität aufgebaut, als sei das auch noch selbstverständlich oder für weniger als einen „appel und ei“ zu haben und zwar immer. das stimmt aber nicht so. wenn ich was ändern will und/ oder etwas besser machen will, über mich nachdenken muß/ will, dann ist das unbequem und mit arbeit verbunden.
    diesen weg scheuen aber die meisten, weil er beschwerlich ist.

  11. Hallo

    Ich glaube das größte Problem der Christenheit heutzutage ist, das Gläubige Menschen zu viel miteinander diskutieren.

    Das ist zwar eine knappe Antwort, aber ich denke es geht einfach nur um die Nachfolge Jesu.

    Das bedeutet den anderen so anzunehmen wie er ist mit all seinen Schwächen und Fehlern. Christen sollen füreinander beten, Sünden vergeben und Freundschaft halten. Was tun gute Freunde? Sie sind füreinander da. Reicht das nicht aus? Wozu da noch Diskussionen und zusätzliche Seminare über den Glauben wie es heutzutage häufig der Fall ist.

    liebe Grüße von Sandra

  12. hmm – schwieriges Thema und ich bin ja nun nicht grade ein „Insider“ und möchte auch nicht schon wieder meinen „üblichen Senf“ dazu absondern 😉
    doch die Fragestellung allein stimmt mich nachdenklich – ich hab ja auch meine trägen Phasen, aber die würde ich nicht grade mit meinem Christsein in Verbindung bringen… wenn es also um eine spezielle christl. Paralysierung geht, dann kann ich da eigentl. letztlich nur den Wiedersacher Mr.S. dahinter erkennen… (also doch wieder der übliche Verdächtige *g*..)
    ich denke es kann hilfreich sein, das im Blick zu behalten um nicht in den ätzenden Auswirkungen in (Selbst)Anklage oder -verurteilung zu verharren –
    „wir kämpfen NICHT mit Fleisch und Blut“…

    Leidenschaft halte ich für hochgradig ansteckend und da tut der Umgang mit solchermassen infizierten Geschwistern immer gut, letztlich hat sie nat. ihren Ursprung in der leiden-schaftlichen Liebe Gottes zu uns.

    Philips Gedanke liegt mir dabei sehr nahe! Wir sollen mehr zum „Tagelöhner“ werden, das erleichtert die Dankbarkeit v.d. Sascha hier spricht enorm und bewahrt uns vor mancher Falle – ist ja schließl. auch ein Gebot für uns.

    Segen

  13. @Sandra: hi und willkommen! Äh, wie singen Fanta4 so schön: es könnte alles so einfach sein, isses aber nicht. Mir ist deine Antwort in der Tat zu einfach und sie legt denen Lasten auf, die eben nicht einfach so zurecht kommen. Wir haben Gemeinschaft – biblisch betrachtet – um ermutigt, ermahnt, gelehrt u.v.m. zu werden, was soll also daran schlecht sein, das auch zielgerichtet zu tun. Allerdings nicht – und wahrscheinlich meintest du das – als Selbstzweck, der mich vom eigentlichen Leben (mit Jesus) letztlich abhält. Aber Freundschaft? Da zählen für mich auch Diskussionen bis in die Nacht und bis in die Nacht der Seele hinein dazu…;-)

  14. Ich würde sagen, unsere Kraftlosigkeit kommt davon, dass wir versuchen unser Ding aus eigener Kraft zu machen. Dabei können wir ohne Christus garnichts tun, was irgendeinen geistlichen Wert hat. Aber dafür müssen wir unsere Impulse und unser Denken darauf hin prüfen, ob sie Christus gemäß sind und uns dann von ihm korrigieren lassen. All das wird aber in eine Gesetzlichkeit führen, wenn wir nicht ehrlich werden, was wir bereit sind loszulassen und was eben nicht. Gott will auch hier im Laufe unseres Lebens immer weiter führen.

    Wichtig ist immer, dass wir erstmal die Gnade erkennen, die er über jedem, der ihm gehört, ausgeschüttet hat. Das setzt aber eine wirklich intime und lebendige Herzensbeziehung zu Gott voraus. Die gibt’s wiederum nur unterm Kreuz, wenn wir bereit sind von unseren Impulsen und Gedanken weg auf Jesus zu gucken und seine Nähe suchen.

    Um es zusammen zu fassen, wir sollten die intime Nähe zu Jesus suchen, ehrlich werden vor ihm mit unserem Denken und Wollen, ihn um die Kraft des Heiligen Geistes bitten und ihn immer an die erste Stelle in unserem Leben setzen.

    Selbst bei „begeisterten“ Christen kann es aber vorkommen, dass da wohl doch der falsche Geist am Steuer saß – nicht Gottes Geist, sondern der eigene. Dann wird Gott auch in die Mattheit und Wüste führen, um uns neu auf ihn auszurichten und uns bewusst zu machen, dass wir ihn auf dem Weg irgendwo verloren haben oder einfach, um Raum für neue Entwicklungen in uns zuzulassen.

    Seelische Probleme und Durststrecken gehören auch einfach zu unserem Lebensprogramm als Christen, da wir nicht perfekte Nachfolgefetischisten sind und jeder von uns immer wieder auf sein eigenes altes Denken oder den Einfluss von Mr. S. reinfällt. Aber nehmen wir den Kampf immer wieder auf! Nicht zuletzt ist da aber auch eine seelische Grundkonstitution, die es verbietet, dass wir uns als Christen permanent miteinander vergleichen und „einander prüfend den Puls fühlen“.

  15. Also Sandra kann ich voll unterstützen. Interessant finde ich dazu dann doch die Aussage, dass ich mit meiner „Einfachheit, wo ich nicht mehr diskutieren kann“ jenen eine Last auflege, die nicht einfach sein können … hmpf … echt? Und ich dachte, dass sei der rechte wohltuende Gegenpool 😉

    Ab einem gewissen Level bin ich platt und kann nicht mehr diskutieren, und das mir … 😉 weil ich echt keine Antworten mehr weiß und dann wird mir auch klar, dass ich eh nicht alles on detail ergründen kann. Genau hier steckt natürlich die Gefahr, in eine nicht gewollte geistliche Lethargie zu verfallen, deshalb rüttelt dein Artikel sehr gut am Wachkoma.

    Den Kommentar von Sebastian finde ich gut.

  16. @Sabina: ein Vergleich: wenn ich einem Ehepaar, das miteinander ringt um den gemeinsamen Weg, sage: ich braucht keine Gespräche mit anderen Paaren, auch Seminare sind sinnlos – ist doch alles eigentlich ganz einfach, sich liebhaben, treu sein und dem anderen dienen. Jetzt macht mal schön. Dann ist das lieblos und nicht entlastend. Will sagen: es gibt eine wohltuende Einfachheit für die, die alles kompliziert machen, obwohl es einfach ist. Aber es gibt eben auch zu einfache Antworten auf Fragen, die eben schwer durchzubuchstabieren sind.
    Und: Sebastian finde ich auch gut – hi nach Hannover!

  17. Aus einer anderen Ecke betrachtet: verstanden … Nee, um himmelswillen nicht DIE These. DEN Schmerz kenne ich, gemeinsam zu ringen und dann passiv zu sein *schüttel* das möchte ich nicht noch mal erleben, das fand ich lieblos ignorant.

  18. Sebastian, dein Post ist ein Beispiel für das, was ich meinte: auf einen Christen, der aktiv sein will bzw. ist, lauern (in deiner Sicht) so viele Gefahren und Fehlhaltungen, dass man wirklich am besten den ganzen Tag im Bett liegen bleibt. Und selbst wenn man doch mal begeistert ist – Vorsicht! Es könnte ja der falsche Geist sein. Oder man wird zum Nachfolgefetischisten (wie wahrscheinlich schon die Evangelisten – oder warum schreiben sie so viel von Nachfolge?)
    Ist es ein Wunder, wenn Menschen, die in so einem Klima leben und denken, passiv oder gar depressiv werden? Mit solch einer Theologiet kann man gar nicht fröhlich, aktiv oder gar erfolgreich sein, geschweige denn bleiben!

  19. @Walter: hey, du scheinst da ja wirklich ein heftiges Feindbild vor Augen zu haben. Warum soll denn ein intensives Gnadenverständnis, dass alles geschenkt ist usw. automatisch passiv machen, Ist das nicht sehr westlich und dualistisch gedacht? Warum kann mich Gottes Gnade und das alles Geschenk ist nicht auf die Beine stellen und gerade deswegen dankbar und mutig leben lassen? Und somit befreien? Während du eher ein Klischeebild vom in sich verkrümmten Menschen, der lieber im Bett bleibt, zeichnest. Kriege ich bei aller Wertschätzung nicht so ganz auf die Reihe…

  20. @wegbegleiter: Du hast völlig zu Recht beobachtet, dass es eine christliche Passivität gibt, die nicht aus Faulheit entsteht, sondern aus einer merkwürdig depressiven Stimmung, acedia, Verlust der Tatkraft. Diese acedia, so hast du geschrieben, wirkt wie die Pest. Sie ist virulent. Ganz meine Meinung. Im christlichen Milieu wütet diese Pest. Und da sollte man nicht heftig werden?? Ich denke, es geht dir um Leidenschaft. Die ist aber nun mal normalerweise nicht nur nett.
    Du hast danach gefragt, was hilft.
    Ok, meine Diagnose: wir haben ein theologisches Problem, ich habe versucht, es zu beschreiben: wenn die Aktivität der Christen dermaßen unter Verdacht steht (Sebastians Post ist ein gutes Beispiel dafür), ist es dann verwunderlich, dass die Christen nicht zur Tat kommen? Wenn man erst so viele Gefahren bedenken muss, da ist es viel weniger gefährlich, passiv zu bleiben (entschuldige den Vergleich mit dem „im Bett bleiben“, ich mag plastische und übertriebene Sprache.). Ich habe Leute vor Augen, die durch diese Mentalität psychisch immer wieder abrutschen.
    Du musst ja nicht meiner Meinung sein, aber du wolltest doch Meinungen hören. Um es klar zu sagen: ich glaube, dass dieses Gnadenverständnis tatsächlich Leute schwach macht. Auch wenn es theologisch alles irgendwie zu begründen ist (wenn es darauf ankommt, kann ich das auch, ich kenne die Argumente). Die Wirkung ist trotzdem verheerend. Ich sag das als jemand, der die ganzen Symptome genauso kennt wie du. Aber gerade, weil das so hartnäckig ist, könnte es doch vielleicht sein, dass die Ursache sehr zentral in unserer Art zu denken verankert ist, oder? Und dann hilft nicht ein bisschen nachbessern und austarieren, es hilft nicht immer mehr vom Gleichen, sondern nur ein ziemlich radikaler Paradigmenwechsel. Gegen Pest hilft nun mal kein Hustensaft (wieder so eine übertriebene Sprache, ich weiß).
    Wie gesagt, du musst mir nicht zustimmen. Vielleicht kennst du ja eine bessere Antwort. Nur, dass das alles nicht sein kann, das ist kein Argument. Das Heilmittel gegen so eine Art von Pest könnte ja durchaus viel schmerzlicher sein als gedacht. Es ist viel leichter und schmerzloser, selbstkritisch und demütig zu sein, als Tatkraft zu entwickeln.

  21. Ok, verstanden. Ich denke mein Problem ist: ich möchte nicht die Lösung des Problems gegen die Theologie ausspielen. Wenn ich deutliche biblische Aussagen zum Thema Gnade etc habe, dann kann ich nicht sagen: die sind verheerend, weg damit! Tust du wahrscheinlich nicht, es klingt nur so verdächtig danach… Dazu glaube ich zu sehr, dass biblischer Glaube lebensaufbauend ist. Und wenn man zu viel Gnade passiv wird, warum ist es dann ein Paulus nicht geworden? Geht es nicht vielmehr um ein zu wenig um Gnade? Denn Gnade heisst doch gerade: ich kann mutig leben. Brauche nicht aus Angst vor Versagen es gleich bleiben lassen. Und noch einmal – denn darauf bist du nicht eingegangen: muss ich Tatkraft gegen Gnade ausspielen? Ich denke nein. Ein gnadenloser Aktivismus führt zu nichts, genauso wenig wie ein Glaube, der nur bei sich bleibt und nicht aktiv wird.
    Ich vermute eher, dass die Leute Gnade gar nicht kapiert haben und die ganze Rechtfertigung eher als theoretisches Konzept bejahen, aber nicht durchlitten und erlebt haben. Dann verkommt der Glaube zur Religion und es wird in der Tat gefährlich…

    Und b.t.w. mit geht es gar nicht darum, dich irgendwie anzuschießen, ich will nur verstehen und Positionen klären. Und ich hatte halt irgendwie das Gefühl, dass du das Kind mit dem Bade ausschüttest?

  22. @Wegbegleiter: Ich fühl mich nicht angegriffen, keine Sorge, ich diskutiere gern ein bisschen kantig!
    Und, ja, ich denke genau das: was bei uns landläufig unter Gnade verstanden wird, ist etwas anderes als das, was Paulus meint. Und das (sowie die ganze daraus wachsende Geisteshaltung/Mentalität/Milieu) ist das Problem.

  23. Hi Walter, ich denke, du hast meinen Post anders verstanden, als ich ihn gemeint habe. Meine Absicht war nicht zu zeigen, was in der Nachfolge alles schief gehen kann. Meine Absicht war zu zeigen, wie man aus einem geistlichen Tief heraus zu neuer Leidenschaft finden kann und gleichzeitig zu entlasten, wenn man sich dann aber doch in der Mattheit wiederfindet.

    Nach meiner Überzeugung leben auf der einen Seite zu viele Christen ihre Nachfolge als Routine oder gar Pflichtprogramm und die anderen sehen was schief gehen könnte oder anstrengend werden könnte. Beiden fehlt die Leidenschaft. Wenn wir in der Bibel lesen, was für ein Martyrium z.B. Paulus in seiner Nachfolge erlitten hat, meinen wir oft, dass sei ja übermenschlich und eine totale Überforderung und vergessen, dass er die Motivation aus der Begegnung mit Jesus und seiner Liebe und Gnade gezogen hat. Diese Liebe kommt aber immer durch den Heiligen Geist in unser Herz und ist uns vom Kreuz her durch Jesus zugänglich gemacht. Und es ist nur vollkommen natürlich dass uns falsche Einstellungen blockieren, das für uns in Anspruch zu nehmen und damit Leidenschaft zu entfachen. Paulus war in dieser Kraft des Heiligen Geistes unterwegs, durch die Gottes Gnade und Liebe für ihn perönlich direkt greifbar war!

    Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Wer sich Gott hingibt und sein Herz sucht und um seine Fülle und Gegenwart im Heiligen Geist bittet, wird irgendwann eine Reaktion bei ihm auslösen. Und diese Reaktion kann ziemlich heftig ausfallen und ist zutiefst emotional und körperlich spürbar, vergleichbar z.B. mit Strömen lebendigen Wassers, verzehrendem Feuer und der Gegenwart von Gottes Herrlichkeit. Oder vergleichbar mit der Urgewalt einer Welle in der Brandung, die über einen hinweg rollt. Bei alledem immer intim bis ins Mark. Gott meint mit seiner Liebe: Du bist gemeint und die Menschen um dich, die mich noch nicht so kennen. Und dann willst du diesen Gott einfach bekannt machen. Das meint Gnade, die zur Tat treibt! Und wenn uns da was fehlt an Gnade, dann sollten wir uns auf den Weg machen und uns nach mehr ausstrecken. Schon eine kleine Dosis davon wirkt immer wieder belebend 😉

  24. @Sebastian:
    Ja, jetzt klingt es anders. Ich denke, dass es daran liegt, dass du die positiven Erfahrungen nennst und nicht so sehr die möglichen Fehlhaltungen und Missverständnisse. Schön!

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