Gedanken: Vom Mythos des starken oder schwachen Willen

Ich beschäftige mich in der letzten Zeit mit der Frage: was ist der Wille? Manche Menschen behaupten, sie hätten einen schwachen Willen, andere einen starken und der Augenschein scheint das zu bestätigen. Der eine nimmt sich vor: ich laufe jeden zweiten Tag eine halbe Stunde und schafft es, der andere nicht… wie ungerecht! Ungerecht?

Nun, gerade bei diesem Thema ist die Opferrolle nicht fern: Ich habe halt keinen so starken Willen, meine Kindheit etc… Aber der Wille ist keine eigenständige Instanz, er ist nur das Pferd, das geritten wird (gelesen bei John Piper, ursprünglich Luther – danke, Tobias!). Der Reiter heisst: Begierde. Wo meine Begierde ist, davon werde ich getrieben.

Galater 5,16.17: Ich sage aber: Wandelt im Geist, und ihr werdet die Begierde der alten Natur (des Fleisches) nicht erfüllen. Denn die alte Natur begehrt gegen den Geist auf, der Geist aber gegen die alte Natur; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt.

Nun sollen wir augenscheinlich nicht gegen die Begierden der alten Natur (die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie das ICH im Mittelpunkt haben – solche Begierden können also sehr fromm angetüncht sein…) kämpfen, sondern eins machen: Im Geist unterwegs sein. Unser Geist – dieser innere Raum, den Gott in uns schafft, wenn wir uns Christus zuwenden und in dem SEIN guter Geist wohnt – dieser soll das Zentrum sein und von daher sollen wir leben. Deswegen sollen wir auf den Geist säen – damit wir von ihm ernten (Galater 6,7.8).

Was für eine entlastende Vision: Christen kämpfen nicht gegen etwas, auch nicht primär gegen die eigenen falschen Begierden (damit machte man sie wahrscheinlich eher stärker, denn man stellte sie in den Mittelpunkt), sondern für etwas – nämlich für das Leben aus dem Geist. Die entscheidende Frage lautet also nicht: habe ich einen starken oder schwachen Willen (Disziplin ist eine Frucht des Geistes!), sondern: Wo sind meine stärksten Begierden?

In dem Maße wie ich auf den Geist säe, werden die Begierden der alten Natur schwächer und die der neuen Natur stärker. So ist der Wachstumprozess des Christen in das Bild Christi hinein ein fast beiläufiger und sehr gnadenvoller – er geschieht einfach als Frucht, wenn wir auf den Geist säen und die Begierden des Geistes stärken. Was sind die Begierden des Geistes? Primär das: Christus ähnlicher zu werden. IHM zu gefallen.

Also: Schluss mit der Entschuldigung des schwachen Willens. Reden wir stattdessen von den Begierden der alten Natur. Diese ans Kreuz zu bringen und gleichzeitig die Begierden des Geistes zu stärken – das ist der Gnadenweg, auf dem Veränderung eins ist: Geschenk!

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16 Antworten zu “Gedanken: Vom Mythos des starken oder schwachen Willen

  1. Danke für die guten Gedanken! Nur ein kleiner Hinweis: bei der Pferd-Metapher gibst Du John Piper dann doch etwas zu viel der Ehre – sie geht mindestens schon auf Luther (De servo arbitrio) zurück … 😉

  2. Mir sind gerade 2 Fragen gekommen:

    Wenn der Weg ein Geschenk ist, dann kann es doch sein, dass wir bestimmte Dinge (Begierden des Geistes / das Lassen von alten Begierden, neue Wege…) nicht geschenkt bekommen?

    Ist das Christentum eigentlich wirklich so „Ich-feindlich“, wie ich manchmal den Eindruck habe? Mir kollidiert das oft mit dem Gebot „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst“

  3. Hi toex: zu 1) ich kann nicht das Wachstum machen, aber ich kann den Boden lockern und bereiten, dass es besser geschehen kann. Um ein anderes Bild zu verwenden. Ich betrachte das aber als Antwort auf erfahrene Liebe und nicht als Leistung – sonst wäre das Ehegespräch zwischen zwei Liebenden auch Leistung…
    zu 2) ich betrachte diesen Weg – wenn du mein Buch gelesen hättest, wüsstest du das…;-) – nicht als Ich-Feindlich, sehr wohl aber als Falsches-Ich (Fleisch, alte Natur)-feindlich. Was soll auch davon gutes ausgehen? In diesem Sinne ist es sogar sehr liebevoll gegenüber dem von Gott gewollten Ich, das verkrümmte Ich da zu lassen, wo es hingehört und es nicht zu nähren…

  4. Hi Christof, die Freischaltung ging ja schnell :O

    Zu 1) Mir ging es auch weniger ums „selber machen“, sondern dass bestimmte Gaben, die wir vielleicht als für einen Christen wichtig erachten, für manche Menschen einfach nicht vorgesehen sind.
    zu 2) Woran erkennt man denn ein falsches Ich, bzw. gibt es mich 2mal? Mir wäre es lieber, man würde aus der „Fleisch- und Geistdiskussion“ das Ich weglassen. Es sein denn, ich definiere mich über meine Fehler, Macken, Unzulänglichkeiten oder Gaben etc.

  5. Hi toex: ich fände das eine seltsame Spaltung, das Ich vom Thema Fleisch und Geist zu separieren. Im jüdischen Denken ensteht das Ich in der Beziehung zu Gott und zum Nächsten – also sind die Kategorien Fleisch (gestörte Beziehung) und Geist (geheilte Beziehung) durchaus angemessen – finde ich. Was sollte das Ich sonst sein? Freischwebend und unabhängig von diesen „Kategorien“? Dann wäre es moralisch unabhängig? Biblisch ist doch nach meinem Erkenntnisstand: das Ich (nennen wir es Herz oder näphäsch – Seele im biblischen Sinne plus Körper) ohne Gott ist verkrümmt und sündig also beziehungsgestört… würde aber gerne wieder weg von so einer eher theoretischen (wenn auch durchaus interessanten) Diskussion – hin zum Willen und den Begierden…

  6. Ich würde das ganze schon gerne diskutieren, weil ich das Thema (vor allem im praktischen Leben) für sehr wichtig halte. Aber du hast recht, dass ist etwas OT geworden. Vielleicht andermal.

    Zurück zum Thema: Ganz kann ich dir nicht zustimmen. Der Wille hat meiner Meinung nach schon auch einen Einfluss.
    Thema Laufen: Ich will z.B. laufen um abzunehmen (nur so als Annahme), dann ist der Grund nicht zu laufen doch nicht mangelnde Begierde. Abnehmen will ich unbedingt, aber der Wille (Synonym: Entschlossenheit) fehlt.
    Die Begierden sagen mir doch, was ich will. Aber ob ich den Arsch dann auch hoch bekomme, dass wird doch durch meinen Willen bestimmt. (Die Ausrede mit dem starken und schwachen Willen finde ich trotzdem schwach).

    So, jetzt wird erst mal Fußball geschaut!

    Gruß, toex

  7. Mit dem Willen ist es so: ich WOLLTE gerade die Liveberichtchterstattung des Spiel Deutschland-Ghana auf einer bestimmten Seite lesen. Hat sich aber erledigt, weil die Seite überlastet ist. Also schreibe ich jetzt hier ein Kommentar. Zur Anfang ein Rätsel: bezieht sich die obige Beschreibung auf einen schwachen oder starken Willen? Freien oder Unfreien?
    Im Polnischen ist der Wille ethymologisch mit der Freiheit verwandt. Das finde ich sehr interessant. Soll heißen wollen kann nur ein Freie, jedem anderen wird gesagt, was er zu tun hat. Das Maß der Freiheit bestimmt den Umfang unseres Wollens. Jetzt wird es spannend, weil man eigentlich die Freiheit definieren müsste. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ heiß es in einem Lobpreislied. Somit bin ich fast bei Dir gelandet. Doch ich möchte nicht auf der Lobpreisebne stehen bleiben, sondern konkret fragen, was bedeutet es, aus dem Geist zu leben? Mein Verdacht: der Geist des Schöpfers kennt das Wesen alle Dinge (inkl. uns Menschen). Aus dem Geist zu leben würde demnach bedeuten in Übereinstimmung mit dem eigenen Wesen und im Respekt des Wesens des/der anderen zu Leben. Wenn wir unseres Wesen kennen (Eigenschaften, Bedürfnisse, Fähigkeiten, etc), können wir auch Wollen und finden die Kraft, das Gewollte umzusetzen. Wenn wir unseres Wesen nicht kennen, sind wir den von außen kommenden Impulsen ausgeliefert und wurschteln rum: ein bisschen hier, ein bisschen dort, nichts halbes und nichts ganzes, weder Fisch noch Fleisch. Und dann heißt es: hat halt einen schwachen Willen.

  8. „In dem Maße wie ich auf den Geist säe, werden die Begierden der alten Natur schwächer und die der neuen Natur stärker.“

    … wenn ich länger darüber nachdenke … ja, das stimmt! Tief verwurzelt, natürlich im Umgang und eben „aus dem Geist heraus“.

    Gute Gedanken in deinem Post … immer wieder auch der rote Faden aus „Lass dich fallen und flieg“ 🙂 … Es ist gut, dass dir das am Herzen liegt. Jesus liebt Beziehung, Jesus liebt es, wenn wir aus dem Geist heraus leben.

    Danke für die Morgenandacht. Sabina

  9. @toex: schönes Beispiel, das Laufen. Doch! Das Thema ist mangelnde Begierde. Bzw. du hast eine größere Begierde, die dich nicht laufen lässt, nämlich Bequemlichkeit, Entspannung, was auch immer. Du sollst mal sehen, wie gut du laufen kannst, wenn dein Arzt dir nach einem Herzinfarkt sagt, dass du sonst nur noch ein halbes Jahr zu leben hast, wenn du nicht anfängst zu laufen… DIE Begierde zu leben ist dann sicherlich größer als die nach Bequemlichkeit…;-)
    @gwen: schöne Gedanken! Im Mittelalter ist der Geist meines Erachtens richtig definiert worden als der innere heilige Raum, der keiner Veränderung mehr bedarf – im Gegensatz zum seelischen Bereich, der der Heiligung durch den Geist bedarf. Der Geist muss nicht verbessert werden – er muss sich ausdehnen (Christus größer in mir) und so die Seele heiligen und gleichzeitig entlasten, denn diese taugt nicht als Zentrum des Menschen – ist maßlos überfordert. Da im jüdisch biblischen Denken alles Beziehung ist, Gemeinschaftstreue, schalom… all das sind Beziehungsbegriffe, säe ich auf den Geist, in dem ich der Gegenwart Gottes mehr Raum gebe und dann auch dementsprechend handele. Ist ein Rückkopplungsschleife…;-)
    @Sabina: danke…;-) – dir einen guten Tag!

  10. „Was für eine entlastende Vision: Christen kämpfen nicht gegen etwas, auch nicht primär gegen die eigenen falschen Begierden (damit machte man sie wahrscheinlich eher stärker, denn man stellte sie in den Mittelpunkt), sondern für etwas – nämlich für das Leben aus dem Geist. Die entscheidende Frage lautet also nicht: habe ich einen starken oder schwachen Willen (Disziplin ist eine Frucht des Geistes!), sondern: Wo sind meine stärksten Begierden?“

    Prinzip der „Schweinehundübertölpelung“ ;-): gegen etwas kämpfen macht Mühe, macht Stress, macht Frust – für etwas kämpfen, bringt Energien, bringt Hoffnung, bringt Power.
    Gott schafft es immer wieder, als den „falschen“ (ablenkenden und ungesunden) Begierden gesunde und hoffnungsvolle, energiebringende Strömungen zu machen – indem Er sanft und stetig an uns arbeitet. Laut „Laß Dich fallen und flieg“ und diversen Predigten von Dir, lieber Christof, geht Er einfach mit uns mit. Weil Er uns liebt, und möchte, daß wir uns erweitern und durchfließen lassen von Seiner heilenden Gegenwart. Er sitzt nicht einfach brav da, und wartet, bis wir Seine Hilfe abrufen – Er begleitet uns schließlich schon seit der Zeit „lange bevor Du im Mutterleib gebildet wurdest“. Er drängt sich zwar nicht auf, aber Er sendet uns immer wieder kleine Botschaften durch Mitgeschwister oder Ereignisse – immer wieder, und in der Sprache, die jeder für sich am besten versteht. Damit verändern wir Schritt für Schritt unsere Schwerpunkte. Denn indem Er unseren Fokus auf andere Dinge lenkt, verändern wir unsere Sichtweisen.
    Ich kämpfe nicht mehr dagegen an, daß ich unvollkommen bin und mich auch in diesem Leben nie davon lösen werden kann – ich kämpfe nun dafür, DASS ich unvollkommen sein darf, und mich diese Erkenntnis nicht mehr niedermacht!

    Vielleicht nicht ganz das Thema dieses Blogs (Begierde), hängt aber für mich dicht damit zusammen.

    „Wenn Du eine Situation nicht verändern kannst, verändere Deine Einstellung dazu“

  11. @toex & Wegbegleiter: eine Anmerkung zum Thema Laufen (beispielhaft betrachtet). Ich würde es noch von ein paar mehr Seiten anschauen. In dem Beispiel schreibst Du, die Hauptmotivation für das Laufen wäre Abnehmen. Im gewissen Sinnen ist es eine negtive Motivation, Du möchtest etwas loswerden. Soll heißen, um Dich „aufzuraffen“ musst Du dich mit Dingen beschäftigen, die eigentlich nicht schön sind. Da kann sich keine treibende Kraft entfalten. Würdest Du Laufen, weil Du laufen magst, weil die Stercke so schön ist und die Vögel so wunderbar singen, dass Du es unbedingst hören möchtest, würdest Du viel öfter loskommen. Vielleicht ist aber auch die Sportart die falsche für Dich. Ich habe vorher über das Leben in Übereinstimmung mit dem eigenen Wesen geschrieben. Die Frage wäre also: was ist Deine Art? Was magst Du? Ich weiß, dass in manchen frommen kreisen es eine Tabufrage ist. Doch ich denke, dass so an die stärksten Ressourcen der Motivation rankommt.
    Ich selbst hatte lange Rückenprobleme. Man sollte also Rückengymnastik machen, oder? In der Regel hielt ich max. zwei Wochen durch. Es funktionierte nicht, die Rückenprobleme waren weiterhin da und obendrauf sank das Selbstwertgefühl in den Keller. Bis ich angefangen habe Taekwondo zu trainieren, einfach weil es mir Spaß macht. Die Rückenprobleme sind unbemerkt verschwunden.

  12. Sehr feine Diskussion wieder mal hier… @gwen: ja, du hast absolut recht. Begierden sollten zu mir passen (wie viele Begierden werden eigentlich auch von außen in uns hinein gepflanzt.. was man nicht alles soll und muss…) und sie sollten eine positive, fördernde Perspektive haben… merci für die Ergänzung.

  13. Hi gwen, das mit dem laufen war nur ein Beispiel 😉
    Du hast recht, negative Motivation funktioniert nicht besonders gut. Ich wollte mit dem Beispiel verdeutlichen, dass meiner Meinung nach der Wille schon einen Einfluss auf mein Tun hat. Sonst könnte man ja den Begriff des Willens auch abschaffen und durch „Stärke der Begierde“ ersetzen. Da es den Begriff aber nun mal gibt, kann man ihn dich ruhig gebrauchen – in dem Sinne von Entschlossenheit…

  14. Hi toex, es ist mir klar, dass es ein Beispiel war, nur es schreibt sich so fürchtelich unbequem in sollen allgemein-unpersönlichen Formulierungen. Daher das Du 😉

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