Beethoven, die Einfachheit, die Schönheit und dein Glaube…

Haben sie schon einmal 40 Jahre an etwas gearbeitet? Um Vollendung an Schönheit und Eleganz zu erreichen? Sicher nicht – wir leben in einer schnelllebigeren Zeit, in der solche Zeiträume schon fast übertrieben luxuriös wirken. Wer kann sich für ein Projekt so viel Zeit nehmen? Nun – Künstler tun das manchmal. Und Gott tut das. Und deswegen ist Kunst oft ein Fenster zu Gott. Manchmal auch eine Erfahrung Gottes, ob das der Künstler gewollt hat oder nicht – es steckt ja dieselbe Schöpferkraft dahinter. Mich faszinieren Menschen mit dieser künstlerischen Leidenschaft.

imageNehmen wir Maurizio Pollini. Der italienische Meisterpianist hat 40 Jahre gebraucht, um nun fast am Ende seines Lebens die Klaviersonaten von Beethoven komplett aufzunehmen. Er hat studiert, gefeilt, geforscht. In einem Interview mit der FAZ (15.6.2015) erzählt er, wie er in die Berliner Staatsbibliothek gefahren ist, um dort die Originalhandschriften von Beethovens Partituren zu studieren. Dabei sei ihm etwas aufgefallen. Als er sich die berühmte 9.Symphonie anschaute, stellte er fest, dass Beethoven diese monumentale Symphonie mehrfach aufgeschrieben hat. Immer wieder. Vom ersten bis zum letzten Takt! Warum? Nun – die Symphonie veränderte sich mit jeder Abschrift ein wenig – sie wurde von Mal zu Mal einfacher. Bis die endgültige Schönheit erreicht war. Das schaffen Künstler – sie nehmen sich Zeit, bis es sich „rund“ anfühlt. Sie sind dabei im besten Fall unabhängig von Menschenmeinung – und folgen ihrem Herzen. Sie werden dabei nicht komplexer, sondern: einfacher. Wahre Schönheit liegt in der Einfachheit…

Mich faszinieren nicht die Autoren, die mit vielen Worten etwas beschreiben, sondern die mit wenigen Worten ein Kopfkino starten! Bei Komponisten ist es nicht anders – nehmen wir Filmmusik: Ein einfaches Motiv reicht und sofort ist der Film in der Phantasie gegenwärtig! Faszinierend. So entsteht unter anderem auch moderne Kunst: komplex zu beginnen und dann zu reduzieren. Kompliziert können viele. Reduzierte, einfache Schönheit – ist wahre Meisterschaft. Einfach heißt dabei nicht simpel. Nicht dumm. Deswegen wird gute Musik, Malerei, Literatur instinktiv erkannt und geliebt. Auch wenn man sich zuerst daran reiben mag – sie fasziniert.

Ich kann daran ungeheuer viel lernen. Jesus argumentiert ganz ähnlich. Er fordert zum klaren, reduzierten Reden auf: Ja und Nein und überhaupt mehr hören als ohne Ende reden. Jesus ermutigt zum kindlichen Denken und Verstehen. Das bewegt uns doch so oft: Dass Kinder einfache Dinge sagen, die urplötzlich ungeheuer weise sind. Jesus selbst verwendet Bilder von großer Einfachheit, die gerade deswegen das Herz der Zuhörer erreichen und dann im Herzen ihre unvergleichliche Sprengkraft erzeugen. Die wesentlichen Zeichen des Glaubens sind einfach: Brot, Wein, Lamm, Blut, Wasser – und doch setzt sich aus ihnen etwas so Komplexes zusammen, dass ein Leben nicht ausreicht, um es zu erfassen: Dinge wie Liebe, Gnade, Vergebung, Kraft, Herrlichkeit.

Mich ermutigen diese Beispiele, weder mein Heil noch meine menschliche Reifung in noch mehr und immer Neuem zu suchen, mich auch nicht im Kleinkram des alles-verstehen-wollens zu verheddern – sondern beim Wesentlichen, Grundlegenden neu anzukommen. Den Grundwahrheiten des Glaubens über Gott, den Nächsten und mich. Sie sind geliebt, angenommen. Sie sind einzigartig, wertvoll. Kein Kleingedrucktes. Einfach so. Das sind die einfachen und doch so tiefen Aussagen, die letztlich zählen. Gott ist Ihnen zugewandt, meint es gut. Einfache, aber alles andere als simple Aussagen. Durchatmen, still werden, gegenwärtig sein, diese Dinge sacken lassen – das tut gut! Und wenn es nur 5 Minuten am Tag sind. Einfach sein. So wie Gott längst einfach da ist. Und es entsteht Schönheit.

(Entwurf Radioandacht Kirche im WDR)

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