Gemeindezucht (furchtbares Wort): Wachsen wir nicht, weil wir Spaltung dulden?

Ich stolpere gerade über Titus 3, 10.11:

Wenn jemand unter euch Spaltungen auslöst, verwarne ihn ein erstes und dann noch ein zweites Mal. Danach gib dich mit dem Betreffenden nicht mehr ab (weise ihn aus der Gemeinde). Denn so ein Mensch hat sich von der Wahrheit abgewandt. Er sündigt und verurteilt sich damit selbst!

Spaltungen kommen durch alle möglichen Dinge zustande. Durch theologische Diskussionen ohne den nötigen Respekt vor dem anderen und ohne die Fähigkeit, Spannungen stehen zu lassen, durch Gerede übereinander und vor allem gegeneinander. Durch Wertungen, mit denen Menschen belegt werden. Durch einen Geist der Bitterkeit und der Kritiksucht. Durch fehlende Achtung vor der Leitung. Durch mangelnde Hinterfragbarkeit der Leitung. Vor allem: durch das sich selbst in den Mittelpunkt stellen. Böse Zungen behaupten: Die Katholiken haben ihren Papst. In Freikirchen ist jeder sein eigener Papst… sicherlich übertrieben und eher die Ausnahme, aber es kommt vor.

Paulus macht deutlich: es geht nicht um Harmoniesoße in der Gemeinde und auch nicht um ein: alles ist erlaubt, solange wir zusammen bleiben. Der Leib Christi wird verletzt durch Menschen, die spalten und nicht dienen (höchstens sich selbst). Diese Menschen, sagt Paulus, müssen entfernt werden, sonst verderben sie den Leib. Man tut damit nichts Böses – sondern vollstreckt nur das Urteil, dass sie sich selbst gesprochen haben.

Starker Tobak, oder? Klar: auch das kann missbraucht werden. Wird auch. Auf der anderen Seite: wo nehmen wir denn auf gute und barmherzige Weise diese Weisung von Paulus ernst? Wie könnte das aussehen? Klar ist auch: wo wir Spaltungen dulden, lassen wir den eigenen Leib verletzen und werden somit selbst zu Tätern und verschulden uns. Paulus meint das ernst! Ein verletzter Leib ist hochgradig gefährdet und das Wachstum stockt… Wir verhindern Spaltung nicht, indem wir den Mantel der Harmonie über alles breiten. Die Spaltung hat längst statt gefunden und blockiert nun den Leib. Was tun? Folgen wir Paulus und wenn ja: wie?

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14 Antworten zu “Gemeindezucht (furchtbares Wort): Wachsen wir nicht, weil wir Spaltung dulden?

  1. Nach der wertgeschätzten Elberfelder heißt es:
    „Einen sektiererischen Menschen weise nach einer ein- und zweimaligen Zurechtweisung ab, da du weißt, dass ein solcher verkehrt ist und sündigt und durch sich selbst verurteilt ist!“

    Was ist „sektiererisch“?
    Nach meiner manch evangelischer Theologen bin ich Sektierer, weil ich die Säuglingstaufe biblisch nicht stützen kann.

    Was heißt „Abweisen“?
    Ist das schon der „Rauswurf“? Oder ist es einfach ein „Nicht mehr darauf eingehen“?

    Schwer…

  2. Sekte ist wörtlich Abspaltung. Ich denke, man kann diesen Vorwurf der Sektiererei immer nur gemeindeintern sehen – wenn wir ökumenisch denken, haben wir hunderte von Sekten… Wie eine Spaltung im Leib entsteht? Sehr unterschiedlich. Abweisen kann man übersetzen mit zurückweisen, verwerfen, entfernen. Laut sprachlichem Schlüssel. Wenn man den Gedanken des Leibes ernst nimmt, kann das nicht heissen, dass man fröhlich in einem Leib vereint bleibt. Aber ja: es ist schwer!

  3. Gemeindezucht… ein nahezu vergessener Wort! Ein ungeliebter Begriff im Zeichen der persönlichen Freiheit!

    Warum sollte Gemeindezucht in biblischer Ordnung durchgeführt spalten? Sie wird nach Gebet und in Gehorsamkeit gegen den Herrn der Gemeinde durchgeführt. Gemeindezucht reinigt und bewahrt.

    1. Korinther 11, V19. Denn es müssen auch Parteiungen unter euch sein, auf daß die Bewährten unter euch offenbar werden.

    Sünde und/oder Unordnung dulden damit „eitel Sonnenschein“ herrscht? Wem ist damit gedient?
    1. Kor 5,13 Die aber draußen sind, richtet Gott; tut den Bösen von euch selbst hinaus.

    Die Fälle in denen „menschlich“ gehandelt wird… rechtfertigen nicht den Verzicht der Gemeindezucht.
    Apg 20,28 Habet nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten, welche er sich erworben hat durch das Blut seines Eigenen.

    Gottes Segen und Frieden

  4. @PVM: kleines Missverständnis: ich habe ja gerade geschrieben, dass nicht vorhandene GZ die Gemeindespaltung fördert… der Mantel der Harmonie deckt nicht zu, was bereits im inneren geschehen ist: eine Verletzung des Leibes. Diese Verletzung kann auf vielfältige Weise geschehen – hier bei Titus durch sinnlose Diskussionen und durch Irrlehre.
    Klar ist: GZ ist immer schmerzlich und nicht aus einer Haltung des Richtens und der Aggressivität möglich. Immerhin geht ein Teil des lokale sichtbaren Leibes (hoffentlich temporär und zur Umkehr) verloren. Segen dir!

  5. Hallo Christof,
    scheint mir, dass du dich mit diesen Verletzungen in der Gemeinde gerade stark auseinandersetzen mußt. Ich hoffe, dass du nicht allzuviele davon einstecken mußt!?
    Wer hat den Mut, die Brandstifter mit ihrem destruktiven Verhalten zu konfrontieren? Wer schafft es, dies wertschätzend und mediativ zu tun? Wer versorgt die Verletzten?
    Ein schwieriges Feld in der LEitung der Gemeinde. Wichtig finde ich, dass das Leitungsteam zusammensteht. Ganz schlimm wird es, wenn der Brandsatz im Leitungsteam gezündet wird.

    Wünsche Dir viel Weisheit und die Geborgenheit in unserem Gott!

  6. @Wolfgang: danke für deinen guten Kommentar. Nein, gerade ist es in dieser Beziehung halbwegs ruhig in unserer Gemeinde und wenn, würde ich das hier auch nicht direkt diskutieren, fände ich nicht in Ordnung. Nee, unsere Gemeinde erlebt schöne Dinge mit Gott und wächst fröhlich vor sich hin…
    Aber es hat Verletzungen gegeben in den letzten 10 Jahren und ich empfinde es als echtes Kampffeld, die Balance aus Gnade und Barmherzigkeit auf der einen und klare Konfrontation mit notfalls Ausschluss auf der anderen Seite zu bewahren. Also lieber in ruhigeren Zeiten darüber nachdenken als im worst case damit anfangen…;-) – das mit dem Leitungsteam stimmt allerdings und ist ein echter Wunsch von mir. Gute Leitung ist durch nichts zu ersetzen.

  7. Das dieser Blog genau jetzt kommt, kann einfach kein Zufall sein.

    Leider gibt es zu dem Thema nicht viele Vorbilder. Meistens wird alles so lange unter den Tisch gekehrt, bis die Spannungen so groß werden, dass Spaltung unausweichlich ist.

    Es gibt so viele Dinge, die zu beachten sind und wo auch mit bestem Wollen schwere Fehler entstehen können:
    Wie erkennt man, wer tatsächlich auf dem falschen Weg ist? Mit der Bibel argumentieren beide Seiten.
    Wie spricht man mit den betroffen Menschen? Wie deutlich muss man sein um verstanden zu werden und wie vorsichtig, um nicht unnötig zu verletzen?
    Kann das direkte Gespräch die Spaltung erst auslösen?
    Mit welchem Recht kann ich dem jemandem vorwerfen, mit seinem Glauben stimmt etwas nicht?
    Da das ein Problem zwischen Leitung und Geleiteten ist: Kann ich verhindern, dass die ganze Sache nur als Rebellion gegen die Leitung abgetan wird?

    Alles in allem ein sehr schwieriges Thema mit viel Grau und wenig Schwarz und Weiß.

  8. @wegbegleiter
    – Thema, jeder ist sein eigener Papst: Da hast Du recht gehabt. Ich habe es auch so erfahren, daß ich für mich selbst bestimmen darf, was recht ist und was nicht.

  9. Wer spaltet, verletzt. Richtig.

    Die Frage ist nur: Wer spaltet? Gemeindezucht bringt man meist instinktiv in Verbindung mit dem Rauswurf von Pärchen, die unverheiratet zusammenwohnen. Für extrem konservative Gemeinden ist dies meist der Kristallationspunkt, an dem man meint, sich einen Rausw… äh, sorry… Gemeindezucht leisten zu können.

    Aber wenn unterschiedliche Meinungen oder Differnzen in theologischen/ethischen Ansichten die Gemeinde spalten, dann doch nur unter der Kategorie „Römer 14“! Die Starken und Schwachen im Glauben. Ob man auf Römer-14-Themen allerdings Gemeindezucht anwenden kann und sollte, das wäre mal eine eingehende theologische Untersuchung wert. Ich glaube nicht, dass das am Ende zu was Gutem führen würde.

    Bleiben also eher die hinterfotzigen Sünden: Neid, Lästern, Lüge, Betrug, Machtstreben, den anderen nicht höher schätzen als sich selbst, etc. Wenn man solche Leute in der Gemeinde hat und sie immer wieder Unruhe hineinbringen, übles über andere erzählten, die Leitung hintergehen, sich generell destruktiv verhalten, dann macht Gemeindezucht tatsächlich Sinn. Denn dann ist der Leib gefährdet und es hat nichts mit unterschiedlichen Meinungen zu tun. Un dich gebe dir Recht – da sind wir vielleicht manchmal zu zurückhaltend und zu großzügig. Aber oft sind es halt nicht die letzten Hinterbänkler, die so sind. Sondern oft genug die Player der ersten und zweiten Garde. Was machste da? Schwierig…

    Aber „destruktives Verhalten“ ist vielleicht wirklich ein gutes Kriterium zur Unterscheidung, ob man sich mit Gemeindezucht nur Querdenker vom Hals schaffen will, oder ob es wirklich darum geht, einen Finger zu amputieren, um den ganzen Leib zu retten.

    LG,
    Rolf

  10. Sei vorsichtig, die Sektierer und die Irrlehrer sind immer die anderen.
    Ein klares Beispiel dazu ist Konstantin und Theodosius. Bis zum Machtergriff des einen haben sich Arius und Athanasius doch noch einigermassen vertragen…
    Aus welchem Recht sollte ich mein Gegenber als Hertiker verteufeln, nur weil seine ideen nicht in meine Theologie passen?…

  11. Nun, die Sekten sind da, und die Sektierer sind millionenfach, ob sie mit diesem Namen genannt werden wollen oder nicht! Was ist schlimmer, Spaltungen anfangen oder Sektiererei fortsetzen?

    Es gilt nur ein Kirchenform, „wo zwei oder drei…“ Matth. 18,20. Aber in den letzten Tagen, wo so viele Irrlehren, wie soll man dieses verwirklichen? Papst liche Personen sind nicht nach der Schrift, und Eigenwille auch nicht, sondern Demut und Bekehrung und die Wiedergeburt und Wandeln im Geist: selbstloser Hingabe und Gottesvertrauen, in allen Dingen! Ohne dieses geht alles immer schief.

  12. Hey, viele schöne und konstruktive Kommentare!
    @Rolf: ja, ich denke, Gemeinden versteifen sich viel zu sehr auf die klassischen Dinge wie voreheliches Zusammenleben und so was – üble Nachrede, Neid, Stolz, Machtdenke sind nicht so sehr im Fokus, aber auch nicht so gut quantifizierbar. Was für den einen Neid ist, ist für den anderen gesunder Antrieb… wenn man dann eine Leitung nicht als Leitung akzeptiert und damit auch nicht hinterfragbar ist… aber ja, ich denke: die Frucht zeigt es an. Destruktiv oder konstruktiv!

    @Pierre: verstehe, was du du sagen willst, aber: erstens sehe ich Gemeindezucht vor allem im Kontext der Ortsgemeinde (wobei auch eine Kirche selbstredend die Möglichkeit haben muss, eine Gemeinde auszuschließen, die sich als Sekte entwickelt). Zweitens: Lehren innerhalb eines recht weiten Rahmens sind stehen zu lassen – die Spannung muss gehalten werden! In unseren FeGs vereinen wir oft sehr verschiedene Theologien und man hält es aus. Wenn aber jemand Stimmung machen würde mit der Aussage: Jesus ist nie auferstanden, dann wäre Schluss! Weite in den sekundären Dingen, Enge in den wenigen wirklich zentralen Lehraussagen.

    @Marita: klar war Luther ein Spalter. Wobei das nie sein Ziel war – er wollte auf theologische Irrlehren hinweisen und die Kirche reformieren. Dadurch, dass an den Irrlehren aber handfeste Machtinteressen hingen, war genau das nicht möglich. Eine Reformation der Lehren in der damaligen katholischen Kirche hätte auch die Aufgabe mancher Machtinteressen bedeutet. Die unselige Verquickung von Staat und Kirche spielt hier auch noch kräftig mit hinein. Insofern war die Bildung einer neuen Konfession eher eine notwendige Folge der Geschichte, aber nicht Luthers ursprünglicher Wille. Trotzdem: er hat anhand der Bibel klare Irrlehren aufgezeigt (Ablasshandel etc.). Letztlich gilt: an den Früchten soll man sie erkennen…

    @Jeremy: hi und willkommen! Kleine Warnung – die beliebte Bibelstelle Matthäus 18,20 steht auch im Kontext der Gemeindezucht. Sie wird immer wieder allgemein für Gebet unter Christen zitiert – ich halte das für falsch. Die Verse vorher zeigen: es geht darum, Weisheit zu finden für die Anwendung von Gemeindezucht, bitte ab Vers 15 lesen. Nein: Gemeinde muss eine sichtbare Form finden und wird immer eine fehlerhafte und sündige Gemeinde sein, das war schon im Neuen Testament so… ansonsten stimme ich dir zu: ohne Demut und Wandeln im Geist geht alles schief! Segen dir!

  13. @Rolf: Bei Gemeindezucht (wirklich seltsames Wort) geht es doch nie um Spaltung und Rauswurf. Ich sehe auch in „persönlichen Sünden“ wie unverheiratetes Zusammenleben oder andere Sachen im privaten Leben weniger als Gegenstand für Gemeindezucht. Das sind Dinge, an der eine gesunde Gemeinde keinen Schaden nehmen sollte und wo es mehr hilft die Betroffen liebevoll anzunehmen (natürlich ohne die Sünde gut zu heißen). Gesundlieben sagt man da?

    Das in Römer 14 beschriebene Problem finde ich in Bezug auf Spaltung viel explosiver. (Danke, die Stelle wäre mir von allein nicht eingefallen).
    Da ist die eine Seite, die sagt: „Wenn ihr mehr glauben würdet, dann würde Heilung geschehen und dann könnten wir Wunder erleben wie Jesus sie getan hat..“ und die andere Seite fühlt sich davon unter Druck gesetzt, will lieber Umsetzen, was schon gegeben ist und anderen Menschen dienen, anstatt nur nach neuen Gaben zu streben. Wer liegt jetzt falsch? Ist die eine Seite zu träge, zu empfindlich oder die andere zu drängend?
    Dabei sind offensichtliche Dinge wie Neid, Machtstreben, Missgunst etc. nicht zu sehen. Beide Seiten meinen es gut. Trotzdem kann die Situation zur Spaltung führen, gerade weil keine deutlichen Zeichen für oder gegen eine Seite stehen.

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