Beschämung – die Abrissbirne in unserer Biographie – und der Weg heraus…

(Dieser Text ist ein Artikelentwurf für eine AUFATMEN (www.aufatmen.de) zu demselben Schwerpunktthema)

Es war in der achten Klasse. Deutsch. Eigentlich mein Lieblingsfach. Aber bei der neuen Deutschlehrerin kam ich einfach auf keinen grünen oder auch nur begrünten Zweig. Nun also das Thema Personenbeschreibung. Menschen wahrnehmen und möglichst exakt beschreiben. Was war ich zu diesem Zeitpunkt? Etwas übergewichtig, schüchtern, der Jüngste der Klasse. Wer wurde nach vorne gerufen von Frau L.? Ich. Und nun ging es los. Sie fragt in die Klasse: „Was beobachtet ihr?“ Die Worte prasselten ungeschützt auf mich ein. Übergewicht. Unbeliebt. Wurstfinger. Frau L. sammelte scheinbar neutral und sachlich, wo sie eigentlich hätte schützen und abbrechen müssen. Nach knapp zehn Minuten war die Demütigung beendet – nicht die erste und die letzte in meiner Schulzeit. Ich trottete beschämt zu meinem Platz. Hochrot im Gesicht. Das Zittern des Körpers mühsam unterdrückend. Heute weiß ich: Das war keine Angst, sondern sogenanntes neurogenes Zittern, die gesunde Reaktion des Körpers auf einen traumatischen Trigger.

disgrace-230907_640Was bedeutet das? Traumatischer Trigger? Trauma kann man verkürzt definieren als Maß an Ausgeliefertsein, als Mischung aus Hilflosigkeit und Machtlosigkeit. Nicht kämpfen und nicht flüchten können. Genau so eine Reaktion hatte ich da gerade erlebt – fast jeder Mensch, der nicht glatt durchgekommen ist durch die ersten 18 Jahre, wird solche Situationen der Beschämung erlebt haben. Es ist leicht, schulterzuckend damit umzugehen – so sei das Leben halt, kein Picknick, kein Ponyhof. Das mag sogar stimmen, aber es macht den Fakt nicht besser und leichter: Scham ist tief verletzend, ja traumatisierend. Beschämung ist eine Waffe des Teufels. Umso fataler, wenn sie auch in frommen Kreisen als verletzend erlebt wird, ja vielleicht sogar gut geheißen wird als „Erziehungsmaßnahme“…

Anders Jesus: Gegenüber der Frau, die gesteinigt werden sollte, die zutiefst beschämt vor den tobenden Mob geschleift wurde, sagte er: Ich verdamme, ich beschäme dich nicht, deswegen bist du frei, in Zukunft nicht zu sündigen. Religiöse und moralische Systeme – auch christliche – produzieren die gegenteilige Aussage: Sündige nicht, genüge den Maßstäben, und wir werden dich weder verdammen noch beschämen. Aber auch die Idealbilder und Maßstäbe der Welt beschämen, verdammen, erniedrigen. Ich bin wie jeder Mensch oft beschämt worden und bin dadurch sensibel geworden gegenüber allem Beschämenden. Jesus ist dagegen nie Grenzverletzer, Verdammer, Beschämer! Der Gott, den er uns zeigt, ist ein Gentleman. Doch was genau ist Scham? Was ist sie nicht?

Eine erste Klärung: Es geht hier nicht um Schuldgefühle, die sind oft etwas sehr Gesundes. Sie melden uns: Du hast gegen eine gute Regel verstoßen. Hoffentlich war sie gut, denn es gibt auch kranke Regeln – je nach gesellschaftlichem Kontext. Ein falsches Verhalten, ein Auftreten nicht nach dem mainstream, gegen den Strich gebürstete Meinungen – all das kann ganz schnell dazu führen, dass „der Rest“, der sich durch das abweichende Verhalten oder Auftreten bedroht fühlt, gegen einen wendet. Es gibt also auch falsche Schuldgefühle. Scham dagegen ist das GEFÜHL von Schuld – genauer: das GEFÜHL, nicht Schuld begangen zu haben – sondern SCHULD zu SEIN. Ein richtiges Schuldgefühl sagt: Du hast einen Fehler gemacht – Scham sagt: Du bist ein Fehler! Dieser Satz ist so existentiell und tief verletzend, dass er ganz schnell zugedeckt und eingemauert wird. Der Schmerz darüber ist einfach zu groß. Gerade für ein Kind – und diese Kinder tragen wir ja oft versteckt als lebendige Geschichte in uns. Deswegen treffen wir auch meist im Gespräch miteinander gar nicht direkt auf das Thema Scham! Im Gegenteil: Oft wird unter Christen Scham nicht verstanden oder sogar verteidigt! Ein Skandal wie ich finde und dem Evangelium entgegen gesetzt.

Eine zweite Klärung. Was ist denn mit normalen Schamgrenzen? Diese Schamgrenzen, die sich im Laufe des Erwachsenwerdens herausbilden, sind etwas Gutes! Sie schützen unser Herz, unseren Körper. Wir gestatten es bei gesunden Schamgrenzen nicht, dass jemand sie übertritt. Das ist wichtig und lebensaufbauend – durch krankhafte Beschämung werden diese gesunden Grenzen oft durchbrochen, beschämte Menschen sind paradoxerweise manchmal schamlose Menschen! Was auch erklärt, dass wir in einer Schamgesellschaft voller verletzter Menschen so viel Schamlosigkeit und ungesunde Grenzenlosigkeit erleben. Scham im tief verletzenden Sinne entsteht also da, wo diese Grenze gewaltsam durchbrochen wird. Reaktion? Zuerst Ohnmacht – dann Wut bzw. Angst. Zweitens Kontrolle. Wut über die Verletzung, Angst, wieder verletzt zu werden und Kontrolle, die das verhindern soll. „Das soll mir nicht wieder passieren“. Also wird man entweder lieb und nett, um nicht wieder verletzt zu werden (angepasste Reaktion), rebelliert und grenzt sich – teilweise gewaltsam – ab (rebellische Reaktion), baut sich aber in jedem Fall einen dicken Schutzpanzer, der das Herz umgibt, der es schützen soll. Leider ist dieser Schutzpanzer keine gesunde Grenze, sondern eine Mauer, die das Herz versteinert. So ist man vielleicht sicherer vor Beschämung, verliert aber auch Feinfühligkeit nach außen und nimmt die Signale der Menschen, aber auch Gottes(!) nicht mehr sensibel wahr.

Es ist also Zeit, Scham in den Blick zu nehmen. Psychologen halten falsche Scham für eine wesentliche Wurzel aller negativer Dinge, die uns das Leben schwer machen. Dazu kommt erschwerend: Scham gebiert Scham und wir geben sie an die Kinder weiter. Sie trennt uns nicht vom Heil, aber von der Heilung unseres Herzens und von einer heilsamen und das Leben verändernden Spiritualität. Ich arbeite selbst auch gerade wieder mit meiner Seelsorgerin an einem giftigen Strang aus Beschämung in meinem Leben – und erlebe, wie befreiend sich das auf meinen Glauben auswirkt. Scham ist nahe an der Wurzel vieler negativer Früchte unseres Lebens. Gerade aber diese Nähe macht das direkte Gespräch darüber so schwer. Es gibt aber negative Früchte in unserem Leben, die darauf hinweisen können(!), dass da eine Schamwurzel existiert. So ist es möglich, eine Checkliste Scham aufzustellen (danke an Team.F für das hilfreiche Material an dieser Stelle) – von der Frucht im Leben her:

Kennst du:

  • Wut – verborgen, aber explosiv, vor allem wenn Umstände außer Kontrolle geraten. Ich kenne das sehr gut. Da ist nicht selten Demütigung nach Demütigung geschluckt worden. Berechtigte Wut ist aber gesellschaftlich nicht akzeptiert – und wird nach innen gewendet. Es gab Momente in meinem Leben, wo ich die Wut auch ganz körperlich gegen mich gewendet habe.
  • Angst vor starken Gefühlen, die einen überwältigen. Kommen starke Gefühle wie Wellen, nahezu unkontrollierbar, dann deutet das auf eine tiefe Beschämung hin.
  • Selbstverachtung. Wenn die Beschämer doch recht haben (und bis zu einem bestimmten Alter haben ja Eltern immer recht)? Dann habe ich es ja „verdient“, so behandelt zu werden. Ein katastrophales Selbstbild entsteht.
  • Perfektionismus. Mein biographisches Lieblingsthema – wer perfekt ist, macht keine Fehler und wird deswegen auch weniger bloß gestellt und beschämt. Ein Teufelskreis des Leistungsdenkens entsteht.
  • Übergeistlichkeit. Sich den Wunden nicht stellen aus Angst vor dem Schmerz. Geistliches als Pflaster verwenden, um eiternde Wunden zuzudecken.
  • Sich ständig entschuldigen oder unsichtbar machen wollen. Siehe Selbstverachtung.
    Angst zu versagen oder neues zu wagen. Fehler tun weh. Deswegen lieber gar nicht erst anfangen. Oft zusammen mit Perfektionismus.
  • Isolation und Zurückschrecken vor engen Freundschaften. Denn je enger eine Beziehung ist, desto größer ist das Potential, verletzt zu werden.
  • Das Gefühl von Peinlichkeit. Wenn man ein Fehler IST, dann ist ja schon das reine Auftreten peinlich. Man kann sich anderen nicht zumuten.
  • Abhängigkeiten und Süchte. Beides Schmerz-Betäuber. Hinter jeder Sucht steckt eine berechtigte Sehnsucht. Und viel Schmerz.
  • Depression. Depression ist (auch) nach innen gekehrte Wut. Da ist Druck, der lähmt und betäubt. Furchtbar und mir zumindest aus depressiven Verstimmungen gut bekannt.

Beginnt man sich der Scham zu stellen, stößt man auf Angst und Schmerz. Ich möchte an dieser Stelle Mut machen, sich einen seelsorgerischen Begleiter zu nehmen, denn nicht selten ist eine Ent-Schämung nicht einfach so durch ein Gebet möglich. Da ploppen auf dem Weg der Heilung Lebensmottos auf, die existentiell sein können und deswegen richtig an die Substanz gehen:

  • „Du taugst doch eh nichts!“
  • „So wie du aussiehst, kriegst du nie jemanden ab!“
  • „Ach wärst du nie geboren worden!“
  • „Aus dir wird nie ein guter Christ, so wie du dich benimmst!“
  • „Wir hätten uns so sehr einen Jungen gewünscht!“
  • „Hör auf, dich da anzufassen, das ist schmutzig und Gott will das nicht!“
  • „Du bist ein Verlierer und bleibst einer!“
  • „Du solltest dich für deine Familie schämen!“
  • „Du bist doch der Sohn von diesem Alkoholiker!“
  • „Du verdienst(!) eine Tracht Prügel!“

Wer bei diesen Sätzen spürt, wie er innerlich zusammen zuckt, der kennt vermutlich solche oder ähnliche Aussagen nur allzu gut. Ich habe selbst erlebt, wie solche Sätze am Kreuz ihre Macht verlieren. Diese brutalen und beschämenden Aussagen sind in ihrer geistlichen Wirkung schlicht Flüche. Am „Fluchholz“, dem Kreuz, finden sie ihr Ende. Heilung kann geschehen und es wird möglich, in neue, gute Lebens-Sätze hinein zu leben. Ich habe es mehrfach selbst so erlebt, dass meine Seelsorger mir an einem ganz existentiellen Punkt zugesagt haben, dass es gut ist, dass ich lebe, wir haben unter viel Tränen einen solchen Satz zu Jesus gebracht und ihm so die Macht genommen. Der Prozess dahinter ist behutsam und kein Schnellschuss. Die Wunden der Seele sind ja keine Fata Morgana! Ist der Fluch beseitigt, können sie aber endlich heilen, anstatt vom Leben immer wieder neu aufgerissen und vertieft zu werden. Diese Fluch-Sätze des Schams wirken ja wie selbst erfüllende Prophezeiungen. Wenn ich zum Beispiel mit dem unbewussten Satz durch die Gegend laufe: „Ich hätte nicht geboren werden dürfen“, dann werde ich nicht mutig und stark Raum in meinem Leben einnehmen können! Ist der Scham-Satz lokalisiert und zu Jesus gebracht worden, kann ein wunderschöner und zarter Prozess der Heilung beginnen. Ich genieße diesen Weg – auch wenn er durch viele dunkle Täler führt – weil ich weiß, dass das Gras am Ende des Tals saftig sein wird als vorher. Der gute Hirte gehrt diesen Weg mit. Denn er – Gott selbst – ist der größte Gegner der Beschämung und der falschen Scham. Das Evangelium der Gnade Gottes vernichtet die Scham, wenn wir sie in den Blick nehmen, und führt so auf den Weg der Freiheit und Entfaltung.

Advertisements