Wer immer nur schöpft, der wird schnell erschöpft… (Entwurf Radioandacht WDR 2015)

Zu einer Einsiedlerin kamen eines Tages Wanderer. Die fragten sie: „Welchen Sinn siehst du in einem Leben der Stille?“ Sie war gerade mit dem Schöpfen von Wasser aus einer tiefen Zisterne beschäftigt. „Schaut in die Zisterne, was seht ihr?“, fragte sie. Die Besucher: „Wir sehen nichts.“ Nach einer Weile forderte sie wieder auf: „Schaut in die Zisterne, was seht ihr?“ Sie blickten hinunter und sagten: „Jetzt sehen wir uns selbst.“ Die Einsiedlerin sprach: „Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig und ihr konntet nichts sehen. Jetzt ist das Wasser ruhig, und ihr erkennt euch selbst. Das ist die Erfahrung der Stille.“

Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer! Ich liebe diese Geschichte und gleichzeitig ärgert sie mich. Warum? Dazu gleich mehr. Doch zuerst zur Weisheit dieser bekannten Geschichte. Erkenntnis Nummer eins: Wer immer nur schöpft, ist bald erschöpft. Lassen Sie sich einmal mit hinein nehmen in ein Gedankenspiel. Wer immer nur schöpft, der blickt vor allem auf äußere, zweifelsohne wichtige Dinge. Auf den Eimer als Schöpfinstrument. Die Wasseroberfläche als Ziel.

bubbles-51675_640Schauen auf den Eimer bedeutet: Wie gut ist er? Hat er Risse? Hält der Tragegriff? Wird er nicht langsam zu alt? Zu schwer für meine Kraft? Vielleicht könnte ich mir auch einen größeren Eimer leisten, um noch mehr zu schöpfen! Aber reicht dafür dann noch die Kraft? Vielleicht kurzfristig schon – aber langfristig?. Fragen des Alltags. Tausche Eimer gegen die eigenen Gaben, Talente, Kräfte, auch gegen Gesundheit und wir sind mitten drin in einer ganz alltäglichen Frage. Und eben: alles andere als einer unwichtigen Frage.

Und das Blicken auf das Wasser? Auch wichtig! Sind da Verunreinigungen, die ich nicht mit schöpfen möchte, ist noch genug Wasser da? Riecht es eventuell unangenehm wegen Bakterien? Überlebensnotwendige Fragen. Für uns übertragen: Reicht das Geld? Bezahlt mich mein Arbeitgeber angemessen? Sind die Dinge, die ich tu gut für mich? Sollte ich anderes tun? Erschöpfen sich die Vorräte meines Lebens?

Das sind alles andere als unwichtige Fragen. Mich stört an dieser Geschichte, dass sie erst einmal vermeintlich suggeriert: Das ist nicht so wichtig, hör mit dem Schöpfen auf, wichtiger ist, sich selbst zu erkennen. Nein: Diese Fragen SIND wichtig. Erkenntnis Nummer zwei also: Wie ich schöpfe und was ich schöpfe sind wichtige Fragen, die sich zu bedenken lohnen. Aber eben nicht dabei stehen bleiben! Weil sonst Erkenntnis Nummer eins greift: Wer immer nur schöpft, ist bald erschöpft. Warum ist das so? Weil ich vieles von dem, was ich bedenken muss eigentlich nur dann wirklich gut und erschöpfend zu bedenken ist, wenn man sich selbst und sein Leben erkennt und wahrnimmt. Wenn ich immer nur schöpfe, verliere ich die Eigenwahrnehmung, den realistischen Blick auf mein Leben. Das Problem: Es fühlt sich so gut und effektiv an – aber es vernachlässigt eben den entscheidenden Faktor. Das Entscheidende ist eben nicht äußerlich – es geht um mein Herz, meine Seele. Alleinerziehende kennen das Problem nur allzu gut – jeden Tag funktionieren, kaum eine Pause und zuhause das kleine Kind oder gar Kinder in Mehrzahl. Kaum Raum zum Luftholen – Leerlaufen droht. Man schöpft und schöpft und wird leerer und leerer. Eine bittere Paradoxie. Erkenntnis Nummer 3: Wenn ich aufhöre zu schöpfen, kann ich ruhig werden und mich besser erkennen.

Mich stört an der Geschichte, dass sie da stehen bleibt. Denn machen wir uns nichts vor: Das ruhig ist alles andere als einfach mitten im Stress. Es ist gut und nötig – aber eben schwer! Und wenn ich mal ruhig werde, erkenne ich mich zwar selbst – aber was ist, wenn ich innerlich unruhig bleibe? Was ist, wenn ich auf dem Boden des Brunnens in mir haufenweise bedrohlichen Müll sehe? Das äußerlich ruhig werden hat seinen Wert – aber wenn ich innerlich unruhig bin, was nützt es? Hier kommt Gott ins Spiel. Erkenntnis Nummer 4: Ich kann mich furchtlos erkennen, weil ich erkannt bin. Gott sagt: Ich kenne dein Herz, ich schau hinein, es schockt mich nicht, ja es schockt mich nie! Hier ist der eigentliche Wert der Stille: Nicht dass ich mich erkenne, sondern dass ich mich Gott hinhalte, der mich durch und durch erkennt. Zum Beispiel im Gebet ihm erzählen, was läuft. Wo es drückt. Weh tut. Unruhig ist. Leer und ausgelaugt. Wie einem Freund oder einer Freundin in der Kneipe alles erzählen. Und feststellen, dass Erkenntnis Nummer 5 greift: Still werden kann ich da, wo ich mich angenommen und geborgen weiß beim Schöpfer des Universums. Dann sogar mitten im Trubel. Das tut einfach gut.

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