Immer mal wieder: Die Mahner vor dem Zeitgeist und ihre unfrohe Botschaft

Letztens wieder mal gehört: Die Warner vor den ominösen Stimmen des Zeitgeists in der Gemeinde respektive Kirche. Doch was ist damit gemeint?

Zäumen wir das Pferd von hinten auf: Die Frage nach dem Zeitgeist stellt sich für die Bibel nicht. Gott hat immer konkret in die jeweilige Zeit hinein gesprochen, hat dabei Männer und Frauen der jeweiligen Zeit, Bilder und Symbole der jeweiligen Zeit angesprochen und benutzt. Paulus ist den Griechen Grieche geworden, ist den Griechen auf dem Areopag bis zur Schmerzgrenze nahe gekommen, um… die Stimme der frohen Botschaft zur Geltung zu bringen. Martin Luther hat Kneipenlieder umgedichtet und hat uns ins Stammbuch geschrieben, in der Übersetzung der Bibel Alltagssprache zu verwenden (Dem Volk aufs Maul zu schauen – wie schade, dass das die aktuelle Lutherübersetzung nicht tut, sie wird von 80% der Bevölkerung nicht in Gänze verstanden).

Und damit ist eine zweite Stimme am Start, die ungleich wichtiger ist. Gott will gehört werden, wirbt um seine Menschen, mahnt, lockt, liebt. Wenn er die jeweilige Zeit kritisiert, dann deswegen, weil leere Religiosität oder Ungerechtigkeit gegenüber den Armen die frohe Botschaft hindert. Ansonsten: Sprache, Musik, Form… all das ist frei zu wählen, wenn es die Herzen der Menschen erreicht und es erreicht die Herzen nicht, wenn es nicht in der Kultur der Zeit verankert ist.

Einfaches Beispiel: Musik. Moderne Musik ist eminent wichtig für die Weitergabe der frohen Botschaft! Aber auch alte Choräle erreichen das Herz – wenn es vorbereitet ist! Und vielleicht sollte man sie sprachlich behutsam und ohne Sinnentstellung modernisieren… gerade die Postmoderne lässt den spielerischen Umgang mit alt und neu viel leichter zu als die fortschrittsgläubige Moderne…

Ich sehe Jesus vor mir. Hat er ethische Kompromisse gemacht und dem Zeitgeist gefrönt? Das ist eine Frage der Perspektive – die uns demütig machen sollte und nachdenklich. In den Augen der Pharisäer sicherlich und andauernd. Essen mit Prostituierten und Sündern. Frauen in der Gefolgschaft, gar als Freundin (Maria und Martha). Ein Rabbi, der die verfassten Berufungsregeln in die Nachfolge auf den Kopf stellte… der sogar Worte des Alten Bundes verschärfte, relativierte, korrigierte und zur Geltung brachte… die Pharisäer haben: „Zeitgeist! Zeitgeist!“ gerufen. Da bin ich sicher!

Und so werden es auch die Pharisäer heute tun. Sind deswegen Formen nebensächlich und ist der Zeitgeist gut? Nein! Formen drücken Inhalte aus und müssen zur frohen Botschaft passen (nicht zu irgendwelchen abgeleiteten Gesetzen!). Wenn Gottesdienst zum reinen und sinnentleerten Entertainment wird, dann hat die Form massive Auswirkungen auf die Botschaft. Menschen in ihrer ethisch-moralischen Verfehlung laufen zu lassen und nicht liebevoll(!) zu konfrontieren, ist eben keine frohe Botschaft in Spannung gelebt und ausgehalten und gemeinsames Unterwegssein – sondern Gleichgültigkeit.

Und der Zeitgeist der aktuellen Zeit ist genauso verkommen und antichristlich wie der Zeitgeist der 50er Jahre und der Zeitgeist der wilhelminischen Zeit und der Zeitgeist… keiner war besser, keiner war schlechter. Ein besserer Zeitgeist – das widerspräche der biblischen Botschaft!

Und? Was ist der Maßstab? Die frohe Botschaft! Wird diese unverwässert, profiliert, pointiert weitergegeben und gelebt!? Nicht Gesetze! Nicht Moral! Sondern die befreite Beziehung zu Gott durch seinen Sohn und in der Kraft des Geistes. Andere Gesetze gelten für Christen nicht mehr – sie sind in diesem Beziehungsgebot zusammen gefasst. Fragen:Werden Menschen auf der Suche nach Gott ohne Vorbedingungen und notwendige Anpassung an christliche Subkultur aufgenommen und angenommen, wie Jesus es tat? Halten wir als Gemeinden diese Spannung aus? Menschen in Liebe und Sanftmut zu sagen, dass ihr Weg von Gott weg führt – und sie trotzdem anzunehmen und mit ihnen unterwegs zu sein? Hat Jesus der Frau am Jakobsbrunnen zuerst Vorwürfe gemacht? Erstens: nicht zuerst. Zweitens: Vorwürfe und Anklage schon gar nicht. Er hat die Verwundung hinter der Schuld angerührt – und danach sehne ich mich.

An einer solchen Sicht auf den Glauben und dem Leben in der Welt mit ihrem Zeitgeist wird sich die Lebendigkeit von Gemeinde entscheiden und ich bin dankbar in einer solchen Gemeinde zu leben. An dieser Sicht wird sich aber auch dein persönliches Glaubensleben entscheiden…

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