Ein berühmter Vers, zwei Varianten: minimaler Unterschied, große Auswirkung

Galater 2,20: Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir. Und solange ich noch dieses irdische Leben habe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.

Einer der ersten Verse, die ich auswendig gelernt habe. Großartig. Leben aus dem Glauben. Und absolut richtig! Doch wenn man in die alte englische King James schaut, auch in alte deutsche Übersetzungen, findet man eine zweite Variante, die aus dem Griechischen genauso möglich ist, aber vieles verändert…

ἐν πίστει ζῶ τῇ τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ – das kann übersetzt werden:

Ich lebe im (oder aus) Glauben an den Sohn Gottes oder aber:
Ich lebe im (oder aus) Glauben des Sohnes Gottes!

Beides ist theologisch vollkommen in Ordnung und bemerkenswert genug. Man könnte sogar sagen (dazu tendiere ich): Paulus hat diese Doppeldeutigkeit eingebaut und hat uns damit ein herrliches Spannungsfeld gegeben. Denn natürlich leben wir aus Glauben an den Sohn, aber der Glaube wiederum ist ein Geschenk Gottes – er hat den Glauben des Sohnes in uns hinein gelegt.

Warum alte Übersetzungen die Entscheidung in die eine und neue (auch konservative) Übersetzungen eher in die andere Richtung treffen? Das mag daran liegen, dass heute das „Machen“ des Menschen mehr im Mittelpunkt steht. Und sei es das „Machen“ des Glaubens.

Schlüssiger erscheint mir fast die andere Variante, denn immerhin heisst es vorher: Christus lebt in mir – nicht mehr ich! Also geht es nicht mehr primär um mich und meinen Glauben – sondern mein Glaube ist ein „Hindurchlassen„, des Glaubens Christi, ein Leben, Wandeln und Handeln in seinem Glauben, den er geschenkt hat durch den Geist.

So sind sie – die Jünger. Sie treten in die Fußstapfen des Meisters. Treten müssen sie – aber die Fußstapfen gibt ein anderer…

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7 Antworten zu “Ein berühmter Vers, zwei Varianten: minimaler Unterschied, große Auswirkung

  1. Ich liebe solche Entdeckungen!
    Mir gefällt die Variante mit „…Glauben des…“ am besten – das macht enorm Mut.

  2. Scheint was mit der Sprache der Zeit zu tun haben, ich habe das gleiche Phänomen in den polnischen Übersetzungen festgestellt.

  3. Der Glaube des Sohnes Gottes … das erinnert mich (ohne von Dir intendiert zu sein, vermute ich) an die liberale „Jesus war auch nur’n Mensch“-Theologie, in der Jesus für uns ein Vorbild im Glauben (an den Vater, die Mutter, die Quelle …) ist. In diesem Sinne im Glauben des Sohnes zu leben, hieße dann, ihm nachzueifern, und der Glaube ist doch wieder etwas, was wir tun.
    Andersherum muss ja auch der Glaube an den Sohn nicht etwas aus uns selbst Hervorgebrachtes sein.
    Ob Glaube etwas ist, was Gott in uns wirkt, oder was wir machen, hängt also nicht so sehr an der Übersetzung des Genitivs.
    Aber warum bei zwei Bedeutungen hängenbleiben? πιστις kann ja auch Treue heißen …

  4. Das ist ja gerade das Tolle, dass man aus Gnade sich den Glauben schenken lassen darf!

    JESUS steht vor meiner Herzenstür u. klopft. ER kommt nicht mit Gewalt, sondern ER bietet SICH SELBER an. Durch den Hl. Geist kann JESUS in mir leben. Und die „Frucht“ ist die Liebe.

    JESUS SELBER geht voran, dass ich in SEINE Fußtapfen trete. ER ist mein großes Lebensziel. ER gibt meinem Leben Sinn. „Nun lebe nicht ich, sondern CHRISTUS lebt in mir!“

  5. @Andreas: wie kommst du auf liberale Theologie? Na, dann eher Mystik…;-) – Jesus legt seinen Glauben in uns hinein und wir leben in seinem Glauben… nicht im Sinne von Nachahmen, sondern von realer Präsenz seines Glaubens durch den Geist.

  6. Ich meinte „liberal“ jetzt nicht im theologiegeschichtlichen Sinne einer Strömung des 19. Jahrhunderts, sondern im landläufigen Sinn. Und da wir Jesus eben häufig als jemand gesehen, der geglaubt hat, und dessen Glauben wir nacheifern können – aber eben nicht als jemand, an den geglaubt werden kannsollmuss.
    Die Formulierung „Glaube des Sohnes Gottes“ ließe sich so missverstehen – nicht Deine Auslegung der Formulierung, die ist in der Tat eher mystisch.
    Aber beide Übersetzungen sagen an sich nichts über die Entstehung des Glaubens aus.

  7. Leben im und aus dem Glauben Christi oder im und aus dem Glauben an den Heilskönig: Die genannten Übersetzungsmöglichkeiten implizieren meines Erachtens einander und sollten demnach nicht gegeneinander ausgespielt werden, zumal das Sich-Christus-Anvertrauen ja durch den Geist Gottes gewissermaßen an der ewigen Flamme des Glaubens Jesu entzündet und bewahrt wird, Weisheit und Erkenntnis (Wissen im Sinne einer aus Umgang und Erfahrung gewonnenen Einsicht) im Gegenüber Christi mithin zuvörderst aus der Helle Seines Gottesverhältnisses zugesprochen werden (Kol 2, 3). Anders gesagt, die erstandene, nicht mit wie auch immer gearteten Appendizes versehene Zukunft lebt uns glaubensweise, nicht homunkulusartig, in uns von uns weg hin auf Ihren gekreuzigten und auferstandenen Namen in unserer heimatlosen Geschichte.

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