Sherlock oder: Die Kehrseite des scharfen Verstandes (Entwurf Radioandacht für WDR 2015)

sherlock-holmes-462957_640.jpgKennen Sie Sherlock? Bevor Sie jetzt vorschnell Richtung Schulbuchlektüre Englisch, 7. Klasse abschwenken – ich meine die aktuelle englische Serie vom BBC, die auch in Deutschland auf ARD ausgestrahlt wird? Da wird die alte Geschichte von Sherlock Holmes und Doktor Watson kongenial in die heutige Zeit übersetzt. Mit einem irren Tempo und einer Unmenge von klugen Einfällen ist der moderne Sherlock ein hochintelligenter Blitzmerker, dem Watson kaum folgen kann. In Windeseile erfasst Sherlock komplexeste Zusammenhänge und bildet sich daraus ein Gesamtbild. Hochsensibel, alle Antennen auf maximale Leistung gestellt, mit wachen Augen und einem messerscharfen Verstand – so arbeitet Sherlock. Und der Zuschauer genießt das in vollen Zügen! Was aber in Sherlock gleichzeitig ganz deutlich wird, ist etwas Anderes und gleichzeitig Trauriges. Sherlock ist Soziopath. Er kann kaum Beziehungen aufnehmen. Er sieht Menschen als Objekte der Analyse, distanziert sie von sich, betrachtet sie durch die Brille des Verstandes. Da bleibt für Wärme und menschliche Unschärfe kaum Luft. Alles wird eingeordnet, katalogisiert. Klug, witzig – aber auch erschreckend kalt. Die Kehrseite der Verstandesschärfe.

Auf der anderen Seite Watson. Er versucht Schritt zu halten mit Sherlock und verzweifelt daran schier. Aber – so fasziniert er von seinem genialen Chef ist, Watson verliebt sich. Leidet. Versagt. Heiratet. All das. Eben das pralle Leben. Sherlock macht sich darüber oft witzig – aber ab und an spürt man ihm auch seine Einsamkeit und ein wenig Neid ab. Echte Beziehungen mit Auf und Ab. Das Risiko, wenn man Kontrolle abgibt und lebt und liebt. Wenn der Verstand nicht alles regiert, sondern das Herz sich dazu gesellen darf. Ein herrlicher Witz – ich hoffe Sie kennen ihn noch nicht – beschreibt diese beiden Typen Sherlock und Watson:

Sherlock Holmes und Dr. Watson gehen auf Campingtour. Nach einer guten Mahlzeit und einer Flasche Wein machen sie sich fertig für die Nacht und gehen Schlafen. Einige Stunden später wacht Holmes plötzlich auf and schüttelt Watson aus dem Schlaf. „Watson, schauen Sie mal hoch und sagen Sie mir, was Sie sehen“. Watson antwortet: „Ich sehe Millionen von Sternen, Mr. Holmes“. „Was sagt Ihnen das, Watson?“Watson denkt eine Minute lang nach. Astronomisch, sagt es mir, dass es Millionen von Galaxien und Milliarden von Planeten gibt. Astrologisch beobachte ich, dass Saturn im Löwen steht. Hinsichtlich der Zeitrechnung schließe ich, dass es Viertel nach drei nacht ist. Theologisch kann ich sehen, dass Gott allmächtig ist und wir klein und unbedeutend sind. Meteorologisch schätze ich, dass wir morgen einen schönen Tag haben werden. Und: Was sagt es IHNEN, Mr. Holmes?“ Holmes schwieg eine Minute und meinte dann: „Watson, Sie Idiot! Jemand hat unser Zelt geklaut!“

Da wollte Watson mal richtig klug sein und scharf denken – und wird doch wieder überrumpelt. Er sieht das Naheliegende, Einfache nicht, weil er versucht das Prinzip, das Komplexe dahinter zu sehen. Sherlock hat ihn aufs Glatteis geführt. Die Bibel sagt: Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand! Auf all deinen Wegen erkenne nur ihn, dann ebnet er selbst deine Pfade! (Spr 3,5-6, ELB). Der Verstand ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr. Genauso wie die Gefühle. Der Verstand als Maßstab verhindert etwas anderes – wie bei Sherlock: Das Vertrauen. Die Beziehungsebene. Auch zu Gott. Ihn gilt es aber zu erkennen und dieses erkennen ist im Hebräischen eine sehr sinnliche Vokabel. Sie wird sogar für die Intimität zwischen Liebenden verwendet. Gott sehnt sich nach Beziehung. Glaube gibt den Verstand nicht an der Pforte ab – aber gründet sich auch nicht auf ihn. Glaube ist und bleibt Wagnis aller Sinne.

Advertisements