WDR 2- WDR 5: Meine Radioandacht vom 23.3.2011 – Seele baumeln lassen

Ich bin nun im dritten Jahr Andachtenschreiber und -halter für den Westdeutschen Rundfunk – ausgesucht nach einem Casting (ja, gibt es auch da!) der evangelischen Kirche des Rheinlands beim WDR. Als einer der wenigen Freikirchler arbeite ich nun unter dem Label „evangelische Kirche“, aber das ist schon ok, zumal ich mich bestens betreut fühle! Wie sagte mal ein längst vergangener Rennfahrer aus nordischen Landen: „Nur der Inhalt zählt!“. Wem die Andachten hier und da ein wenig bekannt vorkommen – sie finden sich in der Urform hier im Blog wieder, so was nennt man kreative Zweitverwertung! Dem WDR und den Hörern schmeckt’s gut! Wer sie lieber hören als lesen möchte, bitte hier klicken!

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Gegen den blöden Satz von der baumelnden Seele…

Lass doch mal deine Seele baumeln! Angesichts der schrecklichen Ereignisse in Japan, angesichts der vielen Bedrohungsszenarien, die gar nicht abreißen wollen,
klingt der Satz ziemlich zynisch. Wer könnte das denn zur Zeit noch guten Gewissens sagen? Gönn dir dieses oder jenes und –wie schon gesagt- lass deine Seele herum baumeln! Ach ja? Und was bedeutet das? Und bringt das irgendwas? Überhaupt erst mal: Dauernd lässt irgendwer die Seele baumeln und Angebote wollen uns dazu verhelfen. Irgendwie nervt dieser Spruch ja auch. Wo kommt eigentlich dieser seltsame Satz her?

Von Kurt Tucholsky aus seinem Roman „Schloss Gripsholm“. Also noch relativ frisch als Redewendung. Dabei klappt das nicht. Seele baumeln lassen. Menschen arbeiten sich fast zu Tode (und amüsieren sich parallel zu selbigen) und fahren dann in den Urlaub und wollen die Seele baumeln lassen und stellen fest: Es geht einfach nicht. Man fährt schon nervös in den Urlaub. Der wird dann genauso unruhig und hektisch und man muss tausend Dinge besichtigen und schauen und mitnehmen und optimieren, damit das auch ja ein ganz toller Urlaub wird! Oder alternativ: man hängt komatös in einer Hängematte herum und lässt sich die all inclusive Cocktails reichen, nur um 3 Wochen später kurzfristig erholt in denselben beruflichen Randbedingungen in dieselbe Falle zu laufen und sich zu erschöpfen. Die Seele baumeln lassen – schön wäre es ja. Ginge es auch anders?

Im absolut lesenswerten und quergedachten Ansatz zum Thema Erschöpfung und Burn Out von Horst Krämer heisst es: „Auch fünf Wochen werden bei diesem Versuch der Entspannung nichts bringen. Man wird durch Nichtstun nicht munterer, vor allem wenn einem bei der Rückkehr ins Alltagsleben das Gleiche erwartet, das man bisher schon als energieabsaugend empfunden hat. Die Lösung liegt in Aktivität und im Wechsel von Anspannung und Entspannung…“ Soweit Horst Krämer.

Es geht also um Mikrorhythmen, kleine Wechsel von Ruhe und Anspannung, ganz alltäglich. work-life-balance ist ja auch so ein Modewort, das suggeriert, dass work – also Arbeit – nichts mit dem Leben zu tun habe! Das Gegenteil ist der Fall. Es ist quer durch alle Lebensbereiche im wahrsten Sinne des Wortes not-wendig, Rituale, Hobbys, Aufgaben, Leidenschaften oder was auch immer zu finden, die einem die Möglichkeiten geben, aktiv zu entspannen. Und spielerisch zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Auf der Arbeit. Jenseits der Arbeit. Einen solchen Wechsel kann man übrigens sehr gut bei einer Person beobachten: bei Jesus. Phasen der Anspannung und der Anforderung wechseln ab mit Feiern, Festen, Ruhepausen und Rückzug.  Dieser Mikrorhythmus hat eine geistliche Dimension, die grundlegend ist. Ich kann noch so sehr die Seele in den Mittelpunkt stellen und anspannen und entspannen; wenn meine Seele keine Grundverbindung zu Gott hat und diese genießen kann, werde ich in einem entscheidenden Bereich auf Dauer leer laufen. Und letztlich: Was hätte man davon, wenn man das Leben perfekt ausbalanciert und dennoch die entspannende Perspektive auf eine herrliche Ewigkeit, die bereits hier beginnt, niemals findet? Nichts. Eben. Jesus sagt es so: Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden nimmt.

Ich wünsche Ihnen einen guten und gesegneten Tag. Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Zitat aus Horst Krämer: Soforthilfe bei Stress und Burn-out (Seite 59)

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