Der verlorene Sohn reloaded: Zwei Wege zum Glück und zur Erfüllung (Teil 4 einer Serie)

[picapp align=“right“ wrap=“true“ link=“term=two+roads&iid=5063420″ src=“http://view4.picapp.com/pictures.photo/image/5063420/two-one-way-signs-pointing/two-one-way-signs-pointing.jpg?size=500&imageId=5063420″ width=“234″ height=“234″ /]Er gibt uns eine neue Definition für Sünde; eine neue Definition, was es heißt, verloren zu sein; und eine neue Definition, was es heißt, gerettet zu sein… das ist die radikale Aussagen von Tim Keller nach einer ersten Analyse dieser Gleichnisses in Lukas 15… was ist dran? Nicht weniger als ein paradigm shift – ein Paradigmenwechsel, der einmalig und explosiv in der Geschichte wirkte und wirkt!

Jesus stellt mit den beiden Söhnen die beiden grundlegenden Wege dar, wie Menschen ihren Weg zu Glück und Erfüllung zu finden suchen. Der Weg der moralischen Anpassung (1) und der Weg der Selbstentdeckung (2). Was ist ein Paradigma? Die Grundansicht, die Linse, die deine Sicht vom Leben färbt.

Der ältere Bruder repräsentiert den Weg der moralischen Anpassung. Die Pharisäer lehrten, dass nur strikter Gehorsam gegenüber der Bibel dazu verhilft, den Segen Gottes zu behalten und das Heil zu erlangen (mmmhmm…). Der Wille Gottes steht über der individuellen Lebenserfüllung und wir erlangen Glück und verändern die Welt durch moralische Rechtschaffenheit. Natürlich werden wir fallen auf diesem Weg, aber wenn wir richtig(!) Buße tun, ist das verzeihlich.

Der jüngere Bruder veranschaulicht den Weg der Selbstentdeckung. Jeder Mensch hat seine eigene Freiheit – Traditionen, hierarchische Strukturen, Vorurteile, jegliche Hindernisse zur Umsetzung der persönlichen Freiheit werden beseitigt und müssten in der Sicht dieser Menschen beseitigt werden.

Unsere Gesellschaft ist zwischen diesen beiden Wegen tief gespalten. Jeder dieser Ansätze neigt dazu, die Welt in zwei Gruppen einzuteilen! Die einen sagen: „Die unmoralischen sind das Problem!„, die anderen: „Die selbstgerechten Frömmler, die so rückwärtsgewandt sind, sind es!

Fallen nun alle Menschen in die eine oder andere Kategorie? Nein, nicht direkt. Manche neigen schon vom Temperament zu eher einer der Gruppen, wieder andere wechseln die Strategie im Laufe des Lebens (wilde Jugend, angepasstes Erwachsensein), noch wieder andere führen ein Doppelleben. Es gibt so manchen traditionell wirkenden Bruder, der heimlich ein Leben führt, das zum jüngeren Bruder passt. Kurz gesagt: Je strenger, enger, gesetzlicher der Glaube, desto größer das Risiko der Doppelbödigkeit, oder: der Heuchelei (Missbrauch, Süchte, Heimlichkeiten blühen besonders gut im Dunkeln, wo sie moralisch gedeckelt sind und nicht ans Licht dürfen). Oder: Jemand wirkt nach außen total locker und liberal – begegnet aber den Konservativen mit pharisäerhafter Selbstgerechtigkeit… die Intoleranz der Toleranten. (Ertappt bei irgendwas? Wäre zumindest biblisch gewollt…;-)

Wie das nun Jesus auf den Glauben bezieht und eine dritte Sicht entwickelt – dazu mehr im nächsten Teil. Schalten sie wieder ein, wenn es heisst… 😉

(Teil 4 einer Reihe über den verlorenen Sohn. Quellen:  Tim Keller: Der verschwenderische Gott (sehr zu empfehlen – besorgen! Lesen!) Diverse Kommentare aus meinem Regal, vor allem: Joel Green: The Gospel of Luke, NICNT und dazu eigene Gedanken, Vertiefungen…), Teil 1 hier)

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12 Antworten zu “Der verlorene Sohn reloaded: Zwei Wege zum Glück und zur Erfüllung (Teil 4 einer Serie)

  1. Sehr interessant das Gleichnis auf diesem Hintergrund zu lesen. Vor allem der Hinweis auf die Vermischung der beiden Strategien… Da kommt mir manches bei mir selbst und bei Anderen bekannt vor… 😉

  2. Klasse Gedankenansätze, revolutionär und pieksend, lieber Christof – herzlichen Dank!!!

    „Jemand wirkt nach außen total locker und liberal – begegnet aber den Konservativen mit pharisäerhafter Selbstgerechtigkeit… die Intoleranz der Toleranten“

    Grad Sonntag erlebt: Stammgemeinde und kirchenfremde Besucher, die ihre Kinder (der Form halber?) taufen ließen. „Die Fremden“ kauten Kaugummi, liefen während der Liturgie herum, unterhielten sich lautstark, die Kinder agierten vor der Kanzel als wäre es der Kinderhort (laut, nervend, brüllend) – how shocking.
    Meine Chorschwester beugte sich zu mir rüber und flüsterte: DIE gehören hier nun wirklich nicht hin!
    Reflexantwort von mir: „Willkommen auf dem Missionsfeld, liebe Schwester. Genau DIE gehören HIER REIN – in unsere Mitte!“

    War mir im nachhinein irgendwie peinlich, weil meine Chorschwester die zweite Chefin in der Chorleitung war – peinlich, weil von Oma anerzogen: „Ehre die Älteren“, Kritik nicht erwünscht und so weiter… piep …

    Dann aber trotzte ich diesem Dogma/Fluch der Vergangenheit. Warum nicht mal Amos sein (hatten wir grad einen Tag vorher gehabt, das Seminar über diesen Botschafter!)!

    DIE Zöllner, DIE Huren, Mörder, Randläufer der Gesellschaft gehörten schon damals zu den Anhängern Jesu.

    War mal wieder klasse, wie der Herr uns den Spiegel vorhielt: „Da – bitteschön – wie angefrommt seid ihr wirklich? Hier könnt ihr die Nächstenliebe mal so richtig zeitnah trainieren!“

    Klar, mich haben die Fremden auch genervt. Keine Ahnung, wie sie sich benehmen sollen – aber wenn es ihnen keiner zeigt? Ihnen keiner freundlich begegnet? Es ihnen keiner VORLEBT?

    Herausforderndes Erlebnis am Sonntag – klasse, Herr! Vielen Dank für die Anregung!

  3. Ich finde diese Reihe über den verlorenen Sohn einfach nur klasse,vielen Dank dafür lieber Christof.
    LG
    Heike

  4. Liebe HeikeK!
    In der Geschichte, die du erzählst – wer ist da die Konservative? Und wer die lockere und liberale mit der pharisäerhaften Selbstgerechtigkeit?
    Ich frage, weil du die Geschichte ja an dem Zitat aufgehängt hast. Also müssen deine Chorschwester und du da doch vorkommen?
    Oder habe ich deinen Text völlig missverstanden? Dann vergiß die Frage einfach!
    Herzliche Grüße aus dem Norden!

  5. Ich denke, daß jeder Mensch beide Tendenzen in sich hat. Und warum diese beiden Seiten gegeneinander ausspielen? Und daß die Pharisäer in diesem Eintrag so verzerrt und klischeehaft dargestellt werden finde ich unnötig und schade, weil es Stereotypen bedient. Die Auslegung gewinnt dadurch nicht, sondern verliert eher. Haben Sie das wirklich nötig?

  6. @Nora: was soll die Frage: Haben Sie das nötig? Was soll ich nötig haben? Was soll diese implizite Unterstellung? Ich folge den beiden Extremen des Gleichnisses – wo gehe ich Ihrer Meinung nach über das Gleichnis heraus? Waren die Pharisäer nicht extrem zu Zeiten Jesu? Hat sie Jesus nicht als Otternbrut und übertünchte Gräber beschimpft? Warum soll ich sie schwächer machen? Zudem: das Mischverhältnis ist ja bei jedem unterschiedlich. Und ganz ehrlich: Ich erkenne mich durchaus in beiden Typen wieder und damit haben die biblischen Stereotypen doch ihr Ziel erreicht!

  7. Na auf die 3 Sicht Jesu bin ich echt gespannt.Hoffe mal, es ist nicht der goldene Mittelweg sondern Jesus in Radikalität. Mal gespannt was Keller so schreibt!
    greetz

  8. Sagen wir mal so: Bestimmte extreme Auswüchse, die innerhalb der Pharisäerschaft selber kritisch gesehen wurden, schlagen sich im Neuen Testament besonders stark nieder, was auch mit der Zeit der Abfassung zusammenhängt: Die Spannungen zwischen dem zeitgenössischen Judentum und der neuen Jesusbewegung. Es spielt wohl auch ein Abgrenzungsbedürfnis eine Rolle, denn die Bewegung der Pharisäer war diejenige innerjüdische Bewegung, der Jesus inhaltlich / theologisch am nächsten stand. Die Frage ist auch, wer warum und wofür diese Stereotypen braucht. Was haben sie für eine Funktion? Jesus hat sich gegen einzelne Mißstände einzelner Gruppen innerhalb der Pharisäerschaft gewandt, wenn er von „übertünchten Gräbern“ oder von „Nattern- und Schlangengezücht“ spricht. Eine pauschale Verurteilung dieser Gruppe und ein rund-um-Pharisäer-Bashing war das nicht.

    Da ich die Beiträge, die ich bisher von Ihnen gelesen hatte als wohltuend gründlich und differenziert fand, empfand ich diesen Beitrag weit dahinter zurück bleibend und eben in dieser Frage sehr pauschalisierend. Darauf bezog sich die etwas traurige Frage, ob Sie das wirklich nötig haben. Ich hoffe, es ist jetzt etwas verständlicher geworden.

  9. @Noga: Natürlich gab es verschiedene Schulen von Pharisäern, ob diese allerdings noch zur Zeit Jesu relevant waren, ist umstritten bis unwahrscheinlich. Ich zitiere mal einen Schrieb: „Die bekanntesten Schulhäupter der phärisäischen Richtungen waren zur Zeit Jesu Hillel und Schammaj. Der eine, nämlich Hillel, galt dabei in seiner Gesetzesauslegung als Laxist, der andere als Rigorist. In früherer Zeit lebten die Pharisäer in regelrechten organisierten Bruderschaften. Ob dies aber zur Zeit Jesu noch praktiziert wurde, ist umstritten. Vermutlich war es nicht mehr der Fall. Letztgültig zu entscheiden ist diese Frage allerdings nicht. Die neutestamentlichen Schriften schweigen sich über diesen Umstand aus und auch die außerbiblischen Zeugnisse geben bezüglich dieser Fragestellung nichts her.“

    … die große Nähe Jesu zu den Pharisäern und die dadurch bedingte notwendige Abgrenzung Jesu zu ihnen kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen. Das aufgerichtete Gesetz des Geistes widersprach nun fundamental dem Gesetz des Buches, bzw. Buchstabens, das von den Pharisäern gestärkt werden sollte und wollte. Zudem wird offen von Pharisäern berichtet, die sich zu Jesus hingezogen fühlten – also durchaus differenziert wahrgenommen… für das Gleichnis scheint mir dieser Faktor eh egal zu sein. Ich bräuchte in der Auslegung nur „Pharisäer“ durch „eine Gruppe von Pharisäern“ zu ersetzen, dann wäre ihr Kritikpunkt aufgehoben – und was trägt das dann aus? Inhaltlich meines Erachtens nichts. Worum geht es also? Die hermeneutische Grundregel lautet doch, die Pointe eines Textes ernst zu nehmen und bis zur Spitze auszuformulieren. Denn das war genau die jüdische Herangehensweise von Jesus. Die Spitze abzubrechen nach der Masche: jaja, die Pharisäer waren ja gar nicht alle böse (was niemand behauptet hat, sie haben nur einen Irrweg zum Heil und zum Glück gesucht), Jesu Worte seien Stereotype zur Abgrenzung einer bestimmten Gruppe von Pharisäern – dies bricht das Gleichnis und distanziert es vom heutigen Hörer, verhindert den heilsamen Durchmarsch ins Herz. Meines Erachtens.

    Summa summarum: da sind wir wohl anderer Meinung und das kann auch so stehen bleiben, oder? ABER: Dass ich das „nötig“ habe soll, dass das traurig sein soll, dass ich Sie nun enttäusche, dass ich mit diesem Beitrag (der ja nun im wesentlichen vom sehr gründlichen Tim Keller inspiriert ist) WEIT hinter meinem Niveau zurück bleibe – das finde ich unangemessen. Es gibt nicht nur Ihre Meinung als einzig Wahre, denn die machen sie gerade zum Maßstab. Jede Erkenntnis ist Stückwerk – Ihre und meine. So what? So könnte man fröhlich voneinander lernen. Aber es lernt sich schlecht, wenn man ratzfatz in Schubladen gesteckt wird…

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