Ein Kampf der Gegenwart: Ritalin-Evangelium vs. Nachfolge Christi

(Eine Vorbemerkung aufgrund teilweise heftiger und sicherlich hier und da verständlicher Reaktionen. Über das Thema Ritalin wird überall kontrovers diskutiert – zuletzt äußerst kritisch in der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung – nicht gerade ein Hetzblatt. Aber auch Winterhoff und andere fragen zurecht, wo denn plötzlich die ganzen Kinder mit ADHS herkommen und wo sie vorher waren? Warum wird ein Medikament mit jährlich immensen Steigerungsraten verkauft und verschrieben? Ist das Zufall? Dabei ist das Ganze nicht gegen Eltern gerichtet, die hilflos und voller Schmerzen ihr Kind sehen und sich nicht anders zu helfen wissen. Meine Kritik richtet sich nicht gegen Eltern – sondern gegen eine „Krankheit“, die aus dem Nichts kam und mit der Milliarden verdient werden und Kinder meines Erachtens und meiner Erfahrung nach gedämpft werden. Sie richtet sich gegen eine innere erwünschte Haltung, die dahinter steht. Gegen eine Gesellschaft und Industrie, die mit massivem Leistungsdruck und Funktionieren-müssen Eltern unter Druck setzt! Es geht nicht gegen die Eltern – sondern um die dahinter stehenden Lobby. Ich habe auch geschrieben, dass eine Medikation ein einzelnen Fällen sicherlich sinnvoll sein kann – ich bitte diesen Satz zu respektieren. Meines Erachtens wird aber – und das sage ich als Vater eines äußerst fordernden, wenn auch sehr süßen Jungen – zu wenig gefragt, was denn die Ursachen dieser „Störung“ sind, wie Ernährung, Lebensstil, Medien etc. das Verhalten beeinflussen… hier machen Therapeuten durchaus gute Erfahrungen. Also noch einmal: mir ging es nicht um eine Abwertung oder gar Beschimpfung der Eltern – mir ging es um das Gedankengebäude dahinter und das macht mich wütend und findet sich so auch im Druck gegen jede Form vermeintlich nicht „funktionierenden“ Lebens – sei es bei Kindern, Behinderten, Ü50-ern oder Alten)

Ich habe bewusst vermieden, einen reißerischen oder wie auch immer gearteten Begriff als Gegenpol zum „Ritalin-Evangelium“ zu definieren (falls es den Begriff Ritalin-Evangelium noch nicht gibt, schütze ich ihn hiermit…;-). Denn das ist genau das Großartige an der Nachfolge Christi – sie ist nicht in Schablonen und Modelle zu pressen. Und bevor ich lange herum philosophiere … beschreibe ich einfach den Gegensatz…

Ritalin – das mag in einzelnen Fällen ein sinnvolles Medikament sein. Aber in vielen Fällen ist es ein Mittel, um lebendige (meist) Jungs ruhig zu stellen und den Anforderungen der Gesellschaft anzupassen… Funktionieren ist angesagt. Ritalin bekämpft Symptome… nicht Ursachen. Ritalin ist von Anfang an gepusht von Pharma-Riesen und ein ebensolches Riesengeschäft. Ritalin macht mich wütend. Und traurig. Hauptsache Menschen funktionieren reibungslos im Leistungsschema unserer idiotischen und längst vor die Wand gelaufenen Gesellschaft des unbedingten Wachstums. Als wenn Wachstum ein Wert an sich wäre. Auch Krebs wächst…

Christliche Gemeinden, ja einzelne Christen laufen in dieselbe Gefahr. Meist sind säkulare Phänomene auch in irgendeiner Form in der christlichen Subkultur abgebildet… ist ja auch klar. Glaube hat hoffentlich mit dem Leben zu tun. Meist befürchte ich beeinflusst aber das Leben mehr den Glauben… als umgekehrt… also: Ohne Rücksicht auf Verluste, aus dem Bauch heraus, brainstorming-mäßig: Ritalin-Evangelium in Stichworten:

  • Stillhalten ist wichtig, aus dem Rahmen fallen und anecken nicht erwünscht
  • Der höchste Maßstab ist das Funktionieren – nicht die Beziehung
  • Individualität – auch sperrige – muss sich dem wünschenswerten Ideal anpassen
  • Glaube wird als Pille betrachtet, mit der man sein Leben besser in den Griff bekommt und vermeintlich das „Leben genießen“ kann
  • Wildheit und Wagnis, Ausprobieren, Fallen und Wiederaufstehen wird nicht gefördert – sondern eher verurteilt
  • Schwankungen im Empfinden und Leben sind nicht erwünscht – Gleichmäßigkeit, Stoizismus, Gedämpftheit wünschenswerter
  • Es gibt keinen akzeptierten Umgang mit Aggression. Coolness und Beherrschtheit sind erwünscht.

Wie anders sieht Nachfolge Jesu eigentlich aus…

  • Wild und sanft,
  • laut und still
  • Freiheit in Abhängigkeit,
  • frei und unkonventionell in Gedanken und im Handeln,
  • Tränen und Lachen, Trauern und Feiern
  • Abenteuer nach innen und nach außen
  • Zuhören können und zart still halten – aber genauso brüllen: vor Freude und wenn es dran ist: vor Wut
  • keine Sicherheit kennen außer einer: Jesus Christus
  • Kontrolle abgeben
  • Beziehungen leben und dem Funktionieren vorordnen
  • und vieles vieles mehr…

Nachfolge Christi ist anstrengender, aufregender, es geschehen mehr „Fehler“, es ist unsicherer und gleichzeitig viel sicherer… ich sehne mich danach! Nie, nie, nie mehr Ritalin (Kraftklub). 

Zum vorläufigen Schluß ein Gedicht, das ich in einem kritischen Artikel über Ritalin in der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung gefunden habe und das mich bewegt…:

„Mit dem Kopf sagt er nein
Aber mit dem Herzen sagt er ja
Er sagt ja zu allem was er mag
Er sagt nein zum Lehrer
Er steht da
Er wird geprüft
Und alle Aufgaben sind gestellt
Plötzlich ergreift ihn ein irres Lachen
Er wischt alles aus
Die Ziffern und die Wörter
Die Daten und die Namen
Die Lehrsätze und die Fangfragen
Und trotz der Drohungen des Lehrers
Verspottet von den Wunderkindern
Nimmt er alle bunten Kreiden
Auf der schwarzen Unglückstafel
Malt er das Gesicht des Glücks.“

(Jacques Prévert)

Advertisements

Eine Antwort zu “Ein Kampf der Gegenwart: Ritalin-Evangelium vs. Nachfolge Christi

  1. Pingback: Ein Kampf der Gegenwart: Ritalin-Evangelium vs. Nachfolge Christi | Bibelkreis München·

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.