Radioandacht WDR: Sein. Nicht haben und tun!

Letzten Freitag war ich in Düsseldorf und habe dort (begleitet von der freundlichen und kompetenten Kerstin Hanke, der stellvertretenden Rundfunkbauftragen der evangelischen Kirche beim WDR – Mann, wer denkt sich solche Titel aus…;-) die nächsten Radioandachten für WDR 3-5 aufgenommen. Sendetermin ist ab Montag dem 17.5.2010, 6 Andachten bis zum Samstag… (für Sendetermine und Details, aber auch zum nachträglichen Anhören hier klicken)

Das Thema quer durch die Woche: was wir uns selbst sagen und einreden – und was uns zerstört… et voilà, eine Kostprobe, wenn auch nur schriftlich: Sein – nicht haben und tun!

Darf ich Ihnen 50 Euro schenken? Da sagt doch jeder gerne ja, oder? Wenn ich nun den Schein vorher zerknülle und Ihnen zuwerfe, wollen Sie ihn dann auch noch? Kein Problem, man kann ihn doch auseinander falten und glätten und er hat doch immer noch seinen Wert, oder? Gut, wenn ich nun auf dem Schein herum trampele, ihn nass mache und wieder trockne, nehmen sie Ihn dann auch noch? Ja, sicher, wo ist das Problem?
Ist auch kein Problem. Egal, wie das Äußere eines Geldscheins ist, solange er nicht zerstört ist, hat er seinen Wert und jeder von uns wird ihn gerne geschenkt annehmen. Warum nur billigen wir einem Geldschein diese Eigenschaft zu und einem Menschen nicht? Da geht es nämlich um den äußeren Schein – frei nach der Bankenwerbung, die vor einigen Jahren im Fernsehen lief -: mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Jacht, mein Pferd. Und der Schulfreund staunt und präsentiert stolz sein Eigentum. Habgier war in früheren Zeiten eine Schande, man denke nur an den verbitterten und geizig gierigen Scrooge in der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Heute scheint Habgier fast eine Tugend zu sein. Doch es gibt positive Gegensignale – die unendliche Habgier mancher Spekulanten geht dem Normalbürger dann doch zu weit. Oder? Wo wäre für uns die Grenze? Wer definiert sie?
Diese Frage allein zeigt bereits an, wie sehr wir uns über das Haben und nicht über das Sein definieren. Was kannst du, hast du, tust du, beherrschst du? Das ist wichtig. Dann wird verglichen mit dem Nachbarn und daraus wird ein Quell der Unzufriedenheit. Merken wir nicht, dass wir auf ein trügerisches System herein fallen, dass uns abhängig macht? Sich über das Haben und Tun zu definieren und daraus Wert zu ziehen, das macht unfrei. Zugleich macht es Menschen, die nicht so viel zu bieten haben, zu Schädlingen unserer Gesellschaft. Behinderte, Alte, Kinder, Kranke – sind sie weniger wert? Da wird ein individuelles und wertvolles Leben schnell zu lebensunwertem Leben. Weil der Maßstab nicht stimmt.
Jesus Christus stellt diesen Maßstab auf den Kopf. Weil sein Vater es anders gewollt hat und will. Er liebt den Menschen einfach zu sehr. Gott hat uns schon geliebt, als wir noch vollkommen neben der Spur waren – das Neue Testament verwendet für „neben der Spur“ den Begriff der Sünde. Dieser drückt aus, dass sich ein Mensch nicht mehr von Gott abhängig macht, sondern von anderen Dingen. Und dabei unfrei wird, gefangen unter falschen Maßstäben. Gott geht es um das Sein, nicht um das Haben und Tun. Die Schwachen und Kranken, die will er aufrichten. Jesus geht so weit, dass er sagt, dass er für diese gekommen ist und nicht für die, die vermeintlich stark sind. Jesus setzt ganz andere Akzente, er sagt: Glücklich sind die Bedürftigen, Schwachen, Trauernden – warum eigentlich? Weil sie die Chance haben, den Maßstab dieser Gesellschaft in seiner Hohlheit zu enttarnen und sich gleichzeitig auf den zu verlassen, der wahrhaft Wert gibt: Gott selbst. Seine Geschöpfe sind wir, seine Kinder sollen wir sein.
Beim Geldschein zählt der Wert – nicht das Äußere. Beim Menschen ist es nicht anders. Sagt Gott. Und das tut so richtig gut!
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8 Antworten zu “Radioandacht WDR: Sein. Nicht haben und tun!

  1. Wie üblich, anstatt eine allgemeine Zustimmung zu äußern, versuche ich Deine Gedanken ein bisschen unter die Lupe zu nehmen. Die Analogie zwischen Geld und Menschen ist interessant und macht einiges deutlich.
    Natürlich nehme ich die Geldscheine nicht aus ästetischen Gründen, wegen der schönen blauen Farbe oder glizernden Hologrammfolie an. Doch diese sind nicht unwichtig, weil sie einen Hinweis, auf den Wert des Papierstückes liefern. Der Wert liegt nicht in der Ästhetik (wie bein Gemälde), aber die ästhetischen Merkmale verdeutlichen mir den den Wert. Auf Menschen übertragen, führt es mich auf die von Kant gelegte Spur: das Wahrenehmen der Schöhnheit (sehr weit verstanden und absolut jensats der Vorgaben der Modemagazine) eines anderen Menschen ist wie ein Schlüssel, der die Tür, zu einer Begegnung öffnet.
    Zum anderen sind die Papierstücke Namens Geld an sich eigentlich nicht sonderlich viel wert. Ihre Brauchbarkeit besteht darin, dass ich sie gegen ein Gut eintauschen kann. Dass diese Vorgang funktioniert garantiert eine dahinter stehende Macht, die Notenbank. Ob Du den Schein zerknüllst, ist mir egal, Hauptsache er weist die notwendigen Sicherheitsmerkmale auf, die es mir ermöglichen, mich auf diese Macht zu berufen. Ich benutze diese Scheine im Vertrauen darauf, dass die Notenbänker ihren Job gut machen. Auch hier: hiter jedem Menschen, selbst dem, der dem Augenschein nach nicht allzuviel wert sein mag, steht eine Macht, der Schöpfer. Ich darf diesen Menschen im Vertrauen darauf begegnen, dass der Schöpfer seinen Job gut macht, in der Überzeugung, dass es seinen Sinn und Ziel hat, genau diesem Menschen, in dieser Zeit und an diesem Ort zu begegnen.
    Noch eine kritische Anmerkung, nicht an Dich persönlich gerichtet, sondern ganz allgemein im Kontext der Überlegungungen zum „Sein oder Haben bzw. Tun“ ausgesprochen. Diese Mahnung, sich auf das Sein zu konzentrieren und nicht so sehr auf das Haben bzw. Tun ist nicht neu, sie wird seit Jahren gepredigt. Erfolglos? Wenn ja, warum? Das ist eine Antwort, die mich brennend interessieren würde. Ich habe einen Verdacht. Der Aufruf zum „Sein“ ist sehr abstrakt. Wie soll man da leben? „Haben“ bzw. „Tun“ ist uns, sinnlichen Menschen, viel näher, es ist erfassbar, erlebbar, begreifbar. Das Wort muss Fleisch werden.

  2. @gwenhwyr: deine letztere Frage ist sehr interessant – warum wirkt der Appell an das „Mehr Sein“ so wenig? Ich würde zwei Antworten geben: Erstens weil unsere Gesellschaft so komplett anders geprägt ist und uns jeden Tag neu massiv beeinflusst. Dagegen kann man nicht viel machen (außer sich nicht jeden Scheiss anschauen…;-)). Sprich: Die von so vielen Menschen ersehnte Bewegung zu mehr Sein wird tagtäglich konterkariert durch die Realität in Familien, Beruf etc. Leiste was, mach was, kauf was, setz dich in den Mittelpunkt.
    Ein zweites: Haben und Tun hängen ja stark zusammen mit Vergangenheit und Zukunft. Sein ist dagegen gekoppelt mit der Gegenwart. Wir dagegen vergleichen uns oft und denken in die Zukunft: was will ich noch alles tun, haben, wie will ich mich entwickeln. SEIN findet aber nur (als bewusster Prozess) in der Gegenwart statt. C.S. Lewis hat mal gesagt, dass die Gegenwart als kleiner, verfliessender Punkt der Ort der Begegnung mit Gott ist. Spiritualität führt also im besten Falle in die eigene und in Gottes Gegenwart. Unsere Spiritualität ist dagegen zu oft leistungsorientiert und nicht gnadenorientiert.

  3. Ich greife Deinen zweiten Gedanken auf. Vergangenheit und Zunkunft – in bezug auf beide können wir Beobachter sein. Vergagenheit ist bereits abgeschlossen, wir können sie im Rückblick betrachten, uns diese Momente aussuchen, die wir mögen – kurzum: wir haben Macht. Was die Zukunft anbetrift, haben wir in gewisser Hinsicht auch Macht, wir versuchen sie zu zähmen, in dem wir sie in unserer Vorstellung so gestalten, wie wir es gerne hätten. Bzw. selbst wenn sie in unsere Fantasie nicht unseren Wünschen entspricht, ist es eben nur Fantasie. Dagegen der Gegenwart sind wir ausgeliefert, wir können sie nicht beobachten, sondern stecken mittendrin. Das hat was unheimliches in sich. Das nächstliegende ist das am meisten unbekannte und zwingt und dazu, sich dem sofort zu stellen.

  4. Ich glaube schon, dass ’sein‘ als Begriff zu abstrakt ist. Mir, als Kind dieser Zeit, kommt nähmlich gleich die Frage hoch: ‚Sein? Wie tue ich das? Was muss ich TUN, um zu sein?‘ 😉 Irgendwie ist es dann doch nicht so einfach, sein…
    Gwenhwyr: da du das Thema aufgegriffen hast, hast du vielleicht konkrete Ideeen?

  5. Hallo Cris, leider bin ich da auch nicht allzu schlau … Ich habe das Thema aufgegriffen, weil mich schon seit längerem diese mahnende Predigt nervt. Abstrakt fordern kann jeder.
    Das, was ich Dir erzählen könnte, ich eine Begebenheit vom letzten Sommer. Ich denke, sie hat mich auf eine Spur gebracht, mal schauen, wohin diese Spur hinführt.
    Ich saß mit einem Freund am Feuer. Er ist ein genauso durchgeknallter Positivist, wie ich. Wir haben uns gefragt, was ist es für eine Kraft, die uns immer wieder dazu treibt, unbequeme Meinungen zu vertreten, Projekte zu initieren, und, und und… obwohl wir uns da regelmäßig eine blutige Nase holen. Wir versuchten Zuflucht in der Stille zu finden und am auch diesem Abend schwiegen wir viel und schauenten in die brennende Glut. Er erzählte mir, dass er angefangen hat, sich mit der Mystik zu beschäftigen.Wir hatten den Eindruck, zwei Seiten eine Medallie zu betrachten. Es geht nicht darum, das Sein auf der einen Seite und das Haben/Tun auf der anderen Seite gegeneinander auszuspielen. Es geht eher darum, dass das Sein das Haben/Tum in sich einschließt. Wie ein uneheliches Kind, das aufgenommen, getauft und ordentlich erzogen wird – wie ein Jesuit sagte. Ich fand es hilfreich zu merken, dass da ein Weg verborgen sein könnte. Das Tun muss aus dem Verstehen unseres Wesens entspringen, muss diesem Wesen entsprechen und zu tiefern Verständnis führen. Ich fürchte aber, dass auch dieser Satz zu abstrakt ist. Nochmal ein Tipp des Jesuiten: es lohnt sich eine Haltung einzuüben, die uns ermöglicht in ganz alltäglichen Begebenheiten die Zeichen Gottes Wirkens zu erkennen.
    So was, in der Art. Vielleicht kannst Du damit was anfangen. Alles Gute.

  6. @gwenhwyr: nur um das deutlich zu machen – eine Radioandacht darf nur einen kleinen Gedanken bringen und soll Leute ins Nachdenken bringen, die zu 95% keine Ahnung vom Glauben haben. Zudem sollte diese Andacht (und so ist sie auch von den gestrengen Lektoren empfunden worden) eine positive Zusage sein und keine abstrakte Mahnung. Tut mir leid, wenn das so bei dir angekommen ist.
    Ansonsten möchte ich eine Lanze brechen für abstrakte Gedanken. Wenn man auf einer derartigen Meta-Ebene über das Menschsein nachdenkt, kann man halt nicht auf Bild-Zeitungs-Niveau argumentieren und praktische How-to-Pläne aufstellen. Insofern finde ich deine Ergänzung, dass das Tun aus dem Sein fliesst und von diesem umschlossen ist (mal in eigenen Worten) sehr hilfreich. Ich kann beides nicht trennen, aber in Beziehung zueinander setzen. Mystik ist ein gutes Stichwort, denn sie führt weg vom Tun, hin zum Sein in der Gegenwart Gottes. Gut so. Aber es muss immer wieder auch die Sendung, die Aktion hinter, bzw. besser nach der Kontemplation wahrgenommen werden.

  7. Hallo Wegbegleiter,
    ich bin mir der Einschränkungen der Radioandacht bewusst. Die Spitze richtete sich nicht an Dich, sie hatte einen anderen Adressaten. Insofern war sie hier fehl am Platze.Dein Text war war so gesehen eine Erinnerung an „das andere“. Ganz platt gesagt: wenn in der Gemeinde gegen das Tun gepredigt wird, und eine Woche darauf eindringlich zu Mitarbeit aufgerufen wird, denn ist da irgendetwas nicht ganz zu Ende durchdacht.
    Ansonsten: ich bin auch nicht gegen Metaebne, ich halte mich sehr gerne dort auf. Es ist eine schwierige Kunst in jeglicher Andacht, Predigt, etc. den richtigen Grad zu treffen: auf der einen Seite so allgemein zu reden, dass jeder es in seinen Kontext hineininterpretieren kann. Zu genaue Vorschläge können den Zuhörer auf auf den Holzweg führen. Im besten Fall fühlt er sich nicht angesprochen. Und auf der anderen Seite konkret genug zu reden, damit die Worte nicht wie eine leere Hülle wirken, abgehoben, lebensfern.

  8. @gwenhwyr: absolut d’accord! Bei mir ist es meist deduktiv von der Abstraktion zur Konkretion. Wobei natürlich die Abstraktion auch von der Konkretion genährt wird.

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