Fragwürdig: Menschen durch die Hölle mit der frohen Botschaft erreichen?

In Hamburg unterwegs – Bundestag der Freien evangelischen Gemeinden – und dabei stoße ich auf ein Objekt des massiven Fremdschämens: einen Straßenprediger, der mit grimmiger Miene und Höllentiraden brüllend den Menschen auf der Straße von der frohen Botschaft erzählt. Der Satz ist schon ein Widerspruch in sich, die Reaktionen der Menschen in der Fußgängerzone sprachen Bände, Kopfschütteln, Fassungslosigkeit, Desinteresse. Das Schlimme ist, dass von solchen Leuten die negativen Reaktionen noch positiv gewertet werden, denn so ist es halt in der Welt…

Auch wenn ich mich damit unbeliebt mache: Ihr lieben Höllenprediger! Einfach mal den Mund (nach dem, was solche Münder verlässt, müsste ich „Fresse“ schreiben) halten, die Bibel lesen und sich selbst kennen lernen! Benötigt Verkündigung Aggression? Jesus wird nur aggressiv gegenüber den Frommen… wo kommt denn bei euch die Aggression her? Wirkt nicht sehr froh und erlöst! Ihr zerstört Menschen und schickt sie indirekt selbst in die Hölle! Indem er nämlich das Herz der Menschen endgültig gegen den Glauben aufbringt, indem er ihr die zarten Pflanzen bei denen zerdrückt, die sich gerade erst öffnen und es selbst vielleicht noch gar nicht wissen (lest Jesu Worte dazu!). Indem ihr jeden menschenfreundlichen Versuch anderer Christen zerstört durch euer Gehabe. Und da hilft auch der eine Bekehrte gegenüber den 100 Menschen nicht, die von dieser Botschaft zurecht abgestoßen sind und sich endgültig verschließen. Ihr werdet euch für eure „Bemühungen“ eines Tages vor Gott rechtfertigen müssen!

Das Vorbild der Evangelisation ist nicht Johannes der Täufer, sondern Jesus Christus! Natürlich: an einer Stelle in der Apostelgeschichte wird in einem evangelistischen Gespräch des Paulus vor den Konsequenzen des Unglaubens deutlich gewarnt (Apg 24,25). Zurecht. Aber da hat vorher persönliche Beziehungsaufnahme statt gefunden (anstatt Gießkannen-Verkündigung). Da wurde die frohe Botschaft verkündet. Ich bin der letzte, der die Realität der Hölle leugnet – ohne Jesus geht man ewig verloren, das ist unaufgebbare Wahrheit aller christlichen Kirchen (wirklich? Noch?). Aber ist das der Anfang der Verkündigung? Soll das eine frohe Botschaft sein? Zumal ich die Erfahrung gemacht habe, dass die meisten Menschen, wenn man mit ihnen tief ins Gespräch kommt, durchaus kapieren, dass die Hölle längst begonnen hat, mitten im Leben, manchmal mitten in ihrem Leben. Auch hier ist Jesus Vorbild – im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen.

Passt die Verkündigung – egal ob vor Massen von einem Geistlichen oder von Laien im persönlichen Gespräch (ich unterscheide nicht zwischen Laien und Geistlichen) – ist sie evangeliumsgemäß, das ist die entscheidende Frage, an der sich in Zukunft viel entscheiden wird. Wir sollen mit Salz gewürzt reden – das heisst: wir müssen dran sein am Puls der Zeit (am, igitt, Zeitgeist) und müssen auf gute und pointierte Weise benennen können, was schief läuft. Wir sollen Vertrauen zu den Menschen gewinnen, indem wir ihnen dienen, ohne sie als Missionsopfer zu verstehen. Wir müssen vor allem selbst die Liebe und die Befreiung Christi ausstrahlen, die wir an uns erlebt haben. Wird der Mangel daran nicht allzu oft kompensiert – manchmal durch lautes, aggressives Höllengeschrei? Durch den Ruf nach christlichen Werten? Durch Gesetzlichkeit und Geschimpfe gegen die „Welt“? Und wenn wir dann einen Menschen vor uns haben, den wir von Herzen lieb haben und spüren, dass sich dieser der Konsequenzen seiner Verweigerung nicht bewusst wird – dann sollten wir in Sanftmut und Klarheit erwähnen, dass es ein zu spät gibt und ein: nicht mehr zurück.

Evangelisation geschieht vor allem durch eins: durch die Kraft und den Geist. Wenn wir das nicht beherzigen und uns nur auf Worte verlassen – dann sind wir verlassen.

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12 Antworten zu “Fragwürdig: Menschen durch die Hölle mit der frohen Botschaft erreichen?

  1. Das ist ja ein schöner Rundumschlag! Nicht dass ich für aggressive Höllenprediger wäre, aber bitte die Bibel genau lesen! Die Botschaft von Jesus und Johannes dem Täufer war und ist die selbe. Johannes d.T. wetterte auch gegen die Frommen.
    Was aber biblisch nicht passt, sind die sich selbst öffnenden Pflänzchen. Wir alle sind von Geburt an auf dem Höllentrip. Gott öffnet und verschliesst durch sein Wort (doppelte Wirkung des Wortes Gottes) und seinen Geist. Eine gute evangelistische Predigt schliesst die Hölle (das Verlorengehen des Menschen) nicht aus. Warum braucht es sonst Rettung? Warum brauchen wir sonst Christus?

  2. Gibt es da nicht Probleme, wenn man nur ein „halbes Evangelium“ predigt?
    Jesus rettet. Okay, wovor? – Vor dem Gericht und der Hoelle!
    Jesus selbst hat immer ueber Himmel u n d Hoelle gepredigt.
    Das eine ist nichts ohne das andere.
    Gnade ist nichts ohne Recht, Gesetz und Strafe, vor der die Gnade bewahrt.
    Treue ist nichts gegen Untreue,
    Liebe ist nichts ohne Hass,
    Wahrheit ist nichts ohne die Luege,
    Das ewige Leben im Reich Gottes der Himmel verkommt ohne die gerechte Strafe fuer die Suender zum Wohlfuehlevangelium und zur billigen Gnade, fuer die man wirbt, wie fuer ein neues Waschmittel.
    Nein, wir muessen gegenueber den Menschen ehrlich sein und sagen, wo sie hingehen, wenn sie Jesus nicht haben.
    Sie brauchen das v o l l e Evangelium. Das rettet. Und wir muessen auch sagen, wovor es rettet.
    Gaebe es keine Hoelle und Gericht, haette Jesus ja nicht so entsetzlich und oeffentlich am Kreuz leiden und unsere Suende so schmerzhaft tragen muessen.
    Nur so wurde der Gerechtigkeit Gottes Genuege getan, die ewig und unumstoesslich ist.
    Warum hat Gott seinen Sohn durch Menschen so entsetzlich zurichten lassen und konnte selbst nicht hingucken beim Vollzug der eigenen Gerechtigkeit („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“)?
    Die Antwort finden wir in Johannes 3,16.
    Das war der gewaltigste Liebesbeweis, die gewaltigste Liebestat aller Zeiten.
    Und da die Hoellenstrafe bagatellisieren, verniedlichen (die Hoelle beginnt mitten im Leben?)oder gar verschweigen.
    Nein, das ist unredlich und eine Luege.
    Mit Luegen kann man keine Menschen als Himmelsbuerger gewinnen.
    In einem stimme ich Dir zu: Es ist die Frage, ob man diese gewaltige Botschaft gleich an den Anfang eines Gespraeches bringen soll oder kann.
    Da der Evangelist Gott um Weisheit bitten, da muss uns der Geist Gottes leiten.
    Aber sagen muessen wir es.

  3. @Gerald: Vielleicht habe ich mich unklar ausgedrückt – Ich habe nicht von sich selbst öffnenden Pflänzchen gesprochen – aber Gottes Geist wirkt überall und bereitet Menschen vor. Sie lesen etwas, sie sprechen zufällig mit Christen, vielleicht ohne es selbst bewusst wahrzunehmen und ihr Herz beginnt sich für die Hingabe an Christus bereit zu machen. So habe ich es in der Rückschau bei mir wahrgenommen und viele andere Christen auch. Gott bereitet Menschen vor. Die einen säen, die anderen giessen, und irgendjemand darf ernten. Wenn aber zwischendurch jemand reinknallt, der ein verdrehtes Evangelium lehrt, dann droht der Keim zerstört zu werden….

    @Pranee: du reagierst vollkommen reflexhaft – so liebe ich das bei theologischen Gesprächen. Ich habe ganz deutlich gesagt: Menschen gegen ohne Jesus verloren! Es gibt eine Hölle, das habe ich mit Ausrufezeichen betont! Damit fallen schon mal dreiviertel deines Kommentars weg, denn genauso würde ich sie unterschreiben, habe aber auch nichts anderes behauptet.

    Wenn du dann noch behauptest, ich verniedliche die Höllenstrafe mit der Aussage, die Hölle beginnt mitten im Leben, dann wirst du unverschämt und schießt über das Ziel hinaus. Das ist nicht das Niveau, das ich hier haben möchte. Unredlichkeit und Lüge zu unterstellen, naja, nicht so der Hit, oder? Was sagt das über dich aus? Findest du das gut und angemessen?

    Denn diese Lehre ist durch und durch biblisch. Das Reich Gottes wächst bereits unter uns und wächst hinein in eine neue Qualität. Die Hölle hat genauso bereits unter uns (denn Gott hat die Menschen den Folgen ihrer Sünde überlassen – man lese dazu den Römerbrief) angefangen, und dieses Leben ist bereits Teil und Vorgeschmack des Gerichts. Der Tod ist somit nicht Anderes als der Übergang in eine ganz neue Qualität. Was wir hier als Vorgeschmack auf das Reich Gottes erleben dürfen, ein Stück Ewigkeit (die ja von Anbeginn der Zeit ist! Somit leben wir bereits in ihr!), das dürfen wir nach der Wiederkunft Christi ungleich farbiger und bunter feiern. Was hier bereits als Hölle beginnt (so wie du kann nur ein satter Mensch des Westens reden), das wird ungleich grausamer und dann auch für alle sichtbarer nach dem Gericht stattfinden. Ich bitte also, posts genau (!!!!) zu lesen und nicht reflexhaft Schubladen aufzureißen. Das – mit Verlaub – nervt so an der Streitkultur in manchen, sehr rechtgläubigen Kreisen.

  4. Fragwürdig: ich sehe bei der „Überbetonung“ der Hölle heutzutage eine ganze Menge verunsicherter Menschen, die alles dafür tun, selbige zu vermeiden. Die damit jedoch oftmals Gott keinen Deut näher kommen. Ich komme nicht zwangsläufig nach Rom, wenn ich allen anderen Städten aus dem Weg gehe.

    Totzdem bemerkenswert (C.S. Lewis): „Dieselbe Demut [Gottes] zeigt sich, wann immer Gott sich an unsere Ängste wendet – woran großgesinnte Leser der Heiligen Schrift Anstoß nehmen. Es ist nicht sonderlich schmeichelhaft für Gott, dass unsere Wahl auf Ihn fällt, wenn die andere Alternative die Hölle ist; aber sogar das lässt er sich gefallen.“

  5. Nochmal: es geht nicht darum, die Hölle weg zu reden oder zu ignorieren. Sie kommt auch in meiner Verkündigung vor. (Warum bewegen wir uns nun wieder in Schwarz-weiß-Kategorien?) Aber wir sollten sie nicht öfter betonen, als sie auch von den Schreibern der Bibel betont wird. Wir sollten die Prioritäten einhalten. Frohe Botschaft muss zuerst rettende und frohe Botschaft bleiben und das heisst: Gott hat Jesus gesandt, um dich mit sich selbst zu versöhnen und dich von der Sünde zu retten. Sünde heisst: Trennung von Gott. Diese Trennung hat Konsequenzen – diese aber auszuführen, bevor man nicht mal kapiert hat, dass es einen Gott gibt, dass es eine Sünde gibt, naja… nur mal so am Rande: aus Angst vor Höllenqualen die frohe Botschaft annehmen – das legt die Wurzel für ein vollkommen verdrehtes Gottesbild. Die Liebe Gottes muss mich ziehen! Die Freude muss überwiegen, dass Jesus allen Zorn getragen hat und ich nun einen Papa haben darf, der mir meine Schuld vergibt….

    Was mich nachdenklich macht: wir reden heute mit komplett säkularisierten Menschen. Petrus konnte (als Beispiel) bei seiner Predigt viel mehr voraussetzen. Man glaubte halt damals an einen Gott, egal ob man Römer oder Jude war… das ist heute längst nicht mehr so… Konsequenzen?

  6. Das Problem am „Höllenpredigen“ ist meiner Meinung nach gar nicht so sehr, dass damit den Leuten vielleicht Angst gemacht wird und sie sich gezwungen fühlen sich zu „bekehren“.
    Ich sehe eher die Gefahr, dass dadurch das eigentliche Ziel des Evangeliums aus den Augen verloren wird: Es geht plötzlich nicht mehr um Gott, sondern um mich. Nicht darum, wie ich in eine Beziehung zu meinem himmlischen Vater kommen kann, sondern darum wie ICH dafür Sorgen, dass es MIR gut geht. Das ist ein zutiefst egoistisches Evangelium.
    Zum mal ja bei den Worten Himmel und Hölle die ersten Gedanken ewiges Leiden vs. Schlaraffenland sind und Gott dort nur am Eingang steht um und aussortiert. Das passt nicht zu einem an mir persönlich interessierten Gott wie Jesus ihn sichtbar gemacht hat.

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