Das verkannte wertvolle Gefühl: Einsamkeit

Einsamkeit also. Sonntag. Ein Tag voller Menschen. Erst im Gottesdienst, lachende, fröhliche Gesichter, gute Gespräche, Anmerkungen, die mein Herz bewegen, Dankbarkeit… und trotzdem… dann Fußballturnier mit meinem Sohn Ole (und natürlich Isa und Merle), 5 Stunden in einer extrem lauten, überfüllten Halle mit seltsamen Ausdünstungen, die an traumatische Bundesjugendspiele denken lassen, dazwischen neben netten Gesprächen keifende, brüllende, übereifrige Eltern, die spontan Aggressionen in mir auslösen. Sooo viele Menschen und trotzdem… einsam?

Gut, ich gehöre zu der Gattung der Hochsensiblen. Meine Antennen sind extrem empfindlich und das kann (und will) ich auch nur bedingt ändern. Aber dieses Phänomen kenne ich auch aus vielen Gesprächen mit anderen Menschen, die nicht nur für Beruf, Familie und Hobby leben, sondern ihr Herz öffnen…

Mann (und erst recht Frau) kann inmitten von Menschen eine bleierne Einsamkeit fühlen.

Ist solche temporär empfundene Einsamkeit ein Zeichen einer Krankheit? Nein, ich denke, es ist schlicht die Wahrheit. Wir leben in einer zerbrochenen Welt und sehnen uns nach heilen und heilsamen Beziehungen.Der Schmerz, dass dieses wahrlich nicht immer gelingt (oder gelingen kann bzw. darf), ist nur allzu verständlich. Die empfundene Einsamkeit ist also nichts anderes als die Wahrnehmung dieser Welt, wie sie ist und gleichzeitig der Beweis, dass wir Menschen für eine andere Welt geschaffen sind. So, wie sie Gott gewollt hat.

Danach sehnen wir uns, daran leiden wir, dass es nicht so ist.

Das Gute ist – und deswegen möchte ich eine Lanze brechen für die Einsamkeit: sie ist schlicht Lebensrealität. Sie zu leugnen, hieße, sich Rosamunde-Pilcher-Drogen einzuflößen. Aber: Nur die Wahrheit macht frei!

Und: Hier in der Einsamkeit ist der Ort der großen Zartheit inmitten der Tränen, sie ist einer der tiefsten Orte für echte Begegnung zwischen Menschen, die ihre Seele öffnen. Und vor allem zu Gott. Ist der denn einsam? Vielleicht nicht, aber Er hat dieses Gefühl bis über die Grenze des Erträglichen erlebt und auskosten müssen. Jesus brüllt, als er aus Liebe zu dir und zu mir in den Tod geht, damit du leben kannst: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.

Doch Gott hat ihn nicht verlassen. Er schließt ihn wieder in die Arme. In und nach der Einsamkeit. Und seitdem trifft jede deiner Tränen der Einsamkeit auf eine Träne Gottes über dich Kind, das sich nach mehr sehnt.

Und indem die Tränen sich berühren, entsteht etwas Kostbares. In dem sich Zukunft spiegelt. Du bist geliebt. Du bist verstanden. Es ist gut. Übertünche nicht die Einsamkeit. Lebe sie. Und suche in ihr Menschen, die dich verstehen (es gibt nicht viele!) – und Gott.

P.S. wenn jemand aber in dauerhafter Einsamkeit versinkt, dann sollte er sich professionelle Hilfe suchen. Dann scheint eine Depression nicht unwahrscheinlich. Es gibt eine Einsamkeit, die zum vertieften Leben führen kann und eine Einsamkeit, die zerstört.

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