Hart, aber treffend: die Masturbations-Gesellschaft

Erstaunliches Interview in der Zeitschrift mit dem doofen Namen „Fitforfun“ mit dem alten Aufklärungspapst (1968-1972) Oswald Kolle. Mittlerweile 80 Jahre alt, beschäftigt er sich mit dem Pornoboom unserer Gesellschaft und prangert diesen mit harten Worten an.

…der Pornokonsum entspricht leider meinen Befürchtungen. Vor Jahren bin ich ausgelacht worden, weil ich vor einer Masturbationsgesellschaft gewarnt habe.“ „Die Menschen gehen vielfach nicht mehr auf ihren Partner zu, sondern befriedigen sich im Internet“. „Je mehr und häufiger Männer und Frauen Porno gucken, desto mehr haben sie das Gefühl, dass ihr Partner sie beurteilt.“. 

Beachtlich. Ich habe mich an anderer Stelle in diesem Blog bereits über Pornographie geäußert – mich fasziniert dieser krasse Begriff der Masturbationsgesellschaft. In der hohe, aber illusorische Ideale nach innen verkrümmen und unfähig zur Auseinandersetzung mit dem realen Leben und/oder Gegenüber sorgen. In der dauerhafte Befriedigung innerer Sehnsüchte nur durch Erhöhung der Dosis des Falschen erreichbar ist. Die Parallele ist leider unvermeidlich und ich habe hier und da in Predigten schon von geistlicher Selbstbefriedigung gesprochen… nun denn:

Wenn Glaube nur noch utilitaristisch betrachtet wird („Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht!“); wenn, um dieses Glück zu erreichen, speziell dann, wenn es nicht so leicht und schnell funktioniert, das Ideal noch höher gesetzt wird (exakt so muss Gemeinde aussehen, so Glaubensleben, so muss die Füllung mit dem Heiligen Geist aussehen, exakt so…). Wenn aufgrund dessen alle Anderen, die einen kritisch hinterfragen, unter Generalverdacht gestellt werden (alle sind gegen mich, ich werde an den Rand gedrängt, nur ich habe den Durchblick). Wenn also der eigentliche Sinn des Leibes Christi (Reibung, Wachstum, Ermahnung und Tröstung) verachtet wird; wenn die Dosis immer weiter erhöht wird (noch eine Konferenz, noch ein Feindbild mehr, noch mehr Uneingeweihte um mich herum) – dann sind wir wohl in der geistlichen Masturbationsgesellschaft angekommen. Ich und meine Erkenntnis zählen. Letztlich: unleiblicher, unbiblischer Gnostizismus. So wie körperliche Selbstbefriedigung und Pornographie eigentlich das Gegenteil von Sinnlichkeit und lebendiger Sexualität darstellen. In welchen Kreisen findet sich die geistliche Selbstbefriedigung? In allen. Sie tarnt sich hinter den Wächtern, die warnen, hinter den Reformern, denen es nicht schnell genug geht, hinter den Traditionalisten, für die alles so bleiben darf… – letztlich zählt die innere Haltung, die Motivation des Herzens. Oder kurz: Fleisch oder Geist?

Ausweg? Bewusste Betonung des Leibes und des Dienstes am Nächsten. Dienst – speziell der unsichtbare – tötet den Egoismus. Lesen und Ernstnehmen der ganzen Bibel – speziell der Worte über das Richten, den Stolz, die Ichbezogenheit, die Verachtung des Leibes. Eine Rückbesinnung auf die ganz einfachen Basiselemente des Glaubens. Kindlichkeit und Demut. Das öffentliche, ehrliche Bekenntnis: „Auch ich bin nur ein gerechtfertigter Sünder. Ich brauche euch als Leib. Ich habe es versaut.“ So wie jeder es versaut hat und sich nun an der Gnade freuen kann. Wie befreiend, wenn Pornokonsum und Ichzentriertheit – egal ob geistlich oder real – ans Licht der Liebe Jesu darf. Wie fatal, wenn dies nicht geschieht. Dann rast ein solcher Mensch, ohne es zu ahnen, in einen gelebten Atheismus hinein…

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16 Antworten zu “Hart, aber treffend: die Masturbations-Gesellschaft

  1. Wow. Danke. In vielen Gedanken, die Du da schreibst, finde ich meine eigenen wieder – nur hätte ich es nicht so treffend formulieren können.

  2. Du hast sehr treffend den Bogen zur geistlichen Selbstbefriedigung geschlagen. Sicherlich leiden die Christen (letztendlich auch geistlich) aber auch an der körperlichen Selbstbefriedigung, denn sie sind ja von der Pornoisierung genauso betroffen. Möchte nicht wissen, wievielen Ehen und Familien das den Garaus macht.

  3. @Flash: herzlich willkommen! Ja, du hast Recht – und trotzdem tun es die meisten Männer und ganz schön viele Frauen. Es hinterlässt oft genug Leere, es fixiert auf die eigene Person und nicht auf den Partner… tja, und trotzdem ist es schwer auszurotten. Wahrscheinlich gar nicht, indem man dagegen kämpft, sondern indem man an anderen Dingen Freude bekommt… überwinde das Böse durch das Gute… Dämonisierung der SB hilft halt nicht. Aber offener und ehrlicher Austausch darüber unter Männern bzw. unter Frauen.

  4. Da geht euch aber geistig schon einer ab, oder Jungs? Sorry, aber das MA ist vorbei. Schade, dass man Onanieren nicht dämonisieren kann?
    Kolle sieht darin doch wohl eher ein gesellschaftliches, partnerschaftliches Problem. Ich hoffe nicht, dass er meint, mann sollte nicht mehr Hand an sich legen…

  5. @raffiyork: willkommen! Schade, dass du nicht lesen kannst. Ich habe geschrieben: Dämonisierung hilft nicht. Fakt ist: SB ist sicherlich kein Problem, wenn es – Lieblingsbeispiel – in Gedanken an die Ehefrau auf Geschäftsreise läuft. Als Gewohnheitsventil ist es partnerschaftszerstörend und egozentrisch. Hat mit Mittelalter nichts zu tun.

  6. @ Christof: danke – diese geistliche Seite habe ich (mal wieder) noch nie so betrachtet!

    @raffiyork: Hast du nur das Wort Masturbation gelesen oder den ganzen Beitrag? Kann man jetzt aus deinem Beitrag nicht so erkennen…

  7. So, bevor wir hier nun eine Diskussion losbrechen: SB ist hier NICHT das Thema. SB wird meines Erachtens überbetont in christlichen Kreisen – allerdings: in manchen Kreisen auch schon wieder unterbetont! Ich empfehle zum Thema das herrliche jüdische Buch: Koscherer Sex. Dass SB für Singles in einer Gesellschaft der Spätheirat ein zu akzeptierendes Ventil sein kann, das ist ok, da sollte keiner dem anderen Lasten auflegen. Aber sie endet eben nicht mit dem Singlestatus. Sondern führt mit der Ehe bei den meisten Männern weiter. Und raubt so der Beziehung sexuelle Energie. Mit dem Pauluszitat: überwinde das Böse durch das Gute – wollte ich nicht die SB per se als Böse kennzeichnen. Sondern deutlich machen, dass man nicht gegen SB kämpfen kann, sondern durch die Ausrichtung auf den Partner und ja, auch in der Überwindung zur Sexualität mit dem Partner trotz Müdigkeit etc. die SB zunehmend unwichtiger findet. SB ist eben bequem und ein nettes Ventil. Arbeit an der Beziehung ist anstrengend. Soweit mein Votum. Trotzdem fände ich es schön, wenn man hier beim Thema bliebe und das war: geistliche Masturbation.

  8. Dennoch Herr Wegbegleiter, eine gute und klare Positionierung zur SB mit guter und klarer Ansage, auf dein Thema zurück zu kommen.

    Der geistliche Aspekt: hoch interessante Problemdarstellung mit Lösungsangebot. So was mag ich: Problem erkannt, Lösungsangebot anbei.

    Ha … und im letzten Absatz komt das Wort „Kindlichkeit“ vor. Ich träller dann mal: wenn ihr nicht werdet wie die Kinder 😉

  9. Gut erkannt! Guter Text! Und echt gute Wortwahl.
    Ich bin auch von diesem „geistlichen Pornochristentum“ beeinflusst. Wahrscheinlich steckt es in uns Menschen – die Gravitationskraft „Egozentrik“.
    Es geht bei uns Christen wenigiger darum, ein lebendiges Opfer zu sein, sondern mehr darum, ein Wellness-Christsein zu entwickeln. Oft unbewusst. Wohlfühlen muss sein. Kein Ding. Aber wenn Gemeinde und Glaube nur noch daran gemessen wird, was ich davon habe, dann tickt was falsch und Gemeinde bricht auseinander.
    Deshalb finde ich Deinen Hinweis auf die Leibesgemeinschaft sehr hilfreich.

    Segen!
    Dirk.

  10. Hallo wegbegleiter,

    danke für das Statement, vor allem in Sachen geistlicher Masturbationsgesellschaft. Meine Frau und ich sind derzeit ooCC (out of Church Christians). Wir haben vor einem Jahr eine Baptistengemeinde verlassen, die innerlich genau an diesem Punkt gespalten war. Es gab den Flügel der Reformer und den Flügel der Traditionalisten. Da hier die Gemeindeleitung nicht in der Lage war, einen gemeinsamen Weg zu finden, wir aber als Teil der Reformer einen klaren Weg gesehen haben, wurde es für uns immer schwieriger, unseren Glauben leben zu können, wie wir es von anderen Gemeinden her kannten. Man wollte dem heiligen Geist Raum geben, aber so viel dann doch nicht mehr, denn das war ja dann zu charismatisch.

    Letztendlich haben wir die Gemeinde verlassen, um uns und unsere Beziehung zu Gott zu schützen. Wenn wir den Weg in der Gemeinde ohne klare Unterstützung durch die Gemeindeleitung weitergegangen wären, hätte es nur im Streit untereinander oder gar zur Gemeindespaltung geführt.

    Daher wünsche ich jeder Gemeindeleitung Weisheit, für die jeweilige Gemeinde ihren Weg mit Gott zu suchen, denn es gibt viele Wege zu Gott. Auch wenn wir charismatisch geprägt wurden, muss es nicht der charismatische Weg sein, denn der heilige Geist weht, wo und wie er will. Die jetzige Zeit lehrt uns, wie wertvoll es ist, dass es heute so viele Gemeindeausrichtungen gibt. Wenn Jesus in der Mitte ist und die Bibel nicht verdreht wird, ist das drum herum für Gott eher unwichtig.

  11. Hallo Wegbegleiter,

    du schreibst u.a.
    Wenn Glaube nur noch utilitaristisch betrachtet wird („Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht!“); wenn, um dieses Glück zu erreichen, speziell dann, wenn es nicht so leicht und schnell funktioniert, das Ideal noch höher gesetzt wird (exakt so muss Gemeinde aussehen, so Glaubensleben, so muss die Füllung mit dem Heiligen Geist aussehen, exakt so…). Wenn aufgrund dessen alle Anderen, die einen kritisch hinterfragen, unter Generalverdacht gestellt werden (alle sind gegen mich, ich werde an den Rand gedrängt, nur ich habe den Durchblick). Wenn also der eigentliche Sinn des Leibes Christi (Reibung, Wachstum, Ermahnung und Tröstung) verachtet wird; wenn die Dosis immer weiter erhöht wird (noch eine Konferenz, noch ein Feindbild mehr, noch mehr Uneingeweihte um mich herum) – dann sind wir wohl in der geistlichen Masturbationsgesellschaft angekommen.

    Ich wünsche mir sehnlichst so eine Gemeinde, so ein freundschaftliches Umfeld. Ich weiß so etwas braucht Zeit, damit so ein Vertrauen wachsen kann und auch der Bedarf der einzelnen ist unterschiedlich. ich bin froh, daß sich langsam solche Möglichkeiten entwickeln – ein aneinander reifen, ein sich gegenseitig ermahnen und trösten.
    Ich wünsche mir aber auch, daß ich (und andere) in solche einer Art und weise hinterfrage, die nicht verletzt oder bedroht.

    Danke, deinen blog muß ich mir merken 🙂

    shasta-cor

  12. @Rainer412: willkommen auf dem blog – ja, solche Entwicklungen sind immer scmerzhaft. Ich wünsche euch eine gute Gemeinde, wo ihr hinterfragen dürft unter Beachtung des biblisch gebotenen Respekts vor der Leitung. Leitung soll ja dienen und hinterfragbar sein – aber sie wird auch oft genug angeschossen und nicht geehrt, wie es biblisch sein sollte (und das obwohl sie sicherlich nicht unfehlbar ist). Möge euer geistlicher Weg in eine Gemeinde führen, in der Weite möglich ist und eine Vielzahl von Ausdrucksformen von Frömmigkeit.

    @shasta-cor: wie kommt man denn auf DEN Namen? Naja, offtopic. Ja, ich träume und arbeite hier auch an einer solchen Gemeinde. In der ich als Pastor authentisch sein darf und niemandem was vorspielen muss. Und anders herum natürlich auch…;-) Kindliche Offenheit und Echtheit sind gute Garanten gegen die Masturbationsgesellschaft. Allerdings darf das nicht zu einem Zwang zur Authentizität führen – auch den gibt es hier und da und er ist genauso egozentrisch… Segen!

  13. Um genau zu sein aus dem Roman „Der Ritt nach Narnia“. Shasta hieß die Hauptperson, als er noch der Ziehsohn eines Fischers war, Cor war sein richtiger Name, nachdem er entdeckte, dass er in Wirklichkeit Sohn eines Königs ist…

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