Power pur: Für das Lustwandeln als heilsame geistliche Übung

Unterwegs sein. Wozu? Um anzukommen. Ein Ziel zu erreichen. Sich zu trainieren, etwas zu erledigen…

Wenn ich nicht richtig an meinem Herzen bin und innerlich zerrissen, dann bemerke ich am Anfang von Urlauben und an freien Tagen ein spannendes Phänomen: Ich kann nicht mehr lustwandeln. Was ist lustwandeln? Ein herrlich altes Wort für ein gemächliches Herumstreifen in einer schönen Umgebung. Ohne Ziel, einfach nur um seiner selbst Willen. Man entdeckt dieses oder jenes und bleibt stehen. Atmet ein, kostet den Moment aus, verschmilzt mit der Gegenwart

Dagegen ich dann: Verschmelzung mit der Zukunft – was muss ich erreichen, wo muss ich hin? Sind wir bald da? Geht es auch kürzer? Ungeduld, Unruhe… und ich stelle fest, dass diese äußere Unruhe, dieses Zielorientierte, dieses Verzweckte – genau mir und meiner Gottesbeziehung entspricht…

Was ist Spiritualität? Herunterbeten von Listen? Anpacken für Gott? Für manche sicherlich und ich verurteile es nicht, aber kann es sein, dass wir diese guten Dinge nicht zuerst tun sollten? Stattdessen VOR allem und IN allem: Leben und Sein in der Gegenwart Gottes. Herumhängen bei Gott. Ihn genießen. Sich selbst und Ihn und den Nächsten wahrnehmen. Mit Gott unterwegs sein. Nicht verzweckt, nicht zuerst zielorientiert, sondern beziehungsorientiert und ganz in der Gegenwart befindlich…

Als Kind habe ich das perfekt beherrscht. Stundenlang lustzuwandeln. Allein oder mit einem Freund. Ohne Plan durch die Gegend zu streifen und per Zufall schöne Dinge zu entdecken. Als Erwachsener drohe ich es immer wieder zu verlieren. Da geht durch das Erreichen-Müssen EINES Ziels das Entdecken vieler kleiner Perlen am Wegesrandes unter… tragisch…

So kann das Lustwandeln, das zwecklose und ziellose Spazierengehen in schöner Umgebung zur heilsamen geistlichen Übung werden. Wie dann die eigene innere Unruhe hochkocht, wie sich das Lustwandeln reibt an meinem Power-Denken… doch wenn ich dann stehen bleibe, und diese Gedanken langsam zur Ruhe kommen, dann werde ich einen Schatten neben mir sehen. Jesus. Und er wird lächeln. Und sagen: „Du bist so schnell im Leben unterwegs, dass ich gar nicht hinterher komme! Endlich habe ich dich eingeholt!“ Und dann werde ich erneut begreifen, dass der Sinn des Glaubens nicht zuerst(!) im Tun liegt, sondern im Sein. Und dass der beste Weg, Gott zu begegnen, sein kann: langsamer zu gehen!

So wird das Lustwandeln zum anarchischen und subversiven Akt gegen verschiedene Todsünden unserer Gegenwart: Hektik, Gier, Zielorientierung, Verzweckung, Leistungsorientierung.

Und gleichzeitig zum Ursprung einer neuen Spiritualität, die in der Ruhe ihre Heimat hat und aus der Ruhe heraus unser Leben und unsere Umgebung transformiert.

Advertisements