Cocooning – oder: Der Rückzug ins Private (Artikelentwurf für AUFATMEN)

Was hatten wir für Illusionen! Und wie wurden sie enttäuscht. Es war vor 12 Jahren – meine erste Pastorenstelle. Ganz bewusst entschieden wir uns als Familie dazu, in der Nähe des neuen Gemeindehauses in ein Neubauviertel zu ziehen. Schließlich will man ja unter den Menschen wohnen, die man erreichen will! Relevant sein. Beziehungsorientiert Gemeinde bauen! Soweit die fromme Theorie. Die Ernüchterung erfolgte recht schnell nach dem Einzug. Einladungen zu einem Glas Wein wurden freundlich abgewiesen – man habe ja soviel zu tun und außerdem schon viele Freunde. Das Bild wiederholte sich: Jede „Hauseinheit“ in diesem Viertel blieb für sich – es sei denn, man kannte sich von kleinauf. Um das klar zu stellen: Es war genau die richtige Entscheidung, unter den Menschen zu wohnen, denen man dienen will – und es haben sich viele gute Gespräche ergeben. Aber es gab parallel einen Trend, den mir inzwischen viele bestätigt haben: Dass sich Menschen in einer komplexen und kräftemäßig manchmal überfordernden Zeit zurück ziehen. Zu ihren Freunden und Verwandten, die es immer schon gab. Zu den Gewohnheiten, Ritualen, Einstellungen, die man immer schon hatte. Es begann etwas zu greifen, das bis heute vorhält und enorm viel Auswirkungen auf den Glauben und unsere Gemeinden  hat: Cocooning.

cocoonDer Bayrische Rundfunk hat es vor wenigen Jahren treffend auf den Punkt gebracht: „’Cocooning‘ beschreibt das Zurückziehen in die eigenen vier Wände, den Trend hin zum Einigeln samt Home-Service. Wem die Welt draußen zu kompliziert, stressig und uninteressant geworden ist, der zieht sich in seinen kleinen, überschaubaren Lebenskreis zurück wie in einen Kokon. Insgesamt kanalisiert ‚Cocooning‘ viele Trendströmungen: Es steht für die schwindende Lust der Menschen, Neuland zu entdecken, ebenso für das Schrumpfen des eigenen Verantwortungshorizonts und für eine gewisse Gleichgültigkeit, die in der hoch individualisierten Gesellschaft um sich greift.“ (zitiert bei wikipedia „Cocooning“). Auch die Angst bis hin zu offener Ablehnung gegenüber Flüchtlingen und generell der Einwanderung von Migranten rührt meines Erachtens zum Teil daher. Sie nagen an unserem Kokon, sie machen ihn fragiler, unsicherer, sie verändern unseren sorgsam aufgebauten Schutzraum mit ihren neuen Ideen, Lebensformen und auch: Religionen. Das alles wird als Bedrohung empfunden, die zu noch mehr Einigeln führt.

Nun halte ich viel von der Haltung, dass sich Evangelium immer und überall entfalten kann und dass deswegen keine Gesellschaft als fruchtbarer Lebensraum für die frohe Botschaft per se ungeeignet ist. Es gilt aber zu entdecken, wie IN den gesellschaftlichen Umständen Gottes Geist aktiv ist und welche Chancen sie bieten. Um aber zu den Chancen zu kommen, müssen die Risiken in den Blick genommen werden und die sind bis in die Gemeinden und Kirchen deutlich spürbar.

Rückzug aus Ehrenamt und Gemeindeveranstaltungen

Eine Beobachtung eint viele freikirchliche Gemeinden: Der Besuch des Gottesdienstes stagniert bzw. benötigt immer höhere Mitgliedszahlen, um auch nur geringfügig zu wachsen. Parallel wird es in Vereinen – und somit auch in Gemeinden – immer schwerer, Menschen für ein Ehrenamt, für einen Dienst zu begeistern. Das Leben nagt an den Reserven und die Zeit, die übrig bleibt bei meist zwei Voll- oder Teilzeitverdienern, wird lieber investiert, um zu tun, was aufbaut. Verwandtschaft pflegen (falls wohltuend), Freunde besuchen, ausschlafen, ein Wellnesswochenende zwecks Regeneration. Man mag das nun beklagen und das sicher zum Teil auch zurecht – doch was für eine Chance bietet sich hier? Noch vor nicht allzu langer Zeit hieß es: Belonging before believing. Also: Beteilige einen Menschen in der Gemeindearbeit, trau ihm etwas zu, dann wird zum Glauben kommen bzw. wachsen und sich zugehörig fühlen. Doch was ist, wenn die Beteiligung gar nicht mehr erwünscht ist? Oder an anderer Stelle erfolgt – eben im Privatleben? Im Kokon?

Dann folgt meines Erachtens daraus, dass Beteiligung erstens nicht eingefordert, sondern zielgerichtet nach Gaben und Gottes Willen angeboten werden sollte. Kein Aufruf um Mitarbeit – da wird sich der Kokon-Bewohner weg ducken. Aber wenn eine konkrete Aufgabe mit den Gaben übereinstimmt, die Leidenschaft weckt und zeitlich begrenzt ist mit der Möglichkeit zu scheitern und sich auszuprobieren – dann entstehen hier Chancen. Wenn wir ehrlich sind, ist das auch der bessere Weg als die Pauschalbeteiligung auf Zuruf…

Und unsere Gottesdienste? Erst einmal braucht es hier Gelassenheit – ständig danach zu schielen, wie mehr Leute in den Gottesdienst oder die Gemeinde kommen, das ist nicht Ziel einer Gemeindearbeit. Es ist immer noch Gott, der das Reich wachsen lässt – nicht wir. Mir sind diesbezüglich bis heute Zahlenspielereien suspekt – wie groß man werden will in wie vielen Jahren. Zudem führt eine solche Denke schnell zu einer Angebots- und Konsumhaltung. Was müssen wir bieten, damit der Konsument wieder gerne kommt? Seien wir ehrlich: In einer derart medial geprägten Welt können, ja dürfen wir gar nicht mithalten. Unsere Chance liegt in einer geist-gefüllten Alternative, einer vitalen Gegenströmung zum mainstream. Wenn diese echt ist und vom Geist gefüllt – dann werden die Menschen das spüren.

Der Rückzug der Menschen wird zur Anfrage an unsere Gottesdienste. Vielleicht gilt es auch ganz neu zu bedenken, was dezentrale Gottesdienste neben dem „großen“ Gottesdienst bedeuten könnten? Ganz urbiblisch – das Treffen in den Häusern und zwischendurch in der Synagoge. So könnten Hauskreise neben Gespräch und Gebet und Gottes Wort kleine „Gemeinschaften“ werden, in denen Seelsorge im Kleinen, Abendmahl, lebendige Spiritualität praktiziert wird. Damit plädiere ich nicht für das Modell der Hauskirchen. Aber wo kleine Gemeinschaft floriert, da will sie zum größeren Gemeindeblumenstrauß etwas hinzufügen – und sich nicht abseilen. Ein solcher Schritt verlangt andere Strukturen, eine gute Begleitung der Teilgemeinschaften und Mut – Mut zum Loslassen. Wenn die Menschen nicht zur Gemeinde kommen, sollte die Gemeinde dezentraler werden und zu den Menschen gehen. Denn die SIND ja Gemeinde – kein Gebäude, keine Veranstaltung. Und wo die dezentral bleiben, da kann man sie nur ermutigen, auch genau dort das Wagnis von Gemeinschaft einzugehen.

Gleichgültigkeit und Verlust des eigenen Verantwortungshorizonts

Menschen erleben heute immer häufiger, das sie kaum noch Einflussmöglichkeiten in einer komplexer werdenden Welt haben. Der Satz „Man kann es doch eh nicht ändern“ kommt mir immer häufiger unter. Selbst sicher geglaubte Festungen wie Freundschaften, Arbeitsplatz, Ehe haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend schleifen lassen vom nicht abreißenden Strom von Anforderungen, und Ansprüchen. Aber auch das Empfinden, in einer kleiner gewordenen Welt jederzeit Opfer werden zu können beschleunigt den Rückzug. Die Rückentwicklung hin zu einer Betonung des Nationalstaats belegt das sogar auf ganz großer Ebene. All das sorgt für einen zaghaften Mehltau, der Leben erstickt: Ich muss mich um mich kümmern und um den kleinen Kreis um mich herum und irgendwie durchkommen – ändern kann ich kaum etwas und schützen muss ich mich auch. Die Konsequenz ist klar: Die Bewegung geht eher nach innen in eine Stagnation, als nach außen in eine reife Weiterentwicklung.

  • Menschen sind immer mühsamer für missionarische Aktivitäten zu motivieren. Die Gemeinde wird bestenfalls zum erweiterten Kokon, in dem man sich selbst genügt und nicht über die draußen nachdenken will.
  • Christen bleiben in kindlichen, manchmal kindischen Entwicklungsstufen hängen – vertragen kein „Schwarzbrot“. Mir begegnet eine erschreckende Unflexibilität und ein fast schon stolzes Beharren auf einen kindlichen Glauben und eine infantile Spiritualität. Sich seiner Persönlichkeit stellen und am Selbstbild und über allem am Gottesbild arbeiten? In der Schrift forschen? Konsumieren – ja. Aber die Komfortzone verlassen? Eher nein.
  • Leitungsgremien in der Gemeinde werden gewählt – und man lässt sie arbeiten. Verantwortung wird gerne delegiert. Das machen die Leiter, der Pastor, die Pastorin. Mündiges Christsein, das mit der Schwarmintelligenz aller geistbegabten Christen rechnet und sich selbst da in die Verantwortung nimmt – nicht selten: Fehlanzeige. Auf der anderen Seite: Welcher Leitungskreis arbeitet nicht gerne auch ungestört vor sich hin? Es läuft gerade schön rund – nichts ändern und schlafende Hunde wecken.

Das System ist verstanden – die Bewegung geht in Gemeinde und Glaubenspraxis nach innen und in die Erhaltung des Vorhandenen. Genau das aber ist in der Nachfolgebewegung hinter Jesus Christus her definitiv zu wenig. Und wie verändert sich unser Gottesbild? Da wird Gott zum Absicherer unseres Lebens, der es schön schützt und alles gut macht. Kokon halt. Das wird gerne gehört. Problem: Wenn die Menschen dann Gott anders erleben und das nicht verkündet und gelebt wird, dann kommt eine bittere Wurzel in den Glauben hinein. Ich denke: Gott ist geheimnisvoll und wild, nicht immer auszurechnen – und trotzdem sicher – nur nicht zu unseren Konditionen. Dieses Spannungsfeld aus Wildheit und Sicherheit muss weitergegeben werden.

Dennoch glaube ich gerade deswegen daran: Gemeinde kann Schutzraum sein, in dem Menschen wieder ermutigt werden zu Beteiligung und zum Abenteuer des Weges mit Jesus Christus. Wo sie es wagen, sich dem wilden Gott hinhalten und sich selbst auszuhalten in innerer Dunkelheit und Verletztheit und diese mit anderen zu teilen. Wo sie Gaben ausprobieren, Fehler machen, versagen, fallen und wieder aufgerichtet werden, anstatt bestraft zu werden. Reicht nicht Gott allein? Nein – Gott hat die Gemeinschaft ganz am Anfang gestiftet, weil das Individuum und sein Gott eben nicht reicht. Diesen Schutzraum der Gnade zu wagen – das ist eine der großen  Herausforderung unserer Zeit.

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