Ich wollt, ich wäre eine Autobahn…

Meine Kinder, es ist, als müsste ich euch ein zweites Mal zur Welt bringen. Ich erleide noch einmal Geburtswehen, bis Christus in eurem Leben Gestalt annimmt. (Galater 4,19; NGÜ)

Ich wollte, ich wäre eine Autobahn. Dreispurig, mit Flüsterasphalt. Alles läuft glatt und leise und weil es so schön ist, baut niemand einen Unfall. Keine muss eine Vollbremsung hinlegen, weil ich schlecht einsehbare Kurven habe oder Bodenwellen. Ich bin einfach – eine Autobahn. Neu, frisch, ruhig, schön. Und am Straßenrand blühen Kornblumen.

baustelleAber ich bin eine Baustelle. Genauer gesagt: eine Dauerbaustelle. Ich habe Risse im Asphalt und es geht längst nicht immer ruhig zu. Manchmal biegen Menschen um meine Kurven und erschrecken, was sie da sehen und vorher nicht erwartet haben. Frisch fühle ich mich nicht und es wird von selbst auch nicht besser. Dafür sorgen all die Vollbremsungen, Unfälle und auch meine Schäden. Deswegen wird gearbeitet. Damit weniger passiert. Und ich zwischendurch aufatmen darf.

Das Faszinierende ist: Die schnellen, reichen Limousinen, die durch meinen Zustand in die Langsamkeit getrieben werden, die um ihre Reifen oder Makellosigkeit fürchten müssen, wenn sie auf mir unterwegs sind – die sind hochgradig genervt. Der kleine verschrammte Fiat Panda letztens – oder der alte Corsa, dessen Stoßstange auf halb acht hing – die bleiben geduldig auf mir unterwegs. Fühlen sich wohl bei mir.

Mein Baustellenteam ist nicht groß, gerade einmal drei Personen. Aber sie wissen, was sie tun. Und sie haben mir versprochen, was zu Ende zu bringen. Täglich streicheln sie mir den Asphalt und sagen es mir: Es ist ok. Du darfst Baustelle sein, wir waren es auch. Wir kriegen das hin. Und am Rande blüht der Klatschmohn.

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