Hart aber fair: Jeder Mensch und seine eigene Moral oder „Muss doch jeder selbst wissen!“

Hart aber fair vor zwei Tagen. Thema: Präimplantationsdiagnostik (PID). Befruchtete Eizellen werden in größeren Mengen erzeugt (vor allem bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch), selektiert und die gesunden eingepflanzt. Sprich: Embryonen werden letztlich versachlicht und aussortiert bzw. gebraucht. Ich urteile hier nicht über verzweifelte Paare, selbst die Bewertung, ob solche befruchteten Eizellen bereits menschliches Leben sind, möchte ich hier außen vorlassen (ich betrachte sie als solches)… es geht um einen Satz

Der klassische Satz, dessen sich die meisten Beteiligten nicht entblödeten, ihn regelmäßig unreflektiert dogmatisch in den Raum zu stellen, lautet: „Aber das muß doch jeder selber entscheiden und da hat keiner rein zu reden!“ (Erst recht nicht die Kirche)

Ok, schauen wir näher hin.

Erst einmal: Mit identischer Argumentation könnte man ungestraft seinen Nachbarn tot schlagen und Häuser anzünden. Nicht? NEIN, sagen dann die Befürworter einer individualistischen Moral: dabei kommen ja andere Menschen zu Schaden! Achja… und Embryonen? Und man selbst? Untersuchungen zeigen die massiven psychischen Verletzungen z.B. bei Frauen, die abgetrieben haben überdeutlich. Und diese sind durch die Liberalisierung der Abtreibungspraxis nicht geringer geworden, können also keine Folge kirchlicher oder gesellschaftliche Repression sein… oder nehmen wir Umweltzerstörung – dabei kommt ja keiner zu Schaden… fröhlich drauf los also? NEIN, sagen sie, das darf man nicht – aber wer bestimmt das? Ein ominöser, schwammiger , gesellschaftlicher Konsens? Und wenn genau dieser Konsens bestimmte, dass es grandios sei, Juden umzubringen?

Moral ist meines Erachtens letztlich immer abgeleitet. Wer allerdings ein naturalistisches, humanistisches Weltbild pflegt, das ohne Gott auskommt, ist als Individuum auf sich selbst geworfen – sofern der Staat keine Regeln vorgibt. Dieses Recht wird aber vom Humanismus, von „Freidenkern“ (bin ich keiner, nur weil ich an Gott glaube? Was ist Freiheit?), FDP-Freaks und anderen lustigen Individual-Gottheiten dem Staat in solchen „persönlichen“ Fragen zunehmend abgesprochen. Also bleibt die individuelle Moral. Erlaubt ist, was nutzt. Und wenn es nutzt, den Nachbarn zu meucheln? Leute, denkt es doch mal zu Ende!! Genau das – zu Ende denken – tu ich gerne bei der PID und mir graut!

Nun könnte man noch von der Ethik des Heilens (alles ist erlaubt, was Menschen heilt) reden und sich fragen: Ist Kinderlosigkeit eine Krankheit? Sind deswegen Behinderte minderwertig? Gibt es ein Recht auf Kind? Ich würde beides verneinen – ich weiß aber natürlich um die individuellen Leidensgeschichten von Paaren in dieser Frage!

Zum Abschluss ein Mini-Ausflug zu Nietzsche und da kommen einem so manche Aussagen bekannt vor…:

Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat in seiner Schrift Also sprach Zarathustra (1883-1885) den Übermenschen als „ethisches“ Ideal vorgestellt – falls man hier überhaupt noch von Ethik sprechen kann. Der Übermensch ist der ungehemmt starke Mensch, der sein Leben voll bejaht und entfalten kann. Dazu sei es nötig, die Engherzigkeit und Selbstbescheidung des Menschen, ja überhaupt die christliche Mitleidsmoral abzulegen. Gut sei alles, was das starke, gesunde, sich entfaltende, pulsierende Leben ermögliche und bejahe. In seiner Schrift Zur Genealogie der Moral (1887) behauptet er, es gebe zwei Formen der Moral: eine Herrenmoral, die die egoistischen und lebensfrohen Instinkte des Menschen bejahe, und eine Sklavenmoral, die lebensverneinende Werte wie Gleichheit, Mitleid, Askese und Frieden vertrete. Letztere sei dekadent. Sie komme aus dem Ressentiment gegen das gesunde Leben.

Na, Prost Mahlzeit. Gott, erbarme dich unser! In einer Welt ohne Mitleid, Gleichheit und Frieden wird es kalt. Sehr kalt. Aber total lustig und gut drauf.

Advertisements