Von der Sklaverei der Zeit – und der Gelassenheit der Ewigkeit (Aktueller Artikel aus „Christseinheute“)

„This is your life and it‘s ending one minute at a time!“ – „Dies ist dein Leben. Und es verrinnt mit jeder Minute!“ (aus dem Film „Fight Club“)

Ich habe es gerade ziemlich satt. Es ist Mitte November, ich sitze am Schreibtisch und plötzlich schnurrt das letzte Jahr auf einen winzigen Punkt zusammen. Wie gestern erscheinen mir vergangene Ereignisse, zum Beispiel meine Kur im November 2010, eine Taufe im Frühjahr dieses Jahres. 2011 – war da was? Ja, unheimlich viel. Aber die Zeit ist verflogen wie im Rausch – und jedes Jahr scheint sich dieser Eindruck zu verfestigen, ja, zu beschleunigen. Unbarmherzig rast die Zeit vorbei, der Grube entgegen.

Ich schaue weiter. Auf die Jahreswende. Wie wird 2012, was soll ich mir vornehmen, was planen, was offen lassen? Der Zeitplan füllt sich, die Frage kommt hoch: Was soll ich tun? Was soll ich lassen? Bei einer begrenzten Lebenszeit eine berechtigte Frage. Sollen wir nicht „die Zeit gut auskaufen“? Effektiv nutzen? Frust macht sich breit. Ich fühle mich getrieben. Das nächste Jahr wird spannend – doch nicht auch wieder genauso schnell, gefüllt, getrieben?

Carpe Diem, das heißt auf lateinisch: Pflücke den Tag. Ganz Mutige sagen dazu: Carpe diem et noctem – und nehmen so die Nacht noch dazu. Und das klingt so gut. Intensiv leben, gegenwärtig, gefüllt, leidenschaftlich. Auch der Satz, der über diesem Artikel steht, passt dazu. Du hast nur ein Leben – lebe es intensiv, vertrödele nicht die Zeit, lass dich nicht verbiegen und fremdbestimmen. Lebe! Da ist ja auch etwas Wahres dran. Aber es macht gleichzeitig Leistungsdruck. Lebe richtig, mit der richtigen Haltung, sei intensiv in deinen Erfahrungen, koste alles aus!

Was ist in einem solchen Lebensmodell mit Muße? Langeweile? Leerstellen im Leben? Und bei uns Christen? Ist es da besser? Wenn bereits jetzt die Gemeindeagenda von 2013 gefüllt wird. Mitarbeiter müde werden und sich Auszeiten nehmen müssen? Wenn – mal ganz selbstkritisch gefragt – ich als Pastor nicht unter 60 Stunden weg komme? Wenn Stille, Einkehr, Fokussierung auf eine „zweckfreie“ Beschäftigung wie Beten und Bibellesen fast schon zur Zumutung wird. Zum Luxus. Den man dann doch nicht so recht genießen kann, weil die inneren Uhren schneller ticken, es verlernt haben, in der globalisierten Dauer-Erreichbarkeit inne zu halten…

Anhalten…

Stop.

Lesen Sie jetzt nicht schnell weiter.

Abbremsen. Langsamer Werden. Anhalten. Stille.

Halten Sie bitte inne und reflektieren Sie ihr Leben in Bezug auf diese Eindrücke. Sind Sie getrieben oder berufen? Gestaltet das Leben Sie oder gestalten Sie das Leben? Kennen Sie Druck, Enge, das Diktat des Effzienzdenkens in Ihrem Leben? Wie fühlt sich das an? Macht Sie das zufrieden?

Lesen Sie diese Fragen und dann nehmen Sie wahr. Horchen hinein in das Herz, die Seele, den Körper. Sprechen Sie mit Jesus darüber.

Und dann zum zweiten Mal: stop!

So muss es nicht weiter gehen. Gott bietet eine echte Alternative an. Aber diese Alternative ist nicht leicht zu leben. Und doch ist Umdenken und Um-leben möglich. Wir müssten nur biblischer werden.

Chronische Zeiterfahrung

Die Bibel kennt drei verschiedene Zeitbegriffe und greift diese mit den griechischen Worten „chronos“, „kairos“ und „aion“ auf. Begriffe, die aus der griechischen Mythologie stammen.

Da ist chronos. Der Namenspate ist der griechische Gott Chronos, er gilt als der unbarmherzige Vater der Zeit, mit einer Sichel ausgestattet. Er ist der Sohn von Himmel (uranos) und Erde (gaia). Diese drei lebten in ständiger Rivalität miteinander. Gaia hatte schließlich ihrem Sohn Chronos die Sichel gegeben, damit er seinen Vater damit kastriere. Seitdem fürchtet auch Chronos seine eigenen Nachkommen – und um einem ähnlichen Schicksal wie sein Vater Uranos zu entgehen, verschlang er vorsichtshalber seine Kinder. Chronos steht in diesem Mythos für die messbare Zeit, die in einem gleichförmigen, linearen Rhythmus verläuft und der eine zerstörerische, auffressende Qualität zukommt. „Chronisch“ hat für uns deutlich den Klang des Unentrinnbaren, Bedrohlichen.

Chronos. Das ist unsere Zeit. Die uns versklavt. Verena Kast bezeichnet den heutigen gesellschaftlichen Umgang mit Zeit als „submanisch“. Das klingt nicht nur ein bisschen krank – das ist es. 19-Stunden-Tage, ständiges Bäume ausreißen, gut drauf sein, Zeit füllen, etwas schaffen, vollbringen, Tag für Tag … das ist die Zeitvorstellung unserer Gesellschaft, und so kann man Karriere machen.

Es fällt nicht schwer, das biblische Gegenmodell zu sehen. Jesus, der nicht in dieser Linearität aufgeht, sondern rhythmisch lebt. Hart arbeitet, sich an Menschen hingibt, um sich dann auf langen Wanderungen, Mahlgemeinschaften, Feiern oder bei Rückzug in die Einsamkeit zu erholen. Dort ist der Mittelpunkt. In Begegnungen mit dem Vater und mit seinen Jüngern. Diese dienen nicht der notwendigen Erholung, sondern bilden die Basis, das Rückgrat, das Eigentliche. Jesus vermittelt uns deutlich das Bild, dass Glaube und Nachfolge Jesu nicht die Tankstelle des sonstigen Lebens ist (das wäre Religion) – sondern das Auto, in dem wir fahren. Das Land, das wir erfahren. Das Ziel, das wir ansteuern. Das ist die frohe Botschaft, dass Religion mit Jesus Christus endet und mitten im Alltag Nachfolge und Gotteserfahrung möglich werden.

Jesus lebt im chronos – und trotzdem bricht er ihn systematisch. Er kommt bewusst zu spät (nach herkömmlichen chronos-Vorstellungen), um dem sterbenskranken Lazarus zu helfen. Er bestimmt sehr bewusst, wann die Zeit gekommen ist, um zu wirken und weist (z.B. gegenüber seiner Mutter) jede Form von chronos-Druck zurück! Wenn die Häscher versuchen, Jesus zu erwischen und meinen, seine Zeit sei gekommen – so gilt das für Jesus noch lange nicht. Er geht durch sie hindurch in einer fast schon provozierenden Gelassenheit. Jesus geht nicht in seiner Zeit auf, sondern gestaltet sie auf ungewöhnliche Weise. Geprägt von Rhythmen, von ewigen Zielen, von göttlichen Momenten, an denen etwas einfach „dran“ ist. Und damit kommt „kairos“ in den Blick…

Kairos – die erfüllte Zeit und der richtige Augenblick

Den Gott Kairos stellte man sich als jungen Menschen vor, mit Stirnlocke und kurz geschorenem Hinterkopf. So huscht er an den Menschen vorbei, aber manchen ist es möglich, ihn am Schopf zu packen. Das geht aber nur, wenn man ihn kommen sieht. Er ist der Gott des rechten Augenblicks, der Zeitwende. Bei Jesus wird dieser Begriff noch anders gefüllt: als göttlicher Zeitpunkt, rechte Zeit, erfüllte Zeit. „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“ (Galater 4,4) – der kairos steht über dem Leben Jesu. Wenn wir also diesem Jesus nachfolgen wollen, sollte der Begriff des kairos mehr in unseren Lebensmittelpunkt rücken und von dort her das Leben prägen.

Jesus redet, was er beim Vater sieht (Johannes 8,38). Er tut, was er seinen Vater tun sieht (Johannes 5,19). Jesus lebt im kairos – sein Leben besteht aus heiligen Rhythmen, es ist erfüllt von kleinen und großen göttlichen, erfüllten Momenten. Jesu Verbindung zum Vater ist so eng, dass er ihn handeln sieht und in dieses Werk nur noch einzustimmen braucht. Nicht anders ist es bei uns. Die guten Werke, die wir tun sollen (täglich, stündlich) sind bereits vorbereitet, damit wir sie ausfüllen und ausführen (Epheser 2,10). Das ist keine Möglichkeit – es ist die Bestimmung jedes Kindes Gottes, denn wir sind immerhin „sein Werk“! Dazu bestimmt!

Ich atme auf, wenn ich Jesus beobachte und davon träume, wie ein Leben aussähe, dass nicht getrieben ist von Chronizität, sondern von den göttlichen, erfüllten Zeitpunkten im Kleinen wie im Großen. Das mag sich erst bedrohlich anfühlen, denn das Leben im chronos verspricht vermeintliche Kontrolle, Effizienz, Leistung. Dagegen erscheint kairos nicht machbar, nicht verfügbar, man kann den Moment nicht festhalten – nur entdecken, leben und hinterher hoffentlich feiern und genießen. Denn nichts ist erfüllender für einen Menschen, als das zu tun, was Gott vorbereitet hat. Und damit sind, wenn ich Jesus beobachte, gar nicht nur die großen Werke gemeint, die großen Reden und Wunder. Jesu Alltag ist geradezu aufgeladen, er flimmert in der Hitze der kairos-Momente! Ob er einer Frau am Jakobsbrunnen begegnet – kairos-Moment! Ob er einen auf dem Baum sitzenden Zöllner in all den Menschenmassen wahrnimmt und ihn herauspickt – kairos-Moment!

Doch wie kann das gelingen, aus dem chronos zwar nicht auszusteigen (das erlaubt unsere Welt nur bedingt und wir sind auf lineare Abläufe praktisch angewiesen!), aber durch den Fokus auf den kairos im Alltag eine ganz andere Sicht, ja, eine andere Lebensqualität zu bekommen?

Wege zum kairos

Paulus irrt durch Kleinasien. Nicht weil er verwirrt ist – sondern weil er auf den kairos-Moment wartet. Er wartet aber nicht auf dem Sofa mit der Chipstüte auf dem Bauch, er bleibt in Bewegung. Harrend. Das ist der biblische Begriff. Aktives, dynamisches Warten auf den Moment Gottes. Wer kairos (er-)leben möchte, kommt um Geduld nicht herum. Dabei ist dies eine innere Haltung, eine gespannte Aufmerksamkeit des Herzens. Das ständige Gebet „Herr, zeige mir deinen Moment, deinen Willen, deinen Weg!“. Das Hinhören auf die Antwort.

Eng verbunden mit dieser harrenden Haltung, die den modernen, vom Multitasking geschredderten Menschen vor eine echte, abenteuerliche Herausforderung stellt, ist das Hören auf den Geist. Paulus folgt dem Drängen und Hindern des Geistes. Tag für Tag. Im Gebet und immer mehr auch alltäglich als Grundrauschen auf Gott zu hören, seinen Geist, dieses leise Sprechen wahrzunehmen – das ist die notwendige Übung und leider in weiten Teilen der Christenheit kaum praktiziert. Gut, es gibt Highlights – aber das Hören auf den Geist als alltägliche Normalität? Da müssen wir hin, wenn wir Gott sehen wollen, was er tut, damit wir es tun. Wie Jesus. Ihm folgen wir nach. Darunter sollten wir es nicht machen.

Still werden. Spannungen aushalten. Harren. Den gegenwärtigen Moment wahrnehmen. Die Umstände, die Menschen. Den Geist. Hören, wahrnehmen lernen. Und schließlich: gehorchen. Eigene Pläne über Bord werfen und Gottes kairos-Momente ausfüllen. So wird der kairos Raum gewinnen in unserem Leben. Ganz gegenwärtig leben, wachsam für das, was Gott gerade „jetzt“ machen will.

Machen können wir das nicht. Nur die Welle können wir kommen sehen lernen und dann reiten. Wenn wir das mehr und mehr lernen, wenn wir im Leben von den kairos-Momenten bestimmt werden, dann wird die Zeit rhythmisch, verlangsamt sich, beschleunigt sich, wird zweckdienlich, zweckfrei, spielerisch, ernst, anstrengend, leicht … alles nach Gottes Willen. Wir, seine Kinder, dürfen uns diesem göttlichen Strom hingeben. Unsere Aufgabe ist nur: Raum schaffen, damit kairos dominanter werden kann im privaten wie im gemeindlichen Leben.

Die Klammer fällt weg: Die Ewigkeit, aion, im Herzen

Wenn wir mit kairos-Momenten als Zentrum unser Leben gestalten, tun wir damit nichts anderes als das, was wir auch in der Ewigkeit tun werden. Gottes Willen ausfüllen. Er wird uns nicht überfordern, nicht auslaugen und es gibt keine größere „Effzienz“ als die Erfüllung von Gottes Willen. Auch wenn es gerade überhaupt nicht effzient nach menschlichen Maßstäben scheint, was man da tut oder eben nicht tut. Aber muss man nicht etwas schaffen? Erledigen? Machen? Für Gott? Sollten wir ihm nicht möglichst ähnlich werden zu Lebzeiten?

Das sind ehrenwerte Sehnsüchte – die doch unserem Leistungsdenken entspringen können und vor allem, mehr als uns lieb sein kann, einem Denken in der Christenheit, das die Ewigkeit vergessen hat. Das „carpe diem“, das Hineinquetschen von intensiven Erfahrungen in die begrenzte Zeit, hat seine Ursache ja vor allemin dem engen Korsett um unser Leben, das von Geburt auf der einen und Tod auf der anderen Seite festgezurrt wird. Das ist der eng begrenzte Zeitraum, der den meisten Menschen die Luft und die Freiheit zum Leben abschnürt und die Notwendigkeit erzeugt, möglichst viel in diesen Zeitraum hineinzupressen. Wenn wir aber nun Jesus Christus nachfolgen, der vor aller Zeit war, und der in alle Zeit sein wird, dann hat das Konsequenzen!

Wir Menschen sind dazu bestimmt, mit der Ewigkeit im Herzen gelassen zu leben. Gott hat diese Sehnsucht, hat die Ewigkeit selbst in unser Herz gelegt (Prediger 3,10). Wer diese Ewigkeit nicht lebt, lebt nicht schöpfungsgemäß und brennt aus. Die unbarmherzige Klammer aus Geburt und Tod erzeugt einen dauerhaften Druck. Lösen wir diese Klammer, können wir aufatmen und den Mut finden, zu warten, zu harren, nicht alles zu machen und erreichen zu wollen.

Aus der Arbeitswelt kennt man diesen Effekt: Zwinge einen Arbeitnehmer zu längeren Arbeitszeiten, erhöhe den Druck – wird er deswegen effektiver arbeiten? Mehr schaffen? Das ist eine Illusion. Und wenn er kurzfristig mehr schafft, wird sich das langfristig rächen. Nicht anders ist es im Leben. Nimm den Druck, löse die Fesseln des Todes, atme auf. Und wo nun vermeintlich Schlendrian entstehen könnte („Ist ja eh bald Ewigkeit“), da entsteht der Freiraum, das zu tun, was wichtig ist und nicht das, was man machen „muss“ und was dringend ist! Mit Mut zur Lücke. Zur Muße.

Wie kann man in eine innere Haltung der Ewigkeit hineinwachsen? Zuerst: Sie ist ja bereits in unser Herz gelegt. Ewigkeit ist Realität, und nach jüdischem Verständnis beginnt sie nicht erst nach dem Tod, sondern hier und jetzt (genau wie die Hölle). Wir leben zwar in der Welt, aber sind nicht von ihr – wir sind bereits Bewohner und Mitgestalter des Reiches Gottes. Es gilt also etwas zu verlernen – den Wunsch, möglichst viel machen zu wollen, und etwas zu erlernen – der Ewigkeit Raum zu geben. Mir hilft dabei regelmäßig eine Frage: „Was hat diese Sache, dieses Problem für eine Bedeutung im Licht der Ewigkeit? In 10 Jahren? In 100 Jahren?“ Das relativiert manches. Und dann kann man sich immer noch dafür entscheiden, aber diesmal aus freien Stücken.

Letztlich wird die Ewigkeit in uns Raum gewinnen, wenn wir auf den schauen, der dort ist und doch genauso hier und jetzt bei dir und neben dir: Jesus Christus. Wer ihm nachfolgt und nicht nur theoretisch glaubt, sondern praktisch vertraut – der wächst hinein in dieses fruchtbare Spannungsfeld aus chronos, kairos und aion. Getragen, gelassen und göttlich effzient. Das wünsche ich mir für 2012.

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