Glockengebet oder: Wie eine Glocke uns das Geheimnis des Betens lehren kann…

imageGehören Sie zu den Menschen, die morgens viel zu früh von einer Kirchenglocke aus dem Schlaf geholt werden, weil in Ihrer Nähe ein Kirchturm steht? Nicht? Gut – dann kann ich ja etwas gestehen: Ich liebe Glocken! Majestätisch setzen sie sich in Bewegung, erst langsam und dann mit immer größerem Drehwinkel. Einige Zeit hört man nichts. Der Glockenklöppel beginnt (physikalisch ist eine Glocke ein sogenanntes Doppelpendel) langsam mitzuschwingen, durchaus auch gegenläufig zur Schwingung der Glocke, bis – ja bis er zum ersten Mal die Innenwand der Glocke berührt. Ab diesem Zeitpunkt erklingen die Glockenschläge, warm, kraftvoll, mächtig und füllen sie die Umgebung mit ihrem Klang. So eine Glocke ist ein Kunstwerk, muss ganz fein abgestimmt werden und der Klöppel muss an der richtigen Stelle treffen – dann entsteht die Magie des Glockenklangs! Faszinierend. Und auch wenn ich Pastor einer Freikirche bin, die traditionell ja keinen Glockenturm haben, höre ich Glockengeläut, horche ich auf und lächle. Halte kurz inne.

Für mich ist die Glocke ein faszinierendes Symbol geworden für Gebet. Gebet, also dieses Gespräch mit und ohne Worte zwischen Gott und Mensch, ist wie ein Glockenklöppel. Das heißt: Es geht von Gott aus. Der Klöppel ist ja an der Glocke befestigt und erhält seine Energie von der Glocke. Ein Klöppel ohne Glocke? Sinnlos. So geht auch das Gebet von Gott aus und wird uns als Bedürfnis von ihm in unser Herz gelegt. Es ist diese leise Aufforderung: Suche mich. Schütte mir dein Herz aus. Ohne Gott ist Gebet sinnlos, reine Selbstrede. Genauer gesagt: Es braucht einen persönlichen Gott! Keine abstrakte Kraftwirkung. So wie eine Glocke einzigartig ist, so ist auch Gott Gegenüber. Nur so hat Gebet Sinn. Sonst spräche es in den kalten Raum des Universums und verhallte.

Gebet wird von Gott in uns hineingelegt – dieses Geheimnis ist so wichtig, weil wir von uns aus ja gar nicht wissen können, wie man mit Gott redet. Deswegen fragen die Jünger Jesus, nachdem sie viel von seiner neuen Lehre gehört hatten: Herr, wie sollen wir beten? Zeig uns das! Juden wussten, wie sie beten können! Aber die Jünger ahnten: Diesem Gott, von dem Jesus erzählt, muss man sich, ja darf man sich anders nähern. Gott zeigt es. Gebet geht von Ihm aus und legt sich in unser Herz. Ganz unverkrampft dürfen wir mit diesem Wissen losbeten.

Aber so wie Glockenklöppel eine ganz eigene Schwingungs-Frequenz haben gegenüber der Glocke, so ist unser Gebet trotz der Kopplung an Gott dennoch eigenständig, individuell, kreativ, von unserem Charakter geprägt – wie herrlich! Kein Schema F, sondern kunterbunt je nach Kultur, Prägung, Eigenart. So kommt unser Gebet wie ein Glockenklöppel langsam in Schwung. Es saugt sich mit der Energie Gottes voll. Und irgendwann landet es wieder bei Gott und der Kreislauf schließt sich! Gebet kommt von Gott und führt zu Gott. Aber auch hier wartet ein Geheimnis. Gebet bleibt nicht stumm! Sein Ziel ist es, dass Gott und Beter durch das Gebet einen Dialog beginnen. Manches Gebet rechnet damit gar nicht – aber das wäre ja so, als wenn der Klöppel gegen die Glocke schlägt und kein Ton dabei herauskommt! Das geht nicht! Gebet berührt Gott und Gott antwortet. Rechnen wir damit, lernen wir seinen indivduellen Klang uns gegenüber kennen. Er lässt gerne mit sich reden und antwortet.

Aber selbst hier ist das Glockengebet noch nicht zu Ende! Erfüllt sich das Gebet, so entsteht ein herrlicher Klang, der etwas verändert, der hinausgeht in die Welt. Menschen freuen sich, halten inne, machen Pause, kommen zur Ruhe. Gebiert das Gebet den Klang Gottes – dann verändert es die Welt drum herum. Ich wünsche Ihnen für den heutigen Tag, dass ihr Gebet zu einem Glockenklang wird, von Gott kommt, Gott berührt, die Welt verändert.

(Entwurf Radioandacht Kirche im WDR)

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