Der verlorene Sohn reloaded: Das bekannteste Gleichnis mit dem Herzen entdecken (Teil 1)

[picapp align=“right“ wrap=“true“ link=“term=lost&iid=255039″ src=“http://view4.picapp.com/pictures.photo/image/255039/businessman-standing-the/businessman-standing-the.jpg?size=500&imageId=255039″ width=“234″ height=“331″ /] Der verlorene Sohn also (Lukas 15,11-32). Er hat mich sehr berührt in den vergangenen Wochen und deswegen nun eine Serie über dieses leider oft fehlgedeutete und vor allem durch inflationären, platten Gebrauch abgenutzte Gleichnis…. erwecken wir es zu neuem Leben und tauchen tief ein…

DER verlorene Sohn – diese Fixierung auf den jüngeren Sohn hat zu einer enormen Fehldeutung dieses Doppelgleichnisses geführt. Es handelt von zwei Brüdern, beide entfremdet von Gott, beide versuchen auf eine bestimmte Art und Weise, nach Aufnahme im Himmelreich zu streben. Doch was ist der background, das historische Umfeld? Gerade hier ist dies enorm wichtig!

Zwei Gruppen werden als Zuhörer erwähnt (Lk 15,1.2).

  • Zolleinnehmer und andere verrufene Leute sind die einen. Sie entsprechen dem jüngeren Bruder. Sie beachten keine jüdischen Moralgesetze und leisten sich, was sie wollen. Sie haben wir der jüngere Sohn ihre Heimat verlassen, indem sie sich von den moralischen Vorstellungen ihrer Familie bzw. der angesehenen Gesellschaft abgeseilt haben. Die andauernde Gegenwarts-Zeitform in Lukas 15,1 zeigt, dass diese Leutchen regelmäßig, immer wieder zu Jesus kamen – was der anderen Gruppe ein Dorn im Auge war.
  • Pharisäer und Schriftgelehrte sind die zweite Gruppe. Sie werden im Gleichnis durch den älteren Bruder repräsentiert. Waren moralisch, studierten eifrig die Schrift, fromm, zuverlässig, anständig. Sicherlich den meisten Christen ähnlicher als die erste Gruppe…

An wen richtet sich das Gleichnis? In erster Linie an die Schriftgelehrten. Jesus sieht ihren Groll auf die Sünder und antwortet mit mehreren Gleichnissen vom Verlieren und Finden und schließt – als Höhepunkt – mit den beiden verlorenen Söhnen. Tim Keller schreibt: „Als ich zum ersten Mal dieses Gleichnis hörte, stellte ich mir vor, wie Jesu ursprünglichen Zuhörern die Tränen kamen, als sie hörten, dass Gott sie immer lieben und willkommen heißen wird… aber damit ziehen wir dieses Gleichnis ins Sentimentale“ (S.17). Die Zielgruppe des Gleichnisses sind aber die Frommen, die alles tun wollen, was in der Bibel steht (warum fühlt man sich so angesprochen??), die rechtschaffenden Säulen der Gesellschaft. Die ursprünglichen Zuhörer schmolzen nicht in Tränen – sie waren vom Donner gerührt, verstört, verärgert, empört, beleidigt.

Jesus bringt zum Ausdruck, dass sowohl die Gottlosen als auch die Frommen geistliche verirrt sind. Und beide Gruppen sind heute noch unter uns. Häufig ist das ältere Kind – so Tim Keller – das angepasste und eifrige, während das jüngere Geschwister ausbricht und Normen verletzt… und noch ein Problem lauert am Horizont…

Viele Menschen betrachten heute den christlichen Glauben als moralische, religiöse Angelegenheit. Kein Wunder – ist dieser doch oft eine Abgrenzung und ein Bollwerk gegen die unmoralische und säkularisierte Gesellschaft. Als aber das Christentum erstmals auf den Plan trat, wurde es nicht als Religion bezeichnet! Es war Nichtreligion! Kein Tempel, keine Priester, keine rituellen Opfer – sehr seltsam. Römer nannten die Christen „Atheisten“ – so Keller. Sie waren nicht einzuordnen in normale religiöse Muster und Schemata. Sie waren ein tertium quid – ein drittes Etwas.

Keller schließt mit einer bohrenden Frage, die man nicht vorschnell an andere Christen weiter reichen, sondern bei sich behalten sollte. Wenn Jesus die Sünder und Unmoralischen angezogen hat und die Moralischen und Angepassten abgestoßen… und es heute umgekehrt ist… dann stimmt etwas nicht. Dann ist die Botschaft, die wir verkünden eine andere, eine weniger radikale als die von Jesus. „Wenn unsere Gemeinden die jüngeren Brüder nicht ansprechen, dann sind die älteren Brüder darin wohl zahlreicher, als wir uns das gerne eingestehen wollen!“ (S. 23)

…to be continued… (voraussichtlich Dienstag, 21.9.2010)

(Teil 1 einer Reihe über den verlorenen Sohn. Quellen:  Tim Keller: Der verschwenderische Gott (sehr zu empfehlen – besorgen! Lesen!) Diverse Kommentare aus meinem Regal, vor allem: Joel Green: The Gospel of Luke, NICNT und dazu eigene Gedanken, Vertiefungen…, Teil 2 hier!)

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28 Antworten zu “Der verlorene Sohn reloaded: Das bekannteste Gleichnis mit dem Herzen entdecken (Teil 1)

  1. Das ist einer dieser Blogeinträge, die es in sich haben, ganze Kettenreaktionen des Denkens anregend. Deshalb ein paar etwas unsystematische Gedanken hierzu: „Und beide Gruppen sind heute noch unter uns.“ – Und die Gesetzlichkeit der damaligen Frommen insonderheit häufig, allzu häufig gerade auch innerhalb der Gemeinde Christi. Die christliche Freiheit ist nicht ohne Grund Leitmotiv des Galaterbriefes. Es waren nicht etwa die gewöhnlichen Gottlosen, mit denen sich Paulus in seinem Lehrschreiben auseinanderzusetzen hatte, nein, es waren die Religösen, die vermeintlich Selbsterlösten – die, deren Predigten immer und immer wieder unreife Gewissen ängstigten. Merken wir Christen etwas an dieser Stelle? Haben wir eigentlich jemals den Schwindel christlicher Freiheit verspürt, um mit Sören Kierkegaard zu fragen? Jenseits traditionsverengter Gesichtskreise? Die Heilsgewißheit am Gesetz der Freiheit, am Evangelium, in der er sich allein beruhigen darf? Ja? Dann dürfen wir auch erkennen und sagen, daß es bis zum Ende aller Tage nur zwei potentielle Hörer des Wortes gab, gibt und geben wird: Den Sünder – und den begnadigten Sünder.

  2. Zitat:`Keller schließt mit einer bohrenden Frage, die man nicht vorschnell an andere Christen weiter reichen, sondern bei sich behalten sollte.´ War das mit dem „vorschnell an andere Christen weiter reichen“ ein Zitat von dir, oder auch von Keller?
    Für mich ist die Frage, ob Jesus das gerade mit diesem Gleichnis gemacht hat? Auch wenn andere Gleichnisse im Kontext davorstehen. In dem Text bezieht Keller sich ja selbst darauf, als sie Jesus hörten, dass die Hörer vom Donner gerührt waren, verstört, verärgert, empört und beleidigt. Für mich wäre die Frage: sollten wir das Jesus dann nicht gleich tun, auch wenn es vllt. nicht abzusehende Konsequenzen hat?
    greetz

  3. @James: das vorschnell weiter reichen stammt von mir – ich werde hier keine exakte Quellenscheidung zwischen meinen Gedanken und denen von den Kommentaren hinkriegen, dazu reicht die Zeit nicht, ich bemühe mich, wörtliche Zitate wie geschehen zu kennzeichnen… – ich denke ich der Tat, dass der ernste Christ, der nach der Bibel leben möchte, leichter zum älteren Sohn tendiert als zum jüngeren… insofern sollten wir radikal Gnade predigen – auch wenn es Konsequenzen hat… und Religion ist der Feind des Evangeliums. DAS muss immer wieder gesagt werden – weil Menschen so unheilbar religiös sind…

  4. Kann ich absolut zustimmen. Die Frage ist wen wir, NUR auf das Gleichnis bezogen – als Vorbild für unser „ernstes“ Christsein nehmen könnten. Da bleibt in der Tat nur der Vater, der Gnade walten lässt.
    Religion als Feind des Evangeliums zu bezeichnen finde ich schon länger interessant. Allerdings finde ich, dass Religion auch ihren Nutzen zum Bau am Reich Gottes haben kann.
    greetz

  5. Auch unsere zunehmend atheistisch-humanistisch geprägte Gesellschaft lebt, was feste Werte und moralische Grundlagen anbelangt, noch eine Weile recht gut von ererbtem Kapital, das irgendwann aufgebraucht sein wird. Möge Gott, wenn alle Freunde sie verlassen und sie auf dem kalten, schmutzigen Boden des Schweinestalls aufschlägt, Gnade schenken, dass sie sich „aufmacht und zum Vater geht“.
    Dan

  6. @Dan: stimme dir zu! Zusätzlich aber: Und mögen die, die noch im Glauben leben während dessen nicht zum älteren Bruder mutieren und hochmütig auf die verfallene Gesellschaft herab schauen und so die Rückkehr zum Vater und die gemeinsame Feier verhindern. Moralisch sein ist genauso ein Irrweg wie Selbstverwirklichung und Individualismus. Aber dazu kommen wir noch…;-))

  7. @wegbegleiter: Ja, das ist gewiss richtig.
    Obwohl die Propheten immer wieder davon sprachen und ihr Vater Abraham eigentlich vor-israelitisch und „Vater vieler Völker“ war, war der Gedanke, dass die Heiden in den Bund einbezogen werden sollten, für die damaligen Israeliten eine skandalöse Vorstellung. Christus behandelt dieses Thema in etlichen Gleichnissen. Hier tadelt er sie im älteren Sohn sanft und geht gleichzeitig auf ihre Ängste ein, dass sie etwas verlieren würden. Im Gegenteil: Sie würden einen Brüder gewinnen.

  8. Ich werde es nie begreifen, wie ein solches Schlüssel-Gleichnis Jesu als abgenutzt und langweilig empfunden werden kann. Für mich ist es immer wieder erfrischend – und auch ermanhend. Wieso hat dieser Mensch nie begriffen, dass er jetzt den gesamten Besitz als eigen bekommt, nachdem der Bruder mit seinem Erbteil auf und davon ist? Jederzeit steht es ihm frei, zu sagen: „Papa, am Wochenende mach ich mit meinen Freunden ein Fass auf. Willst du nicht auch auf ein Stündchen oder so kommen?“
    Gewisse Christenmenschen können sich dergleichen anscheinend überhaupt nicht vorstellen. Dieser Vater tut mir leid, sein Sohn versteht sich als Knecht und nicht als Erben.
    Na, das war wohl schon immer für einige ein Problem, wie die Briefe des Paulus, beispielsweise an die Gemeinden in Rom und in der Provinz Galatien zeigen.

  9. Lieber Blogger, liebe anderen LeserInnen.
    Herzlichen Dank für die vielen coolen Gedanken dazu. Ich tu mal noch was dazu 🙂
    Es gibt ein klasse Buch von Henri Nouwen zu Rembrandts Bild von den zwei verlorenen Söhnen. Darin schaut er die Geschichte aus jeder Perspektive an – des Vaters, des einen und des anderen Sohnes. Und entfaltet Gedanken über die Gnade Gottes wie kostbare Perlen.
    http://www.amazon.de/Nimm-sein-Bild-dein-Herz/dp/3451224046/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1284977884&sr=8-1
    Empfehl ich sehr.
    Beste Grüße, Janutschka

  10. Hallo Christof!
    Bin schon sehr gespannt auf deine Fortsetzung. Ich lese auch gerade Tim Keller. Allerdings „Warum Gott“. Macht Freude zu lesen.
    Der Gedanke, dass der älteste Sohn auch ein verlorener ist – ist der wirklich so neu? Das hat Rembrandt doch schon gedacht, als er sein geniales Bild gemalt hat. Da steht der älteste Sohn mit verbiestertem Gesicht und verschränkten Händen freiwillig abseits, im Dunklen, während sein Bruder im warmen Licht kniet, vom Vater liebevoll umarmt…
    Aber ist es die Moral, die den ältesten Bruder von der Gnade trennt? Oder nicht eher eine geheuchelte Moral, Moral als Mittel zum Zweck?
    Ich glaube nicht, dass Jesus mit Pharisäern ein Problem hatte, die sich ehrlich bemühten, ein rechtschaffenes Leben zu führen.
    Er griff die an, die heuchelten und „päpstlicher als der Papst“ waren, oder? Damit unterdrückten sie andere. Und hoben sich selbst auf ein Podest.
    Andererseits war Jesus doch in manchen moralischen Fragen viel radikaler als die meisten Pharisäer? Bei der Definition, was Mord ist oder Ehebruch zum Beispiel?
    Ich glaube, dass wir die Fallstricke des ältesten Sohnes – meine Fallstricke, weil ich mich da wieder erkenne – anders zu fassen kriegen müssen als über den Moralbegriff.

  11. Hi Annekatrin: neee, das ist nicht neu… aber so manche Konsequenzen daraus werden neu berühren… wart mal ab…;-)). Naja, die Moral: ich würde den Pharisäern nicht per se geheuchelte Moral unterstellen – sie haben schon versucht den Glauben sehr ernsthaft biblisch zu leben – das macht sie ja uns „Frommen“ so ähnlich… Erschreckend finde ich die Parallelen, dass es heute in unseren Gemeinden eben auch Fromme gibt, die herab sehen auf die böse Welt (der junge Bruder) und selbst nicht merken, dass sie den eigentlichen Weg verpassen…
    Jesus war in seinem Moralbegriff sicherlich radikaler – aber um was deutlich zu machen? Dass man sich z.B. Augen ausreißen soll? Wohl nicht, sondern eher, dass man das nur aus dem Geist und der Gnade schaffen kann… der Galaterbrief macht jedenfalls deutlich: das Gesetz ist abgetan und gilt nicht mehr für einen Christen, es war Zuchtmeister – wir erfüllen es aber automatisch, wenn wir Christus folgen und seinen Vater lieben wie den Nächsten und uns selbst. Allerdings fangen – wie bei den Galatern – manche in der Gnade an und werden dann doch wieder leistungsbezogen und glauben durch ein anständiges Leben und Leistung Gott zu gefallen… und blicken hinab auf die, die nichts vorweisen können – ich glaube, dass ist es, was mich anspricht, denn dazu neige ich immer wieder mal…

  12. @Annekatrin:
    Simon Petrus war gewiss kein Pharisäer, sondern ein ganz normaler Jude. Dennoch zeigte Petrus, als er aufgefordert wurde, allerlei unreines Getier zu schlachten und zu essen, die gleiche Indignation, die der ältere Sohn hier äußert.
    Christus brachte eine neue, klarere Offenbarung des Gnadenbundes.
    Viele Christen heute sind dem gleichen Irrtum verfallen wie der ältere Sohn: Sie meinen, der AT-Bund sei in erster Linie ein Gesetzesbund gewesen, und erst im NT werde die Gnade offenbart.
    Doch wenn der Vater zum älteren Sohn sagt: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein“, sagt Christus damit sinngemäß:
    „Der Bund mit Abraham war von Anfang an ein Gnadenbund, nur ihr habt das nicht verstanden, sondern habt ihn in einen Gesetzesbund umgedeutet“.
    Das Gleichnis lässt offen, wie der ältere Sohn auf die Worte des Vaters reagiert. Es ist doch gut möglich (und von Christus beabsichtigt), dass er sie begreift, sich mitfreut und zu einem ganz neuen Vater-Sohn- und Bruder-Bruder-Verhältnis gelangt.

  13. @Dan: die Sichtweise hat was für sich, aber ich frage mich, ob man das Gleichnis damit nicht überdehnt, denn zu Ende gedacht wäre dann Christi Tod und Auferstehung nur aufgrund eines Missverständnisses der Menschen notwendig gewesen, der Alte Bund auch ein Heilsweg und die deutlichen Stellen z.B. im Galaterbrief, die das Gesetz als abgetan bezeichnen, obsolet? Klar, so meinst du es nicht, aber das Gesetz mit seinen Regelungen ist eben nicht Menschenwort, sondern Gottes Wort… dass sich in all dem auch Gottes Liebe und Gnade zeigt, das ist unbestritten…

  14. @Dan: Ich finde die Haltung des Petrus in deinem Beispiel sehr normal. Schließlich hatte er sein ganzes Leben lang gelernt, dass Gott das Essen unreiner Tiere verbietet. Gott sieht das wohl auch so – und wiederholt die Vision geduldig zweimal.
    Die Haltung mancher Pharisäer hingegen finde ich nicht normal. Den Zehnten von Kümmel und Dill abzuwiegen – oder Heilungen am Sabbat zu verbieten. Fand Jesus ja auch falsch – deshalb griff er sie teilweise mit harrschen Worten an.

    Zur Bedeutung des Gleichnisses. Ich habe es immer sehr persönlich verstanden. Mich als den ältesten Sohn gesehen: Fromm aufgewachsen, niemal Rebell gewesen, immer schön brav zu Hause geblieben. Das Problem war, dass ich mir einerseits was auf meine „Tugend“ eingebildet habe – und andererseits neidisch war auf all‘ die Rebellen, die sich vermeindlich fröhlich in der Welt rum tummelten. Ich war nicht aus Liebe zum Vater zu Hause geblieben, sondern aus Angst, das Bekannte zu verlassen.

  15. @Annekatrin: ja den Neid kenne ich… was können sich die Heiden alles leisten und ausleben und so… wie gut, dass das schon der Psalmist kennt (siehe auch Psalm 10; Psalm 37). Manchmal ist es schwer, die Augen und somit die innere Fokussierung auf die Ewigkeit gerichtet zu lassen, die schon unter uns ist… so gesehen spricht ja auch der Vater zum Älteren: Hey, du hattest doch die ganze Zeit Zugriff auf das Gute…

  16. @annekatrin:
    ja, schon, doch der ältere Sohn ist ja nicht neidisch auf die Freiheit, die der jüngere gehabt hat, sondern er versteht einfach nicht, wieso der Vater ihn nach alledem so herzlich aufnimmt. Man könnte ihm vorwerfen, dass er seinen Vater schlecht kannte. Er hat jetzt ein seelsorgerliches Problem, das der Vater versucht zu lösen.
    Da die christliche Gemeinde, anders als das Volk Israel, gleich am Anfang ausdrücklich den Missionsbefehl, d. h. die Parole zur fortschreitenden, nach oben offenen Ausdehnung und Reproduktion, bekommen hat („… von Jerusalem bis ans Ende der Welt“), ist sie von Haus aus weniger anfällig für dieses Exklusivdenken. Dass dies dennoch auch eine allgemein-menschliche Neigung ist, mag sein, doch gerade ein Christ kann es sich eigentlich in einer solchen Haltung auf Dauer nicht bequem machen.

    @wegbegleiter:
    du hast Recht, so meinte ich es nicht: Das ganze AT ist voller Hinweise auf Christus, und der Galaterbrief ist ja auch nicht so zu verstehen, dass das Gesetz in seiner Gültigkeit abgetan ist, sondern als Weg des Heils. Nicht der Maßstab hat sich geändert („kein Jota …“), sondern die Stellung des Menschen zu Gott. Das Gesetz war ein Zuchtmeister auf Christus hin.

  17. @Dan: naja, das wäre noch zu diskutieren. Wenn wir das „kein Jota“ so verstünden, dass wir die Schrift flächig läsen und nicht von Christus her auslegten und auch relativierten an einigen Stellen (was zum Beispiel dazu führte, dass manche Psalmverse, die deutlich einen Tun-Ergehens-Zusammenhang aufstellen, so heute nicht mehr gelesen werden könnten oder z.B. die endgültige Erledigtheit aller Opfergesetze…), dann lägen wir glaube ich falsch. Das Gesetz ist nach dem NT zusammengefasst im doppelten Liebesgebot. Und aus dem Indikativ folgt der Imperativ, das Gute zu tun. Aber ich denke, da liegen wir nicht weit auseinander…;-)

  18. Ja, ich denke, wir meinen das gleiche.
    Paulus bekämpft beides: auf der einen Seite judaistische Werkgerechtigkeit, auf der anderen Seite Heidenchristen, die das Moralgesetz Gottes völlig verwerfen und sich vom Judentum distanzieren wollen.
    Wie der Galaterbrief, ist sicher auch der Römerbrief nicht nur im antijudaistischen Sinn zu verstehen. Viele Stellen, wie 3,31 („Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! sondern wir richten das Gesetz auf“) oder die von dir zitierte 13,8-10 lehren eine positive Wertung des Gesetzes und erscheinen im antijudaistischen Sinne völlig unerklärlich.
    Auch Römer 9-11 gewinnt ein viel lebendigeres Bild, wenn man den Abschnitt geschichtlich versteht und ein antisemitisches Christentum annimmt, das sich in hochmütiger Verachtung Israels gefällt.

  19. Den letzten Absatz verstehe ich jetzt nicht? Relativierst du Römer 9-11 als geschichtlich bedingt durch ein antisemitisches Christentum? Da könnte ich dann nicht mit…

  20. Nein, ich will die Aussagen nicht relativieren. Doch der geschichtliche Hintergrund kann zum Verständnis beitragen. (Ich weiß nicht, ob dies noch ins direkte Thema passt. Vielleicht.)
    Der Römerbrief soll die überwiegend heidenchristliche Gemeinde in Rom vor einem antinomistischen Christentum schützen, das sich mit einer Verachtung Israels und der judenchristlichen Unfreiheit verbindet und zugleich revolutionäre Tendenzen in der Gemeinde nährt. Da diese Christen sich zunächst auf Paulus berufen, hat dieser Grund, sein eigenes Evangelium gegen das ihre abzugrenzen und die römische Gemeinde davor zu warnen. Hieraus erklärt sich, dass er seine positive Stellung zum Gesetz so nachdrücklich im Römerbrief ausspricht und seiner Gnadenlehre die Form der Rechtfertigungslehre gibt; denn damit ist sein positives Verhältnis zum Gesetz in seine Gnadenlehre mit aufgenommen.
    Hast du mal Ray R. Sutton „Does Israel have a Future?“ gelesen? Ich finde seinen Gliederungsvorschlag für 3-11 interessant. Er geht davon aus, dass Paulus im Römerbrief dem AT Bundesschema folgt und dies spiegelbildlich zweimal durchläuft, wie sich aus der Verteilung des zehnfachen „Das sei ferne!“ (oder „Dies ist völlig ausgeschlossen“; eigentlich: „nicht möge es geschehen“) nach zehn kritischen Rückfragen an Paulus ableiten lasse. Damit wird einerseits Israel vor das Gericht gerufen, denn das NT Evangelium steht mit dem AT Gesetz im Einklang. Gleichzeitig wird aber auch den Heidenchristen verwehrt, Israel, das Alte Testament und das Gesetz einfach abzutun. „Das sei ferne“ ist eine Schwurformel. Da ein Bund in der Bibel immer durch Schwur geschlossen und bekräftigt wurde, bestätigt dies den Bundescharakter des Römerbriefes und seine Betonung der bleibenden Gültigkeit des AT Moralgesetzes.

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  22. „Römer nannten die Christen „Atheisten““ (Keller)

    Doch wohl höchstens, weil sie nicht ihren Kaiser anbeten wollten, bestimmt nicht weil Christen die Existenz eines Gottes leugneten.
    Mir ist nicht ganz klar, wieso der biblische Glaube keine „Religion“ sein soll?
    Wenn es ein schlüssiges, befriedigendes Werte- und Welterklärungs- und Sinngebungssystem (was sonst ist denn „Religion“?) gibt, dann doch wohl der biblische, christliche Glaube.
    Die Frage ist doch nicht: Religion oder nicht Religion, sondern: welche Religion?

  23. @Dan: bitte sauber auf die Definitionen achten. Religion ist nicht auf ein Wertesystem bezogen, sondern auf den Versuch des Menschen, Gott mit Wohlverhalten gnädig zu stimmen. Dazu benötigte man Opfer, Tempel, Priester – und all das boten die Christen nicht. Sie hatten allgemeines Priestertum, trafen sich in Privaträumen, brachten keine Opfer – denn Christus ist das endgültige Opfer. Insofern konnten sich die Römer eine solche Religion nur als Nicht-Religion vorstellen, als drittes Etwas, das vorher noch nie da war und sie hatten Recht damit. Bis heute ist der Mensch heillos religiös und versucht – wenn er an einen Gott glaubt – diesem zu gefallen und ihn durch gute Taten und Gebet und… dazu zu bewegen, sein Leben in den Griff zu bekommen, ihn zu segnen etc. Das ist Religion und sie führt nicht in das Heil, das macht Paulus deutlich. Letztlich ist jede Religion im Sprachduktus des NT Gesetz – was für Christen nicht mehr gilt. Die vorauseilende Gnade Gottes in Jesus Christus, die bereits den Sünder liebt, die ist – wie C.S. Lewis sagt – das Ende der Religion. Und doch ist auch die frohe Botschaft des NT immer wieder versucht, religiös umgedeutet zu werden. Wir versuchen Gott, in den Griff zu bekommen anstatt er uns etc…

  24. Dann meinst du vielleicht nicht „Religion“, sondern „Kult“. Das Christentum ist ebenfalls eine Religion, aber eine geistliche: Das Opfer ist Christus, der Tempel ist der Leib, die Priester sind die Christen mit Christus als ihrem Hohenpriester.
    Es ist alles da. Nur sind aus den „Schatten“ Realitäten geworden, aus den Typen Antitypen.

  25. @Dan: bringt ja jetzt nix. Ich finde Kult unpassend, weil kaum ein Mensch den Hinduismus oder den Islam als Kult bezeichnen würde, sehr wohl aber als Religion. Deswegen finde ich es wichtig – weil alle Religionen versuchte Wege des Menschen zu Gott, der Weg des Christus aber der einzige Weg Gottes zum Menschen – das Christentum nicht als Religion zu bezeichnen und somit nicht in die eine große Soße der Religionen zu werfen. Lassen wir es – ich finde den Begriff der Religion unglücklich, weil er im besten Fall den christlichen Glauben zu einem Werte- und Moralsystem degradiert – ich glaube, da würde ein Paulus die Wände hochgehen!! Ich reagiere auf den Begriff der Religion – mit C.S. Lewis – allergisch, deswegen mache ich so. Es ist dir unbenommen, es anders zu bezeichnen. So long.

  26. o.k. hast Recht. Es ist eine Frage der Definition. Doch ohne Erläuterung musste ich an LaVeys Satz „Alle Religionen geistiger Natur sind Erfindungen des Menschen“ denken.

  27. „Ich habe es immer sehr persönlich verstanden. Mich als den ältesten Sohn gesehen: Fromm aufgewachsen, niemals Rebell gewesen, immer schön brav zu Hause geblieben. Das Problem war, dass ich mir einerseits was auf meine „Tugend“ eingebildet habe – und andererseits neidisch war auf all’ die Rebellen, die sich vermeintlich fröhlich in der Welt rum tummelten.“ (Annekatrin)

    Das ist „das Gespenst der Freiheit“, das dich unzufrieden und unruhig gemacht hat.
    Ein bisschen Mitschuld daran tragen auch einige der, um im Bild zu bleiben, „jüngeren Söhne“, die allzu ausgiebig von ihrem „verruchten“ Leben vor der Bekehrung berichten, nach dem Motto „… und dann hab ich ein paar Jahre im Bauwagen gelebt und Drogen genommen, und dann war ich im Knast, und dann anschließend hatte ich ein paar Abtreibungen und ein uneheliches Kind … und einen Selbstmordversuch. Und dann, na dann hab ich mich wie gesagt bekehrt.“
    Das klingt dann manchmal wie eine Antiklimax, so, als sei dann das Leben irgendwie zu Ende gewesen.
    Das kommt daher, weil sie ihr Kaputtsein immer noch toll finden, anstatt traurig zu sein und sich zu schämen, weil sie, wie der Sohn im Gleichnis, erkennen, wie sehr sie den Vater betrübt und beleidigt haben.

  28. Hi Dan (oder wie auch immer du heißt….), du schreibst echt reflektierte Sachen hier und ich hatte dich gerade mal persönlich angemailt, um leider festzustellen, dass deine email eine Phantasie-Adresse ist. Nach einigen Erfahrungen mit trolls und Leutchen, die fremde Adresse missbrauchten, lasse ich solche Kommentatoren nur noch durch, wenn ich sie entweder kenne oder sie mir eine echte mail-Adresse nennen, durch die ich Kontakt aufnehmen kann. Selbstschutz.

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