Bewegt durch Sehnsucht und den Geist: Wenn Gänse beginnen zu fliegen

Die Christen leben wie die Gänse auf einem Hof: An jedem siebten Tag wird eine Parade abgehalten und der redegewandteste Gänserich steht auf dem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse, erzählt von den Taten der Vorfahren,die einst zu fliegen wagten und lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den beredeten Gänserich. Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht — sie fliegen nicht; sie gehen zu ihrem Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut und der Hof ist sicher. (Sören Kierkegaard, dänischer Philosoph, gestorben 1855)

Gut erkannt. Auch 150 Jahre später noch aktuell. Was ist in solcher Situation nötig? Vor allem eins: Die Wahrheit (denn nur diese macht frei!) und darauf folgend die Sehnsucht nach mehr. Denn Gottes Geist will Flügel verleihen. Nicht umsonst ist die Wildgans das alte keltische Symbol für den Heiligen Geist – was auch irgendwie besser passt als die heute eher lästige Taube… 😉

Sonntag war dies der Einstieg in das Predigtthema („Ganz neu die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“ – hier anzuhören oder bei auch bei iTunes) und der Gottesdienst der daraus entstand, war – verbunden mit Gebet und Segnung und Liedern und Leitung… – bewegend. Immer noch schwingt er in mir nach und rührt mich zutiefst an (neben einer Erschöpfung und Anfechtbarkeit, die ich auch immer nach solchen Erfahrungen wahrnehme).

Tränen flossen, Menschen nahmen sich in den Arm… ein Mann aus der Gemeinde schrieb mir: „Die Gegenwart Gottes war zum greifen nah. So nah, dass es mich bis ins Mark anrührte und erschreckt hat. Ich hätte weglaufen können. Es ist UNBESCHREIBLICH“. Halleluja! DAS ist der authentische, der liebevolle, bewegende, aber auch wilde Gott! Er begegnet souverän und nicht machbar bzw. erzeugbar denen, die Sehnsucht haben nach ihm und leere Hände vorzeigen. Denen, die menschlich gesehen am Ende sind. Denen, die begreifen, dass nur Gott wirken und verändern kann. Denen, die Hunger haben. Denen, die wie die Jünger vor Pfingsten auf den Geist harren, ihr Herz hinhalten und gemeinsam(!) beten.

Mehr davon. Mit den Füßen geerdet und auf dem Boden dieser Welt. Mit dem Kopf und dem Herzen im Himmel – und einem frischen Blick auf die Wirklichkeit Gottes. Möge dieses Spannungsfeld im Riss zwischen den Welten gefüllt werden von der erfahrbaren und verändernden Gegenwart Gottes!

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10 Antworten zu “Bewegt durch Sehnsucht und den Geist: Wenn Gänse beginnen zu fliegen

  1. Ein vielsagendes Kierkegaard-Zitat! Hat mich darauf gebracht, ein weiteres zu suchen: „Die schrecklichste Art von Gotteslästerung ist die, welche die ‚Christenheit‘ verschuldet: den Gott des Geistes in ein lächerliches Geschwätz zu verwandeln; und die geistloseste Art von Gottesverehrung … ist dies: als Gott einen Faselhans anzubeten.“ – zitiert nach: Ansgar Skriver, Gotteslästerung?, Hamburg 1962, S.5; als dem Vorwort vorangestelltes Zitat, ohne Quellenangabe.
    Viele Sonntags-Christen (…und dabei muss ich mich natürlich selbst prüfen!) haben geöffnete Augen für das Elend der ‚Welt‘, aber die geistliche Verarmung und Trostlosigkeit in ihren eigenen Reihen sehen sie nicht. Dabei sagt die Schrift ganz deutlich, dass das Gericht am Hause Gottes anfängt, d.h. dass die Verantwortung für den Zustand der Welt bei denjenigen liegt, die Gottes Möglichkeiten kennen, aber nicht eingreifen, weder durch Gebet noch durch Wort noch durch Werk. Und das größte Werk ist das Kreuz auf Golgatha, und es ist schon vollbracht, und es gilt nur noch, in den Spuren des Heilands weiterzugehen. Warum fällt uns das so schwer, SEINE Stimme zu hören und in SEINEN Fußspuren zu wandeln – ohne Seitensprünge, ohne Kompromisse, ohne ….??????????????????????????????????????????????????????
    Schalom uwracha! Friede u. Segen! U.E.

  2. Hallo Wegbegleiter!
    Vielleicht bedeutet diese Geschichte einfach nur, dass selbst die feuerrigste Predigt nicht wirklich was in Bewegung setzen kann, zumindest nicht dauerhaft.
    Ich finde es interessant, dass Du gerade gestern diesen Text gepostet hast. Es war ein Tag, der zu Erinnerungen eingeladen hat. 30 Jahre zurück…
    Zusammen mit meiner Mutter kehrte ich gerade von eine Reise in den Westen zurück, und zwar als stolze Besitzerin eine Biene-Maja-Bettwäsche ;-), ein Geburtstagsgeschenk von eine Tante. Mein Vater musste zu Hause bleiben, als Garant unsere Rückkehr. Es lag Angst in der Luft, aber auch Mut und Hoffnung. Die Werft streikte und mit ihr tausende andere Betriebe. Durch das Land hallte der Gebetsruf von Johannes Paul II: „Herr, sende deinen Geist und erneuere das Antlitz dieser Erde!“. Was ist passiert? Eine alleinerziehende Mutter ist aus politischen Gründen entlassen worden. Es war keine Predigt, sondern ihre Not, welche die Menschen zum Handeln bewegte. Es war der Geist der Solidarität, der den Menschen einen neuen Blick füreinander schenkte. Die Werft war ein Pulverfass voller Wut. Es gab einen Priester, der es gewagt hat (nachdem er sein Testament verfasst hat) dort täglich Gottesdienste zu halten und Beichten abzunehmen.
    Ich kenne diese Zeit nur aus Berichten andere, die sagen, die Erfahrungen hätten ihnen Flügel verliehen.
    Es begann ein Karneval der Freiheit, knapp 500 Tage, brutal beendet durch die Einführung des Kriegsrechts. Doch diesen Geist kann man nicht zum schweigen bringen, 8 Jahre später hat er wieder viele in Bewegung gesetzt. Diesmal waren die erreichten Veränderungen dauerhaft.
    Manchmal denke ich nur, dass das, was durch Gewalt nicht erreicht werden konnte, das haben Freiheit und Wohlstand schleichend bewirkt: der Geist der Solidarität scheint verschwunden zu sein, unsere Blicke sind getrübt, wir sehen den Anderen nicht mehr. Ein wütender Enterich hält seine Hasspredigten, beschwört vergangen Glanz und Gloria, seht Zwist und Streit. Doch es gibt immer noch Menschen, die im Geist der Solidarität handeln, er verleiht ihnen Flügel, befähigt sich über die eigenen Sorgen und Ängste zu erheben und die Hand zum anderen ausstrecken.

  3. Hi gwen: das Problem ist im Gleichnis – zumindest für Kierkegaard – sicherlich nicht die Predigt (es sei denn sie bände die Gänse im Käfig und erzählte nicht vom Fliegen), sondern die Sattheit und das Bequeme des Käfigs, sprich: des frommen Biotops, dass eben nicht in die Welt hinein führt, sondern sich abkapselt. Sicherlich ist Wohlstand und Sattheit und Überfüttertheit ein wichtiger Punkt, der den Hunger nach dem Fliegen dämpft. Aber ich glaube daran, dass Gottes Geist das Wunder tun kann. So manche Erweckung der Kirchengeschichte hat bei ganz normalen Menschen angefangen, die dann berührt worden vom Geist und dem Herzen Gottes, dazu der richtige kairos-Moment… dann fallen Mauern…

  4. Hi Wegbegleiter,
    das in dem Gleichnis die Bequemlichkeit der Gänse angeprangert wird, ist mir klar. Trotzdem habe ich die Predigt als Mittel der aus der Bequemlichkeit herausholen kann, in Frage gestellt. Es werden heutzutage so viele Predigten und Reden gehalten die zu dem oder jenem aufrufen und… es passiert nichts. Deshalb möchte den Gedanken von Emmanuel Levinas aufgreifen, er sagt, dass es das Gesicht des Nächsten ist, das den Ruf an uns sendet. Wenn wir es wahrnehmen kann vieles in Bewegung geraten (mein Beispiel ist oben)

  5. Hi gwen: ich habe ja auch dein Beispiel nicht in Frage gestellt, oder? Die Not des Nächsten kann in Bewegung setzen genauso wie eine innere Not genauso wie eine Predigt. Es hat Predigten gegeben in der Kirchengeschichte, die einen Aufbruch sondergleichen erzeugt haben, zum Beispiel von Jonathan Edwards. Ich glaube, das Gesicht des Anderen kann mich zum Handeln motivieren – aber deswegen auch zu einem vertieften Glauben? Nicht jedes diakonische oder politische Handeln ist ja automatisch und per se christlich? Ich denke nach wie vor, es stimmt, was Paulus sagt: der Glaube kommt durch das Gesagte. Wir benötigen Hunger nach mehr, wir benötigen Erkenntnis des Nächsten und unserer selbst (man könnte auch ganz positiv gefüllt Buße sagen), wir benötigen den Blick auf den Mangel in der Gesellschaft (und der ist ja reichlich vorhanden!) und dazu eine Lehre, die ermutigt und lehrt, das alles von Gott her zu betrachten und anzugehen.

  6. Nein, hast Du nicht in Frage gestellt, ich habe es erwähnt, um noch mal die Bezüge zu verdeutlichen.
    Ich denke durchaus, dass in Folge des Handelns auch der Glaube vertieft werden kann, ganz im Sinne des hermeneutischen Zirkels. Wer im Handeln die Wunder Gottes erlebt, dessen Glaube wird gestärkt und bereit, neue Wagnisse einzugehen.
    Was ist denn eine christliche Handlung? Da könnte man (und sollte wohl) natürlich lange diskutieren. Ich glaube, dass unsere Haltung, unsere Sein (Christ-sein) die Handlungen heiligt und ihnen eine ganz besondere Dimension verleiht.
    Ich finde es spannend Deine Aufzählung dessen, was wir benötigen (und der ich auch zustimme) der Beschreibung der Predigt aus dem Gleichnis gegenüber zu stellen. Vielleicht ist da ein qualitative Unterschied 😉

  7. So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. Röm 10,17

    Sonntag war echt der Hammer. So einen intensiven Gottesdienst habe ich selten erlebt. Er schwingt heute noch nach und ich beginne so langsam zu begreifen, was Gott tatsächlich mit mir/ mit uns vor hat. Wow!

    Eben diese Bequemlichkeit ist es, die mich so mega, vor allm bei mir selbst ärgert. Da muss ich mich noch ein ordentliches Stück von Gott verändern lassen. Danke für den Anstoß!

  8. Dein Kurz-Bericht vom Wirken Gottes bei Eurer Gottesdienstfeier ist ermutigend. Mehr vom Wirken des Heiligen Geistes! Möge es ausstrahlen, damit unserer Gemeinden erweckt werden und unsere Gesellschaft erlöst wird.

  9. Hi Gwen, Hi Christof,

    ich habe euer Gespräch mit Interesse gelesen – und merke wie da zwei unterschiedliche Welten mal wieder sich begegnen. Es sind Schnittmengen vorhanden aber ich stelle fest, daß die poln. und die deutsche Frömmigkeit sich doch erheblich unterscheiden.
    Ich denke es ist in unserem globalen Dorf heutzutage doch sinnvoll immer mal wieder den eigenen Standpunkt zu benennen, denn ich hatte nicht den Eindruck, daß ihr euch (negativ) in Frage stellen wolltet, sondern daß ihr jeweils gegensätzliche Aspekte betont, die euch in eurem jeweiligen Kontext wichtig sind.

    Gwen finde ich bei Jakobus wieder: Glaube ohne Werke ist tot – für dich Christof fehlt mir gerade die nächtliche Muße nach einem Bibelzitat zu suchen 😉

    @Christof: das mit dem frommen Biotop trifft es ganz gut – das mit dem Gefängnis kann auch anders aussehen: je nach dem was die Zielgruppe der jeweiligen Gemeinde ist, kann ein OP-Saal / Kreißsaal ebenfalls auf die, die dem frommen Biotop „entfliegen“ wollen ebenso wie ein Gefängnis vorkommen.

    Gestern abend in einem GoDi von TeamF in der FeG: Predigt ging über die Phasen des erwachsen werdens mit Überleitung zum christlichen Erleben. Ich fand es hoch spannend zu hören, daß auch Christ sich in der Pubertät befinden kann (befinden sollte) um erwachsen zu werden. Zu hinterfragen, zu merken, was passt auf mich, was in der Predigt gesagt wird, welchen Schuh ziehe ich mir nicht an (aber natürlich auch: welcher passt mir überhaupt nicht aber er betrifft mich und ich sollte ihn mir vielleicht doch anziehen!?)… Passt zu den Gänsen, die nicht mehr alles abnicken, was von der Kanzel gepredgt wird, bzw. die den Wunsch haben zu fliegen.
    Segen dir.

    shasta

  10. @shasta: ja, warum sollte man Predigt nicht auch hinterfragen? Dafür hat doch jeder Christ den Geist… aber gleichzeitig mit großer Vorsicht an sie heran zu gehen, weil Gott sie bei aller menschlichen Beschränktheit zu SEINEM aktuellen Wort macht und sich dem zu beugen, was gesagt ist…. dieses Spannungsfeld gilt es zu halten. Die typisch deutsche Frage ist doch meistens: welchen Punkt fand ich scheisse an der Predigt und dann kommen die Leutchen und tun das Kund. Spannender und ich denke biblischer wäre: welche 2 oder 3 Punkte haben mich angesprochen und was will Gott mir dadurch sagen. Wenn man das auf der Kette hat, kann man auch den einen Punkt klar kriegen, der nicht dran ist oder vielleicht sogar anders gesehen wird. Alles eine Frage der Reihenfolge und ich befürchte, wir Deutschen (da sind wir wieder in Sarrazinesken Kategorien) neigen eher dazu, das eine Haar zu finden, als die leckere und nahrhafte Suppe zu genießen. Wichtig ist die Herzenshaltung – und die Predigt, bzw Verkündigung (egal wo und von wem) ist das Wort, hinter das Gott sich stellt und durch das er wirkt. Aber nun haben wir ein ganz anderes Thema.

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