Tröstlich, einmalig, bewegend: Gott weint.

Jesus weinte (Johannes 11,35).

Der kürzeste Vers des NT ist für mich einer der eindrücklichsten. Wie viele angebliche Götter gibt es auf Erden – aber keiner von ihnen weint. Sie sind unberechenbar, zornig, gerecht, allwissend – aber sie weinen nicht.

Jesus zeigt uns den weinenden Vater. Jesus weint nicht, weil Lazarus tot ist (er wird ihn auferwecken), sondern weil er in die Herzen der Menschen drumherum schaut. In die Verlorenheit und Tragik dieser Welt. Deswegen verwendet Johannes an dieser Stelle ein anderes Wort für weinen (ἐδάκρυσεν, edakrusen) als an anderer Stelle für Maria und die anderen. Jesus weint eine stille, bohrende Trauer – die anderen lamentieren und schreien in ihrem Schmerz.

Es ist eine Trauer, die absolut angemessen ist – gerade auch auf dem Hintergrund der Folie der Freude, die Christen tief in sich tragen dürfen und die alles durchwirkt. Wer diese Tränen über sich, über die Tragik der Welt, über den Schmerz des Nächsten verloren hat – der hat ein Stück Gottesebenbildlichkeit und ja, Menschlichkeit verloren. Denn die Tränen sind ein Ausdruck der Menschenfreundlichkeit Gottes (Titus 3,4).

Wer nicht mehr weinen kann – hat die Tränen oft genug ausgetauscht gegen Kontrollsysteme, Härte, Besserwisserei, vorgeschobener Dogmatik (so funktioniert Gott und nicht anders). Antigöttliche Dinge, die vor der Wirklichkeit schützen sollen. Und manchmal sind die vermeintlich Frommsten plötzlich am weitesten von Gott entfernt. Egal ob Wohlstandsevangelium oder puritanische Weltflucht in die sichere Nische der vermeintlichen Reinheit – beide begehen einen existentiellen Fehler, der vom Evangelium wegführt. Sie verweigern sich der Gebrochenheit der Welt. Sie weigern sich, sich der Schönheit der Welt, aber auch ihrer unglaublichen Verlorenheit auszusetzen. Und ziehen sich zurück.

Liebe weint. Wer wahrhaft liebt, der wird auch weinen müssen. Ich will einen Gott anbeten, der weint. Andere Götter gibt es nicht. Denn ein Gott, der keine Tränen vergießt über diese Erde und sie nach Hause liebt, der ist ein Götze – der ist letztlich: der Teufel.

Kannst du weinen?

(Ich habe viel geweint in den letzten Tagen. In einem Streit. Beim Schauen des Films „AI“ von Steven Spielberg. Beim Lesen der Bibel. Beim Schauen dieses Videos bei Sabina. Und zwischendurch viel gelacht. Das ist: Leben.)

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4 Antworten zu “Tröstlich, einmalig, bewegend: Gott weint.

  1. Ja, kann ich. Ja, habe ich – besonders in den letzten Tagen. An möglichen und unmöglichen Orten. In allen möglichen Körperhaltungen – am intensivsten auf den Knien, eine völlig neue Erfahrung für mich. Kalter Fliesenboden, weiß gekacheltes Firmenklo … Ich habe mich in dieser Verzweiflung bewußt in den Lobpreis geworfen; Gott sei gedankt, daß ich das hinbekam. Er ließ mich durch das Tal gehen, aber Er war bei mir – daran klammerte ich mich fest, wollte mich nicht mehr verwirren lassen vom Verwirrer.

    Sehr bewegendes SW-Foto, was Du für den Blog hier gewählt hast. Es hallt nach …
    „A I“ ist heftig – der ging mir damals monatelang nicht aus dem Kopf.

    Grad fehlt mir das Lachen-können … auch das ist „Leben“. Ich mache dann erstmal so weiter, Stunde für Stunde. Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist – gell?

  2. … und ich möchte den „Teufel“ in mir verlieren, der mir an einigen Ecken „verbietet“ aufrichtig zu weinen, bzw. es verhindert. Jesus ist der Sieger. Amen.

  3. Pingback: Zwischen dort und hier … « sabina online·

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