Herzenslauscher auf! Von Grillen und Münzen… (Entwurf Radioandacht WDR 2015)

Ein weißer Mann war mit einem Indianer befreundet. Einmal besuchte der Indianer seinen Freund in der Grossstadt. Als sie einer stark befahrenen Strasse entlang gingen, bemerkte der Indianer: «Hörst du auch, was ich höre?» – «Was soll ich schon hören bei diesem Verkehrslärm», entgegnete der Freund. «Ich höre eine Grille zirpen», beharrte der Indianer. «Du kannst doch unmöglich eine Grille zirpen hören – bei diesem Lärm! Hier in der Großstadt. Gibt es doch gar nicht!» Der Indianer trat zur Seite, schaute nachdenklich, lauschte eine Weile und ging dann auf ein Haus zu, schob eine Weinrankenblatt zur Seite; und siehe da: Eine Grille hockte an der Hauswand und zirpte ihr Lied. «Ihr Indianer habt halt ein besseres Gehör als wir Weißen, ihr seid halt noch naturverbunden», versuchte sich der Freund herauszureden. «Das stimmt nicht, ihr hört so gut wie wir Indianer. Soll ich ́s dir beweisen?» Der weiße Mann nickte. Der Indianer nahm eine Geldmünze aus der Tasche und warf sie auf den Gehsteig. Obwohl sie kein lauteres Geräusch machte als die zirpende Grille, drehten sich zwei, drei Passanten suchend um. «Siehst du», erklärte der Indianer, «ihr hört so gut wie wir; doch jeder nimmt nur das wahr, worauf sein Herz gerichtet ist.»

Diese Geschichte, die vielfältig im Internet so oder ähnlich zu finden ist macht eins klar: Wir haben Ohren des Herzens. Ja es gibt sie wirklich auch organisch. Auricula atrii heißen sie oder auch Vorhofohren. Ausstülpungen an den Vorhöfen des Herzens. Aber natürlich sind diese hier nicht gemeint. Es ist das gemeint, auf das wir unser Begehren, unsere Leidenschaft, unser Herz ausrichten. Es sind Herzens- oder Seelenohren. Biblisch-jüdisch verstanden ist der Begriff Herz ja nicht nur Organ, sondern der Mensch als ganzes Wesen.

cottonbuds-279267_640Worauf richten wir uns aus? Zu dieser Richtung hin wachsen dann die sensiblen Antennen, die besonders empfangsbereit sind. An anderer Stelle verkümmern sie und werden unempfindlicher. Wir können anscheinend nicht zu allen Seiten sensibel sein – dann würden wir überflutet werden mit Eindrücken. An dieser Einseitigkeit ist auch gar nichts Falsches. Es ist schlicht eine Schutzfunktion unserer Seele, die nebenher gesagt auch eine Menge Energie spart. Warum soll ich sensibel sein zu einer Richtung hin, die mich nicht interessiert? Zum Beispiel… für aktuelle Modetrends der Pariser Haute Couture? Sie interessiert mich nicht, ja im Gegenteil: langweilt mich. Das sagt nichts über die Sache aus, sondern vor allem über mich und meine Vorlieben.

Andersherum kenne ich das auch nur allzu gut. Da brauche ich ein neues Smartphone. Typisch Mann geht es nun ins Internet und es wird geforscht und verglichen und Preise erhoben, dann über Wochen hinweg Tendenzen bei den Preisen – ich will ja nicht zu viel ausgeben! Ich rede dann auch dauernd davon und diskutiere mit anderen Männern darüber. Herrlich! Gemeinsame Herzensohren! Aber auch schrecklich nervend für Menschen, die dem nichts abgewinnen können.

So verständlich das ist, so sehr erschreckt mich gleichzeitig die Tatsache, wie sehr mich so Belangloses fesseln kann. So normal das ist – smartphones sind kein sinnvoller Lebensinhalt. Die Bibel sagt lapidar: „Wovon das Herz erfüllt ist, das spricht der Mund aus!“ (Lk 6,45). Mit dieser Stelle gibt mir Gott eine Eigenverantwortung, mit was ich mich füllen lasse – in welche Richtung ich meine Lauscher aufsperre! An anderer Stelle sagt Jesus. „Glücklich sind, die das Wort Gottes hören und bewahren!“ (Lk 11,28). Wie sanft ist hier Jesus – hier gehts nicht um perfektes Verstehen, sondern um Herzensohren aufsperren, einlassen und bewegen. So ist weder der Indianer noch der Großstädter im Recht – aber beide müssen sich entscheiden, was sie hören wollen. Das ist unsere Verantwortung. Und eins weiß ich: Gottes Worte an mich nähren mich wirklich.

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