Starten Sie bei Null! Aber wie?

GeraHeute Morgen Kontenklärung bei der Deutschen Rentenversicherung. Ein leichtes Unterfangen diesmal, weil alle Unterlagen wohl geordnet bereit lagen. Nämlich genau 2. Das ist übersichtlich. So war die Beratung 5 Minuten lang und das Konto danach geklärt. Woraus man schließen könnte, dass die Rentenversicherung eine Art Klär-Anlage ist. Doch Scherz beiseite. Es wurde ernst.

Der sehr kompetente und freundliche Mann so um die Mitte 30 schaute nach meinem Beruf und meinte: „Ach, Pfarrer?““Ja“, meinte ich, „Pastor. FeG.“ „Ist das Talstraße 30?“ „Nein, Eisenbahnstraße. Talstraße 30 ist Landeskirche – FeG ist Freikirche. Und das schon lange.“ Darauf der denkwürdige Satz: „Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal die Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch und dazu stehe ich. Sie dürfen glaube ich heiraten?“

Ich reagierte ob dieser Nulllinie des Wissens über jede Form christlicher Religionsausübung erst erstaunt, dann entspannt und trollte mich dann gen Ausgang. Nun geht es mir überhaupt nicht darum, mich darüber lustig zu machen. Im sogenannten Westen wird diese Antwort in 20 Jahren auch normal sein. Schon heute trifft man auf erschreckende Unkenntnis. Also: Null Überheblichkeit, nur: Erstaunen. Und die Frage: Wie erreicht Kirche/Gemeinde Menschen, die genau NICHTS wissen. Säkularisiert sind. Sich eingerichtet haben im Leben oder auch nicht.

Nun ist es von übel, auf Fragen Antworten zu geben, die keiner stellt. Was ist aber die Lösung, wenn da keine Fragen SIND? Zumindest scheint es so! Ich habe hier noch keine abschließende Antwort (wir sprechen uns in 10 Jahren…). Aber eins ist mir jetzt schon deutlich. Die Menschen hier und in Zukunft auch in ganz Westeuropa haben nicht primär wenig Ahnung vom Glauben, sondern zuerst von Kirche. Und das ist eine Chance, das ist GUT. Dadurch fallen manche Reflexe (Kreuzzüge! Papst!) weg. Aber es ist eben auch zuerst wenig Anschluss da! Jesus und Paulus Verkündigung traf auf hochreligiöse Ohren! Und heute? Hier?

Es kann denke ich nur über persönliche Beziehung gehen. Denn: Wir sind berufen zu lieben. Wenn wir lieben und Schutzraum bieten, werden wir irgendwann die Fragen hören, die in jedem schlummern. In jedem und jeder! Garantiert. Wir dürfen aber auch entspannt vom Glauben erzählen, wie wir ihn als Teil des Alltags erleben. Fragen anstoßen. Aber zuerst: Menschen lieb haben. Durch die Augen Gottes sehen. Die Stadt segnen. Die Menschen. Jeden.

In mir kam heute morgen zuerst ein mulmiges Gefühl hoch. Ich muss ja bei NULL anfangen bei den meisten Menschen. Ich kann nichts voraussetzen. Dann machte sich aber ein gespanntes und neugieriges Gefühl breit: Jaaaa, ich darf bei NULL anfangen. Tabula rasa. Zurück zu den Wurzeln des Glaubens, schauen, wie der Geist leitet und zu wem. Und ich bin der Überzeugung, dass viele Menschen hier entdecken werden, wie großartig dieser Jesus ist, dessen Fehlen sie erst im Nachhinein spüren werden, wenn sie ihn gefunden haben und den Kontrast erleben. Und wenn es zuerst nur zwei sind, die begeistert sind, die wiederum ihrerseits zwei weitere… und diese wieder zwei weitere…

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