Dein Herz – und seine offenen Ohren (Meditation 1)

heart-200815_640Dein Herz ist zentral – aber gespalten

Wenn du dem Herzen Jesu begegnen willst, geschieht das über dein Herz. Die Bibel spricht von „Ohren des Herzens“, die wahrhaftig hören und nicht nur akustisch wahrnehmen. Dabei meint Herz ursprünglich im Hebräischen Wesenskern. Verstand, Wille, Gefühl. Die Ganzheit des Wesens im seelischen Bereich. In unserer Kultur ist das Herz in seiner Gefühlskomponente in Verruf geraten. „Ich denke also bin ich“ – das ist der Glaubenssatz unserer Kultur seit Jahrhunderten. Dies hat einerseits zu einem Intellektualismus geführt, der den Verstand überbetont und überfordert. Auf der anderen Seite steht eine Überbetonung des Gefühls, die aber als Gegenbewegung nur bestätigt, dass es zu einer ungesunden Aufspaltung zwischen Verstand und Gefühl gekommen ist und wir uns nach Ganzheit sehnen. Das Herz als Zentrum des Erkennens und Heilens, als Ort der Begegnung mit Vater Gott, dieses Herz ist gespalten. Verstand und Gefühl gehen vollkommen verschiedene Wege des Erkennens und beide sind nötig – Hand in Hand – damit wir heilen und reifen. Der Verstand versteht – das Herz (ab hier im Sinne von Gefühl, Phantasie, Empfindung gebraucht) erkennt und erlebt. Erst diese Herzensebene verwurzelt unser Verständnis. Ein Glaube ohne Erfahrung ist tote Orthodoxie. Ein Erleben ohne Verständnis wird beliebig und angreifbar für Manipulationen der sichtbaren und unsichtbaren Welt.

Dein Herz ist manipulierbar geworden

Im Laufe der letzten Jahrhunderte ist gegenüber dem Herzen als Organ tiefster Empfindungen großes Misstrauen entstanden. Die gegenwärtige manchmal kopflose Gefühlsduselei scheint das zu bestätigen und vertieft somit die Trennung zwischen Kopf und Herz. Kann es sein, dass wir auch deswegen so anfällig für Manipulationen jedweder Art sind, weil wir unser Herz nicht mehr auf Gott ausgerichtet haben und die Ohren des Herzens ungeschult sind? Wenn sich die Ohren des Herzens nicht mehr auf Gottes Gegenwart und Reden einstellen können, sind sie geöffnet für alles was kommt. Wir sind wie ein Radioempfänger, der sich für alle Frequenzen gleichzeitig öffnet, anstatt eingestellt zu sein auf die Frequenz Gottes. So werden wir überflutet – anstatt gefüllt zu werden. Wir werden gestopft – anstatt genährt. Doch dieser Prozess ist nicht unumkehrbar. Gott selbst hat uns alle Hinweise gegeben, wie unser Herz wieder zum Vaterherz kommen kann. Er ist Fachmann aus schmerzhafter Erfahrung mit unserem gespaltenen Herzen. Oft genug hat sich das Herz seines Volkes abgewendet und anderen Verlockungen zugewendet. Immer wieder wurde der schnelle Herzenskick der Götzen der tiefen, erfüllenden, aber auch radikal authentischen Begegnung mit dem Herzen Gottes vorgezogen. Der Weg zurück zur Begegnung unseres Herzens mit dem Vaterherzen, das dort in Jesus am Kreuz zu finden ist, dieser Weg ist offen. Immer noch. Doch Vorsicht: Es ist ein Weg der offenen Rebellion gegen alle anderen Herzensfüller. Aber auch ein Weg gegen tief verankerte falsche Theologie…

Dein Herz ist gut

Denn die Kopfbetonung des Glaubens ist längst in unsere DNA übergegangen. Wir lesen die Bibel als Informationsquelle (und nicht mit Ohren des Herzens), wir wissen viel über Gott, aber es sind Worte. Nur selten gefüllt mit Erfahrungen. Diese sind dann Highlights, die wir reproduzieren wollen – und damit genau echtes gegenwärtiges Erleben Gottes verhindern. Dazu kommt, dass auch theologisch lange Misstrauen gegen das Herz gesät wurde. Es ist unergründlich (was unserem Kontrollbedürfnis zuwiderläuft). Es ist böse von Anfang an. Was musste sich das Herz alles anhören? Klar ist: Wir tragen in unserem Herzen ein altes, falsches Selbst. Dieses Selbst ist losgelöst von Gott, verwundet vom Leben, verkrümmt vor Schmerzen. Doch das Herz immer noch so zu betrachten – das bedeutete, das Kreuz zu leugnen. Denn Gott hat uns so sehr geliebt, dass er das steinerne Herz entnommen und ein neues Herz implantiert hat. Ein neues, richtiges Selbst ist entstanden. Und genau wie das falsche Selbst Gefühl und Verstand umfasst, so wird auch das neue Selbst diese beiden in göttlichen Dienst nehmen. Viel zu oft wird so getan, als sei Gefühl „fleischlich“ und „alte Natur“ – und der Verstand nicht! Das ist biblisch unkorrekt. Beides ist Teil des falschen wie des richtigen Selbst. Beides kann rebellisch gegen Gott sein oder heilsam in seinem Dienst stehen. Eins aber gilt seit Ostern. Dein Herz ist gut. So darfst du es betrachten. Trotz und gerade wegen aller Wunden und allen Versagens. Weil Gott es so betrachtet. Seine Gnade gilt nicht nur einmal – sondern für den ganzen Prozess der Verwandlung bis zum letzten Atemzug. Im Laufe dieser Verwandlung wird das alte Selbst mehr und mehr an Raum verlieren dem neuen Selbst Raum geben. Dieser Prozess aber ist letztlich nicht unsere Angelegenheit. Wir sind Reben. Nicht Weinbauern. Wir halten uns hin. Wir schnippeln nicht selbst an uns herum. Unsere Aufgabe ist: Die göttliche Sichtweise auf unser Herz, unser Denken, Fühlen, Wollen zu übernehmen und einzuüben.

Herzensaussicht

Je mehr dein Herz als Einheit aus Verstand und Wille nun die Gegenwart des Herzens Gottes genießt (dies weiß, spürt, erlebt, davon bewegt wird), desto mehr wirst du hinein verwandelt in sein Bild. Diese Gegenwart ist längst da. Um dich herum. In dir. Es gilt, die Ohren des Herzens zu spitzen und offen zu werden. Dafür brauchst du dein Herz. Du kannst ihm vertrauen.

(Diese Texte werden als Grundlage Teil eines neuen Buches zum „Leben vom Herzen Jesu her“)

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