Eine Meer-Geschichte: Die Lektion des Sturmes (2)

Fortsetzung vom ersten Teil, den man hier lesen kann

Meine Gedanken wandern zu meinen Lebensstürmen. Gerade jetzt befand ich mich in einem heftigen inneren Unwetter. Lange hatte ich Gott nicht mehr vernommen, er schien distanziert zu sein, weit entfernt und desinteressiert… meine Gedanken wandern… „Wenn ich dich unterbrechen darf, mein Kind, DAS bin ich nie, darauf kannst du dich verlassen. Ich bin NIE entfernt und desinteressiert. Du bist oft verlassen worden und nun schließt du von deiner Erfahrung auf mich. Du solltest es anders herum machen, lehre meine Realität deiner Erfahrung – dann wird sie immer mehr folgen und du erlebst mich so, wie ich bin.“
Mag sein. Ich spüre ein wütendes Zusammenkrampfen in meiner Magenregion und quittiere Gottes Einwurf ein wenig genervt. Ich fühle mich nicht nur von Menschen verlassen, sondern auch von IHM. Gegen den Sturm hole ich Luft und brülle es heraus: „Aber wie oft habe ich nach dir geschrien in den Stürmen der letzten drei Jahren, wenn mal wieder alles schief ging, wenn ich mich selbst nicht verstanden habe, wenn dunkle Wolken meine Seele trübten! Und ich habe keine Antwort bekommen! Wo warst du? Soll ich mir deine Gegenwart jetzt einreden, bis ich sie selbst glaube?“ Stille…
Verärgert und trotzig stapfe ich weiter, mühevoll die Balance haltend in dem Gezerre des unberechenbaren Windes, der urplötzlich wegbleibt, um nur kurze Zeit später mit unverminderter Härte zuzuschlagen. Plötzlich geht es weiter: „Das ist die Lektion des Sturmes, mein geliebtes Kind. Du tapferer Krieger. Du genießt den Sturm, seine Kraft und Macht, seine Unberechenbarkeit und Wildheit – warum erwartest du dann vom Leben Flaute und langweilige Berechenbarkeit? Erinnerst du dich an die Geschichte meines Sohnes auf dem Berg der Verklärung? Ein echter Höhepunkt für die Engsten seiner Jünger – das kannst du mir glauben. Aber auch sie mussten zurück ins Tal, dort, wo die Wirklichkeit eines Lebens zwischen Himmel und Erde stattfindet. Und dort werden sie direkt mit ihrer Machtlosigkeit konfrontiert. Verstehst du, was ich sagen will, mein Kind, du Krieger? Du lebst zwischen den Welten, soll es da zugehen wie im Club Mediterranee? Du bist im Kampf zwischen Himmel und Erde. Der Sturm lehrt dich, diesen Kampf lieben zu lernen. In der Reibung, mittendrin im Getümmel lernst du, veränderst dich, wächst, reifst, kommst mir näher. Nicht in den sorglosen Momenten, in denen alles glatt läuft, aber eigentlich du doch alles im Griff hast…“
Nachdenklich und in mich gekehrt gehe ich weiter, nachdem ich kurz stehen geblieben war, um die Worte aufzufangen, zu fassen und in mir zu bergen. Kurz weiche ich einer unerwartet weit auf den Strand leckenden schäumenden Welle aus, bevor sie meine Schuhe durchnässen kann. Weiter… weiter… Ok, Reibung, Sturm… die Prüfung und die Phase des Sturm willkommen heissen und dafür dankbar sein… das verstehe ich, auch wenn sich alles in mir dagegen wehrt. Ich will nicht mehr kämpfen müssen. Ich kann nicht mehr, ich bin so müde und ausgelaugt von all den Konflikten um und in mir. „Ich – kann – nicht – mehr!“ Die letzten Worte brülle ich heraus, balle die Fäuste und schleudere sie rhythmisch gegen die schnell ziehenden Wolkengebilde, als wenn Gott dort wohnen würde…

(… to be continued …)

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Eine Antwort zu “Eine Meer-Geschichte: Die Lektion des Sturmes (2)

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