Fürbitte – eine Reformation vom Herzen Jesu her

girl-15599_640Zwanzig Jahre meines Unterwegsseins mit Jesus habe ich mit dem Gebet nach außen gekämpft. Egal ob es um das persönliche Gebet ging oder um die Gebetsgemeinschaft – das fürbittende Gebet erschien mir reizlos, langweilig, anstrengend, bemüht. Eine Einbahnstraße. Bestenfalls eine Pflichterfüllung. Gut – hier und da gab es Gebetserhörungen, die je nach Wesensart (eher strukturiert, systematisch) noch in einem Notizbüchlein notiert wurden, quasi wie eine Wildtrophäe nach vollbrachter Jagd und gelungenem Fangschuss. Mich hat das immer abgeschreckt…

Doch ich bin nicht der Maßstab. Mein Empfinden ist bestimmt auch subjektiv und biographisch. Doch etwas von diesem Empfinden schien sich in diesen zwanzig Jahren auch in der christlichen Allgemeinheit langsam durchzusetzen. Gebetsabende, Allianzgebetswochen wurden und werden weniger besucht, unter jungen Leuten finden kreative Gebetsformen wie 24/7-Gebet Anklang, die „klassische“ Gebetsgemeinschaft, aber auch die Fürbitte im eigenen Gebet? Schwierig. Manche mögen behaupten, da gebe es keinen Gebetskampf mehr, das sei Anfechtung, mangelndes Pflichtbewusstsein. Aber das greift zu kurz. Natürlich ist die Leidensbereitschaft, an einer geistlichen Übung festzuhalten, im fragmentierten Medienzeitalter nicht mehr so leicht zu entdecken. Aber ist das nur schlecht? Wenn aus dem Gebetskampf nur -krampf wird?

Was ist Gebet zuerst? Beziehung. Beziehungspflege. Wenn nun mehr und mehr Menschen im Gebet diese Beziehung nicht mehr erleben und stattdessen das Empfinden haben, zweifelsohne wichtige Anliegen herunter zu beten – dann stellt das eine grundlegende Frage: Haben wir fürbittendes Gebet richtig verstanden? Ich denke, das fürbittende Gebet, das Gebet nach außen, braucht eine Reformation von innen her, vom Herzen Jesu her. Das Gebet nach innen und nach oben ist der Vorläufer des Gebets nach außen – nicht das Sahnehäubchen, nachdem man das Gebet nach außen eingeübt hat.

„Wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen, irgendeine Sache zu erbitten, so wird sie ihnen werden von meinem Vater, der in den Himmeln ist.“ (Mt 18,19, ELB). Ein bekannter Vers der Verheißung auf gemeinschaftlichem Gebet. Doch was sagt dieser Vers genau? Dass wir um etwas bitten, über das wir uns einig geworden sind. Da treffen sich also ein paar Menschen – mindestens zwei – und fragen sich: Was wollen wir beten? Da gibt es keine fertigen Anliegen! Es gilt herauszufinden, was Gott in diesem geistlichen Kampf, der um diese Welt zwischen Himmel und Erde tobt, für ein Herzensanliegen hat. Also fragen wir ihn! Hören auf sein leises Reden in uns. Geben Eindrücke weiter. Werden still, rücken an sein Herz. Erkennen unser Herz – ja, auch das ist notwendig, damit wir nicht „Dein Reich komme“ beten und eigentlich meinen: „Mein Reich komme“. Wer sein Herz nicht kennt und bei seiner Realität angekommen ist, projiziert unweigerlich.

Das gilt auch für das fürbittende Gebet in der persönlichen Stille. Dem Unser-Vater geht die Aufforderung voraus, in die innere stille Kammer zu gehen. Die ersten Bitten lauten dann auch: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe – überall! Im Himmel und auf Erden!“. Was heißt denn das? Das vor den konkreten Bitten mitten aus dem Alltag ein Hören und still werden steht, um zu wissen, was Gottes Reich und sein Wille gerade jetzt und hier bedeuten! Aus diesem Ahnen heraus erwächst das fürbittende Gebet. So verstanden stimmen wir dann (nur?!) ein in das Herzensanliegen Gottes und werden erstaunlich, manchmal erschreckend konkret auf die persönliche und gemeinschaftliche Situation bezogen. Da wird Fürbitte zum Abenteuer, in das Beten des Geistes vom Herzen her einzustimmen.

Mit erscheint Fürbitte ohne dieses stille und nach innen und oben gewandte Grundrauschen wie das Bemühen eines Ehemannes, an einem Abend einfach mal alle Tipps aus dem „So verwöhnen Sie Ihre Ehefrau“-Ratgeber über der Holden auszukippen. Die darunter verständlicherweise mindestens erstaunt zusammenbricht, normalerweise irritiert bis verärgert reagiert. Warum? Weil es nicht um Allgemeinplätze geht. So konkret und weise diese auch sein mögen – sie entwickeln erst ihre Kraft, wenn sie passgenau zur Situation dieser Ehe passen. Was helfen Verwöhnwochenenden und Geschenke, wenn das Manko einer Ehe das verletzliche, offene Gespräch ist? Dann braucht es nur die Umsetzung dieses einen Ratschlages: Sich Zeit zu nehmen und ehrlich zu werden – und sei es ehrlich über die eigene Unfähigkeit, verletzlich und ehrlich zu werden.

Nicht anders ist es im fürbittenden Gebet – wenn wir nicht das Herz Gottes, unser Herz (oder das unserer Gruppe/Gemeinde/Kirche) und die Bedürfnisse unserer Gesellschaft kennen, können wir nicht konkret beten. Dann wird es langweilig. Bestenfalls. Solches Gebet immunisiert uns gegen das Abenteuer der Fürbitte. Ich gehe aber davon aus: Wenn Gott mich sieht, meine Gemeinde, in der ich lebe, mein Ort, in dem ich wohne – da brennt ihm das Herz an einigen Punkten. Dieses Brennen will ich erfragen, erahnen, erbitten zu erfahren. Darin möchte ich einstimmen. Und so mit dafür sorgen, dass aus dem Brennen des Herzens ein Stück himmlische Realität auf Erden wird. So ist Fürbitte, die aus der Anbetung und der Stille beim Herzen Jesu erwächst. Voller konkreter und verändernder Kraft. Aus Kontemplation und Anbetung erwächst das Wunder der kraftvollen Gebets. So wird die fast schon gewagte Verheißung Jesu konkret: Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen. (Joh 15,7, ELB).

 

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