Nicht am Ar… vorbei, sondern direkt ins Herz hinein. Wie uns das Evangelium wieder berühren kann (Teil 1)

Das Evangelium berührt uns nicht mehr. Das beschäftigt mich – und meine Wut und Trauer darüber habe ich in diesem Artikel ausgerückt. Nun geht es an die Analyse und den Weg heraus aus der Apathie… hinein in das Abenteuerland des Glaubens, das uns leidenschaftlich mitreißt und zu Tränen rührt…

Ich möchte an den kommenden Tagen je eine Ursache für Abgebrühtheit untersuchen und den heilsamen Gegenpol beschreiben. So entsteht eine Spiritualität des Berührtwerdens. Des weichen Herzens. Der echten (nicht vermeintlichen) Stärke… dabei kann man genau das nicht machen! Aber man kann den Boden bereiten, Blockaden aus dem Wege räumen, sich empfangsbereit machen… die Berührung – schenkt Gott.

Wenn uns das Evangelium erreichen soll, so müssen wir bei den Blättern des Glaubens anfangen. Und zu den Wurzeln vorstoßen. Beides ist notwendig. Licht über die Blätter aufnehmen – Nährstoffe aus dem Boden aufsaugen. Nur so geschieht Wachstum – aber genauso wird es auch verhindert, wenn z.B. die Blätter eingerollt sind, krank und befallen sind, abgefallen gar… wenn die Wurzeln faul sind… ich greife dabei zuerst ein Thema auf, das ich bereits im letzten Blog-Post angefangen hatte… Gebet. (Das Baum-Bild werde ich beim nächsten Post vertiefen…)

1) Gebet, pervertiert als fromme Leistung — Gebet als SEIN, als heilsame Haltung

Gebet ist so ein Blatt, das die strahlende, helle Wärme des Evangeliums empfängt. Es ist vermeintlich eine Tat – ich bete – ich entscheide mich zu beten. Ich tue etwas. Doch genau da ist das Mißverständnis. Und das wird durch das funktionale Denken des Westens gestützt. Leiste(!) Fürbitte, Dankopfer, Anbetung! Gebetskampf(!). Die Pflicht(!) des Gebets. Investiere(!) ins Gebet! Solche Aufforderungen kommen gut an im preußisch geprägten Deutschland! Und sie nähren unseren Stolz, denn dann können wir ja etwas machen!

Das ist die Sprache des Leistungsdenkens. Das ist eine faule Wurzel des Baumes. Das kennen wir, daraus springen wir an. Aber es ist der Tod des Gebets.

Es gibt keinen Zwang, kein „Muss“, kein „leisten“ im Gebet. Wenn ich einen Abend mit einem Freund verbringen „muss“ – dann ist bereits das Kind in den Brunnen gefallen. Es mag ein Kampf sein, sich den Abend zu frei zu nehmen (siehe geistlicher Kampf ums Gebet), aber die Sehnsucht nach Begegnung ist da und entscheidend!

Gebet ist zweckfreier, aber wahrlich nicht sinnloser Raum! Es ist Ausdruck der Liebe zwischen Vater und Kind. Immer. Zuerst. Und dann… dürfen wir hören, bitten, loben, preisen… Wenn aber das richtige hören, bitten, loben, preisen zur Voraussetzung für die Begegnung wird – dann wird es schief.

Leistungsdenken ist immer, immer, immer der Tod des Evangeliums. Es durchtrennt die Wurzel der unbedingten Gnade und des Angenommenseins ohne jede Leistung. Selbst die Heiligung ist nicht unsere Leistung – aber das ist ein eigenes Thema…

Als Jesus das Vaterunser vermittelte, dann wollte er es nicht nachgeplappert wissen, dann gab er uns ein großes, weites Bild des Gebets. Was alles sein kann im Gebet. Und es fängt an mit: Papa! Vater! Mit der Intimität, der Existenz, dem Sein als Gotteskind im Verhältnis zum Vater. Da fängt es an und wenn es da nicht anfängt, dann ist es falsch eingetütet! Dann geht es weiter mit Phantasie, mit Träumen, mit Sehnsucht nach seinem Reich, dass es in meinem Leben Raum gewinnt und im Leben um mich herum in dieser Welt… und irgendwann geht es dann auch um Bitten…

Gebet ist immer zuerst Sein und innere Herzenshaltung. Still werden in Gott. Ruhen in ihm. Gefüllt werden. Lieben und sich lieben lassen. Wenn du diesen Zustand, diesen Teils des Gebets nicht erleben kannst, dann verweigere dich dem Rest. Hör auf, fromme Leistungen ins Gebet zu bringen. Es ist – ich sage das in aller Radikalität – unsinnig. Eine funktionale leistungsbezogene Form des Gebets macht nur eins: Es immunisiert dich gegen das Gebet, so wie Gott es sich ersehnt.

Strecke dich aus nach der Beziehung, nach dem Herzen Gottes. Dabei kann es nicht darum gehen, Gott als fluffigweiche Wellness für die Seele zu missbrauchen – es geht um eine echte, leidenschaftliche, manchmal schmerzhafte, aber immer dynamische Beziehung zum Vater, zum Schöpfer des Universums. Das ist kein Bauchkraulen – kann es aber durchaus auch mal sein. Aber es ist: SEIN – nicht TUN. Verweigere dich dem Leistungsdenken im Gebet. Suche die Gegenwart Gottes. Bitte IHN um brennende Sehnsucht nach Begegnung mit IHM…

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