Am Rande gefragt: ist Scheitern unter Christen erlaubt?

Scheitern ist ein Tabu. Keiner will eine Sackgasse im Lebenslauf stehen haben! Eine Beziehung, die gescheitert ist… schwierig. Es muss alles funktionieren und nicht Weniges, was im Leben doch schief läuft, wird irgendwie noch als „Erfahrung“ integriert und so gerade gebogen. Hat jemand den Mut, in einem Vorstellungsgespräch zu sagen: hier bin ich mal ein Jahr lang in die falsche Richtung gelaufen? In diesem Job bin ich gescheitert? Dennoch ist Scheitern ja an der Tagesordnung…

Und unter Christens? Wie gehen wir mit Versagen um? Bieten wir Alternativen? Oder wird ein nicht erhörtes Gebet gleich zu einem negativen Gottesbeweis? Muss man deswegen alles irgendwie fromm passend machen, was einfach nicht passt, weil man sonst schon die Zweifel an der Tür pochen hört? Wie schnell kommen wir mit frommen Antworten auf komplexe Probleme und verletzen damit Menschen… wie gerne träumen wir den Traum von einem siegreichen Christentum, das ein Scheitern nicht mehr kennt. Der Gedanke dahinter ist zutiefst menschlich, aber er ist auch zutiefst heidnisch. Denn hier wird Gott nur noch missbraucht, um die Kontrolle zu bekommen und auf der Gewinnerseite zu stehen. Es geht nicht mehr um Gott selbst und das um jeden Preis – sondern um den Sieg und die Vermeidung des Scheiterns… der Glaube wird zur Selbstoptimierung, natürlich zur Ehre Gottes!

Wenn Christen nur noch siegen würden – mann, was bekämen wir einen Zulauf! Da hätten wir die neue Volksdroge. Dummerweise ist uns Verfolgung verheißen, der Weg ist schmal und wir folgen einem Herrn, der mitten durch das Scheitern gegangen ist und es so geadelt hat. Scheitern erlaubt. Denn wenn ich mit Gott scheitere, dann kann mir das zu etwas richtig Gutem dienen. Nicht im Sinne einer Aufwärtsspirale (mir geht es immer besser und erfolgreicher und toller), das wäre Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts. Nein: immer wieder neu werden wir scheitern, werden Teile von uns dabei zerbrechen, damit Christus stark werden kann. Ich aber muss abnehmen, damit Christus zunehmen kann. Wer so denkt und spricht (wie Johannes der Täufer), der denkt nicht mehr über das eigene Scheitern nach – sondern über Christus.

Dietrich Bonhoeffer, eine kurze Biographie von ihm (Brunnen-Verlag) heisst: Vollendung im Fragment. Bonhoeffer ist nach menschlichen Regeln gescheitert. Aber er hat wie kein anderer Theologe gerade durch das Scheitern Vollendung erfahren und ist prägend geworden. Paulus: vom erfolgreichen Rabbi zu einem gesteinigten, verfolgten, geschlagenen, verspotteten Missionar, der sich mit seinen Gemeinden herum schlug. Vollendung im Fragment.

Schau auf Jesus – er macht auch dein Fragment vollkommen. Lege die Gelüste nach Perfektion, nach Macht und Vollkommenheit ab, das sind seelische Kategorien, die einem echten Wachstum in Christus entgegen stehen. Recke die leeren Hände zum Himmel, manchmal unter Tränen und konstatiere deine Hilflosigkeit in den wesentlichen Dingen. Lass dich füllen, mit dem was Christus dir schenkt – sich selbst. Und dann mach was draus. Diese Stärke, mit der darfst du wuchern. Aber hüte dich davor, wieder eigene Stärke einzusetzen. Dann säst du auf Fleisch und nicht auf Geist und das wird kein Bestand haben. Denke daran: Zerbruch macht dich stärker. Stärker werden wollen schwächt dich. Mut zur Vollendung im Fragment. Mut zu einer Gegenkultur des Scheiterndürfens.

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17 Antworten zu “Am Rande gefragt: ist Scheitern unter Christen erlaubt?

  1. Schön, dass du in unserem gesellschaftlichem Denken aufräumst. Wie immer auf deinem Blog.
    Möge aber das, was hier zu lesen ist, sich tief verwurzeln in den Herzen. Denn es ist keine Kolumne, es verspricht ein freies Leben. Wir versuchen die Welt, in der wir leben, zu verstehen. Jedoch aus einer sehr engen und unvollständigen Perspektive. Wir laufen Lügen hinterher, die recht wirkungsvoll sind und glauben dabei Gott sei der ultimative Betrüger oder bestenfalls unglaubwürdig. Wir diskutieren, urteilen und sprechen Gott schuldig. Aber wir verkennen dabei total, dass Abba gut ist und alles in seiner Güte eingeschlossen ist.

  2. Tja, ich muss Dir ja Recht geben.
    Das Thema mit dem Vorstellungsgespräch ist interessant. Ich habe das schon so gemacht – mein abgebrochenes Studium als persönliches Scheitern beschrieben.

    Aber wenn man dann eine Absage nach der anderen bekommt, wächst die Verzweiflung ziemlich schnell und man fängt an, umzudenken. Ich habe dann aufgehört, zu erzählen, was ich wirklich denke und fühle. Ich habe das dann so verkauft, als wäre das eine bewusste Entscheidung gewesen, um einen fachlichen Schwerpunkt zu setzen, der besser zu mir passt.
    Und so hat es dann auch auf Anhieb geklappt. Aber stolz bin ich darauf nicht. Ich gebe hiermit also zu, dass ich darin gescheitert bin, ehrlich zu bleiben. Die Angst um die Zukunft war dann doch stärker.

    Und stimmt, unter Christen gibt es das Tabu genauso, vielleicht ist es manchmal sogar schlimmer. Das Scheitern wird schöngeredet, schließlich hat man ja den allmächtigen Gott an seiner Seite und dann denkt man sehr schnell, es müsste alles super sein.
    Immer wenn ich gescheitert bin, tat das weh, aber ich habe es hinterher tatsächlich als eine Fügung Gottes erfahren, die mein Leben bereichert hat. Klingt jetzt vielleicht wieder nach dieser oberflächlichen „Siegermentalität“, aber das ist es nicht. Wenn Gott mir was Gutes tut, darf ich das ja so sagen.

    Aber egal, wie man Scheitern erlebt – ob als schmerzhafte Sinnlosigkeit, oder dann doch einen Segen entdeckt, den Gott da reingesteckt hat – man sollte nicht um das eigene Scheitern kreisen, sondern hoffnungsvoll nach Vorne schauen, gerade als Christ. Da fällt mir auch ein schöner Vers dazu ein:

    Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. (Philipper 3,13b-14)

    (natürlich ist nicht vergessen im Sinne von „verdrängen“ gemeint, sondern eher im Sinne von „loslassen“)

    Ich wünsche allen einen gesegneten Sonntag
    Philip

  3. Sehr schöner Gedanke, aber viel zu schade für den Rand. 😉

    Ich ärgere mich oft darüber, dass über Versagen in christlichen Kreisen nicht gesprochen werden kann. Die kleinen und nicht so kleinen Sünden werden nicht zu Kreuz gebracht, sondern totgeschwiegen. Die Probleme des Alltages werden vor der Gemeindetür gelassen, anstatt damit zum Kreuz zu gehen, oder sich von der Gemeinde beim Tragen helfen zu lassen.

    Außerdem befürchte ich, dass gerade das Bild vom perfekten Christen die Gemeiden um den Zulauf bringt: Entweder denken die Leute, Christen wären wirklich und meinen da nicht hinzupassen oder sie stellen fest, dass wir gar nicht so sind und glauben uns auch sonst nichts mehr (wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch…).

    Viel erschreckender an dem Bild des immer siegenden Christen finde ich aber, dass auch das Scheitern instrumentalisiert werden kann.
    Da wird ein Problem wahlweise dadurch erklärt dass man
    1. noch eine Sünde hat für die man Buße tun muss und die der Teufel nutzt um das Problem zu verursachen oder dass man
    2. vom Teufel angegriffen wird, weil man gerade so gut auf dem Weg mit Jesus voran kommt und der Teufel das natürlich verhindern will.
    Gegenüber Kritik werden die Betroffenen dann auch immun, weil die ein „Aufbegehren des Fleisches gegen den Geist ist“ (eigene Fehler ausgeschlossen).

    Ist es nicht eigentlich Heuchelei zu Jesus zu gehen und Buße zu tun und vor Menschen die Schwächen zu verbergen?

  4. Sehr wichtige und gute Gedanken, für die ich dir danken möchte.
    Mitunter hatte ich in meinem Leben schon den Eindruck, „Scheitern“ sei so etwas wie meine zweite Natur. Es brauchte viel Leid, Tränen und Einsicht, um zu erkennen, dass ich letztlich immer nur an meinen eigenen Ansprüchen an meine Kraft und mein Können gescheitert bin. Heute bin ich da sehr viel bescheidener geworden. Um es mit einem Bonhoeffer Zitat auszudrücken: „Der Christ weiß, dass ihn in der Stunde der Versuchung jedes Mal alle seine Kräfte verlassen werden. Darum ist für ihn die Versuchung die dunkle Stunde, die unwiderruflich werden kann. Darum sucht er nicht nach der Bewährung seiner Kraft, sondern betet: Führe uns nicht in Versuchung.“

    Grüßle, Sec

  5. Sehr schön Toex. Mein Denken und Reden. Jesus ist für soviel Mist gestorben, da wäre auch rein gar nichts, was ihm verborgen bleibt. Warum spielen wir Menschen dann „Gericht Gottes“? Das dumme ist nur, kein Mensch würde vorurteilsfrei und verurteilungsfrei denken, handeln, reagieren. Und so schützen sich die Menschen vor den Menschen statt zu begleiten und gemeinsam zu tragen aus der Kraft Jesu heraus.

    Ja, ich wäre sehr dafür die kleinen und nicht so kleinen Sünden gemeinsam zu Kreuz zu tragen.

  6. Vor 17 Jahren haben wir ein berufliches Scheitern in unserer Selbständigkeit erlebt, das sehr viel tiefer ging als nur finanzieller Verlust, an dem wir noch heute zu knabbern haben. Es betraf unsere gesamte äußere und innere Existenz, unsere Sicht von dem, was uns ausmacht, das bittere Scheitern als Versorger unserer Familie, das hilflose Scheitern unseres Glaubens und unser Vertrauens in Gott. Es war die größte Ent-Täuschung unseres Lebens. Und am Ende, nach einem langen Heilungsprozess, unser größtes Glück. Denn Gott hat sich uns gezeigt, wie er wirklich ist, und er hat uns von so mancher falscher Sichtweise befreit. Wir wissen jetzt ganz tief, wie sehr er uns liebt, unabhängig von !allen! äußeren Umständen, und erst recht unabhängig von jedem Scheitern.

  7. Das ist ein guter und notwendiger Beitrag! Danke! Viel zu häufig wird in frommen Kreisen so getan, als sei man als Christ zum »Nichtscheitern« verurteilt. Wenn dann etwas schief geht, dann war nicht genug Glaube da… – an Gott, der »allezeit den Sieg« schenkt, kann es ja schließlich nicht liegen.
    Ich wünschte, es würden mehr gläubige Menschen zu ihrem Scheitern stehen. Dann könnten wir vielleicht in den Augen der »Welt« etwas nahbarer werden.

  8. Grossartig! Ich bin langsam ein richtiger Fan von Deinem Blog. Christen haben oft diese Idee, sie müssten nach Vollkommenheit streben –> Heiligungsperfektionismus. Das erzeugt unheimlichen Druck.
    Aber ich frage mich schon: Sollen wir nicht vollkommen sein, so wie er vollkommen ist? Sollen wir nicht so werden wie Jesus (immerhin der Sohn Gottes)? Was ist damit gemeint?

  9. @Christof: danke! Das Geheimnis ist Christus in uns durch seinen Geist. Nicht wir müssen stark sein – er ist es. Wir werden hinein verwandelt in sein Bild (Hebräerbrief), wenn wir das immer mehr zulassen. Deswegen kann Paulus sagen: wenn ich schwächer bin, ist das klasse – denn dann kann Christus stärker werden! Die Vollkommenheit ist längst in uns, in unserem Geist. Sie wird sich mehr und mehr zeigen, je mehr wir loslassen, etwas beweisen zu wollen. Übrigens auch die frommen Wünsche und Ziele los zu lassen, denn selbst die können sich in die Mitte drängen und somit Gott verdrängen, der dorthin gehört. So kann man fromm am Ziel vorbei laufen… Segen dir!

  10. Wunderbares Scheitern:

    „Zwei Mönche wurden von ihrem Abt in ein benachbartes Kloster geschickt, um eine Nachricht zu überbringen. Schweigend und betend verbrachten sie viele Stunden ihres Weges. Plötzlich hörten sie – ihr Weg führte an einem Fluss entlang – eine Frauenstimme vom anderen Ufer. „Bitte helft mir, über den Fluss zu kommen. Ich möchte meine Mutter noch einmal sehen, die im Sterben liegt!“ Während der eine Mönch schweigend weiterging, entledigte sich der andere seines Gewandes, schwamm durch den Fluss und holte die Frau an das diesseitige Ufer. Diese bedankte sich herzlich und eilte ihrer Wege. Nachdem der Mönch sein Habit wieder angelegt hatte, ging er seinem Mitbruder nach, der ihm ein gehöriges Stück Weges voraus war. As er ihn eingeholt hatte, gingen sie beide in gewohnter Weise schweigend weiter. Nach einiger Zeit begann jedoch der Mönch, der unbekümmert seinen Weg fortgesetzt hatte, seinem Mitbruder heftige Vorwürfe zu machen: „Die Sünde, die du begangen hast, ist abgrundtief. Dabei kennst du unsere Regel, dass wir nicht einmal eine Frau länger anschauen dürfen. Und was hast du noch zusätzlich getan? Du hast dich entkleidet, sie berührt…!“ Ununterbrochen setzte er seine Anschuldigungen mit anschaulichen Bildern fort. Und selbst, als er zu reden aufgehört hatte, schien es, als ob er weiter redete. Nach einer längeren Pause sagte schließlich der Mönch, der die Frau ans andere Ufer gebracht hatte, ruhig und gelassen zum Mitbruder: „Trägst du sie immer noch?“ (aus: „Das Ruhegebet“ von Peter Dyckhoff)

    Genial! Oder? Was denkst du bei dieser Geschichte? Wo ist sie für uns relevant?

    Quelle: wegbegleiter.wordpress.com

    So hilfreich, warmherzig kann Scheitern sein. Der Mönch, der zu Hilfe eilte und die Frau holte, hat die Regel des Ordens gebrochen. Sein Mitbruder wirft ihm sogar abgrundtiefe Sünde vor. Es bleibt was es war: schnelle Hilfe. Ein Mönch mit dem Herzen am rechten Fleck, hat in diesem Moment nicht an eine Regel gedacht und einfach geholfen – ein Schuft, wer Böses dabei denkt -.

    Der barmherzige Samariter hat ebenfalls in diesem Sinne gehandelt. What would Jesus do?
    Regeln und Gebote sind gut und wichtig aber alles zu seiner Zeit.

    Eine biblische Geschichte vom Scheitern fällt mir ein:
    Aus Lukas 22
    Jesus kündigt seinen Tod an. Seine Jünger sind kampfbereit, beteuern ihre Loyalität. „Sie sprachen aber: Herr, sieh, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug.“
    Mich persönlich berühren diese drei Worte sehr, ‚es ist genug‘.

    Herzlich, mar.

  11. Hi mar – so wird man an seine eigenen Geschichten erinnert… ja, man kann schrecklich fromm sein und dennoch so was von daneben laufen… ank dir!

  12. Hi Christof, ich danke dir. Gott begegnet mir in meinem Nächsten habe ich gelernt. Oft erleben wir ähnliche Begegnungen und sind unterschiedlich beteiligt.
    Heute habe ich die innere Ruhe und Gelassenheit um einfach zu helfen – morgen bin ich angespannt und getrieben und fehle an der Stelle.
    Heute gehe ich am Ufer entlang und rufe um Hilfe – morgen bin ich verängstigt und stumm und komme nicht weiter. Man wird immer mal wieder scheitern auf die eine oder andere Weise, da ist man auch als Christ nicht vor gefeit meine ich.
    Gby

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