Der verlorene Sohn reloaded: Das bekannteste Gleichnis mit dem Herzen entdecken (Teil 2)

Kümmern wir uns um den jüngeren Sohn. Also: der erste Akt in einem weltverändernden Drama mit zwei Akten.

[picapp align=“right“ wrap=“true“ link=“term=pigs&iid=167551″ src=“http://view.picapp.com/pictures.photo/image/167551/piggy-bank/piggy-bank.jpg?size=500&imageId=167551″ width=“234″ height=“312″ /]Dieser Akt beginnt schockierend für die Zuhörer. Etwas zwar rechtlich Mögliches, aber äußerst Ungewöhnliches geschieht. Der jüngste Sohn fordert seinen Anteil am Erbe. Da dem älteren Sohn doppelt so viel wie den anderen Kindern zusteht, erhält der Junior ein Drittel des Vermögens seines Papas. Diese Aufteilung fand normalerweise nach dem Tod des Vaters statt – jetzt schon das Geld haben zu wollen ohne Not – das entsprach in einer streng patriarchalischen Gesellschaft einer unglaublichen Respektlosigkeit! Wollte er vielleicht eine eigene Existenz aufbauen? Davon sagt der Text nichts – nur, dass er das Geld durchbrachte und in Saus und Braus lebte…

Was wäre die normale Reaktion eines orientalischen Vaters gewesen? Den Sohn mit ein paar Schlägen und Tritten vom Hof jagen und somit aus der Familie ausschließen. Aber nein: er teilt sein Vermögen auf. Für Vermögen steht hier bios im Griechischen – es geht also um Leben, um Ländereien. Das Land war mehr als nur Besitz – es war Identität, man hing an der Scholle und es sicherte Ansehen und Respekt in der Bevölkerung. Der Vater teilte es auf. Der Sohn machte die Äcker zu Geld und zog von dannen.

Immer wieder liest man von reichen Menschen, die ihr eigenes Leben in Stücke reißen, nur um sich um die kranke Frau oder ein krankes Kind zu kümmern. Auch wenn der Vergleich hinkt – der Sohn fordert ihn auf: „Reiß dein Leben in Stücke, verlier dein Ansehen, einen Teil deines Besitzes…“ – und der Vater tut es. Er nimmt einen immensen Ehrverlust und den Schmerz zurück gewiesener Liebe auf sich…

Der Sohn geht den Bach runter und landet bei den kultisch unreinen Schweinen. Er will zurück zum Vater. Er will eingestehen, dass er Unrecht getan hat und er will als Arbeiter dienen. Arbeiter lebten außerhalb des Hofes (im Gegensatz zu den Bediensteten). So wollte er seine Schuld zurück zahlen… doch der Vater: RENNT ihm entgegen. Patriarchen rennen nicht. Kinder rennen. Patriarchen nicht. Der Sohnemann kommt gar nicht zu seinem auswendig gelernten Spruch – der Vater nimmt ihn in die Familie auf (Gewand!) und schmeißt ein Fest. Mastkalb heißt: Riesenfete, ganz selten, das Dorf wurde eingeladen!

Die Botschaft: Gottes Liebe kann jegliche Art von Sünde verzeihen UND wiedergutmachen. Tim Keller: „Der jüngere Bruder hatte gewusst, dass es im Haus seines Vaters mehr als genug zu essen gab, aber nun erfuhr er, dass es dort auch mehr als genug Gnade gab“ (S. 31). Diese Liebe und Gnade gibt es umsonst, keine Zerknirschung ist dazu nötig.

Ähem – ganz ehrlich: Widerspricht das nicht der Botschaft vom Kreuz? Wenn Gott einfach so annimmt, wozu dann ein Sühneopfer (sic!)? Wenn das Gleichnis hier endete, hätten wir das Problem, auch theologisch. Der zweite Akt wird aber zeigen, was der Preis der Gnade ist und zum wahren Höhepunkt der Geschichte führen…

(to be continued…)

(Teil 2 einer Reihe über den verlorenen Sohn. Quellen:  Tim Keller: Der verschwenderische Gott (sehr zu empfehlen – besorgen! Lesen!) Diverse Kommentare aus meinem Regal, vor allem: Joel Green: The Gospel of Luke, NICNT und dazu eigene Gedanken, Vertiefungen…), Teil 1 hier)

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11 Antworten zu “Der verlorene Sohn reloaded: Das bekannteste Gleichnis mit dem Herzen entdecken (Teil 2)

  1. Hi,

    zu dem Part wegen der Vorweg Erbschaft habe ich mal was anderes gehört (vielleicht weiß Gwen die Quelle noch 😉 ): nämlich daß es früher üblich war, den jüngeren Sohn auszuzahlen, damit er sich woanders eine eigne Existenz aufbauen kann – aus dem Wissen heraus, daß ein Hof auf Dauer nicht zwei Familien ernähren kann. So soll das auch in Deutschland früher lange gelaufen sein.

  2. Zitat: „Diese Liebe und Gnade gibt es umsonst, keine Zerknirschung ist dazu nötig.“

    Ja – der Glaube ist ein Geschenk. Die Gnade ist ein Geschenk! Dazu ein eher prophanes Erlebnis von heute morgen aus der Waschstrasse: Ich war früher mit dem Staubsaugen des Wageninneren fertig als vorher gedacht und hatte noch einen Jeton übrig. Da dachte ich mir, schenke ich’s meinem Nachbarn, ein älterer Herr der liebevoll und gründlich seinen Opel Vectra pflegte (ich dagegen war eher oberflächlich mit der Reinigung meines PKWs vorgegangen). Doch er bestand darauf, mir die 50Cent für diesen Jeton auszubezahlen. Da merkte ich, wie schwer es doch ist, sich einfach so beschenken zu lassen… Und Gott möchte es doch auch!

    Ich bin gespannt auf den 2.Akt!

  3. @shasta: ich habe einen der aktuellsten Kommentare hier aus dem angelsächsischen Raum und in dem steht – wie ja auch oben erwähnt – dass diese Variante möglich (wenn auch selten) war, wenn ein Sohn weit weg ins Ausland ziehen und sich eine Existenz aufbauen wollte. Dies scheint hier ja aber nicht der Fall zu sein – sonst hätte es ja auch erwähnt werden können, stattdessen wird das Durchbringen betont, also das Krasse.

    Zudem: Die Wiedereinsetzung in den Stand der Sohnschaft durch die Insignien wäre nicht nötig, wenn alles glatt gelaufen wäre? Aber der Sohn war „wie gestorben“…(so der Vater: denn dieser hier, dein Bruder, war tot, und nun lebt er wieder…“). Warum, wenn alles easy und locker war? Zudem: wäre die Empörung verständlich gewesen, wenn der Sohn nur ein Pechvogel war, der es gut gemeint, dann aber alles verspielt hat? Letztlich ist es ein Abwägen von Argumenten, aber ich denke, dass die meisten Faktoren für diese Variante sprechen… gerade auch aus dem logischen Zusammenhang der Geschichte und ihrer Übertragung auf uns…

  4. Ist es vielleicht schon Gnade, dass der alles im Griff habende Gott eine Hungersnot zur rechten Zeit kommen lässt? Wer wäre ohne „Krise“ zur Umkehr gekommen? Ich wohl eher nicht. Aber efreut und erstaunt von der Güte Gottes, die mir just dann entgegenkommt wenn ich nichts mehr habe, weder Besitz noch Ehre …, das ist mein Herr!

    „Das ist das Evangelium, ein Bettler sagt dem anderen wo es Brot gibt“ (Corrie ten Boom)

  5. @vonwegenbehindert: Mein Standpunkt ist der, dass der Weg zu Gott nicht zwangsläufig durch die Krise führen muss. Das wäre auch schlimm, wenn Gott dem Menschen unbedingt immer erst zeigen müsste, wer der stärkere ist.

    Der verlorene Sohn hat es auch aus freien Stücken vorgezogen, sein eigenes Leben zu leben und aus dem Vaterhaus auszuziehen. Er hätte es nicht tun müssen.

    Doch Gott ist so wunderbar, dass er krumme Wege wieder gerade machen kann, ich bin fast geneigt zu behaupten, dass das eine seiner Lieblingsbeschäftigungen an uns ist. Und wenn ein Mensch dann damit antworten kann und die volle Ladung Gnade in Jesus Christus erfährt und annimmt ist es doch das Wunderbarste überhaupt!

  6. Hallo Wegbegleiter,

    es freut mich, dass Du dich der Frage des Erbrechts angenommen hast. Ich habe aktuell noch bei Aries „Geschichte des privaten Lebens“ nachgeschlagen, doch das Ergebnis war sehr unbefriedigend. Er beschreibt ausführlich das Vorgehen in den römischen Familien, in denen die Söhne bis zum Tod des Vaters keine Rechtsgeschäfte eingehen dürften (was denn des öfteren im Vatermord endete) und erwähnt, dass diese Praxis bei anderen Völkern auf Verwunderung stieß. Doch leider gibt er keine Auskunft darüber, was denn die andere Praxis sei.
    Insofern finde ich Deine Beschreibung „rechtlich möglich, aber ungewöhnlich“ sehr interessant. Literarisch gesehen ist es ein brillanter Einstieg, er lässt die Spannung langsam aufbauen. Dass der Sohn ins Ausland ging steht zwei Sätze weiter. Dann heißt es, dass er mit seinem Vermögen verschwenderisch umgegangen sei. Jetzt hat unsere – der Leser – Phantasie einen freien Lauf. Waren es Orgien, die er gefeiert hat (so denkt der ältere Bruder) oder studierte er Sokrates, ohne sich mal zwischendurch die Hände mit der Arbeit schmutzig zu machen? Ist letztendlich egal, denn beides ist Verschwendung und er landet am Ende bei den Schweinen.
    Davon, wie wir diesen Part ausschmücken, hängt ab, wer sich in der Geschichte wiederfindet. Ich denke z.B. an Frauen, die ins Ausland ziehen, um dort Geld zu verdienen, doch am Ende auf dem Strich landen. In den seltensten Fällen freiwillig. Aber für sie gibt es kein zurück, die Familie erwartet, dass sie Erfolg haben, sie dürfen nicht scheitern. Vielleicht könnte diese Geschichte ihnen Mut machen… Es gibt einen Ort, an dem dem Versager die Hand gereicht wird.

  7. Hi gwen – nur als kurze Anmerkung nach einem Blick in Lukas 15…: „dort vergeudete er sein Vermögen, indem er verschwenderisch lebte.“ – finde ich jetzt ziemlich deutlich und auch deutlich wertend. Klingt nicht nach Sokrates. Finde ich…;-)

  8. 😉
    Ich denke auch, dass es nicht Sokrates war, der ihn hat vergessen lassen, sich um den Lebensunterhalt zu kümmern. Es bleibt für mich allerdings offen, ob es Vorsatz oder Fahrlässigkeit war. Soll heißen: ganz bewusst eine zweifelhafte Party nach der anderen oder eher eine gewisse Leichtfertigkeit der Jugend. Im Haus des Vaters im Wohlstand gelebt, also jetzt auch die beste Wohnung im teuren Viertel, kann man sich leisten. Gesehen, dass Vater gesellschaftliche Kontakte pflegte, also jetzt auch die potentiellen Geschäftspartner zum edlen Essen eingeladen. Kann man sich leisten. Es geht ja darum einen guten Job zu bekommen. Die Konzertbesuche sollten auch nicht ausbleiben, denn schließlich kommt aus einer guten Familie. Und das Geld dafür ist ja da … oder …uupps … doch nicht mehr.

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