Tut gut: Neu das Staunen lernen.

Kinder stehen da. Der Mund steht staunend offen. Langsam hebt sich das Ärmchen und zeigt auf etwas. Auf einen unsäglich dicken Mann. Langsam kommen die Worte, immer schneller: „Guck mal Mama, ist der dick!“. Unverhohlenes Staunen. Mama läuft rot an.

Kinder staunen. Dauernd. Entdecken ja auch die Welt zum ersten Mal. Manche Eltern treiben den Kindern das Staunen aus, setzen sie zu schnell, zu lange vor die Wii – da gibt es kein Staunen, auch vor dem Fernseher oft genug nicht. Staunen geschieht live und in Farbe. Man trifft auf etwas in der Umwelt, tritt dazu in Beziehung und… staunt.

Aber man gewöhnt sich auch. Der erste Kuss zwischen Liebenden, zum ersten Mal berühren sich Lippen – ein Feuerwerk des Staunens und der Sinneseindrücke. Wie schön ist das! Doch Jahre später ist der Kuss oft zum flüchtigen Abschiedsritual geworden. Wie schade!

Stumpf geht man allzu leicht durch den Alltag, gefangen im Stress und vergisst, die vielen kleinen staunenswerten Dinge am Rande wahrzunehmen.

Klar ist: man kann nicht alles neu staunend wahrnehmen – dann würde man ja vor Sinneseindrücken verrückt werden. Wir überleben auch aufgrund der Eigenschaft der Gewöhnung, sonst würden wir viel zu viel Energie verbrauchen, wenn wir z.B. morgens an der Bushaltestelle stünden und den Bus anstarrten mit offenem Mund… und den Fahrkartenautomat… toll das alles…

Klar ist aber auch: Ich bete um staunende Augen und einen frischen Geist, der die Dinge wieder neu sieht und begreift. Ich bete mit dem Psalmisten: „Lobe Gott, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir schon Gutes getan hat!“. Dieses Vergessen ist die Gewöhnung. Gott handelt im Leben und eine Woche später? Alltag.

Den schönen kleinen oder großen Moment erst einmal mit allen Sinnen wahrzunehmen und damit die Seele zu nähren. Nicht weiter zu huschen zur nächsten Arbeit. Staunen über den rasenden Herzschlag eines Kanarienvogels, die Winzigkeit einer Mini-Scnecke, die Wolkenformation die irgendwie an was erinnert… Staunen über die Liebe eines Vaters, der das Universum geplant und geschaffen hat – und trotzdem mir nachts in meinen Gebeten ganz persönlich begegnet. Mir und dir – einem von Milliarden Menschen. Trotzdem kennt er die Zahl der Haare bei jedem.

Ich will wieder mehr und mehr staunen lernen und nichts, nichts für selbstverständlich nehmen.

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