Was heißt heute: Jesu Gewand berühren?

In Markus 5, 25-34 steht eine Geschichte, die mich immer berührt und bewegt hat, die Heilung einer Frau mit dauerhaften Blutungen. Sie berührt im drückenden Gewühl der warmen Leiber am überfüllten Seeufer Jesus an der Kleidung und wird geheilt. Jesus stockt in der Menschenmenge und bemerkt, wie eine Kraft von ihm ausgegangen ist…

Deborah hat mir per mail die Frage gestellt und ich stelle sie hier gerne in die Runde: Was bedeutet es heute, Jesu Gewand zu berühren? Dass man das nur bildlich, allegorisierend füllen kann, versteht sich von selbst, aber es steht ja auch so in der Bibel, dass wir es nicht nur als historische Geschichte verstehen, sondern auf uns aktualisieren und anwenden (die Bibel ist ja kein Dogmatik-Lehrbuch, sondern ein Beziehungsbuch, aus dem man auch eine Dogmatik ziehen kann. Das ist aber nicht ihre primäre Stoßrichtung!), damit es uns berührt, verändert und heilt.

Erst einmal eine seelsorgerische Klärung: In welcher Rolle siehst du dich im Rahmen dieser Geschichte? Ich predige dich mal ein bisschen an…;-) – mich aber auch. Bist du der Mensch, der dauernd anderen hilft und dabei spürt, dass Kraft von ihm ausgeht und der langsam leer läuft? Leiter neigen dazu – ich als Pastor auch und das ist natürlich auch ein Stück Erwartung oder Pastorenbild in der Bevölkerung. Aber auch Menschen in helfenden Berufen neigen zu dieser Rollenverschiebung. Die ist ja auch nicht komplett falsch! Das macht die Sache so schwierig – denn natürlich sollen wir für Christus auf dieser Welt anpacken, mit den Lachenden lachen und mit den Weinenden weinen etc… doch darf das zur dauerhaften Last werden?? Dann ist es Zeit, sich wieder mehr mit der Frau zu identifizieren… und Jesus Jesus sein zu lassen im eigenen Leben!

Jesu Gewand heute berühren heisst…

  • die Beziehung zu ihm wichtiger zu nehmen als Buchstaben (denn die Frau brach damit ein Gebot des AT!)
  • Verwegenes Vertrauen in die Kraft dieses Jesus zu haben, ein Vertrauen, das daraus erwächst, dass man an anderen Quellen verzweifelt ist. Solches Vertrauen entsteht vor allem im Zerbruch und in der Krise – auch als Christ.
  • damit rechnen, dass Jesus an ungewohnten Orten auf ungewohnte Weise hilft. Denn bitte: Theologisch korrekt würde man sagen müssen, dass die Frau dem eher magischen Missverständnis unterlag, dass bereits ein Stück Stoff heilen könne, wenn es nur von Jesu getragen werde. Später erleben wir das mit dem Schatten des Apostel Petrus…
  • Jesus als echtes Gegenüber haben. Denn man kann ihn sich auch aus Bibelversen zusammensetzen und dann glauben: das ist nun Jesus. Aber Jesus ist mehr. Wir benötigen die Bibel für unser Jesusbild. Aber die Bibel ist nicht das Zentrum, sie verweist nur auf das Zentrum. Ohne die Bibel geht gar nichts, aber wir dürfen nicht bei ihr stehen bleiben, sondern müssen in Beziehung treten. Der Buchstabe tötet… das Wort wurde Fleisch… und das Ich entsteht am Du (Martin Buber) und nicht an einer Theorie vom Du.
  • Sehnsucht danach entwickeln, zu berühren und berührt zu werden. Das klingt jetzt ein wenig mystisch (was für mich – richtig gefüllt – kein Schimpfwort ist), aber: Jesus ist mehr als Gedankenkonstrukt. Er will uns berühren und wir dürfen ihn berühren. Wie? Die Sehnsucht wird den Weg weisen…
  • Jesu Gewand berühren heisst auch…? Nun bist du dran… ich freue mich deine konstruktiven Gedanken!
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35 Antworten zu “Was heißt heute: Jesu Gewand berühren?

  1. Hallo Wegbegleiter,

    hier eine spontane Empfindung – manchmal ist es vielleicht richtig: Helfer untereinander. Eine ausgeblutete Helferin, die Hilfe sucht. Sie sagt Jesus am Seeufer ihr Leben, ihre Trauer, Schmerz und Angst – wie es vielleicht Karl Rahner in einer mystischen Beschreibung ausgedrückt hätte.
    In diesem Glauben, in dieser Hingabe und Berührung erfährt sie Heilung.

    Gruß und Segen,
    mar.

  2. nun, ich erleb es so, dass sich Jesus immer wieder neu, überraschend anders und besser als menschen gedacht zur rechten Zeit, am rechten Ort (ohne dass wir verstehen wieso das alles) offenbart und unerwartet, gordische Knoten löst, manchmal auf sehr kreative, erquickliche Weise, die einem zuvor noch wie das Todestal persönlich begegneten und im Bann hielten. Für was dann wiederum dieser Überraschungsakt gut sein wird, dass verrät uns der Hl. Geist u.U. morgen, denn jeder Tag hat seine Last und Sorgen und des ist oftmals auch echt genug. Oder Vorfreude wird uns bereits gegönnt. Ich staune zunehmendst mehr über Gottes Wege und Plan, wie er Unmögliches in Neues Mögliches verwandelt und mich dennoch nicht mehr sehen läßt als ich darf – dieses Aushalten und Abwarten lernen, vertrauend, im Glauben bleibend, auch wenn ich nichts versteh bei alledem, obwohl ich jede Menge Ideen, Impulse, Eindrücke, Ahnungen da hab, ist wohl Gottes liebevolle Taktik, mir zeigen zu wollen, wie es ist, sich mal besser von ihm abhängig machen zu wollen, das als Priorität zu erwählen, und der Rest, das Leben hier auf Erden, ist dann die Konsequenz unserer Für-Gottes-Willen-Entscheidung. Spannende Geschichte Gottes leben lernen. Da lernste loslassen, dich fallen lassen in die liebevollen Gedanken und Hände des Herrn. Amen

  3. Die Geschichte steht ja verwoben mit der von der Tochter des Jairus. Dem Synagogenvorsteher, der ihn anredet, hilft Jesus genauso wie der Frau, die nur sein Kleid anfasst. Für mich ist die Frage weniger, was es heißt, sein Kleid zu berühren. Wenn ich das nicht weiß, kann ich es ja auch machen wie Jairus und so von Jesus Hilfe bekommen.
    Diese beiden verwobenen Geschichten machen mir vor allem Mut: Es ist egal, wie Du Dich Jesus näherst und nach seiner Hilfe verlangst. Wichtig ist, dass Du es tust. So wie es Dir am nächstliegenden erscheint, und wenn niemand sonst auf der Welt es so tut.
    In einem zweiten Schritt fordert uns das auch zur Toleranz zwischen verschiedenen Gebets- und Gottesdienststilen (egal, wie, Hauptsache, dass!). Da spricht jetzt mehr der Prediger als der Seelsorger. Aber das muss sich ja Gott sei Dank nicht ausschließen.

  4. In den Gottesdienst konnte sie nicht gehen, das war ihr verboten … Unrein! 12 lange Jahre ausgegrenzt… selbst diese gewagte Aktion war gefährlich… wer sie berührte und wen sie berührte wurde unrein und für eine bestimmte Zeit vom Gottesdienst ausgeschlossen…. wer lässt sich das gefallen? wie schnell kocht da die Volksseele…

    magisches Mißvertändnis? ..Mt 9,20 sagt, dass sie die Quaste des Gewandes berührte, die Zizit. Symbolisch steht die Quaste für die Gebote und die Heiligung durch Gott > rein sein ….entsündige mich, weil ich das Taubenopfer nicht bringen kann….

    Je mehr ich mich mit dieser Geschichte auseinandersetze, umso mehr entdecke ich…

  5. Mir fällt bei der Geschichte grade das erste Mal auf, dass sie voll im Gegensatz zu den anderen Heilungen im NT steht. Sonst ist es so, die Leute kommen zu Jesus oder den Aposteln und sie bekommen gesagt, was sie tun sollen, Heilung und/oder Vergebung wird ihnen direkt zugesprochen, Schweißtücher werden auf sie gelegt, Schatten fällt auf sie; alles abwartend und reagierend. Aber hier kommt eine Frau und wird selbst aktiv und Jesus bemerkt die Auswirkungen, dreht sich um und fragt, „Wer war das?“
    Für mich bedeutet, den Saum Jesu zu berühren, dass ich alle anderen Seile kappe, mich ganz an Jesus hänge, im begründeten, festen Vertrauen, dass Gott mich heilt. Boah, da kommt Herzklopfen auf, „Kann ich das wagen? Geht das überhaupt? Was wenn es nicht klappt? Egal, Gottes Wort steht fest, ich vertraue Ihm.“

    Btw. „Bist du der Mensch, der dauernd anderen hilft und dabei spürt, dass Kraft von ihm ausgeht und der langsam leer läuft?“ Ich habe schon Heilungen erlebt, ich habe schon gespürt, wie Kraft von mir ausging, aber ich habe dabei nicht erlebt, dass ich leer laufe. Das wäre ja schlimm, würde es doch bedeuten, dass aus MEINER Kraft Menschen geheilt werden, wo es doch Gottes Kraft ist, die in der Schwachheit mächtig ist.

  6. Leerlaufen…in den burn out durch falsches Lastentragen…sozusagen ausbluten. Das passiert einem Helfer schnell..wenn er sich zu seiner eigenen Verantwortung die Verantwortung eines anderen aufgeladen hat. Er belastet sich damit doppelt… Jesus sagt in Mt 11,28-30: Kommt her zu mir, die ihr euch abmüht mit euren schweren Lasten…..lernt von mir….meine Lehre ist sanft und meine Last eine angemessene Portion.

    Das ist mir nicht leicht gefallen, den alten Lebensstil der unverstandenen Helferbegabung abzulegen… aber Jesus war geduldig und hat nicht lockergelassen, mir immer wieder richtiges Lastentragen zu vermitteln: die Verantwortungsbereiche zu zeigen, die emotionalen Aufgaben der anderen nicht in meine Emotionen zu ziehen und die Aufgaben demjenigen zu belassen, der sie lösen muss: Gott überlassen, was nur Er kann, dem anderen überlassen, was sein Arbeitsfeld ist, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Mit den Weinenden weinen, nicht an ihrer Stelle. Mit den Lachenden lachen, nicht an ihrer Stelle. Mit dem Zornigen zornig sein über Sünde, nicht an ihrer Stelle. Nicht meine Lebenskraft in andere Menschen verströmen, sondern die Kraft des Heiligen Geistes fliessen lassen, dessen ewige Quelle nie versiegt.

    Ich berühre die Quasten des Gewandes , indem ich im Gebet zu Ihm gehe und mir das falsche Verströmen zeigen und stoppen lasse.
    Manchmal nehme ich meinen Tallit und hülle mich beim Gebet darin ein, fasse die Quasten an, …. die stille Kammer…… Jesus, ich komme zu dir…

  7. Für mich ist diese Geschichte immer ein Beispiel, dass man nichts »falsch machen« kann, wenn man in die Nähe Jesu kommen will. Die Frau hat nach jüdischen Gesetzen alles falsch gemacht, da sie unrein war hätte sie weder in der Menschenmenge sein noch gar jemanden berühren dürfen.
    Wie oft meinen wir, den Menschen vorschreiben zu müssen, wann und wie sie Jesus suchen und finden dürfen?

  8. Danke euch allen schon mal – das ist ein schönes, meditatives und buntes brainstorming zu dieser Geschichte. Sie wird immer bunter…

  9. Es war ein Skandal, denn die Frau hätte auf Grund ihrer Blutungen gar nicht mitten in der Menge sein dürfen. Auf der anderen Seite gibt ihr die Anonymität der Masse einen gewissen Schutz und Mut, einen vielleicht letzten Versuch zu unternehmen, doch Hilfe zu finden. Sie hat nicht den Verklärten Blick, mit dem wir heute das Lobpreislied „Nur ein Saum deines Gewandes“ singen. Es war eher ein Mut der Verzweiflung, die über viele Jahre aus unterschiedlichen Quellen genährt wurde: das körperliche Leiden, die Enttäuschung über die Unfähigkeit der Ärzte, die gesellschaftliche Isolation auf Grund der Unreinheit, Verlust des Vermögens, Spott der Nachbarn und harte Urteile der Frommen, dass Gott sie richtet, sind nicht auszuschließen. In dieser Verzweiflung überschreitet sie die gesellschaftlichen Konventionen: als unreine Frau berührt sie öffentlich einen Mann. Vielleicht ist es magisches Denken, vielleicht aber ist ihr doch ein bisschen mulmig. Ich finde es interessant, dass Jesus ihren Wunsch nach Anonimität übergeht und sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stellt. Warum eigentlich?
    Noch eine Sache stimmt mich nachdenklich: Du schreibst von Helfern, die ausbluten. Es heißt, dass man das ernten wird, was man sät. Diese Helfer säen Aufmerksamkeit, Hilfe, Engagement, etc. Doch offensichtlich ernten sie keine Aufmerksamkeit und Hilfe in Bezug auf ihre eigene Person, sondern Leere und Einsamkeit, sonst würden sie nicht ausbrennen. Kann es sein, dass in unsere Welt irgendetwas aus den Fugen geraten ist? Das ist ein sehr beunruhigende Gedanke…

  10. @gwenhwyr: das Leerlaufen der Helfer hat vielfältige Ursachen (Prägungen, falsche Erwartungen…), die wir hier gar nicht alle diskutieren können. Eine Wichtige ist aber simpel und dennoch so vernachlässigt: da, wo ich etwas weitergebe (und das soll ich ja!), da muss ich es empfangen haben bzw. dann wieder empfangen und den Tank wieder auffüllen. Ideal: Das Helfen Jesu fliesst durch mich hindurch und der Tank schwankt nur um den Maximallevel. Das kriegen wir Menschen nicht immer hin… dazu: ich habe als Helfer auch die Verantwortung für meinen Körper. Sprich: wenn ich Ausbeutung betreibe, 70 Stunden arbeite, wenig schlafe, schlecht esse, dann wird mir alles Gebet nicht helfen – dann laufe ich leer. Denn ich missachte Gottes guten Rat bezüglich Ruhe, Frieden, Schlaf, Genuss…

  11. wegbegleiter :
    da, wo ich etwas weitergebe (und das soll ich ja!), da muss ich es empfangen haben bzw. dann wieder empfangen und den Tank wieder auffüllen. Ideal: Das Helfen Jesu fliesst durch mich hindurch und der Tank schwankt nur um den Maximallevel.

    Hallo Wegbegleiter,
    ich gebe Dir vollkommen Recht, aber … alles hat seine zweite Seite 🙂 Diese zweite Seite möchte ich, vielleicht sehr hartnäckig, ins Gespräch bringen. Deine Zeile treffen bei mir auf die Folie einer Erfahrung, die gerade mal ein paar Wochen alt ist. Ich war in einen wunderschönen Gottesdienst, es war Lobpreiszeit. Bei einem Lied lief mir der kalter Schauer den Rücken runter: „ich möchte mehr von dir Gott … ich möchte in der Wahrheit leben … ich möchte deine Wunder sehen … ich!“ Eigentlich stand ich in diesem Gottesdienst mitten unter Menschen, die auf einer bestimmte Art und Weise miteinander verbunden sind. Dieses Lied hat für mich jedes vorhandene Gemeinschaftsgefühl gesprengt. Es blieb nichts mehr übrig. Sehnsuchtsvoll erinnerte ich mich an alte Zeiten als wir in Pfadfindermanier ins Feuer schauten und wussten: wir werden füreinander einstehen.
    Oder anders: wenn die Hilfe Jesu durch mich fliesst um andere zu erbauen, dann wäre doch die logische Folge, dass die Hilfe Jesu auch durch andere fliesst um mich zu erbauen. Oder? Ja, es stimmt, dass jeder die Verantwortung für SEIN Leben trägt (Ernährung, Sport, etc). Ja, es stimmt, dass man Prägungen und Erwartungen reflektieren sollte, weil uns Unbewußtes manchmal auf falsche Fährten führt. Und ja, es stimmt, dass man Gott unmittelbar begegnen kann und aus dieser Begegnung Kraft für den Alltag schöpfen – ich schreibe es, weil Mystik im Moment mein geistliches Zuhause ist. Doch alles hat eine zweite Seite. Dieses zweite Seite ist aus meiner Sicht das Leben in der Gemeinschaft. Man könnte es auch systemische Betrachtung nennen. Gibt es dieses noch? Mal ganz provokativ gefragt. Oder schaut derjenige, der Ausgebrannt ist in einen Abgrund, der dunkler ist als die Nacht. So nach dem Motto: Selbst schuld, warum hat sich von Gott nicht rechtzeitig „füttern“ lassen? In so einem Moment hilft wahrscheinlich nur eins: alle Konventionen missachten, in dem Mut der Verzweiflung zu Mitteln greifen, die die Umherstehenden in helle Aufregung versetzen. Es ist ein Risiko, doch manchmal vielleicht der einzige Weg. Somit wären wir wieder bei der Geschichte zurück.

  12. //Ich finde es interessant, dass Jesus ihren Wunsch nach Anonimität übergeht und sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stellt. Warum eigentlich?//

    Danke, Gwenhwyr, dass du diesen Aspekt herausgreifst.
    Ich denke, er hat sie von seinem Stand als Rabbi aus bestätigt und wiederhergestellt im Ansehen der Öffentlichkeit.
    Wer als unrein ausgeschlossen war, konnte nur durch einen öffentlichen Akt der Bestätigung wieder als rein gelten und musste sich nicht weiter verstecken.

    Er ersparte ihr damit wohl auch die Untersuchung zum Nachweis, dass der Blutfluss aufgehört hatte.
    Und was mich begeistert: Gottes Kraft durch Jesus heilt spezifische Frauenprobleme, die Strafe aus 1. Mose… ist an dieser Stelle jedenfalls aufgehoben.

  13. Vielleicht rückt Jesus sie in die Mitte um sie der Gemeinde als Gottes geliebtes Wesen zu zeigen und es ihr zu bezeugen – trotz ihrer vermeintlichen Unreinheit.
    Er selbst wird sie nicht öffentlich bloßgestellt haben, er erhebt nicht den drohenden Zeigefinger – er richtet sie auf, nimmt ihre Last, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit auf sich. Er gibt ihr Lebenskraft zurück.
    – Nicht die Starken brauchen den Arzt sondern die Schwachen – Was ihr dem geringsten meiner Brüder/Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. –
    Bonhoeffer sagte in diesem Fall: Das christliche Verhältnis zwischen dem Starken und dem Schwachen ist, daß der Starke zu dem Schwachen aufsehen und niemals herunterschauen soll. (Bonhoeffer)
    Leider ist es oft anders, schwache Menschen haben kaum eine Lobby, wer fällt, geht unter, wird zertreten.
    Ein HSP-Problem – vielleicht nicht nur in helfenden Berufen – sondern auch bei Menschen mit Harmoniebedürfnis: Probleme, Lasten zu tragen, die zu schwer sind.
    Eine falsche Entwicklung sehen und nichts gegen Hass, Gewalt o.ä. tun zu können. Vielleicht auch die Zersetzung der eigenen Person ertragen zu müssen ohne was tun zu können – heute spricht man wohl von ‚zur Unperson diffamiert‘, weil es irgendwem dient, wenn jemand unglaubwürdig oder unsympatisch ist. – Nur dann kann ich eine gewalttätige unreflektierte Aktion in Gang bringen.
    Workaholics – oder solche die dazu gezwungen werden – haben keine Zeit um sich irgendwo einzubringen oder soziale Kontakte zu pflegen. Es muss geglaubt werden, was erzählt wird – und leider wird auch oft geglaubt „was alle sagen“.
    Noch dazu wird jede spärliche kleine Äußerung umgedeutet und in einen falschen Kontext gesetzt, so kommt sicher ganz leicht die Volksseele zum Kochen.
    Eine beklemmende, beängstigende Situation, man möchte um Sturmstillung beten.

  14. Günter J. Matthia :Für mich ist diese Geschichte immer ein Beispiel, dass man nichts »falsch machen« kann, wenn man in die Nähe Jesu kommen will. Die Frau hat nach jüdischen Gesetzen alles falsch gemacht, da sie unrein war hätte sie weder in der Menschenmenge sein noch gar jemanden berühren dürfen.Wie oft meinen wir, den Menschen vorschreiben zu müssen, wann und wie sie Jesus suchen und finden dürfen?

    Nein, das hat sie nicht, denn sie hatte keinen Aussatz, sondern Blutungen. Und da besteht aus der Sicht der jüdischen Tradition schon ein Unterschied – auch wenn Christen das nicht gern sehen wollen.

  15. @Juebe: Die Spitze gegen Christen kann man sich sparen und sachlich miteinander diskutieren (ich glaube andersherum käme das gar nicht gut, gelle?). Stattdessen könnte man solche Behauptungen sachlich begründen, anstatt sie nur in den Raum zu stellen (b.t.w. was sollten Christen nicht gerne sehen wollen? In Bezug auf Blutungen?).
    Meines Erachtens gilt 3.Mose 15,19ff: Wenn eine Frau ihre monatliche Blutung hat, ist sie sieben Tage lang unrein. Jeder, der sie berührt, wird unrein bis zum Abend. 20 Auch alles, worauf sie sich während dieser Zeit legt oder setzt, wird unrein. 21-22 Wer ihr Lager oder etwas, worauf sie gesessen hat, berührt, muss seine Kleider waschen, sich selbst mit Wasser abspülen und bleibt bis zum Abend unrein. 23 Auch wer irgendetwas auf ihrem Lager oder ihrer Sitzgelegenheit berührt, wird unrein bis zum Abend.

    Dementsprechend führte eine Berührung mit dieser Frau zur Unreinheit. Ich glaube, mehr ist hier nicht behauptet worden. Ich freue mich aber auf einen belegten Widerspruch, denn ich lerne gerne dazu.

  16. Ich lerne auch gerne dazu. Ich habe das bisher so verstanden, wie auch der Wegbegleiter. Was ist daran falsch? Gibt es für »Dauerblutungen« abweichende Regeln in der Thora?

  17. Wieso Spitze? Das war als sachliche Feststellung gedacht und resultiert aus der Lektüre dieses und anderer Blogs, die mir immer wieder deutlich machen, wie sehr Christen bestimmten Fehlwahrnehmungen und Vorurteilen verhaftet sind. Und die werden nicht so schnell aufgegeben, denn dann müßte man sich ja ganz grundsätzlich mal mit den eigenen Sichtweisen und Fehlwahrnehmung bzgl. Judentum auseinandersetzen. Ich würde mir wünschen, daß in freikirchlichen Ausbildungsstätten fundiert damit umgegangen würde und nicht immer wieder die gängigen Zerrbilder ventiliert würden. In einigen wenigen ist das Bemühen um einen anderen Umgang wahrnehmbar, aber es scheint mir nicht gängiger Standard zu sein.

    Da diese Geschichte zur Zeit Jesu spielt, ist also danach zu fragen, wie mit den Levitikusstellen zur Zeit Jesu umgegangen wurde. Was war zu dieser Zeit Praxis? Und da kommt man nicht ohne die mündliche Tradition des Judentums aus, denn schriftliche und mündliche Tradition gehören zusammen.
    Und deshalb zeugt es von Unwissenheit in diesem Bereich, wenn man mal so eben Levitikus 15 zitiert und das als die übliche Praxis hinstellt.

    Das wäre genauso unrealistisch, wie wenn ich die Tugendkataloge in den neutestamtentlichen Briefen als Grundlage für die Behauptung nehmen würde, daß in christlichen Gemeinden sofort jeder Gemeindevorsteher ausgeschlossen wird, der sexuelle oder auch andere Verhaltensweisen praktiziert, die dort unter entsprechender Strafe stehen.

    Die Situation einer blutenden Frau ist auch schlimm genug ohne die in den Kommentaren imaginierten Szenarien. („wie schnell kocht da die Volksseele“ – ja klar, Mitgefühl gibt es im jüdischen Kontext für so jemanden nach christlicher Vorstellung nicht – Ironie-Modus Ende).

    Dass ich über diesen Hinweis hinaus hier nicht weiter diskutieren werde, wirst Du sicher verstehen können. Es gibt für diejenigen, die das wollen, Informationsmöglichkeiten, und ich erinnere mich noch genau an den Maulkorb, den Du mir bei der „Hebräisch“-Diskussion per „Schluß jetzt“ verpaßt hast. Ich durfte noch nicht mal richtigstellen, wo ich mißverstanden worden war, aber anderer Leute Beiträge wurden trotz „Schluß jetzt“ noch weiter durchgeschaltet.

  18. @Juebe: ich respektiere dein Nicht-Diskutierenwollen, ich empfinde aber deine Vorurteile genauso anmaßend wie du unsere angeblichen. Hier wollen deiner Meinung nach Christen Zerrbilder von Juden aufrecht erhalten? – aha, ok, wenn du meinst. Wozu liest du christliche Foren und Blogs? Um diese Meinung dauernd bestätigt zu bekommen? Also: ich lese nicht dauernd in Atheistenblogs, um mir bestätigen zu lassen, dass die mich für bescheuert halten, weil ich an unseren Gott glaube. Dabei schieße ich nicht gegen dich, sondern will lernen!
    Ich kann nur sagen: Ich profitiere viel von jüdischen Hintergrundinformationen, um meinen Glauben besser zu verstehen, ich hätte mich über Belege gefreut. Der Maulkorb gilt bei mir auch nicht in Sachfragen, sondern in Stil- und Respektfragen. Ich empfinde deinen Stil als unangemessen und schwer erträglich. Wenn du mich so mies findest, wie du das in deinem letzten Absatz andeutest, warum liest du dann noch hier mit?

    Nun würde ich gerne zurück zum Thema kommen, denn ich fand bisher den Austausch sehr erhellend.

  19. Hey Deborah,

    Leerlaufen…in den burn out durch falsches Lastentragen…sozusagen ausbluten. Das passiert einem Helfer schnell..wenn er sich zu seiner eigenen Verantwortung die Verantwortung eines anderen aufgeladen hat. Er belastet sich damit doppelt… Jesus sagt in Mt 11,28-30: Kommt her zu mir, die ihr euch abmüht mit euren schweren Lasten…..lernt von mir….meine Lehre ist sanft und meine Last eine angemessene Portion.

    von Burn Out und Lastentragen ist doch in der Stelle gar nicht die Rede? Wir müssen aufpassen, dass wir nicht etwas in eine Stelle hineinlesen, was da gar nicht steht. So weit ich weiß, nennt sich das Eisegese (im Gegensatz zur Exegese, also hineinlesen statt herausnehmen) und kann ziemlich böse enden. Wenn jemand dazu tendiert in ein Burn Out zu geraten, würde ich ihm nahe legen, seine Aufgaben beiseite zu tun und in eine Liebesbeziehung mit Gott hinein zu investieren, so dass einem zunehmend bewusst wird, warum Gott diese ganzen wunderbaren, übernatürlichen Sachen tut und warum Er einen auch noch dazu befähigt und herausfordert; weil Er jeden einzelnen Menschen so wunderbar liebt, dass Er ihm Seine Herrlichkeit nicht vorenthalten möchte. So ist es auch die Liebe zu unserem Schöpfer und Heiland (dieses Wort beinhaltet ursprünglich Retter und Heiler), die uns antreibt, unseren Mitmenschen diesen tollen Gott vorzustellen. Wer aus dieser Motivation handelt, wird auch immer wieder Zeiten alleine mit Gott einlegen, weil er Ihn so sehr liebt und die Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Ihm hat. Und hier wird Kraft geschöpft über die Maßen. Jesaja 40,28-31: „Hast du es nicht erkannt, oder hast du es nicht gehört? Ein ewiger Gott ist der HERR, der Schöpfer der Enden der Erde. Er ermüdet nicht und ermattet nicht, unergründlich ist seine Einsicht. Er gibt dem Müden Kraft und dem Ohnmächtigen mehrt er die Stärke. Jünglinge ermüden und ermatten, und junge Männer straucheln und stürzen. Aber die auf den HERRN hoffen, gewinnen neue Kraft; sie heben die Schwingen empor wie die Adler, sie laufen und ermatten nicht, sie gehen und ermüden nicht.“

    Das ist mir nicht leicht gefallen, den alten Lebensstil der unverstandenen Helferbegabung abzulegen… aber Jesus war geduldig und hat nicht lockergelassen, mir immer wieder richtiges Lastentragen zu vermitteln: die Verantwortungsbereiche zu zeigen, die emotionalen Aufgaben der anderen nicht in meine Emotionen zu ziehen und die Aufgaben demjenigen zu belassen, der sie lösen muss: Gott überlassen, was nur Er kann, dem anderen überlassen, was sein Arbeitsfeld ist, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Mit den Weinenden weinen, nicht an ihrer Stelle. Mit den Lachenden lachen, nicht an ihrer Stelle. Mit dem Zornigen zornig sein über Sünde, nicht an ihrer Stelle. Nicht meine Lebenskraft in andere Menschen verströmen, sondern die Kraft des Heiligen Geistes fliessen lassen, dessen ewige Quelle nie versiegt.

    Oh, wie schön, dass Gott dich diese Entwicklung hat durchmachen lassen. =o) Da ham wir ja was gemeinsam. ;o) Wenn ich dir einen Lesetipp geben dürfte, würde ich die Predigten von John G. Lake ans Herz legen. Ein Mann in dessen Leben sehr viele körperliche, seelische und vor allem geistliche Heilungen stattfanden und der sehr neugierig in diesem Bereich war und geforscht hat, warum, wodurch, wie etc. Gott heilt. Seine Hauptbezugsquelle war Gott samt Seinem Wort, aber er war der Wissenschaft gegenüber nicht verschlossen.

  20. @juebe: so..nu tu mal Butter bei die Fische…

    Wie wurde dieses Gebot aus 3. Mose 15,19ff zur Zeit Jesu gehandhabt.

    Leider habe ich keine nachlesbaren Manuskripte über die Taharot bei Google gefunden.

  21. @jovan: Ich denke, du liest etwas in meinen Beitrag hinein, das da gar nicht steht. 🙂

  22. wegbegleiter :@Juebe: ich respektiere dein Nicht-Diskutierenwollen,

    Grundsätzlich diskutiere ich gern, aber dann muss gewährleistet sein, dass ich hier gleichberechtigt mitdiskutiere. Das ist aber nicht gewährleistet, wenn ich an bestimmten Stellen einen Maulkorb bekomme, auf Nachfragemails keine Reaktionen bekomme und Monate später mit „Stilfragen“ argumentiert wird.

    ich empfinde aber deine Vorurteile genauso anmaßend wie du unsere angeblichen.
    Woher willst Du meine Vorurteile kennen und warum sind Deine nur „angeblich“?

    Hier wollen deiner Meinung nach Christen Zerrbilder von Juden aufrecht erhalten?
    Ob sie das wollen bezweifle ich eher. Es geschieht eher unbewußt, denke ich, und es hat in diesem Kontext eine Funktion. Sonst würden sich diese Zerrbilder nicht so erhalten können obwohl es Informationsmöglichkeiten gibt

    – aha, ok, wenn du meinst. Wozu liest du christliche Foren und Blogs? Um diese Meinung dauernd bestätigt zu bekommen?
    Nein, weil ich an anderen Sichtweisen interessiert bin; weil ich interreligiösen Dialog wichtig finde; weil mir Auseinandersetzung wichtig finde … und noch aus einigen anderen Gründen

    Also: ich lese nicht dauernd in Atheistenblogs, um mir bestätigen zu lassen, dass die mich für bescheuert halten, weil ich an unseren Gott glaube.
    Ich lese in sehr unterschiedlichen Blogs – in unterschiedlicher Häufigkeit. Abgesehen davon kenne ich sehr respektvolle Atheisten, weswegen ich nicht ganz verstehe, was der Vergleichspunkt sein soll. Ich halte auch Christen nicht für bescheuert – falls Du das ausdrücken wolltest – weil sie anders glauben. Allerdings ist es für mich gelegentlich an der Schmerzgrenze oder jenseits davon, was über Judentum verbreitet wird und das war der Grund, warum ich mich oben zu Wort gemeldet habe und auf einiges hingewiesen habe. Dass Du mir gegenüber wieder mal polemisch reagiert hast, war nicht vorauszusehen. Wer mag, kann meinem Hinweis nachgehen; wer nicht, der lässt es bleiben. So what?

    Dabei schieße ich nicht gegen dich, sondern will lernen!Ich kann nur sagen: Ich profitiere viel von jüdischen Hintergrundinformationen, um meinen Glauben besser zu verstehen, ich hätte mich über Belege gefreut. Der Maulkorb gilt bei mir auch nicht in Sachfragen, sondern in Stil- und Respektfragen. Ich empfinde deinen Stil als unangemessen und schwer erträglich.
    Das wiederum kann ich nicht nachvollziehen, würde vermutlich auch den Rahmen eines solchen Austausches sprengen. Wenn Du magst, kannst Du das vielleicht in einer Mail schreiben, denn mir liegt nichts daran, es Dir schwer zu machen.

    Wenn du mich so mies findest, wie du das in deinem letzten Absatz andeutest, warum liest du dann noch hier mit?
    Ich habe nirgends geschrieben oder andeuten wollen, dass ich Dich „mies“ finde.
    Ich habe den Absatz nochmals gelesen und verstehe nicht, daß Du daraus das schließt. Ich kann nur jemand „mies“ finden, den ich persönlich kenne. Was ich aber finde ist, dass Deine „Blog-Politik“ für mich gelegentlich undurchschaubar ist und bei mir der Eindruck entstanden ist, daß Du Dich gelegentlich auf „Stilfragen“ zurückziehst, wenn es Dir „unbequem“ wird.
    .

  23. Hi Juebe – schade, dass du immer noch nicht auf Inhalte eingehst, obwohl dich mehrere drum bitten. Wie wurde denn nun 3. Mose anders verstanden zu Jesu Zeiten? Fakten, bitte!

  24. Jesu gewand berühren heißt für mich:

    IHM nahe zu sein!

    Das setzt vorraus, …

    * daß ich IHN im Gewühl suche und erkenne.
    * daß ich davon ausgehe, daß ER das hat oder IST was ich suche / benötige.
    * daß ich IHM so sehr vertraue daß ich bereit bin möglicherweise Konventionen zu durchbrechen.

    maranatha Stephan

  25. @Juebe,

    jetzt muß ich mal etwas spitzfindig werden:
    Wenn Du sachlich bleiben würdest und unserem Mangel nachhelfen könntest wärest Du durchaus ein ernst zu nehmender Diskussions-Partner, aber das erscheint momentan nicht so. Es sieht eher so aus als ob Du gerne arrogant auf „Die Christen“ herabschaust und ihnen ihre Unwissenheit vorhalten müßtest, damit Du selbst bessr dastehst.
    Das wirft keineswegs ein gutes Licht auf Deine Motive oder Deinen Charakter.

    Wenn Du wirklich etwas erreichen willst, dann gib uns einen Link zu der Quelle von der Du sprichst, denn so leicht findet man das wohl im Netz nicht. Und von einem Christen darfst Du nicht erwarten, daß er wochenlang in Bibliotheken sucht nur weil jemand anders meint sie belehren zu müssen ohne das wirklich zu tun!

    Ein Lehrer lehrt was er zu sagen hat und „zickt“ nicht rum sondern will Kenntnisse vermitteln …

    Im Übrigen sagt Dein Beispiel

    Juebe :Das wäre genauso unrealistisch, wie wenn ich die Tugendkataloge in den neutestamtentlichen Briefen als Grundlage für die Behauptung nehmen würde, daß in christlichen Gemeinden sofort jeder Gemeindevorsteher ausgeschlossen wird, der sexuelle oder auch andere Verhaltensweisen praktiziert, die dort unter entsprechender Strafe stehen.

    Keineswegs das was Du meinst. Man kann daraus ebenso ersehen, daß weder die Juden (damals) noch die Christen (heute) das taten / tun was in der ursprünglichen Schrift / Aussage / Überlieferung gemeint war.

    Genau aus diesem Grund hat Jesus ja mit den führenden Juden streit gehabt und hat den Selbsn Streit heute mit vielen anderen (leitenden Christen) ebenso!

  26. Deborah :
    Ich denke, er hat sie von seinem Stand als Rabbi aus bestätigt und wiederhergestellt im Ansehen der Öffentlichkeit.

    Q Deborah
    Danke, dass Du dich der Frage angenommen hast.Ich teile Deine Sichtweise, bin allerdings am überlegen, ob es – parallel – ein zweites Deutungsmuster geben könnte. Es heißt, diese Frau hat ihr ganzes Vermögen für Ärzte ausgegeben. D.h. es war eine wohlhabende Frau, vielleicht eine Geschäftsfrau. Als solche wäre sie gewohnt offentlich auzutreten, ihre Meinung zu sagen, zu verhandeln. Ich vermute aber, dass die Erfahrungen, die sie mit den Ärzten gemacht hat, so belastend und entmutigend waren, dass sie sich inzwischen nicht mehr getraut hat wirklich Erwartungen zu haben. Würde es mit dem berühren des Gewades nicht funktionieren, hätte man den Mißerfolg der Aktion viel leichter wegerklären können. Also schleicht sie sich im Schutz der Menge heran. In dem Jesus sie Anspricht, stellt er – wie Du geschrieben hast – ihr Ansehen in der Öffentlichkeit wieder her. Ich galube aber, dass die Ansprache auch eine zweite Wirkungsrichtung hat, nach innen. Er gibt ihr Ansehen gegenüber sich selbst zurück, Selbstbewußtsein, wie wir heute sagen würden.

  27. Hallo Christof,

    mich hat diese Geschichte auch angesprochen und ich habe gerne drüber gepredigt. Zu einem Punkt habe ich einen Hinweis: Du hast geschrieben, theologisch korrekt müsste man sagen, dass die Frau dem Missverständnis unterlag, dass ein Stück Stoff heilen konnte. Das mag so sein, aber es gibt auch noch eine andere Möglichkeit, die ich zumindest für nachdenkenswert halte (und weiß nicht, ob sie oben schon erwähnt wird, weil ich nicht alle Kommentare gelesen habe). In Mal 3,20 heißt es: „Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln.“ Das Wort für Flügel heißt „Kanaf“. Dieses Wort wird jedoch auch in Num 15,38 für „Ecke des Gewandes“ verwendet, in die sie die Quasten knüpfen sollen. Ebenso findet man es in Rut 3,9, wo Rut zu Boas sagt: „Breite die Zipfel deines Gewandes (wörtlich: Flügel) über mich, denn du bist mein Löser.“ Das Wort „kanaf“ hat also zwei Bedeutungen: Flügel und Ecke/Saum des Gewandes. Maleachi 3,20 ist eine messianische Verheißung: Wenn der Messias kommt, wird er Heil (wörtlich: Heilung) unter seinen Flügeln (oder Ecken des Gewandes??) haben. Könnte es also sein, dasss diese Frau die Quasten von Jesu Gewand ergreift, weil sie dieser Verheißung glaubt, nämlich dass Jesus der Messias ist und Heilung unter seinen Flügeln, dem Saum seines Gewandes, ist? Interessant wäre diese Deutung auch im Hinblick darauf, dass Jesus der Frau zuspricht „dein Glaube hat dich gerettet“. In Mk 6,56 wird berichtet, dass viele Kranken baten, dass sie auch nur den Saum von Jesu Gewand berühren dürfen und alle wurden gesund. Ein magisches Verständnis mag nicht auszuschließen sein, aber vielleicht stand dahinter auch der Glaube an diese Verheißung.

  28. Hi Thomas, schön von dir zu lesen! Toller Gedanke!!! Meine Frage wäre dann noch: inwieweit war das im Gedankengut der Frau vorhanden, wo Frauen i.a. keine große Synagogenschule besucht hatten… aber wahrscheinlich war es einfach im Bodensatz des Denkens verankert. Spannend!

  29. Hallo Christof,

    die Frage ist natürlich berechtigt – und vermutlich auch schwer zu beantworten bzw. zu belegen 🙂 Dazu aber folgende Grundannahmen:
    – zur Zeit Jesu war die Messiaserwartung sehr hoch, auch wenn diese Erwartungen durchaus sehr unterschiedlich waren (z.B. priesterliches Messias, politischer Messias)
    – messianische Verheißungen waren daher nicht nur unter Gelehrten, sondern auch unter dem Volk bekannt.
    – wenngleich die Frau keine Synagogenschule besucht haben mag, bedeutet es nicht zwangsläufig, dass die Schrift unbekannt ist. Als Beispiel dazu: Der Lobgesang Marias ist gefüllt mit at-Verheißungen. So könnten auch dieser Frau mündliche Traditionen und Verheißungen bekannt gewesen sein.
    – dass den Quasten zu der Zeit eine hohe Aufmerksamkeit galt bzw. manche sie anscheinend als Zeichn der Frömmigkeit ansahen, zeigt Jesu Vorwurf an die Pharisäer, sie würden ihre Quasten lang machen (siehe Mt 23).
    Eindeutig belegen kann man es vermutlich nicht, ob die Frau diese Verheißung kannte. Es bleibt eine Hypothese. Aber eine sehr schöne, wie ich finde 😉

  30. @gwenwhyr: danke für den Gedanken der Innenwirkung. Den empfinde ich gerade als Balsam.

    @Thomas: Danke für die Wortbedeutungen….ähnliches hatte ich gehört, konnte es aber nicht schriftgemäß belegen. Jetzt halte ich mir diese Punkte aber schriftlich fest. 🙂

  31. @Thomas
    Der Zusammenhang mit der Verheißung, den Du hier aufzeigst setzt nicht zwingend vorraus daß dei Frau das SO wissen mußte, aber Deine Begründung und Ihr Verhalten macht es plausibel, daß sie sich darauf bezogen hat.

    Es ist auch nicht nötig eine Synagogen-Schule zu besuchen um die Schrift zu kennen. Es genügt einfach sie zu lesen oder zu hören. Wenn in dem Text das aufgebrauchte Vermögen der Frau erwähnt wird darf man durchaus davon ausgehen daß eines da gewesen war und damit auch eine entsprechende Bildung und Schriftkenntnis zur Verfügung gestanden haben muß. Was die Frau tut spricht für ihre kenntnis des zusammenhanges, den Du aufgezeigt hast!

    maranatha Stephan

  32. Hey Deborah,
    mag sein. ;o) Ich hatte in meinem ersten Kommentar diese eine Stelle zitiert, die ich aus der Geschichte so gar nicht entnehmen konnte, woraufhin du mir geantwortet hattest. Da Wegi im Post auf dich in gewisser Weise als „Auslöser“ verwiesen hatte, wirkte das erstmal so auf mich, als käme der Part aus dem Gespräch zwischen ihm und dir und du wollest das mit deiner Antwort nochmal erläutern. ;o)
    Gottes Segen dir!

  33. Hallo Jovan,

    nein…ich wollte es nicht erläutern oder eine Exegese bringen *lol*. Wegbegleiters Verknüpfung mit der übertragenen Sichtweise auf Burnout hat einen assoziativen Anklang bewirkt und da sind ein paar Mosaiksteine an ihren Platz gerutscht.

    Segen
    Deborah

  34. Ich habe zwar noch nicht alle Beiträge gelesen, aber ich möchte hier trotzdem mal meine Meinung zum Ausdruck bringen.
    „Das Gewand berühren“ – sich in die Lage der Frau versetzen und betrachten, wie das wohl gewesen ist, als Jesus so da durch die Menge schritt.
    Identifikation mit der Frau: ich frage mich, wie man nur auf gedanklicher Ebene Jesus berühren kann. Manchmal kommt es mir so vor, es wäre besser, Jesus wäre jetzt hier (also körperlich) und ich könnte ihn berühren. Ich würde es dann genau so machen wie sie.
    Klar weiß ich, dass wir die sind, die glauben und nicht sehen, aber ehrlich gesagt, dieser Glauben scheint bei mir verschwunden zu sein. Ich sehne mich nach einer „handfesten“ (Berührung) mit dem Wort, also Jesus höchstpersönlich. Und ich finde, dass alles Diskutieren und Reden und Auseinanderpflücken der Texte nicht zum Glauben führt.
    Auch mit dem Helfersyndrom gelangt man nicht zum Glauben.
    Ist vielleicht alles ziemlich verworren, was ich hier so schreibe, wäre aber schön doch noch eine Antwort zu erhalten.

  35. Hi Doris und willkommen auf dem Blog!

    Ich kann dich gut verstehen – ich erlebe gute Gemeinschaft als eine wichtige Möglichkeit, Jesus zu berühren. Als wir in diversen schweren Phasen waren (Tochter schwer krank, Depression etc) und Geschwister das geahnt haben und einfach vorbei gekommen sind und umarmt und geholfen haben. Das hat mir geholfen, denn wir sollen als Christen ja gerade Jesu Hände und Füße sein… aber Jesus kann auch übernatürlich berühren. Ich erlebe das manchmal im Gebet, im Singen, im Gottesdienst – da passiert etwas wie das Eintauchen in seine Gegenwart, in seine Herrlichkeit und eine tiefe innere Berührung, die nicht rational und auch nicht emotional erklärbar ist… im hörenden Gebet (habe ein Kapitel dazu in meinem neuen Buch geschrieben) ist das besonders erfahrbar – plötzlich ganz real, ganz freundschaftlich von Gott angesprochen zu werden. Glaube ist ja viel mehr als Kopf – so soll es sein… Segen dir!!

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