Bitter: wenn das Fleisch schwach ist

Bin gerade ganz nah bei Jesus in Gethsamene. Er erwartet seine Verhaftung und wünscht sich Gemeinschaft. Er sehnt sich nach seinen Freunden, den Jüngern. Sie aber schlafen ein – und Jesus sagt ihnen traurig aber bestimmt:

Bleibt wach und betet, damit ihr in der kommenden Prüfung nicht versagt. Der Geist in euch ist willig, aber eure menschliche Natur ist schwach. (Mt 26,41)

Dieser Satz ist eingegangen in unsere Sprache – der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Meist wird er etwas belustigt zitiert, wenn man zu viel gegessen hat oder sich vor dem Joggen drückt. Und dahinter steht eine falsche Auffassung, die – so wette ich – 90% der Befragten sofort äußern würden: der Verstand will ja, aber der Körper zwingt mich zu fressen, schlafen, saufen… Nun übersetzen moderne Übersetzungen Gottseidank besser und treffender. Aber es steckt drin, diese Denke. Dabei geht es um neue Natur, die uns von Gott in Christus geschenkt ist und um die alte Natur, die immer noch herumzappelt, eben weil sie so lange – wenn auch mehr schlecht als recht, aber immerhin gewohnt – funktioniert hat.

Das Problem ist oft: die Folgerungen aus dem Vers beruhen auf dem falschen Bild. Ich brauche mehr Disziplin, mehr Geist und muss meinen Körper unterwerfen. Dann werde ich besser. In einem solchen Satz stecken gleich mehrere Lügen. (1) Wir müssen nicht besser werden (wir werden besser gemacht (Heiligung ist Gnade!) und wir sollen einstimmen und Blockaden beseitigen), (2) der Verstand herrscht nicht über den Körper (abgesehen davon, dass wie bereits erwähnt ein falsches Verständnis des Verses dahinter steckt, wäre das eine (neu)platonische Abwertung des Körperlichen), (3) Disziplin hilft (stimmt! Aber sie kann nicht gemacht werden – sie ist biblisch gesagt: Frucht des Geistes und hier beißt sich die Katze in den Schwanz).

Zu oft orientieren wir uns an irgendwelchen vereinzelten Heroen, die sich selbst durch reine Willenskraft verändern, fitter, schlanker, erfolgreicher oder was auch immer. Hinter dieser Erfolgsschiene steckt aber nicht nur knallhartes marktwirtschaftliches Interesse (verkauft sich gut), es steckt auch Gnadenlosigkeit dahinter. Denn das Problem ist ja oft genug: das Fleisch, die alte Natur meint es ja auch nur gut – wenn auch gottlos (in diesem Sinne wohnt in ihr NICHTS Gutes). Die Jünger in Gethsemane hatten Angst und waren müde – dem muss man doch folgen?! Oder nicht? Ich verstehe sie zumindest und kann sie nicht verurteilen. Die meisten Sünden erfüllen auf falsche Weise eine berechtigte Sehnsucht…

Was ist der Ausweg? Der Einstieg in die Gnade und der Ausstieg aus einem verkrampften Leistungsdenken mit permanenten Vergleichen (ja, das gibt es auch in der christlichen Szene!). Würden wir aus der neuen Natur leben und damit aus der Gnade – dann könnten wir gelassen uns selbst verleugnen (man kann nur verleugnen, was man zuvor auch gefunden hat!) und auf Jesus schauen. Dann wäre wach bleiben leicht gewesen. Warum? Weil aus der neuen Natur zu leben so unendlich viel schöner und erfüllender ist, als der alten Natur zu folgen, auch wenn diese schneller und leichter und gewohnter „Erfolg“ verspricht. Das erlebe ich so immer wieder. Und dennoch bin ich frustriert über den geringen Lerneffekt dieser Erfahrungen aus dem Geist. Immer wieder folge ich lieber dem Fleisch – der alten Natur. Du auch? Woran liegt das…

Mir fällt nur eins ein: zu wenig Gnade. Allein der letzte Satz im letzten Abschnitt ist eine Frucht des Leistungsdenkens. Lerneffekt… vergleichen… sich selbst analysieren und bewerten… und schwupps, bin ich wieder gefangen im teuflischen Paradigma. Fatal. Und fies. Dabei klingt es so fromm. Und stammt dennoch aus dem Rachen der Hölle.

Also: Gnade, Gnade, Gnade….. sola gratia!!!!!! Gnade dir!

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12 Antworten zu “Bitter: wenn das Fleisch schwach ist

  1. Woran das liegt, dass ich mein Aha-Erlebnis der Gnade auch schon wieder verloren habe? Weil ich auch schon wieder in der Falle des verkrampften Leistungsdenkens bin … sogar des geistlichen Leistungsdenken. Sehr fatal.

    Mir scheint, ich habe immer noch nicht begriffen, wie sich Gnade anfühlt. WAS Gnade ist … ja das weiß ich, aber WIE Gnade ist … ?? … Da scheine ich ein Brett vorm Kopf oder vorm Herzen zu haben oder man hat sie mir auch zu wenig vorgelebt. Oder bin ich zu undankbar und nur gefangen in meiner Blindheit? Jedenfalls bin ich augenblicklich in der rebellischen Trotzphase und kenne mich augenblicklich nicht aus, was schon mal so klar war.

  2. @Sabina: gute Ergänzung, denn ich schwanke auch meist zwischen großer Freude an der Gnade und Trotz – genau wie du. WIE fühlt sich Gnade an… tja… ich kann nur stammeln, denn ich kenne DIE Antwort darauf nicht. Ich hatte letztens eine tiefe Begegnung mit der Gnade, als ich Theologie der trockenen Sorte getrieben habe und dabei froh wurde. Manchmal fühle ich mich im Herzen von einem Lied berührt und muss einfach weinen und fühle mich dabei gnadenvoll umfangen… jeder hat wohl so seine Zugänge. Ich vermute aber, dass er um eine willentliche Haltung geht, manchmal auch gegen den Schein. Für Gnade scheint auch zu gelten: selig sind, die nicht sehen (oder fühlen) und dennoch glauben. Wer das tut, wird durchbrechen… hoffe ich zumindest. Aber in die Richtung geht es bei mir… (und Gnade erleben heisst ja nicht, dass man nicht auch mal mit Gott kämpft und ringt… zudem: ohne Schatten keine intensive Wahrnehmung des Lichtes…) Segen!

  3. Danke. Ich bin auch nicht verzagt, wegen der Trotzphase, sondern denke sie ist gut und fruchtbar, denn da gibt es eben „mehr, was durchbrechen“ will. Dann allerdings kommt meine Ungeduld, die da schreit: „… dann breche doch endlich durch, worauf wartest du?“ 😉

    In der Tat allerdings pure Gnade: bei all dem Ringen und Fragen, habe ich noch nie die Existenz Gottes, die Dreieinigkeit und meinen Glauben in Frage gestellt, auch wenn es sicherlich Zeiten gab und gibt, wo die Verbindung gestört ist und ich auch trotzig die „Kommunikation“ abbreche.

  4. Was ist Gnade?

    Mal ein persönliches *weltliches* Beispiel:

    Anfang Februar hatte ich eine mündliche IHK-Prüfung – just am Tag zuvor höre ich sehr entmutigende Nachrichten über die SIcherheit meines Arbeitsplatzes aber das war nur das (negativ) Sahnehäubchen auf dem Cappuccino der Folgen der Finanzkrise. Ich wusste, ich bin nicht top vorbereitet – und ich hatte noch nie eine Präsentation gemacht, geschweige denn als Prüfung.

    Erfolgsverwöhnt wie ich bin (kann nichts dafür 🙂 ) ging ich auf die Prüfung los – mit manchen Flugzeugen im Bauch, mehr als versieben geht nicht nur das nicht versuchen ist strafbar.

    Ich präsentierte also und merkte in meiner Aufregung nur, daß ich zu schnell fertig war – aber nicht die Reaktion der Kommission. Ich ging raus und machte mich darauf gefasst daß ich auch durchfallen könnte. Noch dazu wuste ich nicht, wie meine schriftliche Note ausgefallen war – das wurde mir irrtümlich nicht mitgeteilt.

    Nach langem Warten wurde mir dann mitgeteilt, daß ich bestanden hätte – das Minus hinter der Vier muß wohl bis zur Straße gereicht haben. In meiner Präsentation gab es Indizien, daß die wirtschaftliche Lage der Branche in der ich tätig bin mit ein Auslöser war (das war mir allerdings gar nicht bewusst), daß ich so schlecht vorbereitet war.

    Als ich später mein Zeugnis bekam sah ich erst meine Note für die schriftliche Ausarbeitung: „sehr gut“ – ich war beschämt und freute mich dennoch über diese unverdiente Gnade des Bestehens.

    LG

    shasta-cor

  5. Stimme Dirk, Sabina und wegbegleiter zu. Das spricht mir ganz aus dem Herzen. Ebenfall: Danke!

  6. Jetzt muß ich mal ein bisschen klugscheißern 🙂
    Das Fleisch ist schwach , ja vor dem Kreuz war es das, und auch nach dem Kreuz ist es schwach.
    So schwach ist die alte Natur, daß es nur ein Urteil für sie gibt, Hinnrichtung,
    Den Gnadentod!!!
    Hinrichtung am Kreuz von Golgata.
    Das Auferstehungsleben ist ein Gnadengeschenk
    Meine Kreuzigung ist ein Gnadengeschenk,
    Mein Mittauferwektsein mit Jesus ist ein Gnadengeschenk.
    Im Grunde genommen sind alle Heilstatsachen Gnadengeschenke.
    Wenn wir diese Gnadengeschenke in der Schrift suchen, darüber nachsinnen, für geöffnete Augn des Herzens beten dafür danken, dann lernen wir mehr und mehr in der Gnade zu leben.
    Der Weg den ich gehe ist, daß ich mich mehr mit den Gnadengeschenken befasse, als mit meiner alten Natur.
    http://helmutprivat.blogspot.com/2009/03/in-christuswahrheiten.html
    Habt ein bisschen Gnade mit eurem Charismatischen Besserwisser 🙂

  7. He das Thema hat mir heute gefallen, ich denke schon seit TAGEN drüber nach..
    GNADE ist eine NEUE SICHT, weg von uns selbst hin auf das HERZ GOTTES dass „trotzdem “ für uns überfliesst vor Liebe… TROTZDEM
    AUSSERDEM und ZUDEM… GNADE… was für ein GESCHENK!
    Danke dir
    elke

  8. Dank euch allen – und hey, Helmut: ja, auch dir gilt die Gnade. Hast ja auch Recht, klingt nur immer so siegreich und einfach bei dir… ich bin da manchmal bockiger und fühle mich da ganz wohl in der Gemeinschaft der bockigen biblischen Leutchen…;-). Das Fleisch ist gekreuzigt – aber es hat seine eingefahrenen Furchen hinterlassen in uns und wir kennen die neue Lebensweise noch nicht so gut – so wird das ein lebenslanger Prozess sein, neue Furchen zu ziehen. Wobei mir alte Christen bestätigen, dass man auch nach 50 Jahren Christsein noch sündigt und vor allem viel sensibler ist, die Sünde bei such wahrzunehmen. Unser Herz ist halt tief – wer kann es ergründen? GottseiDank – Jesus kann es. Ich kann aber einfach nicht immer den via triumphalis gehen… den triumphalen Weg, so wichtig dieser ist. Wir müssen eben auch manchmal den via crucis gehen, den Weg des Kreuzes und – wie Paulus sagt – erleben, dass die Begierden der alten Natur Tag für Tag getötet werden… ich lerne das meist nur durch Niederlagen…;-(

  9. Niederlagen hab ich auch 🙂
    Auch muß ich sagen:
    Nicht daß ich es schon egriffen habe.
    Die Glieder die noch auf der Erde sind muß ich auch töten
    Nur habeich einen Weg gewählt das Fleisch zu bekämpfen:.
    Ich zwinge mich immer wieder Auf das zu schauen was Jesus getan hat,

    Wen ich die Furchen sehe, bekenne ich „Er leitet mich auf rechten Weg,
    Ich habe sein Leben in mir,Wenn ich falle, stehe ichauf und sage
    Er hatt mir total vergeben Ich bin vollkommen gerecht, sein Leben wirkt jetzt in mir, usw.
    Christof, Danke für Dein auf mich eingehen:-)

  10. Ich kopiere noch etwas von Haso. So gehe ich mit meinem Fleisch um. 🙂

    März 11, 2006

    Romans VII: Haso´s Tinnitus

    Abgelegt unter: Geglaubtes — Haso @ 6:46

    Gestern habe ich Mister “Ich” geraten, sein “Fleisch” zu lassen, wie es ist, weil es sich eh nicht ändern lässt. Aber wie kann dann sein Leben anders werden? Wie kann er dann sein Versagen überwinden? Dazu erzähle ich dir – im Vorgriff auf spätere Einsichten von Mister “Ich” – heute von meinem Tinnitus.

    Meine Ohren befinden sich leider noch nicht in einem schriftgemäßen Gesundheitszustand. Tag und Nacht pfeift es in ihnen. Wenn ich wollte, könnte ich mich bedauern und als Mister “Tinnitus” fühlen. Aber erstens bin ich nicht Tinnitus, sondern habe ihn. Und zweitens will ich meine Lebensqualität nicht vom Tinnitus bestimmen lassen.

    In der Auseinandersetzung mit diesem Gesellen, der mein Leben so konstant begleitet wie das Fleisch den Mister “Ich”, verfolge ich eine Doppelstrategie. Auf der einen Seite ignoriere ich ihn. Ich akzeptiere, dass er da ist und dass er sich nicht durch willentliche Entscheidungen abstellen lässt. Also lebe ich mit ihm. Aber ich lasse ihn nicht das Hauptthema werden.

    Doch was ist, wenn ich ihn nicht hören will? Wenn er mir so auf den Sender geht, dass er mich stört? Es wäre nicht hilfreich, dann in einen stillen Raum zu gehen, wo ich mit ihm allein bin, und mich tiefer mit ihm zu befassen. Der beste Weg ist folgender: Ich setze mich einem anderen Geräusch aus (z.B. Eric Clapton, Bob Dylan, Dwayne Roberts oder Andrew Wommack). Dieses andere Geräusch muss gar nicht besonders laut sein. Ab einer gewissen Intensität überlagert es einfach den Tinnitus, so dass ich nur noch Musik oder Predigt höre und kein Pfeifen mehr. Der Tinnitus ist da, aber er tritt nicht mehr bewusst in Erscheinung.

    So ungefähr wird in Zukunft die Lösung für Mister “Ich” aussehen. Das Fleisch ist da, es bleibt unverändert. Er beschäftigt sich nur nicht mehr damit, sondern mit etwas anderem. Mit dem, wer er in Christus ist. Mit dem, was Gott aus ihm gemacht hat. Peu à peu regelt er die Lautstärke des Geistes nach oben. Und irgendwann fragt er sich, wo diese oder jene Reaktion des Fleisches geblieben ist.

    Dreht den Geist lauter, dann werdet ihr das Pfeifen des Fleisches nicht mehr erleiden. (Galater 5,16; Hasos Übersetzung Übertragung)

    Mit dieser kleinen Andeutung zukünftiger Erfahrungen des Mister “Ich” wünsche ich allen Lesern ein schönes Wochenende.

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